Moskauer Deutsche Zeitung https://mdz-moskau.eu Unabhängige Wochenzeitung aus Moskau über Russland. Gegründet 1870. Fri, 23 Oct 2020 07:39:28 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.2 https://mdz-moskau.eu/wp-content/uploads/2019/11/cropped-mdz-32x32.jpg Moskauer Deutsche Zeitung https://mdz-moskau.eu 32 32 Wirtschaftsprüfung 2020: Probleme bei der Einreichung des Jahresabschlusses https://mdz-moskau.eu/wirtschaftspruefung-2020-probleme-bei-der-einreichung-des-jahresabschlusses/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=wirtschaftspruefung-2020-probleme-bei-der-einreichung-des-jahresabschlusses Thu, 22 Oct 2020 19:49:00 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17161 Bei der Einreichung des Jahresabschlusses kann es aufgrund einer Gesetzesänderung für Unternehmen in Russland zu Problemen kommen. Die Spezialisten von DVP-Audit helfen, dies zu vermeiden.

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DVP Audit
(Foto: DVP Audit)

Das veränderte Bundesgesetz „Über die Buchhaltung“ № 402-FZ definiert neue Anforderungen an die Einreichung des Jahresabschlusses. Seit dem 1. Januar 2020 reichen juristische Personen ihre Berichte nicht mehr bei Rosstat ein, sondern beim Föderalen Steuerdienst Russlands (FNS). Dies dient der Bereitstellung des Staatlichen Informationspools für Rechnungslegung (GIR BO), der öffentlich zugänglich ist. Unternehmen, die prüfungspflichtig sind, müssen der Steuerbehörde ebenfalls einen Bestätigungsvermerk vorlegen.

Diese Änderungen betreffen die überwiegende Mehrheit der in der Russischen Föderation tätigen juristischen Personen, einschließlich ausländischer. Nur einige Unternehmen sind von dieser Verpflichtung ausgenommen: Betriebe des öffentlichen Sektors, die Zen­tralbank der Russischen Föderation und Organisationen, die ihre Berichte dort einreichen, religiöse Organisationen und Organisationen, deren Berichte Informationen Staatsgeheimnisse enthalten.

Viele Unternehmen legen Daten nicht vollständig offen

Auf den ersten Blick sollten dadurch keine Probleme für die Buchhaltung entstehen. Tatsächlich gibt es nur wenige Unterschiede in Bezug auf die Einreichung der Rechnungslegungen, etwa beim Format und bei der Art der Einreichung. Kleine Unternehmen können die Erklärungen bis 2021 in einem einfachen Format einreichen.

Als jedoch am 29. Mai 2020 der Informationspool auf der Website nalog.ru für alle Interessierten einsehbar wurde, stellte sich heraus, dass viele der eingereichten Berichte zahlreicher Unternehmen verschiedene Verstöße enthielten. Dabei handelte es sich meist um nicht vollständig offengelegte Daten. Unsere Analyse hat gezeigt, dass der häufigste Fehler war, dass Lageberichte zum Jahresabschluss auf der offiziellen Website des Pools fehlen, obwohl dies obligatorisch ist.

Noch sind die Bußgelder niedrig

Offen gesagt haben einige Unternehmen wegen der Änderungen nicht nur „vergessen“, den Steuerbehörden die Lageberichte zur Verfügung zu stellen, sie haben diese – entgegen den Anforderungen der russischen Gesetzgebung – überhaupt nicht erstellt. Führt man sich die im GIR BO veröffentlichten Lageberichte zu Gemüte, kommt man mit Sicherheit zu dem Schluss, dass diese nicht immer vollständig und korrekt sind. Solche Fehler führen häufig zu einem modifizierten Bestätigungsvermerk.

Dabei ist zu beachten, dass nach der Gesetzgebung der Russischen Föderation die Rechnungslegung nicht unter das Geschäftsgeheimnis fällt. Bisher werden solche Verstöße nicht sehr streng bestraft: Es werden nach dem Steuergesetzbuch der Russischen Föderation nur 200 Rubel für jedes nicht eingereichte Dokument über das Unternehmen fällig, administrative Verstöße von Personen werden mit bis zu 500 Rubel bestraft. Es sind jedoch Gesetzesänderungen geplant, die die Strafen für die Nichtvorlage von Berichten oder deren Unvollständigkeit erheblich erhöhen können – auf bis zu 700 000 Rubel.

Reputation von Unternehmen kann Schaden nehmen

Trotz der unbedeutenden Geldstrafen birgt die Sache Risiken für Unternehmen. Diese werden definitiv nicht in der Lage sein, einen positiven Bestätigungsvermerk zu erhalten. Damit wird die Reputation des Unternehmens in den Augen potenzieller Investoren, Gläubiger und anderer Leser der Rechnungslegungsberichte durch ungenaue Informationen beschädigt.

Der Wirtschaftsprüfer kann immer über die Korrektheit der Erläuterungen zur Bilanz und zum Bericht über die Finanzergebnisse beraten, was es dem Management der Organisation ermöglicht, die Risiken der Einreichung eines unkorrekten und/oder unvollständigen Jahresabschlusses bei den Steuerbehörden erheblich zu verringern. DVP-Audit-Spezialisten schenken diesem Thema bei jährlichen Audits besondere Aufmerksamkeit.

Andere bedeutende Verstöße ausländischer Unternehmen und unsere Prüfungspraxis werden wir auf dem kostenlosen Webinar DVP Audit „Fehler in der Rechnungslegung und Steuerbuchhaltung auf der Grundlage der Ergebnisse der Wirtschaftsprüfungen für 2019, Em­­pfehlungen für 2020“ für Finanzdirektoren und Buchhalter vorstellen. Einzelheiten und Anmeldung für die Veranstaltung unter www.dvp-audit.com.

Mit uns schaffen Sie mehr!

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Per App auf deutsche Spurensuche https://mdz-moskau.eu/per-app-auf-deutsche-spurensuche/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=per-app-auf-deutsche-spurensuche Wed, 21 Oct 2020 17:17:16 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17159 In vielen russischen Städten kann man Gebäude finden, die einst von Deutschen erbaut wurden. Herrenhäuser, Fabriken und auch Kirchen sind Zeugen deutschen Lebens in Russland. Mit der App „Deutsche Spuren“ des Goethe-Instituts kann man diese jetzt entdecken.

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Der Große Kremlpalast ist eine der deutschen Spuren. (Foto: Wikicommons)

Über Jahrhunderte zog es immer wieder Deutsche gen Osten nach Russland. In der neuen Heimat hinterließen sie ihre Spuren in der Kultur und auch Architektur. Einige davon sind bekannt, wie etwa die ehemalige deutsche Vorstadt östlich des Moskauer Stadtzentrums. Dass aber der Große Kremlpalast, die (originale) Christ-Erlöser-Kathedrale oder das erste Moskauer Hochhaus von deutschstämmigen Architekten gebaut wurden, dürfte bislang nur Insidern bekannt sein. Mehr über diese und andere Orte kann ab sofort jeder mit der App „Deutsche Spuren“ erfahren, die das Goethe-Institut Moskau Anfang Oktober im Rahmen des Deutschlandjahres vorstellte.

Die Idee, sich auf die Suche nach dem deutschen Erbe zu begeben, ist nicht neu. Bereits 2011 wurde mit der Arbeit an der App begonnen. Zwei Jahre später folgte schließlich der Start in Brasilien, der Slowakei und Israel. Russland ist das elfte Land, in dem die App an den Start geht. Und das mit 80 Spuren in Moskau, Samara und Omsk. Und schon bald werden weitere in Perm, Tomsk und Tjumen folgen.

Intensive Zusammenarbeit mit dem IVDK

Ein Blick in die App zeigt, dass die Spuren häufig aus historischen Gebäuden bestehen, die durch ihre Architektur herausragen. Für den Anfang habe man sich auf sichtbare Orte konzentriert, die auch vor Ort bekannt seien, erklärt die Leiterin der Sprachabteilung des Goethe-Instituts Ulrike Würz die Auswahl. Es gehe zunächst darum Orte zu zeigen, die einfach festzuhalten und zu beschreiben seien, ergänzt ihre Kollegin Maria Lukjantschikowa, Beauftragte für Sprachkooperationen und Förderung der russlanddeutschen Minderheit. Trotz vieler bekannter Gebäude wartet die App auch mit einigen überraschenden Orten auf.

Wie etwa einem ehemaligen Polizeikrankenhaus, in dessen Hof seit über 100 Jahren ein Denkmal für den berühmten Arzt und Philantropen Friedrich Joseph Haass steht. Haass kam als junger Mann nach Moskau, wo er Karriere machte und sich für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, wie etwa Häftlinge, einsetzte und zeitlebens bescheiden blieb. Auf den ersten Blick würde man kaum erwarten, dass in solch einem schlichten Gebäude ein wichtiges Stück Geschichte steckt, meint Lukjantschikowa. Die Bedeutung des Ortes erfährt der Nutzer im ausführlichen Begleittext, der erklärt, wie dieses Krankenhaus für Häftlinge entstand. Menschen wie Haass haben etwas geleistet, das bis heute nachwirkt und haben dennoch auf prunkvolle Paläste verzichtet, zeigt sich Lukjantschikowa vom Werk des Arztes beeindruckt.

Ausgewählt wurden die Orte nicht vom Goethe-Institut selbst, sondern in Zusammenarbeit mit den Minderheiteninstitutionen. So stammen die Texte vom Internationalen Verband der deutschen Kultur (IVDK). Für das Goethe-Institut ein Glücksfall. Schließlich seien die Russlanddeutschen wissenschaftlich sehr gut aufgestellt. Und es gebe Historiker-Vereinigungen, die bereits länger sehr intensiv auf dem Gebiet deutscher Spuren forschen. So konnte das Goethe-Institut auf das Wissen und die Kompetenz des IVDK zurückgreifen, lobt Lukjantschikowa die Zusammenarbeit der beiden Institutionen.

App ist ein Open-End-Projekt

In Zukunft sollen die „Deutschen Spuren“ weiter wachsen. Neben historischen Orten ist es den Macherinnen der App wichtig, auch die Gegenwart zu zeigen. In anderen Ländern erhalten die Nutzer der App auch Informationen über deutsche Unternehmen oder deutsche Restaurants. Auch für Russland sei dies „sehr wertvoll“, ist Lukjantschikowa überzeugt. Eine Anfrage gab es bereits von Siemens, dass mit der App über seine Repräsentanz und Geschichte in Russland informieren möchte. Lukjantschikowa freut sich über weitere Interessenten, verstehen sich die „Deutschen Spuren“ doch als ein Open-End-Projekt. Und als Brückenbauer, wie Würz betont. Schließlich lernen Deutsche und Russen mehr übereinander.

