Moskauer Deutsche Zeitung https://mdz-moskau.eu Unabhängige Wochenzeitung aus Moskau über Russland. Gegründet 1870. Mon, 25 Jan 2021 08:02:06 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.4 https://mdz-moskau.eu/wp-content/uploads/2019/11/cropped-mdz-32x32.jpg Moskauer Deutsche Zeitung https://mdz-moskau.eu 32 32 Schwarz, stolz, abchasisch https://mdz-moskau.eu/schwarz-stolz-abchasisch/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=schwarz-stolz-abchasisch Mon, 25 Jan 2021 07:59:58 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17518 Sie waren in der Sowjetunion berühmt, gerieten in Vergessenheit und schrieben einen Brief an US-Präsident Barack Obama: Seit dem 19. Jahrhundert leben im südlichen Kaukasus dunkelhäutige Abchasen.

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Eine Berühmtheit aus der Sowjetunion: Nuza Abasch (zweite von links) und ihre Familie (Foto: Archiv Abasch)

Die Leser rieben sich die Augen und schüttelten verwundert die Köpfe: Die Geschichte aus der „Komsomolskaja Prawda“ vom 19. Februar 1949 kam selbst den Bewohnern der an exotischen Völkerschaften reichen Sowjetunion ziemlich ungewöhnlich vor. Von den Zeitungsseiten blickte eine junge Frau in ihren frühen Zwanzigern. Makellose Zähne, leicht gewellte Haare, selbstbewusster Blick – und schwarze Hautfarbe!

Seit Generationen in Abchasien zuhause

Nuza Abasch, so erfuhren die Leser, studiere in der abcha­sischen Hafenstadt Sochumi Medizin. Die junge Schönheit stehe für die Gleichberechtigung aller Rassen im Sowjetstaat, trompeteten die Propagandisten. So weit, so erwartbar. Überraschend war allerdings die Herkunft der jungen Frau: Denn Nuza Abasch war keine verfolgte Austauschstudentin aus dem als rassistisch verschrienen Westen und kam auch nicht aus Afrika. Abasch war Schwarze aus Abchasien, geboren in der kleinen Gebirgsregion im Südwesten des Kaukasus.

Das Dörfchen Adsjubscha in der von Georgien abtrünnigen Region Abchasien. (Foto: wikipedia.org)

Schwarze, die seit mehreren Generationen im Kaukasus lebten, Abchasisch sprachen und den afrikanischen Kontinent nur aus Erzählungen kannten? Die Sowjetbürger staunten. Dabei war das Phänomen gar nicht so neu. Bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren erste Berichte über die ungewöhnlichen Gebirgsbewohner erschienen. So beschrieb die Zeitung „Kaukasus“ schon im Jahr 1913 spielende schwarze Kinder und in gleißender Sonne schuftende Männer dunkler Hautfarbe im abchasischen Adsjubscha. Das Küstendörfchen an der Mündung des Kodor-Flusses ins Schwarze Meer gilt seit dem 19. Jahrhundert als Heimat der abchasischen Schwarzen. Zwischen zwei Dutzend und etwa zweihundert von ihnen sollen zeitweise in Adsjubscha und den umgebenden Siedlungen gelebt haben.

Äthiopier am Zarenhof

Doch wie kamen sie in das abgelegene Küstendorf am Rande des russischen Imperiums? Der Streit über diese Frage schwillt seit mehr als hundert Jahren und hat schon so einige Legenden hervorgebracht. So sollen die Afro-Abchasen einer abchasischen Überlieferung zufolge von den Bewohnern des sagenumwobenen Kolchis abstammen, jener legendären Landschaft, die sich in der Antike am Ostufer des Schwarzen Meeres erstreckte. Aus dem Reich der Sagen stammt auch die Geschichte vom Schiffbruch eines osmanischen Frachters, der afrikanischen Sklaven über das Schwarze Meer transportierte. Schwimmend sollen sie die Überlebenden der Katastrophe an die abchasische Küste gerettet und dort ein neues Leben begonnen haben.

Mit diesem Bild aus der „Komsomolskaja Prawda“ wurde Nuza Abasch in der Sowjetunion bekannt. (Foto: Archiv Abasch)

Der sowjetische Schriftsteller Maxim Gorki glaubte dagegen, die schwarzen Abchasen stammten von Äthiopiern ab, welche Peter der Große einst zu seiner Unterhaltung an den Zarenhof holte. Andere verweisen auf die Pläne des sowjetischen Flottenadmirals Iwan Issakow, der Generalsekretär Nikita Chruschtschow 1959 die Gründung einer kommunistischen Kolonie für schwarze Amerikaner in Abchasien vorschlug.

