„Lass uns lieber singen“: Wie eine Region mit dem Erbe des Gulag umgeht

Welche Rolle spielt die eisige Kälte Sibiriens bei dem Umgang mit Schuld? Ein Gespräch mit dem polnischen Regisseur Stanislaw Mucha über seinen neuen Dokumentarfilm „Kolyma – Straße der Knochen“.

Dieser frostige Boden war für mich eine Metapher für die Art, wie die Menschen dort mit der Vergangenheit umgehen“, sagt Stanislaw Mucha. Dieser Eisfischer kommt im Film zu Wort. /Foto: W-film – TAG/TRAUM Filmproduktion.

Der polnische Regisseur Stanislaw Mucha ist in den Nordosten Sibiriens gereist, um zu ergründen, wie Menschen in Russland heute mit den Schrecken des Gulag leben. Während der Stalin-Ära wurden Millionen von Menschen nach Kolyma gebracht, um in Arbeitslagern nach Gold zu graben, die meisten Inhaftierten starben. Die Leichen wurden an der 2000 Kilometer langen Straße, die die Städte Jakutsk und Magadan verbindet, in Massengräber geworfen: Heute gilt die Straße als der längste Friedhof der Welt.

Herr Mucha, Ihr Film handelt von russischer Identität nach dem Gulag, Sie selbst haben auch familiäre Bezüge zu der Region Kolyma. Wie würden Sie als Pole Ihre Beziehung zu Russland beschreiben?

Ich bin in erster Linie nicht als Pole oder Deutscher dorthin gefahren, sondern als Stanislaw Mucha. Ich mag Russen sehr, ich mag Russland. Ich schaue mir ganz genau an, was sie machen, was sie denken, ich spreche mit ihnen, vor allem in der Provinz. Das hat mich gereizt und ich wurde nicht enttäuscht. In den letzten Jahren habe ich einige Filme von Russen und über Russland gesehen, aber habe noch nie erlebt, dass die Protagonisten so offen über die Vergangenheit und Gegenwart sprechen, wie sie es mit mir gemacht haben.

Ich fühlte mich da ganz wohl, und würde am liebsten nochmal dorthin fahren. Vielleicht nicht unbedingt nach Kolyma (lacht), denn da es ist sehr kalt.

Wenn ich mich aber davon distanziere, also als Pole, von meinem Pass und meiner gemischten Familie, von der auch ein Teil aus Russland stammt, dann muss ich sagen, dass ich mich unwohl fühle, so wie mein Land sich gegenüber dem Nachbarland Russland verhält. Es geht natürlich um Politik, ich aber bin für Dialog, ich bin fürs Gespräch – auch mit Russen kann man reden und zwar wunderbar. Dieser Aufarbeitung der Vergangenheit, die der Westen, Europa und Polen fordern, stimme ich nicht ganz zu, weil Russland das auf russische Art macht. Wir fordern zu sehr und das regt natürlich nicht nur Präsident Putin auf, sondern auch die Russen.

Das Gefühl von tiefer Schuld scheint über Kolyma zu schweben und den Alltag der Bewohner zu formen: Trägt sich dieses Gefühl von Generation zu Generation in einem endlosen Kreislauf weiter oder gibt es ein stärkeres Bedürfnis der Aufarbeitung unter den Menschen als andernorts?

Es ist eigentlich beides. Ein Protagonist zum Beispiel, ein ehemaliger Häftling des Gulag, beschrieb Kolyma ganz treffend als „Epizentrum des Leids“, als Gefühl, das sich über die ganze Region spannt, und auch jene einbindet, die damit gar nichts zu tun haben, die dort einfach leben und arbeiten. Sie haben vielleicht Verbindungen zu der Vergangenheit – viele russische Familien sind von Kolyma betroffen – aber das ist nur eine Seite. Er erzählte uns auch, dass es noch einige Generationen dauern wird, bis das Gefühl der Schuld verdampft, bis es sich zersetzt. Ich hatte das Gefühl, dass die Bewohner dort schon gewartet haben, dass jemand kommt und mit ihnen darüber spricht, dieses Gefühl kam immer wieder auf.

Es gab auch Protagonisten, die mir gesagt haben: „Nein, mit dir spreche ich nicht darüber.“ Auch Leute, die uns dort geholfen haben, oder Bekannte aus Moskau haben mir gesagt: „Vergiss es, du kommst mit leeren Bildern und Landschaften zurück. Kein Mensch wird mit dir darüber sprechen.“ Das ist auch wieder ein Beispiel dafür, dass man seine eigene Heimat oder die Menschen, die dort leben, manchmal nicht kennt.

Nach der Reise und nach diesem Film habe ich das starke Gefühl, wenn ich da lebte, dann würde ich alles verdrängen wollen, um überhaupt existieren zu können. Einerseits hilft das Klima dabei, die Kälte friert alles ein. Es herrscht eine so bestialische Kälte, dass man am liebsten an gar nichts denken will. Sogar die Gedanken frieren ein. Dieser frostige Boden war für mich eine Metapher für die Art, wie die Menschen dort mit der Vergangenheit umgehen.

Zum Ende Ihres Films wird eine Frau gezeigt, die Akkordeon spielt und mit fester Stimme ein Lied über Kolyma singt, während ein Mann neben ihr sitzt und dem russischen Staat frustriert den Tod wünscht. Um seine Wutausbrüche zu dämpfen, unterbricht sie ihn und sagt: „Lass uns lieber singen.“ Inwiefern verhält sich diese Szene als Allegorie für die Stimmung, die in Kolyma herrscht?

