„Ich weiß, was du gleich sagen wirst“: Aus dem Berufsalltag einer Dolmetscherin

Erika Rubinstein ist Dolmetscherin für Russisch und Deutsch. Geboren in der Sowjetunion, lebt sie seit fast drei Jahrzehnten in Deutschland. Für die MDZ blickt sie hinter die Kulissen ihres Berufs, spricht über die Auswirkungen der Corona­krise und erklärt, was bei elek­tronischen Übersetzungen auf der Strecke bleibt.

Mit einem Lächeln: Erika Rubinstein dolmetscht bei einer deutsch-russischen Veranstaltung vor ein paar Jahren. Links der damalige Oberbürgermeister von Düsseldorf, Thomas Geisel. (Foto: Holger Elfes)

Dass sie Dolmetscherin geworden ist, habe sich „irgendwie von allein ergeben“, sagt Erika Rubinstein. Denn eigentlich ist sie ja ausgebildete Romanistin und Filmwissenschaftlerin. Aber schon als kleines Kind interessierte sie sich für Sprachen und begann mit sechs Jahren, in ihrer Heimatstadt Tallinn in Estland Englisch zu lernen. Später studierte sie am Pädagogischen Institut im damaligen Leningrad ein Jahr lang Spanisch. 1992 folgte die Übersiedlung nach Deutschland als jüdischer Kontingentflüchtling. Erika Rubinstein eignete sich innerhalb eines Jahres die deutsche Sprache an und nahm ein Studium in Bochum auf. Nebenbei jobbte sie unter anderem als Dolmetscherin auf Messen.

Zum Simultandolmetschen kam Erika Rubinstein per Zufall. „Ich war zum Osteuropäischen Filmfestival in Cottbus eingeladen, um dort zu dolmetschen. Vor Ort stellte sich heraus, dass unbedingt eine Pressekonferenz simultan gedolmetscht werden musste. Ich habe offen und ehrlich gesagt, dass ich das nicht kann. Aber es gab keine Alternative und so wurde ich ins kalte Wasser geworfen.“ Nicht nur, dass sie die Bewährungsprobe bestand – es machte ihr auch noch großen Spaß. Nach dieser ersten Erfahrung übte sie vor dem Fernseher und übersetzte Nachrichten simultan. 

Simultan oder konsekutiv, das ist hier die Frage

Das Simultandolmetschen erfordert ganz besondere Fähigkeiten. Erika Rubinstein hält allerdings das Konsekutivdolmetschen – bei dem die Übersetzung nicht zeitgleich erfolgt, sondern jeweils nach längeren Redepassagen – für viel schwieriger. Diese Diszi­plin beherrsche kaum jemand gut, meint sie. „Die Herausforderung beim Konsekutivdolmetschen ist, dass man sich große Textabschnitte merken muss. Bei Verhandlungen auf hoher Ebene kann es sein, dass eine Person 20 Minuten am Stück spricht. Aus diesem Grund sind zum Beispiel die Honorarsätze des Auswärtigen Amts für diese Art des Dolmetschens höher als für das Simultandolmetschen.“

Der Simultandolmetscher muss sich zwar nichts merken, dafür erfordert sein Job aber höchste Konzentration. Nach einer Berufsstudie ist seine Belastung mit der eines Fluglotsen vergleichbar. Man muss vorausahnen, was in der Rede als Nächstes kommt. „Ich sage immer: Ich bin eine Zauberin, ich weiß, was du gleich sagen wirst“, schmunzelt Erika. Wenn ein Satz mit „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit möchte ich Sie alle …“ beginne, dann sei klar, dass er mit „… herzlich begrüßen“ weitergehe.

Doch länger als eine halbe Stunde kann einer allein die Konzentration nicht hochhalten. Deshalb sind Simultandolmetscher in der Regel zu zweit und lösen sich ab. Leider werde die Arbeit nicht entsprechend geschätzt, findet Erika. Das liege wahrscheinlich auch daran, dass die Übersetzung aus einem Kopfhörer komme. Die Dolmetscher sitzen in einer Kabine und sind unsichtbar.