Am Anfang stand ein Fürst

Beweisen lässt sich keine der Theo­rien, Dokumente über Ankunft und Herkunft der Kaukasusbewohner sind nicht überliefert. Als am wahrscheinlichsten gilt mittlerweile die Version des abchasischen Journalisten Witalij Scharija, der sich viele Jahre mit der Geschichte der abchasischen Schwarzen beschäftigte und mündliche Überlieferungen aus deren Familien auswertete.

Demzufolge soll der abchasische Fürst Abaschidse im Jahr 1840 etwa 20 Männer und Jungen aus Äthio­pien auf einem osmanischen Sklavenmarkt gekauft und nach Abchasien gebracht haben – darunter auch Amber Abasch, der Großvater der Schönheit aus der „Komsomolskaja Prawda“. Auf den Tabakplantagen des Fürsten erwartete die Unglückseligen zunächst ein schweres Schicksal, von morgens bis abends mussten sie unter schwersten Bedingungen schuften. Doch nach ein paar Jahren wendete sich das Blatt und die Sklaven wurden in die Freiheit entlassen. Sie kürzten den Nachnahmen ihres früheren Besitzers zu Abasch ab, heirateten abchasische Frauen und gründeten eigene Wirtschaften. Schon bald trugen sie pelzige Papachas, pflegten den Weinanbau und sprachen auch untereinander ausschließlich Abchasisch.

Dieses Foto eines kaukasischen Schwarzen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem amerikanischen Journalisten George Kennan aufgenommen. (Foto: vk.com)

Ein schwarzer Kosake lässt die Deutschen zum Zittern

Nachfahren dieser ersten Generation brachten es später sogar zu einiger Popularität. So kämpfte Schaban Abasch – der Onkel der Medizinstudentin aus der „Komsomolskaja Prawda“ – mit einer Kosakeneinheit im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen. Ein Foto des schwarzen Kriegers in typischer Tscherkessen-Uniform sorgte damals für großes Aufsehen. Später wurde Schaban Abasch zum glühenden Kommunisten und stieg 1931 in das abchasische Zentralkomitee, die Führung der Republik, auf.

Sein jüngerer Bruder Schirin wurde hingegen zu einem berühmten Kolchos-Vorarbeiter in seinem Heimatdorf Adsjubscha, den die Republikführung gern vorzeigte, wenn sich schwarze Prominente aus dem Westen ankündigten. So traf Schirin beispielsweise den US-Bürgerrechtler und Sänger Paul Robeson, der am Schwarzen Meer Urlaub machte und sehen wollte, wie Schwarze in der Sowjetunion leben. Über die örtlichen Parteibosse, die sich fieberhaft auf solche Besuche vorbereiteten und die Gäste bereits auf dem Flugfeld mit der Legende von den abchasischen Schwarzen bestürmten, lästerte der abchasische Schriftsteller und Satiriker Fazil Iskander in seinem Schelmenroman „Sandro von Tschegem“.

Schaban Abasch kämpfte als Kosake und stieg zu Sowjetzeiten in die abchasische Führung auf. (Foto: livejournal.com)

Ein romantischer Brief aus Orjol

Auch Nuza Abasch wurde in der Sowjetunion sehr bekannt. Nach der Veröffentlichung ihres Fotos gingen dutzende Briefe in der Redaktion der „Komsomolskaja Prawda“ ein. Darunter auch ein romantischer. „Hallo, fremde Nuza“, schrieb der damals 27-jährige Semjon Bobyljow aus dem zentralrussischen Orjol. „Ihr Porträt erinnert mich an Shakespeares Dunkle Dame.“ Dann hielt der unbekannte Casanova die Schöne aus der Zeitung um ihre Hand an. Vier Jahre später heirateten die beiden.

Nuza Abasch arbeitete nach dem Studium als Ärztin in der Geburtsklinik von Sochumi und empfing im Verlauf ihres Lebens immer wieder sowje­tische Journalisten. Auch afrika­nische Zeitungen erfuhren von der ungewöhnlichen Geschichte und berichteten in den 1970er Jahren ausführlich. Daraufhin pilgerten äthiopische Austauschstudenten, die sich über ein Austauschprogramm in der Sowjetunion aufhielten, nach Sochumi.

Schirin Abasch war Vorarbeiter auf einer abchasischen Kolchose und sollte schwarze Prominente aus dem Westen von den Vorzügen der Sowjetunion überzeugen. (Foto: Archiv Abasch)

Alles nur eine Erfindung der Propaganda?

Nach dem Ende des Kommunismus verlor die Presse das Interesse an den Vorzeigegeschichten über Gleichberechtigung und Völkerfreundschaft. Die abchasischen Schwarzen gerieten zunehmend in Vergessenheit. Ein georgisches Internetportal behauptete sogar, sie seien lediglich eine Erfindung der sowjetischen Propaganda gewesen.