Wenn nach dem Ende der Corona-Pandemie wieder Ausländer nach Russland dürfen, könnte sich die App zu einem Geheimtipp entwickeln. Bietet sie doch Informationen, die in keinem Reiseführer zu finden sind. Erste Anfragen gab es bereits.

Daniel Säwert

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Moskaus verborgene Landidyllen https://mdz-moskau.eu/moskaus-verborgene-landidyllen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=moskaus-verborgene-landidyllen Wed, 21 Oct 2020 14:43:05 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17151 Eine Holzhaussiedlung hinter dem Bezirksrathaus, ein ganzes Dorf auf einem Hügel über der Moskwa, eine verstecke Gartenstadt – Moskau bietet trotz anhaltenden Baubooms noch so manche dörfliche Idylle. Wir haben drei solcher überraschenden Orte besucht. Sie alle liegen innerhalb des Autobahnrings und sind bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

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Moskaus verborgene Landidyllen
Kontraste: Holzhäuser in Troize-Lykowo, im Hintergrund Wohnblocks in Strogino (Foto: Jiří Hönes)

Für Kunstliebhaber: Solomennaja Storoschka

Anfangs regen sich Zweifel, doch bei genauem Hinsehen wird klar: Das ist die Mutter-Heimat-Statue aus Wolgograd. Halb verdeckt von einem Gerüst und herbstlich goldgelben Bäumen blickt sie von einem Betonsockel herab. Lebensgroß. Hier, am Rande einer Siedlung im Norden Moskaus. Auf dem ummauerten Anwesen verstecken sich noch weitere Skulpturen, ein riesiger Lenin-Kopf etwa.

Moskaus verborgene Landidyllen
Mutter Heimat auf dem Anwesen des Bildhauers Jewgenij Wutschetitsch (Foto: Jiří Hönes)

Was wie ein sowjetischer Märchengarten anmutet, ist das Anwesen des Bildhauers Jewgenij Wutschetitsch in Solomennaja Storoschka im Moskauer Stadtteil Timirjasewskij. In den 1950er Jahren hatte er sich hier vier Grundstücke gekauft und darauf sein Wohnhaus samt Werkstatt erbaut, zeittypisch im Stil eines antiken Tempels. Seine Witwe lebt noch heute hier.

Wer dem Weg vorbei an der Mutter Heimat folgt, findet sich in einer Oase der Ruhe wieder. Die Waldsiedlung besteht aus einem Dutzend Holzhäuser mit großen, schattigen Gärten, dazwischen schma­le, laubbedeckte Sträßchen.

Geburtsort Konstantin Melnikows

Solomennaja Storoschka bedeutet so viel wie strohenes Wäch­terhaus, es ist nur ein inoffizieller Name. Die Geschichte der Siedung beginnt in den 1860er Jahren. Damals wurde die Petrowskojer Land- und Forstwirtschaftsakademie gegründet, welche hier Ländereien für ihre Anbauversuche unterhielt. Für das Wachpersonal wurde eine Hütte aus Lehm mit beigemengtem Stroh gebaut. Diese gab der Datschensiedlung, die bald darum entstand, ihren Namen. Amtlich hieß sie Petrowsko-Rasumowskoje. In dem Wächterhaus, das in den 1950er Jahren abgerissen wurde, kam 1890 Konstantin Melnikow zur Welt, der als Architekt des Konstruktivismus in die Geschichte eingehen sollte.

Solomennaja Storoschka
Solomennaja Storoschka: Holzhaus im Stil der 1920er Jahre (Foto: Jiří Hönes)

Der größte Teil des Dorfes fiel in der Nachkriegszeit dem Bau von Wohnblocks zum Opfer. Die heute erhaltenen Holzhäuser gehen auf eine Baugenossenschaft von Lehrern der Landwirtschaftsakademie zurück. Sie entstanden alle in den 1920er Jahren nach Plänen des Architekten Karl Gippius. Er selbst bezog eines davon, auch andere Vertreter der Moskauer Intelligenz ließen sich hier nieder. Eine Tafel am Eingang zur Siedlung erinnert an sie. Die Häuser sind im Stil der Zeit schlicht gehalten, ohne den Holzschmuck traditioneller russischer Bauernhäuser. Die meisten von ihnen haben sich seit ihrer Erbauung kaum verändert. An manchen sind noch Hausnummerntafeln aus den 1950er Jahren zu sehen, die noch den Straßennamen 2-oj Astradamskij Projesd angeben, den es offiziell längst nicht mehr gibt.

Für Ruhesuchende: Troize-Lykowo

Troize-Lykowo ist ein richtiges Dorf, mit allem was dazugehört: Kirchen, Dorfladen, Holzhäuser, Gemüsegärten. Dass der Ort bis heute so überlebt hat, grenzt schon an ein Wunder. Noch wundersamer ist, dass es bislang keine Pläne gibt, daran etwas zu ändern.

Moskaus verborgene Landidyllen
Gartenidylle in Troize-Lykowo (Foto: Jiří Hönes)

Von der Metrostation Strogino sind es nur 15 Minuten Fußmarsch in eine andere Welt. Vorbei an den allgegenwärtigen zwölfstöckigen Wohnblocks geht es auf einen Fußweg zu, der in ein bewaldetes Tälchen hinabführt. Auf dessen anderer Seite warten schmale, von allerlei Grün gesäumte Dorfsträßchen mit einstöckigen Häusern, mal aus Holz, mal aus Ziegelstein. Hunde bellen hinter Gartentoren, Leute auf der Straße beäugen Fremde mit der für Dörfer typischen Neugier.

Eine andere Welt

Der Ort liegt auf einer Anhöhe rechts der Moskwa, der Steilhang ist bewaldet. Richtig hübsche Häuschen gibt es hier und da, die meisten sind dauerhaft bewohnt. An der Hauptstraße, der Odinzowskaja Uliza, hat ein kleiner Dorfladen von Trockenfisch bis zum Spielzeugauto von allem ein wenig im Angebot. Nebenan erinnert ein Denkmal an die Gefallenen des Großen Vaterländischen Kriegs.

 Troize-Lykowo
Die Dreifaltigkeitskirche in Troize-Lykowo (Foto: Jiří Hönes)

Zwei Kirchen gibt es hier, die Mariä-Himmelfahrt-Kirche aus dem 19. Jahrhundert und die ältere Dreifaltigkeitskirche. Sie entstand Ende des 17. Jahrhunderts als eine der ersten Kirchen im Stil des Moskauer Barock. Glockenturm und Kirche sind in einem Baukörper verschmolzen.

Schon Lenin verweilte hier

Erstmals erwähnt wurde der Ort als Troizkoje im 16. Jahrhundert. Seinen Namen hat er von einem hölzernen Vorgänger der Dreifaltigkeitskirche. Der Zusatz Lykowo geht auf den Bojaren Boris Lykow zurück, der im 17. Jahrhundert Besitzer des Dorfs war. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand oberhalb des Flusses ein Herrenhaus mit Park und Orangerie. Dieses Anwesen ging 1876 in den Besitz einer Kaufmannsfamilie über, per Erbe gelangte es 1917 an ein Frauenkloster. Dieses existierte jedoch kein Jahr, da kam die Revolution und die Anlage wurde zum Sanatorium. Dessen prominentester Gast war Wladimir Lenin, der Anfang 1922 einige Zeit hier verbrachte.

Das Herrenhaus brannte in den 1980er Jahren ab, doch der Park und die beiden Kirchen laden zum Verweilen ein. Ein Spaziergang hinab ans Ufer der Moskwa lässt einen vergessen, dass man sich in einer Millionenstadt befindet, links und rechts des Flusses erstreckt sich nichts als Wald.

Für Gartenfreunde: Kurjanowo

Kurjanowo ist nicht wirklich ein Dorf, doch es fühlt sich so an. Als in den 1950er Jahren das Hauptklärwerk Moskaus entstand, baute man hier eine Siedlung für dessen Angestellte. Mit Kulturzentrum und Lenin-Denkmal und allem was sonst dazugehört. Zwei- und dreigeschossige Steinhäuser im Stil der Stalinzeit, Vorgärten, jede Straße eine Allee. Kaum irgendwo in Moskau ist es so grün wie in Kurjanowo. Es wirkt wie eine Gartenstadt.

Wer durch die ruhigen Straßen schlendert, dem fallen die für rus­sische Verhältnisse niedrigen Zäune auf. Nirgends eine zwei Meter hohe Blechwand als Sichtschutz, keine Mauern. Bunt gestrichene Lattenzäune gewähren Blicke auf üppige Blumengärten.

Moskaus verborgene Landidyllen
Gartenstadt-Atmosphäre in Kurjanowo (Foto: Jiří Hönes)

Die Häuser mit den charakteristischen runden Fensterchen unter dem Giebel sollen der Legende nach von deutschen Kriegsgefangenen erbaut worden sein. Doch das erzählt man sich in Moskau von vielen Häusern dieser Zeit.

Beliebt bei Filmemachern

Bekannt ist das kleine Nest zum einen für seine Abgeschiedenheit. Kaum jemand verirrt sich hierher, die nächste Metrostation ist weit weg. Das Viertel ist umrahmt von Eisenbahngelände, Industriegebieten und dem besagten Klärwerk. Es wirkt ein wenig, als habe die Zeit das kleine Viertel einfach vergessen. Aufgrund der ländlichen Atmosphäre hat den Ort schon so mancher Filmemacher für sich entdeckt.

Kurjanowo
In Kurjanowo sind die Zäune ganz untypisch niedrig und freundlich. (Foto: Jiří Hönes)

Zum anderen ist Kurjanowo berüchtigt für den Gestank des Klärwerks. Angeblich deshalb sollen hier die Grundstückspreise vergleichsweise günstig sein. Das scheint jedoch eine Frage der Windrichtung zu sein, nicht immer ist die Luft in Kurjanowo wirklich schlecht.

An der abgeschiedenen Lage hat sich in diesem Jahr zumindest etwas geändert. An der Linie 2 von Moskaus S-Bahn MCD wurde eine neue Haltestelle namens Kurjanowo eingerichtet. Vom Kursker Bahnhof ist man in etwas über 20 Minuten hier. Vielleicht eine nette Gelegenheit, die Luftqualität zu überprüfen?

Jiří Hönes

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TAIGA-Experiment: Was Maas und Lawrow auszeichnen wollten https://mdz-moskau.eu/taiga-experiment-was-maas-und-lawrow-auszeichnen-wollten/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=taiga-experiment-was-maas-und-lawrow-auszeichnen-wollten Sun, 18 Oct 2020 18:47:50 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17144 Kosmische Gammastrahlung ist ein zutiefst rätselhaftes Phänomen. Ein astrophysikalisches Forschungsprojekt in Burjatien geht bei ihrer Erforschung neue Wege und illustriert, warum Kooperation zwischen Deutschland und Russland trotz aller Spannungen Zukunft hat.

