Landleben erleben: Ferien auf einem russischen Bauernhof

Eine der besten Erfindungen für den stressgeplagten Großstädter ist die Datscha. Aber nicht jeder hat eine. Wer trotzdem hin und wieder Landluft schnuppern will, ist auf dem Bauernhof von Jewgenij Kusyk 150 Kilometer südlich von Moskau jederzeit willkommen. Neulich hat auch MDZ-Ex-Redakteurin Dana Ritzmann aus Dresden mit ihrer Familie auf Kusyks „Ökofarm“ Urlaub gemacht.

Vor acht Jahren, erzählt Jelena Golikowa, war hier noch nichts. Naja, außer vielleicht dem vor sich hin plätschernden Bächlein. Und ein paar Schmetterlingen. Golikowa neigt ein bisschen zur Übertreibung. Das liegt vermutlich daran, dass die Mittdreißigerin in ihrem früheren Leben als Marketingmanagerin eines internationalen Unternehmens in Moskau gearbeitet hat. Da wurden eher große Brötchen gebacken oder – im Marketingsprech – Tweeds gepostet, Breaking News verkündet. Gewinne, Investitionen, Potenziale.

Ein schwerer Autounfall riss die Geschäftsfrau aus der Businesswelt und zwang sie in ein neues Leben. Auf der „Ökofarm“ Lukino, einem privaten Agrar- und Ferienbetrieb in der Region Tula, ist sie heute die rechte Hand des Chefs und sagt:  „Ich bin froh, dass dieser Job hier mich gefunden hat.“ Golikowa hält die Fäden auf der Farm in der Hand, telefoniert hier, organisiert dort und ist immer ansprechbar. Gerade muss die Banja angeheizt werden. Die Gäste brauchen Handtücher, Eichenwedel und frischen Kräutertee. Unterwegs hat sie im Jungtierstall ein Kälbchen gesehen, das nicht gut aussah, also ruft sie den Tierarzt an. Und im Haus Nr. 1 ist der Abfluss der hochmodernen Regenwalddusche verstopft.

Auch der Gegenverkehr in Lukino unterscheidet sich stark von Moskau. © Dana Ritzmann

Angefangen hat in Lukino 2010 alles mit genau acht Kühen, erzählt Golikowa. Ihrem Chef und Gründer des Betriebs, dem Moskauer IT-Spezialisten Jewgenij Kusyk, der erfolgreich in der russischen Finanzbranche tätig war, graute die Vorstellung, dass er seinen Kindern einmal die Plastikwurst aus der Kühltheke und das blasse Gemüse aus dem Supermarkt vorsetzen sollte. Wie so viele Russen zog es den Großstädter aufs Land. In Lukino fand er das Fleckchen Erde, das ihm am besten gefiel – frische Wiesen auf leichten Hügeln, ein bisschen Wald und ein Flüsschen, das mittendurch fließt. Von Moskau in gerade mal drei Stunden mit dem Auto zu erreichen. Was will man mehr? Kusyk begann also, ein Wochenendhaus zu bauen und ein paar Tiere zu halten. Schon bald stellte er fest, dass bei Freunden und Familie der Bedarf nach seinen selbstgedrehten Würstchen, der frischen Milch und der handgemachten Marmelade so groß war, dass er eigentlich ein Geschäft aus dem Landleben machen könnte. Und so kam es dann auch. Derzeit arbeiten etwa 30 Menschen in Lukino, das sich über die Jahre zu einem stattlichen Biobauernhof inklusive Agrotourismus gemausert hat.

In solchen Holzhäuschen sind Gäste auf dem Bauernhof untergebracht. © Dana Ritzmann

Neben einer Art Streichelzoo mit Ziegen, Schafen, zwei Schweinen, Kaninchen und einem Puter gibt es einen großen Kuhstall mit Melkstand, Schlachterei, Kühlhaus und Küche. Ziegen und Schafe sind tagsüber auf der Weide. Tausende Küken, Hühner und Puten leben in beheizten Hallen. Die Schweine wohnen oben am Berg, neben den Stieren und einer Meute Truthähne, die, wenn man sie mit Hallo oder Priwet anspricht, kreischend zurückgrüßen. Eine Art tierisches Echo und ein riesiger Spaß für Kinder, wie so vieles in Lukino. Die Kleinen können sich hier frei bewegen und sind überall gern gesehen. Sie dürfen beim Melken zu­schauen, die Babyferkel streicheln, mit einer kleinen Katze kuscheln und auch mal ein Küken auf die Hand nehmen.