Was Erdöl und die Jungfrau Maria verbindet

Geschützt ist die Berufsbezeichnung auch nicht. Jeder kann sich als Dolmetscher bezeichnen. Dabei setze der Beruf ein breites Wissen voraus, so Erika Rubinstein. „Ein Dolmetscher muss sich in vielen Bereichen auskennen. Heute dolmetsche ich zum Thema Gas, morgen geht es um Mode und übermorgen um Mikrobiologie oder Geologie. Ich muss innerhalb von Sekunden das passende Äquivalent in einer anderen Sprache finden, denn die Zuhörer sollen ja das Gefühl haben, dass zu ihnen ein Kollege vom Fach spricht.“

Hin und wieder gebe es grenzwertige Situationen, wenn man absoluten Unsinn dolmetschen müsse. „Manchmal hat man bestimmt gedacht, ich sei verrückt geworden. Vor vielen Jahren dolmetschte ich zum Beispiel bei einer großen Rohstoffkonferenz. Dort behauptete ein Professor aus Kiew allen Ernstes, dass die Erdölvorräte nie zur Neige gehen, weil die Jungfrau Maria sie auffüllt, wenn man nur richtig zu ihr betet“, lacht Erika. 

Die Pandemie hat die Dolmetscher hart getroffen. Anfangs wurden sämtliche Veranstaltungen einfach abgesagt. Nach und nach schufen Online-Plattformen neue Möglichkeiten: Konferenzen konnten per Internet abgehalten werden, Übersetzungen waren damit wieder gefragt. Es wurden spezielle Hubs eingerichtet, damit Dolmetscher nicht von zu Hause aus arbeiten müssen, sondern ihnen gut ausgerüstete Kabinen zur Verfügung stehen. Dennoch ist die Zahl der Veranstaltungen noch nicht auf dem vorpandemischen Niveau. Außerdem wirken sich die gegenseitigen Sanktionen und die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen negativ auf die Häufigkeit der Kontakte aus.

Dolmetschen aus dem Homeoffice

Und die Arbeit online bringt neue Konkurrenz mit sich. „Früher musste ein Dolmetscher vor Ort sein, heute kann er oder sie in jedem Land angeheuert werden, in dem Menschen bereit sind, für wenig Geld acht Stunden am Stück zu arbeiten. Wenn ich einem Kunden sage, dass mein Tagessatz 800 Euro beträgt, zieht er es oft vor, eine Studentin etwa aus Russland zu nehmen und ihr 100 Euro zu zahlen. An die Qualität denkt da niemand.“

Online-Konferenzen dauerten nur zwei bis drei Stunden, deshalb sähen viele Kunden nicht ein, warum sie für einen ganzen Tag bezahlen sollen. Aber für einen Dolmetscher seien zwei Stunden online so anstrengend wie ein Tag offline. „Es ist eine große Belastung für das Gehör, das Gesagte wahrzunehmen. Viele Leute benutzen auch keine Headsets und über das Computermikro sind alle Umgebungsgeräusche mitzuhören.“

Das Einkommen von Erika Rubinstein ist in der Coronakrise um zwei Drittel gesunken. Und ihren Kollegen geht es auch nicht besser, vor allem denen, die auf Russisch spezialisiert sind. Einige verlassen den Beruf ganz. „Eine sehr gute Kollegin von mir hat auf Java-Entwicklerin umgeschult und heute schon einen Job mit gutem Gehalt und Karriereperspektiven.“ Erika hat sicherheitshalber eine zusätzliche Qualifikation als Immobilienverwalterin erlangt.

Lost in Translation: Putins Ausdruck

Ob Dolmetscher in Zukunft auch noch mit künstlicher Intelligenz konkurrieren müssen? Online-Übersetzer können inzwischen recht gute schriftliche Übersetzungen liefern. Aber Erika Rubinstein hat keine Angst davor, dass ein Roboter einen Spezialisten aus Fleisch und Blut ersetzen könnte. „Man muss verstehen, wie moderne automatische Übersetzungssysteme funktionieren“, erklärt sie. „Es werden Sprachpakete übersetzt, aber der Roboter ist nicht in der Lage zu erraten, was die Person wirklich sagen wollte. Mit Metaphern, Bildern, besonderen Wörtchen und Anspielungen kann er nichts anfangen.“

So verwende Wladimir Putin gern den Ausdruck „weich gekochte Stiefel“, den nicht einmal alle Russen kennen. Google übersetze ihn wortwörtlich aus dem Russischen, was überhaupt keinen Sinn ergebe. Was Putin meine, sei auf Deutsch so etwas wie ,Quatsch mit Soße‘. „Darauf kommt nur ein erfahrener Dolmetscher“, so die Fachfrau.

Daria Boll-Palievskaya

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