Ich finde, diese Szene verhält sich gar nicht als Allegorie, sie ist bloß eine private Meinung, ein privates Erlebnis, und das führt zu diesem „Ausflippen“, nennen wir es so, zu diesem Schimpfen, das aus ihm herausbricht. Der Tag, an dem wir ihn dabei gefilmt haben, war sein Geburtstag. Das bemerkt der Zuschauer vielleicht nur bedingt, aber dieser Mann ist jemand, der alles verloren hat. Die Kriege in Tschetschenien und in Afghanistan haben ihm beide Söhne genommen, sie sind gefallen und wurden als Helden der russischen Nation gefeiert, seine Frau ist auch gestorben. Er selbst wollte Russland als Major dienen, obwohl seine Wurzeln in der Westukraine liegen. Er kam als zehnjähriger Junge allein nach Kolyma und heute hockt er in seiner dunklen Garage. Das sollte man wirklich als Einzelschicksal betrachten. Ich mag ihn sehr als Protagonisten, denn er benennt die Situation genau und repräsentiert die Menschen, die im Leben einen sehr hohen Preis gezahlt haben. Es geht dabei um seine sensible Art, nicht um Politik. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass genau so jemand auch in Deutschland oder Polen sitzen und genauso verbittert sein könnte. Etwa 30 bis 35 Prozent der Protagonisten, mit denen wir gesprochen haben, haben ähnlich reagiert.

Ich habe als Filmemacher die Möglichkeit, Pausen zuzulassen. Der Major macht die schönsten Pausen. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass Filmemacher sich bewusst werden sollten, was der Unterschied zwischen einem Interview und einem Gespräch ist. Ich frage ihn: „Was bedeutet Kolyma für dich?“, er denkt nach und sagt: „Heimat“. Das war sehr eindrucksvoll.

Sie zeichnen eine Grenze zwischen der politisch überformten symbolischen Realität, in der junge Menschen patriotische Pop-Lieder singen und der erlebten Alltagsrealität, in der andere aus tiefer Traurigkeit weinen und aufgeben – sie alle singen. Wieso verwenden sie den Gesang als strukturbildendes Merkmal in Ihrem Film?

Ich war sehr dankbar, als wir in der ehemaligen Lager-Siedlung Debin waren. Debin ist etwa 650 Kilometer entfernt, man fährt einige Tage auf dieser Straße entlang. Wir kamen dann zu diesem Kulturhaus, dort gab es diese Auftritte, im Film gibt es auch Ausschnitte von dem Wettbewerb. Ich liebe die Gesichter der Jugendlichen mit ihren Pickeln, sie strotzen vor Leben – und ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt niemanden in Kolyma gefunden, der singen wollte. Noch schlimmer, wir hatten auch niemanden getroffen, der lächeln wollte.

Ich war sehr froh über die Neonfarben der Kostüme der Sängerinnen. Sie wirkten auf mich wie die Sehnsucht nach Farbe in diesem monotonen, schwarz-weißen Land. Im Winter sterben dort sogar die Tannenbäume, alles wird schwarz. Erst der Schnee färbt die Landschaft wieder weiß. Ich dachte, es sei eine gute Möglichkeit, diese Szenen immer wieder einzusetzen, um den ganzen Film etwas aufzulockern. Der Film pendelt zwischen Tragödie und Komödie, das ist kein Zufall, denn diese Geschichte soll für die Zuschauer auch zu ertragen sein. Es ist nämlich kein Film über den Gulag, es ist ein Film über das Heute, wo Geschichte und Vergangenheit so opulent sind. Als ich in Sotschi war, am Schwarzen Meer, für meinen vorherigen Film „Tristia – eine Schwarzmeer-Odyssee“, war es ähnlich.

Die patriotischen Lieder finde ich mittlerweile ganz witzig. Mich interessiert nämlich, was in den Gesichtern vor sich geht, während Menschen solche Lieder singen. Wir haben in Debin in einem Tuberkulose-Krankenhaus übernachtet, weil die Infrastruktur nicht touristisch ausgelegt ist. Dort arbeiten bloß Goldgräber und Diamantensucher. Zum Teil organisieren Ärzte aus dem Krankenhaus Kulturveranstaltungen in ihrer Freizeit, aber auch die Bibliothekarinnen, Lehrerinnen, Leute, die in dem Kulturhaus arbeiten, machen mit. Das sind großartige Menschen. Wenn man dort bleibt, mindestens zwei Wochen, dann wird einem klar: Du hast kein Netz, du hast kein Internet, nichts. Dort herrscht nämlich noch die alte Schule des Zusammenseins: Man trifft sich und singt, veranstaltet gemeinsam etwas. Deshalb ist das Theater auch so wichtig dort – aber darüber müsste man einen weiteren Film machen.

Der 85-minütige Dokumentarfilm „Kolyma – Straße der Knochen“ des Regisseurs Stanislaw Mucha startete am 21. Juni in den deutschen Kinos. Der Film ist eine Koproduktion von TAG/TRAUM Filmproduktion, ZDF/3Sat und Hessischer Rundfunk.

Zur Person

Stanislaw Mucha, 1970 in Nowy Targ geboren, ist ein polnischer Dokumentarfilmregisseur. Seit den 90er Jahren lebt er in Deutschland. 2001 gewann er den Preis zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses der DEFA-Stiftung. Mucha beschäftigt sich in seinen Filmen unter anderem mit der Frage nach Idendität von Menschen und Räumen.

 

 

 

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