Doch mit der Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten kehrten die Kaukasusbewohner 2008 zumindest noch einmal kurz in das Licht der Öffentlichkeit zurück. Damals schrieb die Tochter der inzwischen verstorbenen Nuza Abasch einen Brief an den ersten Schwarzen im Weißen Haus. In diesem gratulierte sie ihm im Namen aller abchasischen Schwarzen und forderten Obama mit Nachdruck und viel Pathos zu einer Anerkennung der abchasischen Unabhängigkeit auf. Ob Obama antwortete, ist nicht überliefert.

Birger Schütz

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„Es wurde viel Potential verschleudert“ https://mdz-moskau.eu/es-wurde-viel-potential-verschleudert/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=es-wurde-viel-potential-verschleudert Sun, 24 Jan 2021 07:18:13 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17514 Mehr als 2,7 Millionen Menschen aus der früheren Sowjetunion leben in Deutschland. Warum sie oft unsichtbar bleiben, hat Migrationsforscher Jannis Panagiotidis in der ersten umfassenden Untersuchung der Zuwanderergruppe erforscht.

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Jannis Panagiotidis ist Migra­tionsforscher und Vize-Leiter des „Forschungszentrums für die Geschichte von Transformationen“ an der Universität Wien. MIt seinem Buch will er die Unsichtbarkeit postsowjetischer Migranten in Deutschland durchbrechen. (Foto: Jannis Panagiotidis)

Vor drei Jahrzehnten begann die Einwanderung russlanddeutscher Spätaussiedler und jüdischer Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Warum kommt eine großangelegte Untersuchung dieser Migrationsbewegung so spät?

Gute Frage! In den 1990er Jahren, als jährlich über 200 000 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, wurde viel darüber geforscht. Allerdings schaute man dabei meist auf die unterschiedlichen Gruppen. Es gab Forschung zu russlanddeutschen Spätaussiedlern, separat wurde die Migration der jüdischen Kontingentflüchtlinge untersucht, die als etwas ganz anderes gesehen wurde, obwohl sie zum Teil aus denselben Ländern kam. Die Gesamtperspektive auf die postsowjetische Migration, welche Menschen verschiedener Hintergründe zusammen in den Blick nimmt, hat sich eigentlich erst in jüngster Zeit herausgebildet.

Postsowjetische Migranten bilden die größte Zuwanderergruppe in Deutschland. Trotzdem ist das öffentliche Interesse an ihnen gering. Für viele sind sie „die Russen“ geblieben. Warum?

Dass sie pauschal als Russen wahrgenommen wurden, lag einerseits daran, dass sie bei ihrer Ankunft zu Beginn der 1990er Jahre sich primär der russischen Sprache bedienten. In der deutschen Öffentlichkeit wurde das fälschlicherweise so wahrgenommen, dass sie daher Russen sein mussten. Den Leuten war nicht bekannt, dass Russisch im Vielvölkerstaat Sowjetunion zwar die Lingua franca war, die Leute sich in vielen Fällen aber weiterhin in ihren ethnonationalen Kategorien identifizierten. Zudem gerieten „die Russen“ im Migrationsdiskurs recht schnell in Vergessenheit. Noch in den 1990er Jahren wurden insbesondere den Spätaussiedlern viele Probleme zugeschrieben. Sie galten häufig als delinquent, arbeitslos und drogensüchtig. Seit der Jahrtausendwende sind sie aber aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Zum Teil, weil sich die Probleme lösten. Zum Teil, weil kein Interesse mehr daran bestand. Zudem wurde im Zusammenhang mit der Migration das Thema Islam so übermächtig. Die postsowjetischen Migranten wurden relativ unsichtbar. Dies wurde auch dadurch befördert, dass diese Zuwanderer phänotypisch oft nur wenig auffielen und gerade bei den Spätaussiedlern ein ausgeprägter Wille zur Assimilation da war.

In Ihrem Buch beschreiben Sie enttäuschte Erwartungen der deutschen Gesellschaft an die Migranten aus der früheren Sowjetunion. Sie hätten den Ansprüchen der Deutschen nie gerecht werden können. Was waren das für Vorstellungen?