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Fügt sich in die Flora und Fauna ein: der Standort des TAIGA-Experiments in Sibirien. Auf dem Bild zu sehen sind zwei der 100 HiSCORE-Detektoren, die auf einer Fläche von einem Quadratkilometer verteilt sind. Nachts öffnen sich die Schutzabdeckungen und die hochsensiblen Sensoren messen das sogenannte Cherenkov-Licht, welches in circa 100 Meter breiten, bläulichen Kegeln entsteht, wenn geladene Teilchen oder Gammastrahlung auf die Atmosphäre treffen und dort eine Teilchenkaskade auslösen. Aus der Form und Intensität der für das menschliche Auge unsichtbaren Gammastrahlung lassen sich Rückschlüsse über Prozesse ziehen, die sich etwa in Schwarzen Löchern oder bei Sternenexplosionen abspielen. (Foto: Lucian Bumeder)

Beifall, Blitzlicht und eine Live­schaltung zwischen den Hauptstädten: Zum Abschluss des deutsch-russischen Wissenschaftsjahres nahm der Physiker Ralf Wischnewski Mitte September in Berlin eine Urkunde vom rus­sischen Botschafter Sergej Netschajew entgegen, genauso wie simultan in Moskau sein Kollege Nikolai Budnev von der deutschen Gesandtin Beate Grzeski. Damit wurde ihr TAIGA-Experiment als eines von 25 herausragenden bilateralen Wissenschaftsprojekten ausgezeichnet.

Der Grund für die Urkunde findet sich aber weder in Berlin noch in Moskau, sondern eine Viertel Erdumdrehung weiter östlich: in der russischen Republik Burja­tien. Weit weg von störendem Licht und dank hoher Berge rund um das Tunka-Tal nahe des Baikalsees gut geschützt vor Regen und Wolken, sucht das nun preisgekrönte Experiment von hier aus nach Quellen von Gammastrahlung und kosmischen Teilchenbeschleunigern – also etwa nach explodierenden Sternen oder Galaxien mit superschweren Schwarzen Löchern.

Der Clou versteckt sich in grauen Kästen

TAIGA steht für Tunka Advanced Instrument for cosmic ray physics and Gamma Astronomy. Auf dem Gelände fällt der Blick als erstes auf die großen Spiegel der drei roten IACT-Gammastrahlenteleskope. „Das eigentlich Spannende sind aber die HiSCORE-Detektoren“, korrigiert Wladimir Samoliga und zeigt auf die 100 grauen Kästen, die rund um die Teleskope verteilt sind. „Wenn Gammastrahlung aus dem Weltall auf die Atmos­phäre trifft, löst sie ein Licht aus“, erklärt der Wissenschaftler der Irkutsker Staatlichen Universität (IGU): „Dieses sogenannte Cherenkov-Licht messen wir.“

Und so sieht das Ganze im Winter aus: im Vordergrund ein HiSCORE-Detektor, hinten ein IACT-Teleskop. (Foto: Ralf Wischnewski)

„Gammastrahlen aus dem All sind hochinteressant – aber sehr selten“, erläutert Ralf Wischnewski, der das Projekt auf Seiten des Deutschen Elektronen Synchrotons (DESY) leitet. Sie stünden etwa mit den nach wie vor unbekannten Quellen kosmischer Strahlung in Verbindung, die ohne Unterlass die Erde bombardiere. Um jedoch Gammastrahlen zu messen und von anderer Strahlung zu unterscheiden, benötige man sehr großflächige Messanlagen, im besten Fall mehrere Quadratkilometer. 

Der klassische Ansatz setzt dabei ausschließlich auf Teleskope mit ultraschnellen Kameras. „Das funktioniert, das macht man seit Jahren, aber es stößt eben immer schnell an finanzielle Grenzen“, legt Wischnewski dar und fügt hinzu: „Wir versuchen hier mal was anderes.“ Denn das herkömmliche Modell hat einen entscheidenden Nachteil: Mindestens zwei Teleskope müssen denselben Lichtblitz messen, um alle nötigen Details zu erfassen. Das setzt voraus, sie nah beieinander zu platzieren, bei Kosten von bis zu einer Million Euro pro Teleskop. Großflächige Anlagen sind somit enorm teuer. Hinter dem bisher größten Projekt dieser Art etwa steht ein Konsortium aus 31 Ländern, das mehrere Hundert Millionen Euro sammelt, um demnächst eine Teleskopanlage auf den Kanaren und in Chile zu errichten.

Die im Tunka-Tal verwendeten HiSCORE-Sensoren sind sehr viel günstiger. Anstatt tatsächliche Bilder einzelner Luftschauer aufzunehmen, zeichnen sie nur auf, wann und wo Cherenkov-Licht auf die Erdoberfläche trifft. Weil alle 100 Anlagen auf eine Milliardstel Sekunde genau synchronisiert sind, lassen sich aus diesen Daten die Lichtkegel rekonstruieren und damit auch die Ankunftsrichtung und Energie der Schauer.

Zusammenarbeit – erwünscht, aber nicht einfach

„Die Zusammenarbeit mit Russland ist sehr interessant für uns, wenn auch nicht immer ganz einfach“, gibt Wischnewski zu. Das liege aber gar nicht an Russland. Internationale wissenschaftliche Projekte verliefen nie reibungsfrei. Aber durch die hohen Kosten sei Kooperation unabdingbar. „Und es gibt viele gute, hochspezialisierte Wissenschaftler in Russland“, betont er. In der Zusammenarbeit entstünden häufig vielversprechende Ideen, die sich von klassischen Ansätzen unterscheiden. Dank der aktuell guten staatlichen Förderung für Grundlagenforschung könne man die Ideen auch umsetzen. Russland sei daher ein geschätzter Partner für deutsche Institute. Gleichzeitig würde durch Kooperation hochrangige Grundlagenforschung geschaffen, was wieder mehr langfristige Karrieremöglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler in Russland eröffne.

Die Kooperation in der Wissenschaft wird dementsprechend auch auf höchster staatlicher Ebene unterstützt. Eigentlich war geplant gewesen, dass die Verleihung der Urkunden durch die Außenminister beider Länder in Berlin vorgenommen wird. Doch einen Tag nach der Pressekonferenz von Angela Merkel zur Vergiftung von Alexej Nawalny informierte das Auswärtige Amt die russische Seite über eine Terminänderung, wodurch die Teilnahme von Heiko Maas an der Zeremonie nicht möglich sei. Darauf­hin sagte Sergej Lawrow kurz vor der Veranstaltung am 15. September seine Reise nach Deutschland komplett ab. 

Ralf Wischnewski (Mitte) bei der Preisverleihung in Berlin (Foto: DAAD)

Wenn Kooperation persönlich wird

Für die Wissenschaftler sind die Vorteile der Zusammenarbeit greifbar. „Wir haben gemeinsam schon mal etwas ganz Großes erreicht – und das unter sehr widrigen Umständen“, stellt Wischnewski klar. Mehr als 30 Jahre kenne er Nikolai Budnev, den russischen Koordinator des Projekts und Dekan der IGU. 1988 war er noch aus der DDR zum Baikalsee gereist, wo zu diesem Zeitpunkt ein richtungsweisendes Projekt der Neutrinoforschung entstand.

„Die 90er waren dann für die Wissenschaft in Russland eine sehr schwere Zeit“, führt Wischnewski aus. Die Sowjetunion sei auf manchen Gebieten weltführend gewesen. Dann sei ein Großteil der staatlichen Förderung weggebrochen. Teilweise hätten Wissenschaftler ernste Probleme gehabt, ihre Familien zu ernähren. In enger Zusammenarbeit mit Deutschland sei es möglich gewesen, das vielversprechende Projekt zum Erfolg zu führen und das weltweit erste Unterwasser-Neutrino-Teleskop zu errichten. „Wir haben damals kistenweise Ausrüstung nach Russland gefahren – nicht nur Wissenschaftliches, auch Schokolade und Vitamintabletten“, erinnert sich der Wissenschaftler. Aber er macht auch den deutschen Nutzen aus der Kooperation klar: „Ohne die Initialerfolge vom Baikal wäre das DESY-Institut in der Astrophysik heute vermutlich nicht da, wo es ist.“

Wischnewski 1994 im Labor des Neutrino-Teleskops am Baikalsee (Foto: Christian Thiel)

Persönliches Vertrauen fördert die Zusammenarbeit, aber es gibt auch breite institutionelle Unterstützung für wissenschaftlichen Austausch. 2019 verteilte der DAAD fast 6000 Stipendien im Zusammenhang mit Russland. Mit rund 10.500 Studierenden ist Russland das fünftgrößte Herkunftsland für internationale Studierende in Deutschland. „Es ist beeindruckend, wie viel Unterstützung es für Kooperation gibt“, zeigt sich Wischnewski glücklich. Es sei aber auch wichtig, damit verantwortungsvoll umzugehen und nicht die besten Leute aus Russland abzuwerben. „Ich schätze meine Kollegen in Russland sehr – und es ergibt auch wissenschaftlich absolut Sinn, zusammenzuarbeiten“, resümiert der Forscher und sagt: „Zur Eröffnung des Themenjahrs haben sich Maas und Lawrow die Hand gegeben. Es wäre schön, wenn das bald wieder möglich wird – nicht nur um der Wissenschaft willen.“

Lucian Bumeder

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Ein Tag im Leben einer Tänzerin des Bolschoi-Theaters https://mdz-moskau.eu/ein-tag-im-leben-einer-taenzerin-des-bolschoi-theaters/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=ein-tag-im-leben-einer-taenzerin-des-bolschoi-theaters Fri, 16 Oct 2020 09:50:32 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17140 Wie kommt man ans Bolschoi-Theater? Was muss man bei Ballettschuhen beachten und was beim Schminken? Was kann mitten in „Schwanensee“ alles durcheinanderbringen? Swetlana Lunejkina, Tänzerin am weltberühmten Bolschoi-Theater, hat der MDZ im Rahmen unserer Serie „Ein Tag im Leben von ...“ aus ihrem Alltag erzählt.

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Swetlana Lunejkina (rechts) liebt und lebt Ballett. (Foto: Privat)

7:30

Der Tag beginnt mit einem Kaffee, denn ohne Kaffee bin ich kein Mensch. Die Erzählung, wie unsere ganze Familie gemütlich beim Frühstück sitzt, muss ausfallen. Denn weder ich noch mein Mann noch unser Sohn frühstücken. Eine Morgenroutine gibt es aber dennoch: Ich drehe mit unserem Mops Martin eine Runde.

08:30

Von dem Moment an, wenn ich in meinem Stadtbezirk Kurkino im Norden von Moskau das Haus verlasse, brauche ich eine Stunde bis zur Arbeit. Da geht es mir nicht anders als den meisten. Ich fahre kein Auto und fühle mich durchaus wohl in der Metro. Unterwegs lese ich meist ein Buch, im Moment gerade „Christus der tausend Gesichter“ von Julia Latynina. So vergeht die Zeit fast unmerklich. An der Metrostation Teatralnaja muss ich raus.

