Internationale Journalisten in Sotschi: Skifahren, Fachsimpeln und Feiern

Sechs Jahre nach Olympia kamen erneut 125 Journalisten wegen des Wintersports nach Sotschi. Nur schnallten sie sich selbst die Bretter an. Im Skiressort Rosa Chutor hielt der Internationale Journalisten-Skiclub sein diesjähriges Treffen ab – erstmals überhaupt in Russland. Die Eindrücke waren bleibend, wie der Deutsche Ulli Brünger als Teilnehmer schreibt.

Im olympischen Skigebiet maßen sich die Journalisten beim Riesenslalom. (Foto: Wsewolod Pulja)

Unsere WhatsApp-Gruppe „SCIJ 2020 Rosa Khutor“ explodiert fast täglich. Was nicht verwundert, wenn Journalisten und Journalistinnen aus 25 Nationen unterwegs sind in einem für sie bis dato fremden Land. Es bleibt ein Rätsel, wie unsere  russischen Gastgeber um Wsewolod „Sewa“ Pulja den Überblick behalten angesichts der Bilderflut, der Mitteilsamkeit und der Schusseligkeit mancher Kolleginnen und Kollegen, von denen einige mit Sicherheit am Abend zuvor den einen oder anderen Wodka probiert haben.

Aber unsere Freunde aus Russland und von Mit-Gastgeber Kasachstan tun wirklich alles, um die einwöchige Entdeckungstour vom 18. bis 25. Januar in Sotschi, dem Ort der Olympischen Winterspiele von 2014, so angenehm wie möglich zu machen. Nur rechtzeitig für genügend Schnee können auch sie nicht sorgen. Der Klimawandel macht offensichtlich auch vor dem Kaukasus nicht halt.

Treffen in Russland ist ein Novum

Im März 2019 hat die Generalversammlung des Ski Club International des Journalistes (SCIJ) in Val d’Arly in den französischen Alpen entschieden, dass das 67.  SCIJ-Wintermeeting in Rosa Chutor stattfindet. 2014 wurden dort Olympiasieger in den alpinen Sportarten gekürt. Erstmals in der langen Geschichte der 1955 von französischen Journalisten gegründeten Ski-Interessengemeinschaft steigt das jährliche Treffen also in Russland.

Die Neugier ist ebenso groß wie die Skepsis und der Zweifel. Sotschi ist für das Gros nicht gerade um die Ecke, schwerlich mit dem Auto zu erreichen, Visa sind für die meisten Kollegen und Kolleginnen nötig. Bus- oder Autotransfers vom Flughafen in Sotschi in die Bergwelt von Krasnaja Poljana müssen gestemmt werden. Ein Drahtseilakt und eine Mammutaufgabe, die unsere Freunde mit Engagement, Improvisationstalent, Bravour und einem Lächeln meistern.

„Was das Meeting so bemerkenswert und unvergesslich macht, ist das stets liebenswerte Auftreten und das Sich-Kümmern in der gesamten Woche. Was nicht immer einfach ist mit einer Horde von ungehobelten Journalisten aus der ganzen Welt“, meint Heidi Verdonck aus dem niederländischen Team treffend mit einem Augenzwinkern. „Ihr habt für immer einen speziellen Platz in meinem Herzen.“

102 Kilometer Pisten für Skifans

Wenn ich morgens noch im Dunkeln erstmals von meinem Balkon im „Rosa Ski Inn“ blinzele, das absolut dem Standard vergleichbarer Top-Hotels in den Alpen entspricht, sind die ersten fleißigen Pistenhelfer und Liftbetreiber längst auf den Beinen. Die Piste ist präpariert und der unverbaute Blick auf die verschneiten Berge und die von Scheinwerfern angestrahlten Hänge weckt sofort Lust, in die Skistiefel zu springen und das weitläufige Gebiet mit 102  Kilometern Piste zu erkunden. Seit 2014 kommen jährlich 1,7 bis 1,8 Millionen Besucher in die Region. 

Der erste Morgen: Am Eröffnungstag zogen die Teilnehmer mit ihren Landesflaggen durch Rosa Chutor und wurden vom Bürgermeister empfangen. (Foto: Wsewolod Pulja)

Neben dem traditionellen „Nations Evening“ am ersten Abend stehen während des Treffens ein Riesenslalom-Rennen und ein Langlauf-Wettbewerb auf dem Programm. Der Wettkampf in der Loipe muss wegen der Schneelage kurzfristig in die olympische Biathlon-Arena verlegt und auf den Abschlusstag verschoben werden. Im Nachhinein ein Glücksfall, denn  das fantastische Gelände und die perfekt gespurte Loipe lassen keine Wünsche offen.

Außer den Ski-Aktivitäten gibt es auch Ausflüge ins Rosa Valley sowie nach Sotschi mit dem Besuch der olympischen Sport-Universität und des unglaublichen Sky Parks. Der junge türkische Kollege Serkan Ocak wagt unter dem Jubel der Kollegen und Kolleginnen gar einen Bungee-Sprung 207 Meter in die Tiefe  – nichts für mich …

Vorträge zum Journalismus in Russland

Abgerundet wird die prall gefüllte, unvergessliche Woche durch ein Gala-Dinner im Ballraum des Casinos in Sotschi, wo gern auch Wladimir Putin und Dmitrij Medwedew mal einen Jeton setzen, sowie interessante Vorträge und Diskussionen. So erfahren wir von einem Redakteur einer großen russischen Regionalzeitung etwas über das Tagesgeschäft und von einer bekannten russischen Journalistin sowie einer Anwältin, wie es um die Pressefreiheit in unserem Gastgeberland bestellt ist. Mir wird einmal mehr klar, dass ich in vielerlei Hinsicht als Sportreporter der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ein ziemlich privilegiertes Leben führe.

Do swidanija, Sotschi, man sieht sich in Almaty – das 68. SCIJ-Meeting findet 2021 in Kasachstan statt.

Ulli Brünger ist Präsident des Skiclubs Deutscher Journalisten und beruflich im Landesbüro Düsseldorf der dpa tätig, für das er unter anderem über die Fußball-Bundesliga berichtet. Er wohnt in Bochum.

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