Für beide Gruppen wurden von vornherein Zerrbilder gezeichnet, die wenig realistisch waren. So gab es zum Beispiel bei den Spätaussiedlern von Regierungsseite die Erwartung, dass gewissermaßen vorbildliche Deutsche kommen, die deutscher sind als die Deutschen in Deutschland selbst. Also fleißige, gläubige Familien mit vielen Kindern, die sich ihre Traditionen vorbildlich bewahrt haben. Das war so ein Diskurs mit völ­kischen Untertönen. Die dann real kamen, waren in der Wahrnehmung vieler Menschen Russen, die oft große Startschwierigkeiten hatten, was in nicht so wenigen Fällen zu Phänomenen wie Alkoholismus führte. Da schlug das positive Zerrbild um in ein negatives Gegenbild vom saufenden, prügelnden Russen. Bei den Juden war das Stereotyp ein bisschen anders. Der Anspruch war, dass besonders intelligente und gebildete Kulturmenschen kommen, die das deutsch-jüdische Geistesleben wiederbeleben könnten. Das entsprach insofern der Realität, als tatsächlich viele hochgebildete Migranten zuwanderten. Doch viele konnten in ihren intellektuellen Berufen gar nicht arbeiten, weil ihre Diplome nicht anerkannt wurden. Und so schlugen die überzogenen Erwartungen dann teilweise in Verdächtigungen um, dass es sich eigentlich um gar keine richtigen Juden handele. Viele hätten einfach ihre Papiere gekauft und seien tatsächlich Russen. Die unrealistischen Vorstellungen über beide Gruppen wurden von Zerrbildern ersetzt, die ebenso wenig der Realität entsprachen. In beiden Fällen fielen die realen Menschen in der Wahrnehmung hinten runter.

Spätestens seit dem Fall des angeblich vergewaltigten Mädchens Lisa (2016) wird der postsowjetischen Community eine besondere Vorliebe für die AfD nachgesagt. Stimmt das?

Nur zum Teil. Umfragen zeigen, dass es in dieser Gruppe einen überdurchschnittlichen Zuspruch zur AfD gibt. Bei der Gesamtbevölkerung lag der Wert bei der letzten Bundestagswahl bei 12,6 Prozent. In einer von mir und einem Kollegen durchgeführten Studie haben allerdings bis zu 17 Prozent der postsowjetischen Migranten zumindest die Absicht geäußert, die AfD zu wählen. Und die Werte steigen, verstärkt seit der Flüchtlingskrise 2015. Das ist ein Prozess, der sich innerhalb des konservativen Teils der postsowjetischen Wählerschaft vollzieht. Die lange sehr dominante Stellung der CDU bröckelt. Sie hat in hohem Maße Stimmen und Wähler an die AfD verloren. Jedoch ist sie nach wie vor stärker als die AfD. Das ist der wahre Kern. Allerdings hat die Community diesen starken Rechtsschwung nicht insgesamt vollzogen. Umfragen bestätigen, dass es seit Jahren einen konstanten Anteil von Wählern gibt, der Parteien links der Mitte wählt. SPD, Grüne und Linkspartei. Dieser Wert liegt knapp über 40 Prozent. Aber über diese Wähler redet nie jemand. Es wird immer nur auf die andere Seite geschaut. Insgesamt haben wir es mit einer Wählerschaft zu tun, die sich stark ausdifferenziert hat.

Jannis Panagiotidis: Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung. Mit einem Vorwort von Sergey Lagodinsky. Beltz Juventa, Weinheim November 2020, 246 Seiten,
19,95 Euro. (Foto: Beltz-Verlag)

Russlanddeutsche und rus­sische Juden wurden von anderen Zuwanderern lange als privilegierte Migrantengruppe wahrgenommen. Wie kam es dazu?

Zunächst einmal waren beide Gruppen mit sicheren und unbefristeten Aufenthaltstiteln ausgestattet. Die Spätaussiedler sogar mit der deutschen Staatsbürgerschaft. Der zweite Aspekt war, dass beide Gruppierungen zu einem Zeitpunkt Integrationshilfen und Sprachkurse bekamen, als das in Deutschland kein Standard war. Deutschland begriff sich nicht als Einwanderungsland und die postsowjetischen Zuwanderer nicht als Migranten. Die Spätaussiedler wurden als deutsche Heimkehrer betrachtet. Die jüdische Zuwanderung begriff man als bestimmte Form von Wiedergutmachungsmigration. Anfang der 1990er kamen aber auch viele Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende nach Deutschland. Obendrein lebten bereits mehrere Millionen sogenannter Gastarbeiter seit Jahrzehnten ohne einen Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft im Land. Wegen der Gleichzeitigkeit dieser Prozesse war die Wahrnehmung dieser Privilegierung stark ausgeprägt.

Sie schreiben aber auch von Opfern und einem hohen Preis, den Migranten aus der früheren Sowjetunion für die Integration erbringen mussten. Was ist damit gemeint?