9:45

Das Training beginnt um zehn, aber ich bin gern ein bisschen früher an Ort und Stelle. So kann ich noch einen Kaffee trinken und mich in Ruhe umziehen. Wir Tänzerinnen tragen bei der Bekleidung dick auf: Hosen, Strümpfe, T-Shirt, darüber irgendeine Jacke. Das beschleunigt den Aufwärmprozess. Bei den Tänzern ist es umgekehrt. Die ergötzen sich am Anblick ihrer Muskeln und kommen oft in Shorts und hautengen Shirts in den Saal. Dann geht es los: eine halbe Stunde Übungen an der Ballettstange, anschließend arbeiten wir mit dem Pädagogen.

11:00

Die Proben beginnen. Ich gehöre der Truppe des Bolschoi-Theaters an, seit ich 18 Jahre alt war, aber das Ballett liebe ich immer noch wie am ersten Tag. Ich war sieben, als meine Oma in der Zeitung eine Anzeige für ein Tanzstudio entdeckte. Eine ehemalige Ballerina unterrichtete dort klassischen Tanz. Da bin ich dann hingegangen. Nach einem Monat hat sie meine Mutter zur Seite genommen und ihr gesagt, ich hätte Talent und sie würde mich in eine andere, ambitioniertere Gruppe einladen, wo man Stücke einstudiert und auftritt. So hat das alles angefangen.

Eine Institution: Das Bolschoi-Theater gehört zu den berühmtesten Kultur-Häusern der Welt. (Foto: Tino Künzel)

Nach den ersten drei Schulklassen bin ich zur Moskauer Staatlichen Akademie für Choreografie gewechselt. Das bedeutete, dass wir neben dem allgemeinbildenden Lehrstoff gezielt auf eine künstlerische Laufbahn vorbereitet wurden. Sechsmal in der Woche hatten wir zehn Stunden Unterricht am Tag. Bei den Abschlussprüfungen nach acht Jahren an der Akademie waren Vertreter der Moskauer Theater anwesend. Und wem man gefallen hat, von dem wurde man eingeladen.

So bin ich zum Bolschoi gekommen. Davon träumen alle, aber längst nicht alle erfüllen die strengen Aufnahmekriterien. Unserem Theater zu dienen, ist eine große Ehre. Und eine große Verantwortung. Es ist für uns wie ein zweites Zuhause, in dem man mehr Zeit verbringt als mit der eigenen Familie.

12:00

Einmal pro Woche, nämlich samstags, gibt es zwei Vorstellungen am Tag, die erste davon zur Mittagszeit. Ich habe immer besonders „Cipollino“ gemocht. Ein tolles Stück mit viel Humor, das bei den Zuschauern garantiert gut ankam. Und zwar bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen. Leider gehört es aktuell nicht zum Repertoire.

15:00

In der Pause zwischen den beiden Vorstellungen können wir etwas essen, uns in der Maske auf der Couch ausruhen oder spazierengehen. Wenn mein Part kräftezehrend war, dann gönne ich mir ein ausgiebiges Mittagessen: Vorsuppe, Salat, Hauptmahlzeit und natürlich eine Tasse Kaffee, vielleicht sogar mit Nachtisch, wenn der noch reinpasst. Wie auch meine Kollegen und Kolleginnen esse ich reichlich, denn wir verbrauchen sehr viele Kalorien auf der Bühne.

16:00

Maniküre. Bei uns gibt es ziemlich strenge Vorschriften, was die Farbe des Lacks betrifft. Es sind ausschließlich Pastell- und strahlende Rosatöne erlaubt – alles, was nicht ins Auge sticht.

Steht beruflich auf den Zehenspitzen: Swetlana Lunejkina (M.) (Foto: Privat)

17:30

Anderthalb Stunden vor der zweiten Vorstellung schaltet man so langsam wieder in den Arbeitsmodus. Man fängt an, sich die Sachen zurechtzulegen. Eine besondere Rolle spielt beim Ballett natürlich das Schuhwerk. Die Spitzenschuhe werden bisweilen individuell gefertigt und der Fußform angepasst. Oder man sucht sich das Passende aus fertigen Modellen aus. Im Schnitt hat jeder von uns drei Paar Schuhe, jede für eine bestimmte Rolle. Die Schuhe werden zuerst bei den Proben und erst dann auf der Bühne getragen, wenn man sich sicher ist, dass man in ihnen ein gutes Gefühl hat.

18:00

Das Schminken ist eine wahre Kunst. An der Akademie war das sogar ein eigenes Unterrichtsfach für ein komplettes Schuljahr. Die Solisten und Solistinnen haben ihre Maskenbildner. Wir Tänzer und Tänzerinnen kommen allein zurecht. Weil die Bühne im Bolschoi-Theater vergleichsweise weit von den Zuschauerrängen entfernt ist, muss die Schminke auffällig sein. Wir betonen unbedingt die Augen. Ich als Blondine hebe die Stirn hervor, weil sie sonst mit den Haaren verschwimmt. Gleichzeitig muss man aufpassen, dass das Gesicht im Licht der Scheinwerfer nicht glänzt und dass die Farbe der Schminke mit der Farbe des Lichts harmoniert. Bei „Schwanensee“ zum Beispiel ist roter Lippenstift tabu, weil die Lippen sonst von Weitem schwarz wirken.

19:00

Auch nach so vielen Jahren habe ich immer noch Lampenfieber vor der Vorstellung. Und das muss auch so sein. Jedes Ballett läuft bei uns in Blöcken: fünf Vorstellungen innerhalb von vier Tagen. Wenn die fünfte an der Reihe ist, könnten wir alle schon etwas Erholung vertragen. Aber in der darauffolgenden Woche geht alles von Neuem los. So richtig erholen kann man sich deshalb nur im Urlaub, der bei uns immerhin 56 Tage beträgt – von Ende Juli bis Mitte September, wenn die neue Saison beginnt. Nach 20 Jahren scheidet man aus dem Theater aus und bekommt eine Rente, was natürlich nicht heißt, dass man sich dann zur Ruhe setzt.

20:00

Man kann den Beruf noch so ernst nehmen, trotzdem läuft auf der Bühne nicht immer alles glatt. Und dann gibt es unter Umständen sogar etwas zu lachen. Manchmal fällt jemand hin und wenn das gleich mehrere Personen auf einmal betrifft, dann sorgt das für Heiterkeit, warum auch immer. Einmal gab es einen lustigen Moment bei „Schwanensee“. In einer Szene, wo alle förmlich die Luft anhalten mussten, kam plötzlich Bewegung in die Reihen. Und ich sah, wie die Schwäne, einer nach dem anderen, hinter die Kulissen hüpften. Ich konnte mir keinen Reim da­rauf machen, bis jemand rief: „Eine Kakerlake!“ Ja, alle Mädels graust es vor Kakerlaken, auch wenn die Mädels schon erwachsene Frauen sind und im Bolschoi-Theater auftreten.

20:30

Nach dem ersten Akt hören wir uns an, was die Pädagogen zu sagen haben. Wenn man Glück hat, bleibt danach noch Zeit, in der Theaterkantine einen Happen zu essen. Dafür muss man aber früher dort sein als das Orchester, sonst hat man keine Chance.

22:00

Wenn die Vorstellung vorbei ist, geht es unter die Dusche. Die Schminke abzutragen und sich fertig zu machen für den Heimweg, dauert ungefähr 20 bis 30 Minuten. Dann geht es nach Hause, um zu „übernachten“, wie man in unseren Kreisen scherzt. Denn am nächsten Morgen muss man ja schon wieder auf der Arbeit sein.

23:30

Wenn ich nur im ersten Akt auftrete, dann kann ich etwas früher gehen. Zu Hause treffe ich zwischen 23 und 23.30 Uhr ein. Unser Hund freut sich dann schon, ausgeführt zu werden, sofern das nicht mein Mann oder Sohn übernommen haben.

00:00

Mitternacht ist Abendbrotzeit. Entweder ich habe schon am Wochenende für die ganze Woche vorgekocht oder mein Mann hat sich an den Herd gestellt: Sein überbackenes Fleisch mit Gemüsesalat zu einem Glas Wein ist superlecker.

01:00

Bügeln, Waschen: Ohne das eine oder andere im Haushalt zu machen, geht es auch zu später Stunde nicht. Vor eins komme ich eigentlich nie ins Bett.

Aufgeschrieben von Anna Braschnikowa

Запись Ein Tag im Leben einer Tänzerin des Bolschoi-Theaters впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.

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Heimspiel für RB Leipzig in Moskau https://mdz-moskau.eu/heimspiel-fuer-rb-leipzig-in-moskau/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=heimspiel-fuer-rb-leipzig-in-moskau Thu, 15 Oct 2020 11:33:57 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17136 RB Leipzig kann es sportlich inzwischen mit den großen Namen des europäischen Fußballs aufnehmen. In Moskau gelingt das nun auch optisch. Eine „Leipziger Ecke“ hat sich in der Fußballkneipe „John Donne“ zwischen die englischen Platzhirsche geschoben. Das soll erst der Anfang sein.

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Die „Leipziger Ecke“ im Moskauer Pub „John Donne“ (Foto: Sergej Kosmatschow)

Die Unterschrift von Timo Werner ist begehrt. Im Sommer hat der FC Chelsea viele Millionen dafür bezahlt, damit der deutsche Nationalspieler sie unter einen Vertrag mit dem Londoner Klub setzt. Zuvor hatte Werner, der von RB Leipzig an die Themse wechselte, woanders unterschrieben. Zu besichtigen ist das hinter Glas in einem Moskauer Pub. An der Wand des legendären „John Donne“ an der Taganka hängt seit Februar ein Trikot von RB, das der Stürmer und andere Spieler des Klubs signiert haben.

