Im Zug von gestern zum Wintersport von heute

Freunde des alpinen Skisports müssen Moskau nicht unbedingt verlassen, um auch im Flachland auf ihre Kosten zu kommen. Wem die hiesigen Hänge nicht reichen, der wird garantiert in den Wintersportgebieten bei Jachroma nördlich der Hauptstadt fündig. Die Russische Bahn bringt Abfahrtsläufer jetzt direkt zur Piste. Im Retrozug und Retrobus.

Der Retrozug an seiner Endhaltestelle in Jachroma.

Es ist der älteste Zug von allen, der an einem Sonntagmorgen Mitte Januar abfahrbereit auf Bahnsteig 2 des Moskauer Sawjolowo-Bahnhofs steht. Und der neueste. Die Elek­tritschka ist Baujahr 1972, wurde aber unlängst in St. Petersburg von A bis Z aufgemöbelt. „Rundschnauze“ heißt sie bei Kennern. Um den Nahverkehrszug mit zehn Wagen bestücken zu können, schaffte man aus ganz Russland heran, was noch einigermaßen in Schuss war. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zwar entlocken die Dampfloks, mit denen die Russische Bahn anderswo Schaulustige glücklich macht, etwa auf der Strecke Bologoje-Ostaschkow in der Region Twer oder von Sortawala in Karelien zum nahegelegenen Landschaftspark Ruskeala, den Fahrgästen noch das eine oder andere „Oh“ und „Ah“ mehr. Doch auch von der „Retroelek­tritschka“ sind Bahnfans angetan. Glaubt man den Kommentaren im Internet, ist das Äußere und Innere weitgehend authentisch ausgefallen.

Aber allein für museal-nostalgische Zwecke wurde der ganze Aufwand nicht betrieben. Der Zug ist seit Ende Dezember und noch bis Anfang März im Dauereinsatz, um Wintersportler in die Skigebiete rund 60 Kilometer nördlich von Moskau und wieder zurück zu bringen. Außer montags fährt er täglich morgens und nachmittags vom Sawjolowo-Bahnhof nach Jachroma bei Dmitrow und legt dabei nur einen einzigen Zwischenhalt an der Station Tourist kurz vor Jachroma ein. Die Fahrzeit beträgt gut eine Stunde.

Von Jachroma aus sind es noch einmal 15 Minuten in die Berge am Stadtrand. Dazu muss man nur in einen der „Retrobusse“ der Marke Ikarus umsteigen, die Passagiere wahlweise zu den Skiparadiesen Wolen, Jachroma oder Soro­tschany bringen. Das Zug­ticket gilt auch für den Bus. Es kostet 300 Rubel (ca. 3,30 Euro.) Im Preis inbegriffen ist ein heißer Tee.

Die Bahn lässt mit diesem „Polar-Express“ Moskauer Couleur eine Sowjettradition wiederaufleben, die sogenannten „Skipfeile“ – spezielle Elektritschkas, mit denen die skilaufverrückte Nation zu ihren Loipen und Pisten kam und die heute hier und da eine Renaissance erleben. Auch im Inneren des Zuges nach Jachroma wird der Fahrgast zum Sporttreiben aufgefordert – mit sowjetischen Plakaten. Daneben gibt es Fotos von den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau und von Sportstars aus jenen Jahren. Die Wagen mit ihren Holzbänken sind durchaus gemütlich eingerichtet, verfügen zudem über Ständer für die Skier und über USB-Anschlüsse.

Nur das Interesse hält sich bisher in engen Grenzen. Mit besagtem Zug am Sonntagmorgen (Abfahrt 8.16 Uhr) waren ganze 20 zahlende Fahrgäste unterwegs, dabei fassen die zehn Wagen an die 400. Zugbegleiter Dmitrij Martynow führt als Erklärung die klirrende Kälte von 20 Grad unter Null ins Feld. Man habe auch schon 60-70 Passagiere gehabt. Viel ist freilich selbst das nicht.

So schön es sein mag, einen ganzen Zugwagen für sich allein zu haben, stellt sich die Frage, ob die Idee denn überhaupt funktioniert. Für die gegenteilige Annahme sei es viel zu früh, meint Alexej Derkatschjow vom Reiseportal Tutu.ru. In weniger als einem Monat habe sich der Zug noch keinen Namen machen können. Die „Sputnik“-Züge ins Moskauer Umland hätten am Anfang auch zehn Passagiere zu Spitzenzeiten gehabt. Jetzt seien sie voll.

Die „Retroelektritschka“ ist immerhin schon mal auf den Weg gebracht. Zum Ankommen hat sie noch Zeit.

Tino Künzel (Text + Fotos)

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