Die postsowjetischen Migranten erlitten einen sozialen Statusverlust, der mit Migration häufig einhergeht. Zwar hatten Spätaussiedler das Recht, ihre Studien- und Berufsabschlüsse auf Gleichwertigkeit überprüfen zu lassen. Doch diese Überprüfungen gingen oft nicht positiv aus. Noch schlimmer war es bei den Kontingentflüchtlingen, welche oft über hohe Bildungsabschlüsse verfügten. Diese wurden in Deutschland nicht anerkannt, weil die Kontingentflüchtlinge keinen Anspruch auf diese Prüfung hatten. Da wurde viel Potential verschleudert. Beide Gruppen konnten in beruflicher Hinsicht lange gar nicht oder nur sehr schwer Fuß fassen. Gerade bei den Kontingentflüchtlingen lag die Arbeitslosenquote über Jahre im zweistelligen Bereich. Viele stehen im Rentenalter nun vor der Altersarmut, weil ihre Arbeitsjahre aus der ehemaligen Sowjetunion nicht anerkannt werden und sie in Deutschland nicht viel in die Kassen einzahlen konnten. Bei den Spätaussiedlern werden die Arbeitsjahre in der Sowjetunion immerhin zum Teil anerkannt, inzwischen ist ihre Arbeitslosenquote niedrig. Aber auch bei ihnen ist die Altersarmut auf dem Vormarsch. Viele haben gebrochene Erwerbsbiografien, weil die Arbeitsmarktintegration nicht so reibungslos klappte. Das ist der Preis, den die Menschen letztendlich bezahlt haben.

Die Fragen stellte Birger Schütz.

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„Für uns ist das wie ein Schatz“ https://mdz-moskau.eu/plautdietsch-in-russland/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=plautdietsch-in-russland Fri, 22 Jan 2021 12:52:43 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17509 Ist es eine eigene Sprache oder ein deutscher Dialekt? Sicher ist: Plautdietsch ist eine Variante des Niederdeutschen, Mennoniten haben sie einst ins Russische Reich gebracht. Wo Plautdietsch heute noch lebendig ist, wird es mit Liebe gepflegt.

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Sprachwissenschaftlerin Ekaterina Liebert (Mitte links) zu Gast bei den Kindern und Jugendlichen in Neudatschino (Foto: Privat)

„Morjes, Tjinja!“ – „Morjes, Sara Petrowna!“ So klingt es, wenn Sara Töws und die zehn Kinder ihres Sprachclubs in Neudatschino sich begrüßen. Man hätte vielleicht noch eher einen hessischen oder schwäbischen Dialekt erwartet hier zwischen Omsk und Nowosibirsk in Westsibirien, doch die Pädagogikstudentin spricht Platt. Ein knappes Drittel der 556 Einwohner des Dorfes spricht die Sprache, die sich Plautdietsch nennt. Und zehn der kleinsten treffen sich bei Sara Töws im Plautdietschen Sprachclub in der Dorfschule.

Sara ist selbst hier aufgewachsen, Plautdietsch ist ihre Muttersprache. So war sie die ideale Besetzung, als 2018 der Internationale Verband der Deutschen Kultur (IVDK) grünes Licht gab, die Einrichtung eines Sprachclubs zu unterstützen. „Für uns ist das wie ein Schatz“, sagt Elisabeth Steffen, die seit Jahrzehnten an der Schule Deutsch unterrichtet, „denn der Dialekt geht in den letzten Jahren mehr und mehr verloren. Vielleicht werden so die Kinder noch etwas davon behalten.“

Ursprünge im Weichseldelta

Dabei waren am Ende der Sowjetzeit noch fast alle Einwohner von Neudatschino Plautdietsche. Wie viele andere Russlanddeutsche leben die meisten von ihnen heute in Deutschland. Doch ihre Geschichte unterscheidet sich grundlegend von der Mehrheit der Deutschen in Russland. Und sie ist, wie auch ihre Sprache, unmittelbar mit ihrem mennonitischen Glauben verbunden.

Viele von ihnen siedelten sich im 16. und 17. Jahrhundert im zu Polen gehörigen Weichseldelta an, wo sie Religionsfreiheit genossen. Und dort ist die Wiege der Plautdietschen Sprache. Als das Siedlungsgebiet Ende des 18. Jahrhunderts an die Preußische Krone fiel, sahen sich die Mennoniten zur Auswanderung gezwungen. Ihre pazifistische Theologie war nicht mit dem Militärstaat Preußen vereinbar. Sie fanden eine neue Heimat im Zarenreich, wo ihnen neben Religionsfreiheit auch die Befreiung vom Militärdienst garantiert wurde.