Das ist vielleicht nicht von hohem materiellen, aber großem symbolischen Wert. Zumindest für Sergej Kosmatschjow. Denn das Trikot und die an der Decke des Saales aufgespannte rot-weiße RB-Fahne sind für ihn der Stoff, aus dem die Träume sind. Er begeistert sich für die Leipziger schon seit deren Zweitliga-Zeiten. Seit zwei Jahren verantwortet er die größte Fangruppe von RB Leipzig im russischen sozialen Netzwerk VKontakte. Die „Roten Bullen“ seien für ihn das „Ideal“ eines klug geführten Fußballklubs, sagt der Moskauer Student. Binnen elf Jahren von der Oberliga ins Halbfinale der Champions League durchzumarschieren, das sei eine einmalige Leistung. Dass RB bei vielen als „Betriebssportgemeinschaft“ eines Getränkekonzerns verschrien ist, weiß er, meint aber: „Ums Geld geht es bei allen. Doch was RB auszeichnet, ist nicht das Geld, sondern der Intellekt.“

Die Devotionalien im „John Donne“ markieren eine „Leipziger Ecke“ in Moskau, wo sich Fans treffen und gemeinsam Fußball schauen können. Bei der Einrichtung hat Ilja Matwejew geholfen, denn er sitzt schließlich an der Basis: Matwejew ist Vize-Konsul beim Russischen Generalkonsulat in Leipzig. Seit vielen Jahren Fan von Spartak Moskau, hat der Diplomat nun auch sein Herz für RB Leipzig entdeckt, zumal die Vereinsfarben identisch sind. Er verpasst kaum ein Spiel, unterhält Kontakte zum Klub und will ihn auch in seiner Heimatstadt Moskau populärer machen: „Leipzig bedeutet frischen Wind. Das ist nicht Bayern oder Dortmund, die längst alle kennen.“

Vize-Konsul Ilja Matwejew (rechts) mit RB-Star Emil Forsberg (Foto: Frank Mattheus)

Trotz der steilen Karriere von RB ist es natürlich nicht so einfach, im Ausland eine emotionale Verbindung zu dem Klub herzustellen. Zumindest braucht es Zeit. Vielleicht in ein, zwei Jahren soll aus den heutigen Fans der ersten Stunde, wie Kosmatschjow einer ist, ein Fanclub erwachsen. Es wäre der erste von RB in Russland.

Zumindest das Interesse wächst schon mal. Die VK-Fangruppe hat im Moment 7600 Abonnenten. Das ist nicht viel im Vergleich etwa mit dem FC Barcelona, dessen größte VK-Gruppe über zwei Millionen Abonnenten zählt, oder Bayern München mit knapp einer halben Million. Aber allein nach dem starken Auftritt bei der Champions-League-Endrunde im Sommer seien 200, 300 neue Mitglieder dazugekommen, erzählt Kosmatschjow.

In ihm hat die Gruppe einen engagierten Administrator, der sein Publikum tagtäglich mit Nachrichten, Fotos und Videos zu RB auf dem Laufenden hält und der selbst ein Fußballverrückter ist, wie er erzählt: „Ich verfolge selbst den südamerikanischen Fußball, bin ein Riesenfußballfan.“

Von Moskau aus für RB: die Studenten Iwan Psurzew, Sergej Kosmjatschow und Alexej Muchanow (v.l.) (Foto: Tino Künzel)

Andere haben andere Motive, um sich für RB Leipzig zu interessieren. Zum Beispiel Alexej Muchanow. Er hat nie Fußball gespielt, weiß aber, dass Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann hat und verletzungsbedingt seine Karriere früh beenden musste. „Ich hatte selbst mal einen Kreuzbandriss und kann mir vorstellen, was das für einen Fußballprofi heißt. Nagelsmann ist ein starker Typ und in seinen jungen Jahren schon ein toller Trainer. Ich bin auf ihn aufmerksam geworden, als er noch in Hoffenheim war. Man könnte sagen, dass ich sein persönlicher Fan bin.“

Ilja Matwejew sieht im Fußball auch eine Chance, die Beziehungen zwischen Moskau und Leipzig weiter zu vertiefen. Wobei die auch so schon intensiv seien. „Engere Beziehungen als zu Leipzig hat Moskau in Deutschland höchstens zu Berlin, vielleicht noch zu München.“

Als Leipzig neulich in der Bundesliga 1:1 gegen Leverkusen spielte, schauten auf den Fernsehern im „John Donne“ drei Moskauer Leipzig-Fans zu. Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben.

Tino Künzel

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Mehr als eine Schule: 30 Jahre DSM https://mdz-moskau.eu/mehr-als-eine-schule-30-jahre-dsm/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=mehr-als-eine-schule-30-jahre-dsm Wed, 14 Oct 2020 17:47:05 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17132 Am 3. Oktober jährte sich nicht nur die deutsche Wiedervereinigung zum 30. Mal, sondern auch der Vollzug einer pädagogischen Einheit im fernen Moskau. Hier wurde vor 30 Jahren die Deutsche Schule Moskau geboren. Wie alles begann und was die Schule heute ausmacht – im folgenden Text erzählt sie über sich selbst.

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Kind der Wiedervereinigung: Die DSM entstand durch die Zusammenlegung zweier deutscher Schulen. (Foto: Deutsche Schule Moskau)

Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands gab es in Moskau zwei deutsche Botschaftsschulen: eine kleine westdeutsche Schule im Zentrum der Stadt mit ungefähr 100 Schülern und eine fünfmal so große ostdeutsche Schule mit einem weitläufigen Campus im Südwesten. Mit der deutschen Einheit fielen am 3. Oktober 1990 nicht nur die Liegenschaften der vormaligen DDR-Botschaft am Leninskij Prospekt unter die Kontrolle der nunmehr gesamtdeutschen Botschaftsverwaltung, gleiches galt auch für das dazugehörige Wohngebiet mit seinen 380 Wohnungen am Prospekt Wernadskogo und das dortige Schulgelände. Es wurde nun zum Standort der vereinigten Deutschen Schule Moskau (DSM).

Kurzer (und sicherer) Schulweg

Die Botschaftsschule fällt ebenso unter die Wiener Konvention für diplomatische Beziehungen von 1961 wie das angrenzende Wohngebiet. Die Nähe zu den Bildungseinrichtungen und das hohe Maß an Sicherheit ermöglichen es sogar Erstklässlern, sich ohne Begleitung auf den Weg zur Schule zu machen. Dieses selbst in Deutschland seltene Privileg ist keinesfalls selbstverständlich für andere Metropolen Europas und der Welt.

Das Ziel der Schulgemeinschaft ist es, einen sicheren, einladenden Ort zu schaffen, an dem jedes Mitglied individuell nach seinen Interessen und Bedürfnissen lernen und sich entwickeln kann. Kinder von Mitarbeitern der deutschen und anderer Botschaften sind ebenso willkommen wie Kinder von Kulturmittlern, Angestellten internationaler Unternehmen oder Geschäftsleuten. An der Schule erwartet sie ein einzigartiges, umfassendes pädagogisches Angebot, bestehend aus einem Kindergarten, einer Grundschule, einer weiterführenden Schule sowie einem angeschlossenen Hort und Jugendclub. Der Unterricht ist an den Lehrplan des Bundeslandes Thüringen angelehnt.

Die Hauptsprache über alle Abteilungen hinweg ist Deutsch. Die altersgemäße Beherrschung der Sprache ist ein Hauptaufnahmekriterium der Schule. So ist es keine Überraschung, dass viele Kinder russischer Herkunft bereits im Kindergartenalter angemeldet werden, sämtliche Stationen ihrer Schulkarriere hier durchlaufen und am Ende stolz ihr Abiturzeugnis in Händen halten, welches sie zum Studium an jeder deutschen Hochschule berechtigt.

Schülerzahl kleiner als 2008, größer als 2015

Der bereits 1961 gebildete Schul- und Kindergartenverein kümmert sich in enger Abstimmung mit der Deutschen Botschaft und dem Schulleiter um die finanziellen, personellen, rechtlichen und strategischen Belange der Schule. Seit 2017 ist Stephan Fittkau, ein erfahrener deutscher Expat, Vorsitzender des siebenköpfigen Vorstands und sorgt mit dem nötigen Know-how im Bereich der Unternehmensführung für Stabilität auch in schwierigen Zeiten. 2015 gab es einen grundlegenden Wechsel an der Spitze der DSM. Den päda­gogischen Bereich verantwortet seitdem Schulleiter Uwe Beck, während alle nicht-pädagogischen Bereiche vom Geschäftsführer Markus Mayer gemanagt werden.

Viele ungünstige Faktoren wie etwa ein sinkendes Wirtschaftswachstum, Sanktionen oder der Wertverlust des Rubels ließen die Schülerzahl von 600 im Jahr 2008 auf 470 im Jahr 2015 fallen. Heute sind es wieder 515 – aufgrund der Coronakrise 20 weniger als vor einem Jahr.

Um die Erfolge und Fortschritte der letzten fünf Jahre zu erreichen, bedurfte es einer großen Anstrengung aller am Schulleben beteiligten Personen. Im pädagogischen Bereich hatte die Anwerbung von qualifizierten Lehrkräften, insbesondere für die Grundschule und die naturwissenschaftlichen Fächer, und die fortlaufende Optimierung der pädagogischen Qualität in Kindergarten und Schule oberste Priorität. 2017 und 2018 wurde die Schule mit einem modernen Naturwissenschaftsbereich sowie einer brandneuen Cafeteria und Schulküche ausgestattet. Gleichzeitig wurde ein bisher ungenutzter Teil des Schulkellers in einen 2000 Quadratmeter großen Multifunktionsbereich verwandelt, der nun als Jugendclub oder als Kreativraum zur Verfügung steht.

„Heiliger Doktor“ als Namensgeber

Die Deutsche Schule Moskau spielt eine wichtige Rolle im interkulturellen Leben der deutschsprachigen Gemeinschaft in Russland, aber auch für die deutsch-russische Begegnungskultur. Die Schulgemeinschaft ist stolz darauf, das Werk ihres Namensgebers Dr. Friedrich Joseph Haass durch zahlreiche Wohltätigkeitsprojekte und -veranstaltungen in der Gegenwart fortzuführen.

Geboren 1780 in Münstereifel und gestorben 1853 in Moskau, widmete Haass sein Leben dem Ziel, das russische Strafgefangenensystem menschlicher zu gestalten, und verwendete sein gesamtes Vermögen für die Gründung und den Betrieb eines Krankenhauses für Obdachlose. Die katholische Kirche hat mittlerweile ein Seligsprechungsverfahren für den „Heiligen Doktor von Moskau“ in die Wege geleitet. In Moskau ist die Straße, die an der Deutschen Schule entlangführt, nach ihm benannt.

Schulleiter Uwe Beck schneidet die Geburtstagstorte an. (Foto: Deutsche Schule Moskau)

Die DSM sieht es als ihre Aufgabe, die gemeinsam erlebte Geschichte der beiden Länder als ständiges Thema im und außerhalb des Unterrichts zu betrachten. Eines der am meisten beachteten Projekte trägt den Namen „Erinnern, Gedenken, Versöhnen“ und beschäftigt sich mit den Ereignissen rund um die Schlacht von Rschew, bei der 1942 und 1943 mehr als eine Million Menschen auf beiden Seiten starben oder verwundet wurden. Das Projekt erregte sogar internationale Aufmerksamkeit, als der russische Präsident Wladimir Putin 2016 den Teilnehmern an der DSM einen Besuch abstattete.

Als Ergebnis der vielfältigen historischen Verflechtungen wird eine deutsche Schule in Russland wohl immer mehr als nur eine Schule sein. Die Deutsche Schule Moskau wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet und trägt seit Jahren das Siegel „Exzellente Deutsche Auslandsschule“. Auch im internationalen Netzwerk deutscher Auslandsschulen genießt sie einen hervorragenden Ruf.

