Gegen die Entfremdung

80 Prominente aus Kultur und Politik haben bereits unterschrieben: Der Redenschreiber von Ex-Kanzler Helmut Schmidt will dem Jugendaustausch mit Russland neue Impulse geben. Reaktionen aus Moskau und Berlin auf die Initiative bleiben bisher aus.

Dialog trotz Krise: Deutsche und russische Jugendliche diskutieren. (Foto: ugra-tv.ru)

Hackerangriffe auf den deutschen Bundestag, der Fall Nawalny, der Mord an einem georgischen Journalisten im Berliner Tiergarten und die aufgeladene Debatte um die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2: Die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sind auf einem historischen Tiefstand angelangt. Die Zeichen stehen auf Sturm, die Zeit für Verständigungsgesten scheint vorerst vorbei.

Momente der Begegnung schaffen

„Soll man etwa warten bis der günstigste Augenblick kommt?“, widerspricht Thilo von Trotha entschieden. „Man muss versuchen, solche Momente selbst herbeizuführen“, erklärt der Mitbegründer des Potsdamer Vereins „Europä­ische Gesellschaft“, welcher Ende November die Regierungen beider Länder zur Gründung eines Deutsch-Rus­sischen Jugendwerkes aufrief.

„Die Jugend ist die Zukunft und diese muss in einer positiven Weise gesteuert werden“, begründet von Trotha den Appell des im Oktober 2020 gegründeten Vereins, der die politische Entspannung in Europa befördern will. Deutsche und russische Jugendliche müssten mehr miteinander in Kontakt kommen.

Vorbild Deutsch-Französisches Jugendwerk

„Wer den anderen kennt, hat einen ganz anderen Blick auf die Welt“, glaubt der frühere Redenschreiber von Bundeskanzler Helmut Schmidt und verweist auf das Vorbild des deutsch-französischen Jugendwerkes, das die Verständigung zwischen den früheren Erzfeinden seit 1963 vorantreibt. „Ohne Hass, Verachtung und ohne sich abzuwenden.“

Ein Deutsch-Russisches Jugendwerk solle nicht in Konkurrenz zu bereits bestehenden Organisation wie dem Petersburger Dialog, dem Deutsch-Russischem Forum und vor allem der Hamburger Stiftung „Deutsch-Russischer Jugendaustausch“ treten, betont der 80-Jährige. „Im Gegenteil“, sagt er. „Wir stellen uns das so vor, dass die Stiftung aufgewertet wird zu einem Jugendwerk.“

Mehr Geld vom Staat

Der zentrale Vorteil eines solchen Schrittes: mehr Geld für den Austausch! „Die Zahlen sprechen ja für sich“, erklärt von Trotha mit Blick auf die Statistik. So unterstütze die Bundesregierung die Arbeit der Hamburger Stiftung „Deutsch-Russischer Jugendaustausch“ bisher mit einer Summe von rund zwei Millionen Euro pro Jahr.

Dies stehe in starkem Kontrast zu den wesentlich höheren Zuwendungen für die staatlichen Jugendwerke. So erhalte beispielsweise das deutsch-französische Jugendwerk rund 30 Millionen Euro Unterstützung pro Jahr, das deutsch-polnische Äquivalent werde mit immerhin zehn Millionen Euro jährlich gefördert. „Da sieht man schon die Dimensionen. Offenbar sieht die Bundesregierung ein Jugendwerk als vollwertige Form der Zusammenarbeit an“, argumentiert von Trotha. „Es ist eine Selbstbindung der Verwaltung.“

Austausch auch mit Kaukasus

Die zusätzlichen Mittel würden eine ganzheitliche Ausrichtung des Jugendaustausches ermög­lichen, argumentiert von Trotha. „Das heißt die Förderung von schulischem, außerschulischem und Hochschulaustausch, Berufsausbildung, Freiwilligendienst und interkulturelle Aus- und Fortbildungen sowie Sonderprojekte.“

Außerdem könnte sich das Jugendwerk auch bislang vernachlässigten Arbeitsbereichen widmen. „Wir würden zum Beispiel auch ein Thema wie Inklusion mit einschließen“, erklärt er. „Das gibt es bisher überhaupt nicht.“ Zusätzlich könnte auch der Austausch mit den russischen Regionen in der Arbeit des Jugendwerkes verankert werden. „Wenn einer kaukasischen Gemeinde das Geld für ein solches Projekt fehlt, könnte man das künftig regeln.“ Die Finanzen für das deutsch-russische Jugendwerk müssten Berlin und Moskau paritätisch aufbringen.

Die Politik schweigt

Die Reaktionen auf die Initiative fallen bisher verhalten aus. Zwar setzten 80 prominente Erstunterzeichner wie der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, der Russlandkorrespondent Christian Neef und der frühere Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen ihren Namen unter den Aufruf. Aktive russische oder deutsche Politiker äußerten sich bisher aber nicht zu dem Aufruf.

Thilo von Trotha lässt sich davon allerdings nicht entmutigen. „Wenn alle dafür wären, müssten wir ja gar nicht tätig werden“, gibt er sich kämpferisch. „Die Zeit arbeitet für uns!“

Birger Schütz

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