Viele wanderten nach Amerika aus

Um die 100.000 Menschen waren es, so die Historikerin Oksana Besnosowa, die damals zunächst in die heutige Ukraine übersiedelten. Sie bildeten eigene Kolonien und blieben weitgehend unter sich. Weitere Siedlungen entstanden in den Regionen Samara und Orenburg, auf der Krim und in Sibirien, so auch Neudatschino.

Doch schon in den 1870er Jahren zog es erste Russlandmennoniten wieder fort. Die Militärreform sah nun doch den Wehrdienst für alle vor. Und obwohl gar ein Ersatzdienst für die Mennoniten geschaffen wurde, verließen viele das Land in Richtung Amerika, wie Oksana Besnosowa berichtet. Noch mehr folgten schließlich nach der Oktoberrevolution. Kanada, die USA, Mexiko, Brasilien und Paraguay waren ihre Ziele.

Noch etwa 2000 Plautdiesch-Sprecher in Russland

Die strenger Gläubigen emigrierten zuerst, wer sich dagegen mit dem sozialistischen Regime arrangieren konnte, neigte eher zum Bleiben. So sind die Mennoniten in Lateinamerika heute deutlich konservativer. Ähnlich den Amish People lehnen sie jegliche moderne Technik ab. „Die Mennoniten in Russland sind da anders. Die Jugend will auch meist keine Trachten mehr tragen, ganz im Gegensatz etwa zu Para­guay“, sagt Oksana Besnosowa.

Wie viele Plautdietsch-Sprecher heute noch in Russland leben, sei nur schwer zu ermitteln, so die Historikerin: „Bei der letzten Volkszählung bekannten sich im ganzen Land vier Personen als Muttersprachler.“ Noch immer trauen sich offenbar viele nicht, sich zu ihren deutschen Wurzeln zu bekennen. Die Repressionen der Sowjetzeit wirken nach. „Es dürften aber grob 2000 sein“, fügt sie hinzu.

Plautdietsch als gemeinsame Basis

Eine davon ist Nadja Kalinina. Die Redakteurin der Website „rusdeutsch.de“ wurde im Dorf Podolsk in der ehemaligen Mennonitenkolonie Neu-Samara in der Region Orenburg geboren. „Wir lebten bei den Großeltern, unsere Umgangssprache zuhause war Plautdietsch. Russisch lernte ich erst später im Kindergarten.“ Wenn sie heute ihre Mutter besuche, mache es sie fast ein wenig traurig. „In meiner Kindheit konnte ich dort fast auf jedem Hof meine Muttersprache hören, heute sind fast alle ausgewandert.“ Die Architektur, das Museum und einige ältere Bewohner erinnern noch an früher. „Und dann freut es mich doch immer wieder, wenn ich auf der Straße oder in einem Geschäft ein bekanntes Gesicht treffe und ein wenig Plautdietsch sprechen kann.“

Das kann sie übrigens auch in Deutschland, wie sie erzählt: „Oft können die Kinder der dortigen Verwandten nur Deutsch und Plautdietsch. Meine Nichten in Russland wiederum sprechen nur Russisch und Plautdietsch. Also ist unsere Umgangssprache bei Besuchen immer Plautdietsch. Ja, auch mit unseren Verwandten in Kanada sprechen wir so.“ Und was für Nadja besonders faszinierend war, sie kann auch mit Menschen aus dem fernen Sibirien in ihrem heimischen Plautdietsch sprechen. „Ich war 2012 dort zum ersten Mal dienstlich und habe seither viele Leute kennengelernt. Pädagogen haben dort eigene Materialien für den Kindergarten erarbeitet“, berichtet sie begeistert.

Ein Leseheft für Muttersprachler

In Solnzewka in der Region Omsk zum Beispiel wurde im Kindergarten zunächst Hochdeutsch angeboten. Doch die Kinder sprachen mit den Pädagogen stets Plautdietsch. Daher hat man sich dazu entschieden, ihre Muttersprache aufzugreifen, auf spielerische Art und Weise.

Ein eigenes Leseheft in Plautdietsch hat schließlich die Germanistin Ekaterina Liebert aus Nowosibirsk herausgegeben. „Ich habe es schon 2017 zusammen mit meinem wissenschaftlichen Lehrer und Freund Igor Kanakin geplant. Doch dann erkrankte er schwer und in meiner Trauer dachte ich, ich würde das nie alleine schaffen“, sagt sie. Doch dann haben ihr Leute aus den Dörfern Hilfe angeboten und haben ihr Texte als Sprachnachrichten geschickt.