Erste russische Schülerin: Heute lebt sie in London

Russische Kinder an der Deutschen Schule? Das war längst nicht immer so selbstverständlich, wie es heute ist. Der Moskauer Igor Kisseljow sorgte einst für ein Novum, als er 1992 seine Tochter an der DSM anmeldete. Die MDZ hat mit ihm gesprochen.

Ihre Tochter war die erste DSM-Schülerin mit russischem Hintergrund. Wie kam es dazu?

Ich bin Germanist und Übersetzer, habe in der DDR gearbeitet, in Polen. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre war ich in Warschau tätig und Mascha ging in dieser Zeit in den Kindergarten der DDR-Botschaft, dann in die erste Klasse der Schule. Sie sprach fließend und akzentfrei Deutsch. Als wir nach Moskau zurückgekehrt sind, war mir daran gelegen, dass sie weiter Deutsch auf muttersprachlichem Niveau lernt.

Und da haben Sie sich an die Deutsche Schule gewandt.

Ja. Man lud uns zu Vorgesprächen ein. Die Schule erschien mir damals wie eine Oase in dieser düsteren Zeit Anfang der 1990er Jahre. Hell und sauber, alles war sehr vernünftig organisiert, das Büro von Schulleiter Heiner Zeller machte einen viel freundlicheren Eindruck, als ich das von russischen Schulen kannte. Aber der erste Anlauf schlug fehl. Ich bin Herrn Zeller bis heute dankbar, dass er sich sehr für die Aufnahme von Mascha eingesetzt hat und es dann doch noch klappte.

Zum Ehemaligen-Treffen an der Deutschen Schule Moskau aus Anlass des 30. Jahrestags des Mauerfalls im vorigen Jahr war auch Igor Kisseljow eingeladen, auf dem Gruppenfoto ist er ganz vorn links zu sehen. Neben ihm: der erste DSM-Schulleiter Heiner Zeller. (Foto: Deutsche Schule Moskau)

Wie war die Schulzeit?

Mascha hat sich an der Schule sehr wohlgefühlt. Sie hatte einen großen Freundeskreis, mit einigen steht sie bis heute in Verbindung. Dass sie Russin ist, hat keinen Unterschied gemacht, sie gehörte einfach dazu. Am Ende stand das Abitur.

Was macht Ihre Tochter heute?

Sie hat in Nürnberg BWL studiert, in München für Clarins und Lego im Marketing gearbeitet, dort auch geheiratet. Mit ihrem Mann ist sie nach Afrika gegangen, heute lebt die Familie in London. Mascha hat dort wiederum leicht Arbeit in einem internationalen Unternehmen gefunden.

Die Deutsche Schule Moskau hat sich als Sprungbrett erwiesen.

Absolut. Mascha steht die gesamte Welt offen. Die Schule hat ihr den Start in dieses Leben ermöglicht.

Das Interview führte Tino Künzel.

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Ex-Model im Rollstuhl: Vom Glück im Unglück https://mdz-moskau.eu/ex-model-im-rollstuhl-vom-glueck-im-unglueck/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=ex-model-im-rollstuhl-vom-glueck-im-unglueck Wed, 14 Oct 2020 08:25:17 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17127 Bei Google Russia in Moskau ist Jewgenija Woskobojnikowa (36) eine Führungskraft, zuständig für die Kommunikation mit strate­gischen Partnern. Dabei wollte sie ein Top-Model werden. Doch ein Autounfall veränderte ihr Leben von Grund auf, seitdem sitzt sie im Rollstuhl. In der Interview-Reihe „In Your Moccasins“ auf YouTube spricht sie mit der in Berlin ansässigen Kommunikationsexpertin Janina Urussowa darüber, was Glück ist, wie man das Beste aus Krisen macht und warum sie mehr arbeitet als Kollegen ohne Behinderung.

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„Ein Mensch wie jeder andere“: Jewgenija Woskobojnikowa (Foto: Privat)

Versetzen wir uns noch einmal in die Zeit zurück, als Sie damals verunglückt sind. Was würden Sie von Ihrer heutigen Warte aus den beiden jungen Frauen – der vor und der nach dem Unfall – mit auf den Weg geben?

Vor dem Unfall war ich am Gipfel meiner Wünsche und Träume angelangt. Ich hatte ganz große Pläne für eine Karriere als Model und auch privat. Ich war im fünften Studienjahr und schickte mich an, meine Diplomarbeit zu schreiben. Mir standen also alle Türen offen, ich musste mich nur für eine entscheiden. Aber vielleicht ist es so: Wenn man von diesen offenen Türen verwöhnt ist, dann passiert etwas, was man am wenigsten erwartet hat. Meinem Ich von damals würde ich nur eines sagen wollen: Der Tod ist nah. Egal wie erfolgreich Sie sind, egal was für Pläne Sie haben, Sie sollten sich bewusst sein: Der Tod ist nah. Sie können sterben oder Ihre Nächsten oder jemand in Ihrer Umgebung. Wenn man das begreift, dann sieht man anders in die Zukunft. Und man beginnt, sein Verhalten und seine Verantwortung anders wahrzunehmen.

Der Schenja (Kosename für Jewgenija – Anm. d. Red.), die nach dem Unfall auf der Intensivstation lag und künstlich beatmet werden musste, könnte ich nur eines empfehlen: sich weniger auf externe Faktoren zu konzentrieren, weniger auf fremde Meinungen zu reagieren. Und sich über Kleinigkeiten zu freuen. Das habe ich erst nach einer Weile gelernt. Jetzt müssen wir es alle lernen (im Lockdown – Anm. d. Red.).

Auf ihrem YouTube-Kanal interviewt Janina Urussowa Menschen mit Behinderung. Die MDZ veröffentlicht ausgewählte Interviews.

Viele sind durch die Pandemie in eine schwierige Lage geraten. Welche Botschaft haben Sie für diese Menschen?

Ich kann nur zu positivem Denken raten. Natürlich fällt das in so einer Situation extrem schwer. Aber Sie haben die Wahl: Entweder Sie lassen sich von einer Negativsicht auf die Lage erdrücken und malen sie sich in den schlimmsten Farben aus oder Sie konzentrieren sich auf das Gute, was passieren kann, sogar ohne Ihr Zutun. Sie konnten ja nicht vorhersehen, dass es eine Ausgangssperre geben würde. Genauso unvorhersehbar kann auch Ihr Geschäft gerettet werden, können Sie wieder gesund werden und zu Geld kommen, auch wenn es heute an allen Ecken und Enden fehlt. Deshalb sollte man positiv eingestellt sein und positive Gedanken aussenden. Das mag dumm und naiv klingen. Aber zumindest bei mir hat das immer funktioniert.

„Wie ein kleiner Tod“

Es fühlt sich wie eine Vollbremsung bei voller Fahrt an, wenn man in diesen Zeiten von heute auf morgen zu Hause sitzen muss und nur im Homeoffice arbeiten kann. Sehen Sie Parallelen zwischen dem Stillstand in Ihrem Leben nach dem Unfall und dem, was mit uns passiert, mit den Menschen um uns herum, mit Freunden, Kollegen, Bekannten, ja mit ganzen Ländern?

Da gibt es schon Gemeinsamkeiten. Aber im Gegensatz zu damals hat man heute das Homeoffice, das Internet ist schnell und ermöglicht sogar Videokonferenzen, man kann soziale Kontakte mit Menschen pflegen, die weit weg sind. Das ist gar kein Vergleich zu 2006.

Klar, ein solcher Stillstand ist für viele Menschen wie ein kleiner Tod. Manche haben das Gefühl, ihr ganzes Leben stürzt zusammen. Man kann nichts planen, man weiß nicht, was in einer Woche ist oder in einem Monat. Das wirkt destabilisierend.


Jewgenija Woskobojnikowa

Sie war ein vielversprechendes Model, „Miss Perfection“ der Stadt Woronesch, als Jewgenija Woskobojnikowa 2006 auf dem Heimweg von einer Party schwer verletzt wurde: Das Auto, in dem sie saß, prallte gegen einen Baum. Fortan konnte sie ihre Beine nicht mehr bewegen. Drei Jahre vergingen, bevor sie sich damit abfand, nie wieder laufen zu können. Woskobojnikowa arbeitete beim Fernsehen, zunächst in Woronesch, später in Moskau. 2012 berichtete sie von den Paralympics in London. Seit Jahren setzt sie sich in vielfältiger Weise für die Belange behinderter Menschen ein. Die Internetzeitung „Meduza“ bezeichnete Woskobojnikowa als „medial präsenteste Person mit Behinderung“ in Russland. 2014 brachte sie eine Tochter zur Welt.

Aber andererseits braucht man solche Pausen dringend, wir könnten sie sogar regelmäßig einlegen. Sie haben einen positiven Einfluss darauf, was wir danach machen – nach gründlicher Überlegung. Ich weiß heute meine Zeit viel mehr zu schätzen als damals. Ich schätze die Möglichkeit, zu Hause bleiben zu können und meine Tochter um mich zu haben. So kann ich ihr viel mehr Energie und Wärme geben. Und ich sehe, wie nah wir uns heute sind. Eine solche Beziehung lässt sich nicht aufbauen, wenn man den ganzen Tag im Büro verbringt.


Es gibt diesen Spruch: Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich eine andere.

Ich verstehe heute, dass längst nicht alle von uns bereit sind, die nächste Tür zu öffnen, wenn sich eine andere geschlossen hat. Wir sind eher bereit, im Korridor zu bleiben, denn das ist unsere Komfortzone. Das sind die Bedingungen, an die wir uns gewöhnt haben. Und das ist der Rahmen, den wir uns selbst gesetzt haben. Diesen Rahmen zu erweitern, die Komfortzone zu verlassen und eine Tür zu öffnen, von der man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt, diesen ersten Schritt zu machen und es zumindest zu versuchen, ist schwer.

Meiste Gebäude nicht barrierefrei

Auf welche technischen Hilfsmittel können Sie zurückgreifen, um unabhängig zu sein?

In erster Linie natürlich den Rollstuhl. Ich hatte über die Jahre ein halbes Dutzend davon. Mit der Zeit weiß man, welche Funktionen man braucht, und so wird die tech­nische Seite immer weiter optimiert. Auch ganz allgemein haben sich die Geräte weiterentwickelt.

Ich habe ein Auto, bei dem ich Gas und Bremse mit der Hand bedienen kann. Solche Anpassungen werden in Moskau vorgenommen. Außerdem habe ich eine mobile Handsteuerung, so dass ich unterwegs auch einen Mietwagen fahren kann.

Leider sind die meisten Gebäude in Moskau für uns Rollstuhlfahrer nach wie vor schlecht geeignet. Wenn es nicht die Treppe ist, bei der wir auf Hilfe angewiesen sind, dann ist es ein schmaler WC-Raum, ein enger Fahrstuhl. Es gibt leider noch viele solche Dinge.