Denn obwohl Lukino ein Unternehmen ist, das anbaut und verarbeitet und seine zahlreichen Produkte per Internet und Lieferservice an Verbraucher bis nach Moskau liefert, so merkt man dem Hof doch die ursprüngliche Intention an: Kusyk wollte einen Ort schaffen, an dem sich Mensch und Tier wohl fühlen und wo Kinder lernen, wie das Essen, das sie auf ihrem Teller finden, entsteht. Und so sind es heute seine eigenen Töchter, die beim Möhrenernten helfen oder den Dill gießen, oder eben Gäste, die zum Teil sogar aus Deutschland anreisen. Außerdem unterstützt Lukino das russische Ferienlagerprojekt „Strana Oz“. Zwischen Juni und August sind immer wieder Schülergruppen zu Besuch, die zehn Tage ihrer Ferien damit verbringen, die Arbeit auf einem Bauernhof kennenzulernen. Sie helfen dabei, die Tiere zu füttern und die Ställe zu säubern, sie wässern die Beete und kochen Marmelade. Daneben ist immer noch genug Zeit, um im Pool zu baden, Ball zu spielen, Tonfiguren zu basteln oder in den Wald zu spazieren. Für Kinder, die in einer 14-Millionen-Stadt wie Moskau aufwachsen, ist das etwas Besonderes. Auf WLAN müssen sie dabei selbst auf dem russischen Land nicht verzichten.

Der Speisesaal lädt dazu ein, sich beim Essen viel Zeit zu lassen. © lukino.ru

Kusyk genießt es, mit den Gästen zu plaudern. Er wohnt mit seiner Familie in Moskau, ist aber auf seiner Farm, so oft es geht. Fast ganzjährig kommen inzwischen Besucher, manche für ein paar Tage, andere für einen speziellen Anlass. Auf dem Grillplatz kann man Geburtstage feiern, im Restaurant wird gerade alles für eine Hochzeit am Wochenende vorbereitet. Normalerweise werden dort vom typisch russischen Frühstück über das Mittagessen bis zum Abendbrot alle Mahlzeiten eingenommen. Die Zutaten dafür kommen fast ausschließlich aus dem großen Garten unterhalb des Restaurants, von den Feldern rund um die Farm oder aus einem der zahlreichen Ställe. Die Küche ist traditionell und reicht von Rote-Beete-Salat und knoblauchgespicktem Schweinespeck über Krautrouladen und Hammelkebab bis zu Kirschtaschen, Piroggen und natürlich Bliny. Dazu gibt es süßen Obstsaft. Preislich liegen die Gerichte zwischen knapp einem und 4,50 Euro umgerechnet. Es sei denn, man wählt die gebackene Zwei-Kilo-Ente mit Sauerkraut, die kostet dann 34 Euro, macht aber vermutlich auch eine ganze Familie satt.

Kinder haben es in Lukino gut. © Dana Ritzmann

Drei Holzhäuschen und vier Appartements können in Lukino gemietet werden. Im Sommer ist ein Datschenhaus mit zwei Schlafzimmern, Bad und einem großen Wohnraum mit Küchenzeile für 5000 Rubel (ca. 65 Euro) pro Nacht inklusive Frühstück zu haben – egal, ob eine Person darin wohnt oder bis zu sechs. In den etwas kleineren Ferienwohnungen, zum Teil mit Kamin, haben bis zu vier Menschen Platz. Eine Übersicht über Angebote und Preise findet sich auf der Webseite lukino.ru. Gebucht werden kann auch über Booking.com.

Wenn gegen acht oder halb neun abends langsam Ruhe einkehrt auf dem Gelände, fährt Jelena Golikowa nach Hause in den Nachbarort, sieben Minuten den Berg hoch, dorthin, wo im Abendrot das Zementwerk leuchtet. Ein unwirklicher Anblick hier draußen im Nichts, wo ein engagierter Biobauer zeigen will, wie das neue Russland tickt  –  ökologisch bewusst und im Einklang mit der Natur.

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