Auch eine CD ist geplant

„Da stand ich schon vor dem nächsten Problem: Wie schreibt man Plautdietsch?“ Ekaterina holte sich Hilfe in Deutschland. „Der Germanist Heinrich Siemens, selbst Plautdietscher, hat ein Schriftsystem entwickelt, das sich eng ans Deutsche anlehnt. Er hat die Texte korrigiert.“

Die Kinder des Plautdietsch-Clubs in Neusatschino (Foto: Privat)

Siemens hat das Heft dann auch gleich in seinem Verlag in Bonn herausgegeben. Und in Neudatschino arbeitet Sara Töws auch damit. Doch einige der Muttersprachler tun sich mit den Schreibweisen schwer, so Ekaterina Liebert. „Es ist nun einmal eine gesprochene Sprache.“ Deshalb wird sie das Material bald auch als CD herausgeben. „Die Aufnahmen sind schon fertig“, sagt sie.

Der Sprachclub zeigt derweil Wirkung. „Sara, du machst zu viel“, bekam die Leiterin des Clubs jüngst von ihrer Kollegin zu hören, „deine Kinder sprechen bei mir im Deutschunterricht dauernd auf Plautdietsch!“

Jiří Hönes

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Endstation für einen Außenseiter? https://mdz-moskau.eu/rigaer-bahnhof-enstation-fuer-einen-aussenseiter/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=rigaer-bahnhof-enstation-fuer-einen-aussenseiter Thu, 14 Jan 2021 12:20:38 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17496 Unter Moskaus Fernbahnhöfen hat er schon lange eine Sonderrolle. Vom Rigaer Bahnhof fährt zurzeit nur ein einziger Nachtzug, ansonsten herrscht hier gespenstische Stille. Bald könnte nach 120 Jahren ganz Schluss sein.

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Dampfzug am Rigaer Bahnhof
Der Rigaer Bahnhof wird gerne für Nostalgiefahrten benutzt. (Foto: Jewgenij Bijatow/ RIA Nowosti)

Wer heute in die majestätische Halle des Empfangsgebäudes eintritt, der sieht in aller Regel mehr Sicherheitspersonal als Fahrgäste. Keine Zeitschriften, keine Souvenirs, keine Piroggen, es gibt lediglich ein paar Snacks am Automaten. Von den Fahrkartenschaltern hat auch nur einer offen, Kundschaft gibt es nur selten, der Warteraum ist verschlossen. Der im neobyzantinischen Stil errichtete Prachtbau des Rigaer Bahnhofs dient zurzeit der Abfertigung eines einzigen Nachtzugs. Der fährt meist nach Welikije Luki, an manchen Tagen weiter nach Pskow und an anderen überhaupt nicht. Der tägliche Zug nach Riga ruht, wie der gesamte internationale Personenzugverkehr, seit Beginn der Corona-Pandemie.

Unter den Moskauer Fernbahnhöfen nimmt der Rigaer Bahnhof schon lange eine Sonderstellung ein. Die 1901 eröffnete Station liegt deutlich weiter draußen und ist nicht wie die anderen mit der Ringlinie der Metro zu erreichen. Ganze zwei Gleise liegen hier.

Fernbahnhof mit familiärer Atmosphäre

Schon zu Sowjetzeiten ging es etwas ruhiger zu, wie sich unser Chefredakteur Igor Beresin erinnert: „Seit 1983 fuhren wir regelmäßig aufs Dorf, wo wir ein Bauernhaus gekauft hatten. Schon damals gab es nur wenige Züge, den nach Riga und den „Welikolukskij“, der an jeder Ecke hielt. Mit diesem fuhren wir bis zur Station Sapadnaja Dwina. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir alle Menschen, die dort am Bahnhof stehen, irgendwie bekannt sind. So etwas gab es an keinem anderen Bahnhof in Moskau.“

Mittlerweile ist es auch im Nahverkehrsteil des Rigaer Bahnhofs recht ruhig geworden. Seit vor etwa einem Jahr die S-Bahn MZD eröffnet wurde, fahren die meisten Elektritschkas weiter zum Kursker Bahnhof. Nur noch etwa 15 Züge enden täglich an der Station, die vom Fernbahnhof räumlich getrennt ist und zwei eigene Gleise sowie ein eigenes Gebäude hat.

Provisorium für die S-Bahn

Ende November tauchte nun auf dem Fachforum „Rail-Club.ru“ eine Meldung auf, die viele als das nahende Ende des Rigaer Fernbahnhofs auffassen: Der Fahrkartenverkauf soll Anfang März eingestellt werden. Der verbliebene Zug wird von da an vermutlich vom Belarussischen Bahnhof aus fahren. Im Fahrplan ist er zum letzten Mal am 24. Februar verzeichnet.