Ohne Rollstuhl geht es nicht – mit auch nicht immer. (Foto: Meduza/Anna Iwanzowa)

In Ihrem Buch „An meiner Stelle. Die Geschichte eines Bruchs“ schreiben Sie über Ihre Zeit beim Sender „Doschd“, darüber, wie viel Sie dort gearbeitet und wie wenig Sie sich geschont haben. Wie geht es Ihnen bei Ihrem heutigen Arbeitgeber Google?

Ich habe einen Vollzeitjob bei Google, übernehme aber auch andere Projekte. Ich lehne keine Anfragen ab. Manchmal merke ich, dass das über meine Kräfte geht. Das ist ein echtes Problem. Ich habe schon mehrmals mit meinem Psychologen darüber gesprochen, was ein solches Streben auslösen kann, und auch meine Freunde dazu befragt. Es hat sich herausgestellt, dass es sehr typisch für Menschen mit Behinderung ist, viel zu arbeiten. Denn es geht um eine Art Substitution. Man hat das Gefühl, dass die Gesellschaft einen als Trittbrettfahrer ansieht, als Menschen ohne ausreichende Qualifika­tion, der nicht gut arbeiten kann, der nicht für sich einstehen kann. Vielleicht wird man für jemanden gehalten, der seine Behinderung als Entschuldigung benutzt, wenn er eine Aufgabe nicht übernehmen will oder etwas nicht machen kann. Das sitzt tief, auch bei mir. Man will beweisen: Ich bin ein Mensch wie jeder andere und meine Behinderung hat keinen Einfluss auf meine Leistungsfähigkeit im Beruf.

Vor Ihrem Unfall waren Sie auf sich selbst fixiert, auf Ihr Selbstbild in der Hochglanzwelt, und dieses Bild ist eben nicht unser eigenes. Es wird uns durch Massenmedien aufgezwungen.

Natürlich haben die Hochglanzmagazine einen großen Einfluss auf unser Leben. Aber mit zunehmendem Alter versteht man, was wirklich glücklich macht. Dass es nicht Besitz ist, sondern der Tee aus der Lieblingstasse ohne Henkel, getrunken zu Hause in einem alten Kapuzenpulli. Glück ist, wenn alle in der Familie gesund sind, wenn keiner weit weg ist und man mit allen reden kann. Gerade wenn man schwierige Phasen überwinden musste, gelangt man zu der Einsicht: Alles, was einem Freude verschafft, ist hier, ganz nah. Es ist mit Händen zu greifen.

Übersetzung: Wladimir Schirokow

Das Interview im Original: www.youtube.com/watch?v=67v_C2OHxNc&t=10s

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Erstickt im Kugelhagel https://mdz-moskau.eu/erstickt-im-kugelhagel/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=erstickt-im-kugelhagel Wed, 14 Oct 2020 06:41:55 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17117 Panzer, Scharfschützen und eine unbekannte Zahl von Toten: Im Juni 1962 wurde im südrus­sischen Nowotscherkassk der größte Arbeiteraufstand der Sowjet­union niedergewalzt. Ein russischer Spielfilm über das Massaker hat nun einen wichtigen Kinopreis gewonnen.

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Mindestens 26 Menschen starben bei der Niederschlagung des Aufstandes von Nowotscherkassk. (Foto: labiennale.org)

Am 1. Juni 1962 hatten die Arbeiter der größten sowjetischen E-Lok-Fabrik „NEWS“ endgültig genug: Seit Jahren hausten sie in schäbigen Baracken, schufteten von früh bis spät unter schwersten Bedingungen und hatten doch kaum Geld zum Leben. Und nun der nächste Schlag: Tags zuvor hatte die Partei die Lebensmittelpreise um 35 Prozent erhöht – und gleichzeitig die kargen Löhne im selben Umfang gekürzt. Wie sollten die Angestellten des Industriegiganten im südrus­sischen Nowotscherkassk ihre Familien ernähren? Woher das Geld für die Miete nehmen? So ging es nicht weiter! Nach hitzigen Diskussionen legten gegen 10 Uhr rund 200 Stahlgießer die Arbeit nieder, Angestellte anderer Werkstätten schlossen sich an. Etwa 1000 Streikende zogen zur Betriebsleitung. „Von was sollen wir künftig leben?“, wollten die aufgebrachten Arbeiter wissen. Fabrikdirektor Kurotschkin trat vor die Menge. „Wenn Sie kein Geld für Fleischpiroggen haben, essen Sie halt welche mit Leber“, soll der Spitzenbeamte den verzweifelten Menschen empfohlen haben.

„Macht Chruschtschow zu Wurst“

Was dann folgte, ging als größter Arbeiteraufstand der Sowjetunion in die Geschichte ein. 5000 Arbeiter und hunderte Einwohner liefen zu den Streikenden über und zogen mit Lenin-Porträts, roten Fahnen und dem Transparent „Macht Chruschtschow zu Wurst“ durch Nowotscherkassk. Sie forderten eine Rücknahme der Preiserhöhungen und besetzten die Gleise der Zugverbindung zu Moskau. Die Reaktion der Machthaber war brutal. Parteichef Nikita Chruschtschow beendete den Streik nach zwei Tagen mit Panzern und Scharfschützen. Nach offiziellen Angaben kamen 26 Menschen im Kugelhagel ums Leben, 70 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Getöteten wurden heimlich in Gräbern unter falschen Namen begraben, so dass sie nie gefunden werden konnten. Auch deshalb liegt die wirkliche Zahl der Opfer bis heute im Dunkeln. Sieben angebliche Streikführer wurden als Rädelsführer verurteilt und erschossen, 103 Teilnehmer mit bis zu 15 Jahre Lagerhaft bestraft. Bis zur Perestroika galten die Vorgänge als strenges Staatsgeheimnis, erst 1996 wurden die Verurteilten offiziell rehabilitiert.

Regisseur Andrei Kontschalowski setzt den Arbeiteraufstand von Nowotscherkassk in Schwarz-Weiß-Bildern in Szene. (Foto: labiennale.org)

Der russische Regieveteran Andrej Kontschalowski rückt das lange verdrängte Massaker nun ins Zentrum seines Historienfilms „Dorogije Towarischtschi“ (Liebe Genossen). Das Drama wurde im September bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Im November soll es in den russischen Kinos anlaufen.
Er habe einen Film über die Generation seiner Eltern und deren Konflikt zwischen bedingungslosem Vertrauen in den Kommunismus und der grauen Realität der Tatsachen drehen wollen, wird Kontschalowski vom Internetauftritt der Filmfestspiele zitiert. „Dieser Film ist ein Tribut an die Reinheit dieser Generation, ihre Opfer und die Tragödie, die sie erlebte, als sie ihre Mythen zusammenbrechen sah und ihre Ideale verraten sah“, erklärt der Regisseur, dessen Vater, der Dichter Sergej Michalkow, unter anderem den Text der sowjetischen Nationalhymne schrieb.

Erschießungen als Mittel der Problemlösung

Erzählt werden die Ereignisse aus Sicht der überzeugten Kommunistin Ljudmila, welche der harten Hand Stalins hinterhertrauert, jeglichen Widerspruch aus tiefstem Herzen verachtet und Erschießungen für ein probates Mittel zur Lösung politischer Konflikte hält. Gespielt wird sie von der Schauspielerin Julia Wysotskaja, der Ehefrau Kontschalowskis. Die allein erziehende Ljudmila erwacht zu Beginn des Films im Bett ihres Liebhabers, eines Parteisekretärs des Nowotscherkassker Stadtrates. Kurz empört sich Ljudmila ehrlich über die Preiserhöhungen – und holt sich kurz darauf ein pralles Spezialpaket mit Räucherwurst und anderen Spezialitäten, mit denen die Partei ihre Nomenklatura versorgt. Hunger könne es im Arbeiter- und Bauernparadies nicht geben, findet die privilegierte Funktionärin und fordert auf einer Sitzung des örtlichen Exekutivkomitees strenge Strafen für die streikenden Panikmacher aus der Fabrik. Tags darauf rollen die Panzer an, Schüsse fallen – und Ljudmilas Tochter verschwindet. Für Anton Dolin, Russlands bekanntesten Kinokritiker, gehört „Dorogije Towarischtschi“ zu den wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres. Trotz Aufhebung der Zensur sei das Massaker von Nowotscherkassk im heutigen Russland immer noch weitgehend unbekannt. Allein deshalb könne Kontschalowskis Film gar nicht genug gewürdigt werden, schreibt er in einer Besprechung für das Internetportal „Meduza“. Es handele sich um die erste bewusste und systematische Auseinandersetzung mit dem Thema im russischen Kino überhaupt.

Birger Schütz

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Nawalny im Interview: „Mir hat nichts wehgetan. Es war schlimmer als das.“ https://mdz-moskau.eu/nawalny-im-interview-mir-hat-nichts-wehgetan-es-war-schlimmer-als-das/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=nawalny-im-interview-mir-hat-nichts-wehgetan-es-war-schlimmer-als-das Tue, 13 Oct 2020 06:39:19 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17124 Wenige Tage nach seiner Entlassung aus der Berliner Charité zeigt sich der Kremlgegner Alexej Nawalny im Gespräch mit dem russischen Journalisten Jurij Dud für dessen populären YouTube-Kanal „vDud“ schon wieder in guter Form. Unter anderem beschreibt er ausführlich die Symptome vor seinem Zusammenbruch auf einem Flug von Tomsk nach Moskau am 20. August. Das Interview mit ihm und seiner Frau Julia wurde bereits in der ersten Stunde rund eine halbe Million Mal angeklickt. Auszüge.

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Alexej Nawalny und Jurij Dud im fast zweieinhalbstündigen Interview, das in Berlin geführt wurde (Foto: Screenshot YouTube/vDud)

Darüber, was sich auf dem Flug vor sieben Wochen zugetragen hat

Ich habe später zu analysieren versucht, ab wann es mit mir abwärts ging. Im Flughafen war noch alles bestens. Ich habe sibirisches Konfekt für die Kinder gekauft, das war meine einzige Sorge.

Dann sitze ich im Flugzeug und reibe mir vor lauter Vorfreude die Hände, weil dreieinhalb Stunden vor mir liegen, in denen keiner etwas von mir will. Ich klappe meinen Laptop auf, starte eine Folge von „Rick and Morty“ (US-Zeichentrick-Sitcom – d. Red.) und denke mir: Super, nachher lese ich noch ein bisschen und werde die Zeit genießen. Nach 20 Minuten habe ich das Interesse an „Rick and Morty“ verloren und gemerkt, wie mir kalter Schweiß den Körper herunterläuft. Und plötzlich wusste ich nicht mehr, wie mir geschieht.

Mich haben schon einige gefragt: Wie ist das, an „Nowitschok“ zu sterben? Schwer zu sagen, denn das sind Empfindungen, die man aus dem gewöhnlichen Leben nicht kennt. Es gibt ja Dinge, die man – Gott sei Dank – noch nicht erleben musste: ein Infarkt zum Beispiel oder dass einem das Bein abgesägt wird. Aber man kann sich zumindest in Grundzügen vorstellen, was das mit einem macht. Hier jedoch … Du denkst dir „Es geht zu Ende“ und dieses Gefühl übermannt dich immer stärker. Wobei du nicht mal sagen kannst, was eigentlich los ist. Im Normalfall ist es ja so: Wenn es einem schlecht geht, dann kann man das irgendwie lokalisieren. Das Herz tut weh oder der Bauch oder das Bein oder man hat Kopfschmerzen oder ist erkältet. Ich dagegen habe gar nichts mehr kapiert.

Kuss des Dementors

Neben mir saß meine Pressesprecherin Kira (Kira Jarmysch – d. Red.) und ich habe sie gebeten, mit mir zu reden, damit ich mich auf eine Stimme konzentrieren kann, weil ringsum alles zu verschwimmen begann. Sie öffnete den Mund und sagte etwas, aber was, konnte ich nicht verstehen. Ich bin dann auf die Toilette, weil ich dachte, das kalte Wasser hilft vielleicht. Ich kühle mir also das Gesicht, einmal, zweimal, setze mich hin. Es mag komisch klingen, aber wenn ich beschreiben müsste, was damals mit mir vor sich ging, dann fallen mir die Dementoren aus „Harry Potter“ ein, das kommt der Sache am nächsten. Rowling schreibt: Der Dementor küsst dich, du hast keine Schmerzen, aber das Leben entschwindet.

Ich muss um die zehn Minuten in der Toilette gewesen sein, denn als ich wieder herauskam, hatte sich davor eine Schlange aus unzufriedenen Leuten gebildet. Mir wurde klar, dass ich um Hilfe bitten muss und es allein noch nicht mal bis zu meinem Platz schaffe. Ich drehe mich zum Flugbegleiter um und sage: „Man hat mich vergiftet, ich sterbe.“ Und dann lege ich mich direkt vor seine Füße.

Das hört sich im ersten Moment natürlich blödsinnig an. Der Flugbegleiter hat mich auch mit einem leichten Grinsen angeschaut und wohl gedacht, dass die Rede von einer Lebensmittelvergiftung ist. Vielleicht wollte er sagen, dass man mich unmöglich im Flugzeug vergiftet haben kann. Man hat dann angefangen, mir Fragen zu stellen, aber ich habe schon kaum noch etwas mitbekommen. Das Letzte, woran ich mich erinnern kann: Jemand hat gesagt „Guter Mann, nicht wegtreten!“.

Im Nachgang habe ich Videos mit herzzerreißenden Titeln wie „Nawalny schreit vor Schmerzen im Flugzeug“ gesehen. Geschrien muss ich wohl haben, aber unbewusst. Mir hat überhaupt nichts wehgetan. Es war schlimmer. Du weißt einfach: Das war’s!

Darüber, wie die Piloten und die Notärzte reagiert haben

Sie haben ihre Arbeit richtig gut gemacht und sich strikt an die Vorschriften gehalten. Den Piloten hat man gesagt, dass einer der Passagiere dabei ist, die Hufe hochzuklappen, und sie haben sofort die Notlandung in Omsk eingeleitet. Die Notärzte haben gesehen: Scheint eine Vergiftung zu sein. Und mir wurde Atropin gespritzt (ein Gegenmittel – d. Red.). Aber wie läuft das denn üblicherweise in Russland? Wenn alle nach Vorschrift handeln, ist das eher eine Verkettung glücklicher Umstände. Leider.


Widersprüchliche Aussagen

Einige Antworten von Alexej Nawalny lassen zumindest Fragen offen. So berichtet der russische Oppositionelle im Interview von einem Gespräch (das bereits nach seiner Genesung stattgefunden haben muss) mit den deutschen Ärzten, die seine Überführung von Russland nach Deutschland medizinisch begleiteten. Sie hätten ihm gesagt, mit zunehmender Dauer des Komas steige die Wahrscheinlichkeit von Folgeschäden. Nawalny dazu: „Wäre ich noch ein paar Stunden länger in Omsk geblieben, hätte ich keine Interviews mehr geben können und man hätte mich hier hereintragen müssen.“ Das klingt so, als hätte bei dem Transport buchstäblich jede Minute gezählt.

Doch als die Ärzte in Omsk am Abend des 21. August der Verlegung nach Berlin schließlich zustimmten, verging noch einmal mehr ein halber Tag bis zum tatsächlichen Abflug: Unter Verweis auf Ruhezeiten lehnten die Piloten einen umgehenden Start ab und verbrachten die Nacht im Hotel. Das Flugzeug hob erst gegen 8 Uhr Ortszeit am darauffolgenden Morgen ab. Man sollte annehmen, dass das auch unter medizinischen Gesichtspunkten als vertretbar galt und damit nicht eine absehbare dauerhafte Schädigung der Gesundheit Nawalnys in Kauf genommen wurde.

Ebenfalls nicht ausreichend belegt scheinen Nawalnys Vorwürfe an die Adresse der Ärzte in Omsk (und ihrer Moskauer Kollegen, die zur Verstärkung herangezogen wurden). Anstatt ihn nach bestem Wissen und Gewissen zu behandeln, so der Politiker, hätten sie darauf gewartet, dass er sterbe oder zu einem Pflegefall werde. Als das nicht eingetreten sei (für Nawalny offenbar kein Verdienst der Ärzte, sondern eine glückliche – und ungewollte – Fügung), habe man zumindest seine Abreise nach Deutschland so lange hinauszögern wollen, bis das Gift in seinem Körper nicht mehr nachzuweisen gewesen wäre. Begründung: Chefarzt Alexander Murachowskij ist Mitglied der Kremlpartei „Einiges Russland“. Und das Sagen bei der Behandlung an den knapp zwei Tagen in Omsk hätten nicht die Ärzte gehabt, sondern die Politik, meint Nawalny, der damit unterstellt, die Mediziner hätten zumindest nicht selbstständig gehandelt und deshalb auch eine Vergiftung bestritten. An anderer Stelle spricht er allerdings davon, „Nowitschok“ könne nur von wenigen Labors weltweit aufgespürt werden. Dem Krankenhaus in Omsk lagen solche Erkenntnisse nicht vor. Wie hätte man sich dort also verhalten sollen?  


Darüber, wie er mit dem Gift in Berührung gekommen ist

Das weiß keiner. Wir gehen davon aus, dass es noch im Hotel passiert ist. Vom Verlassen des Hotels bis zu den ersten Vergiftungserscheinungen vergingen drei, vier Stunden. Hätte ich das Gift gegessen, getrunken oder eingeatmet, wäre die Wirkung viel schneller eingetreten. Also habe ich es über die Haut aufgenommen.

„In fantastischer Weise gelogen“

Darüber, warum er aus Omsk, wo er zunächst im Krankenhaus lag, ausgerechnet nach Deutschland ausgeflogen wurde

Keiner wollte unbedingt nach Deutschland. Es war nur allen bewusst, dass ich nicht in Omsk bleiben kann. Denn erstens ist die Omsker Medizin selbst nach russischen Maßstäben berüchtigt. Zweitens war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass es eine Vergiftung ist und dass man irgendwann anfangen muss, es als Vergiftung zu behandeln. Und da stellt sich der Chefarzt hin und verkündet als Diagnose eine Stoffwechselstörung. Oder es heißt, ich hätte es mit Selbstgebranntem übertrieben. Von der ersten Minute an wurde in fantastischer Weise gelogen.

Darüber, wen er des Giftanschlags verdächtigt

Mitarbeiter des FSB oder des SWR (des Inlands- oder Auslandsgeheimdienstes – d. Red.). Auf Anweisung von Putin, zweifellos. Eine andere Erklärung sehe ich nicht.

Wenn man mich erschossen hätte oder mir ein Ziegel auf den Kopf gefallen wäre, man mich überfahren oder eine handelsübliche Mordwaffe benutzt hätte, dann gäbe es viele Kandidaten. FBK (Nawalnys Anti-Korruptions-Stiftung – d. Red.) hat mit seinen Enthüllungen einer Menge Leuten zugesetzt. Ich denke mal, dass mich viele gern zur Strecke bringen würden und dass mein Konterfei in allerhand Amtsstuben hängt, wo man mit Dartpfeilen darauf zielt.

Aber die Wahl der Methode engt den Personenkreis stark ein. Kann man „Nowitschok“ im Supermarkt kaufen? Nein. Kann man es in einem Chemielabor kaufen? Nein. Es gibt auch keinen Schwarzmarkt dafür.

„Nowitschok“ ist nicht einfach ein Gift, es ist eine Chemiewaffe. Und mit Chemiewaffen können nur speziell dafür ausgebildete Leute umgehen, die sich dabei nicht selbst töten. Deshalb kann nicht ein außer Kontrolle geratener Oligarch oder ein korrupter Beamter ein paar Killer angeheuert haben. Die Kombination aus „Nowitschok“ und Leuten, die Zugang dazu haben und sich damit auskennen, weist klar in eine Richtung.

Natürlich existiert kein Video, auf dem zu sehen ist, wie Putin mit den Füßen stampft und schreit: „Tötet ihn!“ Das sind alles Vermutungen. Man zählt eins und eins zusammen und zieht seine Schlüsse.

Vielleicht ging es auch gar nicht in erster Linie darum, mich umzubringen, sondern Angst und Schrecken zu verbreiten. Es ist eine Sache, im Gefängnis zu landen, und eine andere, wenn es gefährlich sein kann, wenn dir jemand auf die Schulter klopft oder wenn du dich ins Auto setzt.

Darüber, ob er wirklich glaubt, für Putin ein so gefährlicher Gegner zu sein, dass der ihn beseitigen lassen wollte

Ja. Das kannst du Größenwahn nennen, aber seit zwei Jahren sind all unsere Strukturen einem beispiellosen Druck ausgesetzt. Hausdurchsuchungen, Verhöre, eingefrorene Konten, Geldstrafen – das hat nie dagewesene Ausmaße angenommen. Und trotzdem arbeiten wir nicht einfach nur weiter, sondern werden auch noch stärker. Bei den Wahlen haben wir „Einiges Russland“ nass gemacht (gemeint sind die jüngsten Kommunalwahlen in Nowosibirsk und Tomsk – d. Red.). Die wissen, dass ihnen bei den Wahlen zur Staatsduma große Probleme drohen. Ich glaube, dass wir in gewissem Sinne Opfer unseres eigenen Erfolges geworden sind.

Zusammengestellt und übersetzt von Tino Künzel

Запись Nawalny im Interview: „Mir hat nichts wehgetan. Es war schlimmer als das.“ впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.

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