Der Grund dafür sind Bauarbeiten. Die MZD-Strecke zum Kursker Bahnhof wird auf vier Gleise erweitert. Dazu muss sie hin und wieder gesperrt werden. Die MZD-Züge müssen dann alle am Rigaer Bahnhof enden und wieder zurückfahren. Dazu werden die Gleise des Fernbahnhofs gebraucht. Es entsteht momentan sogar ein provisorischer Bahnsteig aus Holz. Der Zug nach Welikije Luki wäre da nur im Weg.

Ist die Schließung nur vorübergehend?

Doch wie geht es dann weiter? Alexander Tschekmarew von der Moskauer Universität für Verkehrswesen (MIIT) geht davon aus, dass der Zug nach Abschluss der Bauarbeiten wieder zurückverlegt wird, wie er gegenüber der MDZ mitteilt. Die Ausweichroute sei länger und unattraktiv für die Fahrgäste.

Im Internet befürchten viele jedoch das Ende des Bahnhofs, zumal nicht bekannt ist, ob und wann die Lettischen Eisenbahnen den Zug nach Riga wieder in Betrieb nehmen. Eine Online-Petition zur Rettung des Rigaer Bahnhofs hatte im Januar jedenfalls bereits knapp 5000 Unterzeichner.

Jiří Hönes

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Archiv der Emotionen https://mdz-moskau.eu/archiv-der-emotionen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=archiv-der-emotionen Wed, 13 Jan 2021 08:21:09 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17492 Wie erging es den Menschen während der Selbstisolation im Frühjahr? Das wollten zwei Kuratoren wissen und baten die Moskauer, ihre Geschichten aufzuschreiben. Die Texte sind Teil des „Museums der Isolation“, das online einen Einblick in das Leben während der ersten Corona-Welle gibt.

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Die Ausstellung im Museum Moskaus zeugt davon, wie sehr sich die Selbstisolation in das Gedächtnis der Moskauer eingebrannt hat (Foto: Alexander Awilow/ AGN Moskwa)

Eigentlich sollte es ein Forschungsprojekt sein, herausgekommen ist eine Art Psychotherapie, meinen Anna Trapkowa und Dmitrij Chankin. Die Idee zum „Museum der Selbstisolation“ kamen der Generaldirektorin des Museums Moskaus und dem Inhaber der Galerie Triumph im Juni, als sie sich bei einer Ausstellung über die Selbstisolation in der Galerie trafen. Kurz darauf riefen sie die Moskauer auf, Gegenstände aus dem Frühling zu stiften und ihre Geschichten aufzuschreiben. Wenn alles nach Plan läuft, soll das „Museum der Selbstisolation“ am 15. Januar für Besucher geöffnet werden. Bereits jetzt kann man die Geschichten über die Gefühlswelten der Moskauer online lesen. Die MDZ veröffentlicht Auszüge aus der Sammlung.

Ruhe

Die Selbstisolation war für mich ein lang erwartetes Innehalten. All die Einflüsse, die auf einen einprasseln, sind kaum zu verarbeiten. Und dann noch die täglichen Entscheidungen: gehen oder nicht, kaufen oder nicht, lesen oder nicht. In der Erinnerung klingt es komisch, aber ich war irgendwie bereit für die Selbstisolation und habe auf sie gewartet. Ich wollte überhaupt nicht aus dem Haus gehen, Bewegung hat mich irritiert, der Kopf war vernebelt. Den ersten Monat waren wir auf der Datscha und kamen dann zurück in unsere kleine Wohnung. Mein Mann und ich hatten Angst vor der Enge, aber es hat irgendwie geklappt. Wir sind uns näher gekommen als früher.

Ein regelmäßiger Rhythmus, eine begrenzte Zahl von Aufgaben, gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge am Wochenende. All das hat uns geholfen, Kraft zu sammeln und uns gegenseitig zu stärken.
In den ersten Tagen der Selbstisolation war ich voller künstlerischer Energie. Der Gedanke, dass Hunderttausende gerade in derselben Situation sind, hat mich aufgeputscht. Ich habe gemalt und fotografiert und Ausstellungen für mich selbst in der Wohnung organisiert.

Ich bin froh, dass die Selbstisolation vorbei ist. Für mich war sie sehr wichtig, aber jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Ich glaube, es wäre schwer, wieder in diesen Zustand zurückzukehren. Ich fühle mich wie ein Zug, der gerade Fahrt aufnimmt
Dana Schift

Interesse

Ich habe gleich zu Beginn der Selbstisolation jegliche Arbeit verloren. Ich arbeite beim Film und die Aufnahmen zum Projekt gingen bis genau bis zu dem Moment, als in Moskau die Quarantäne eingeführt wurde. Die Selbstisolation 2020 stellte an mich klare Bedingungen: Leben, ohne aus dem Haus zu gehen, ohne den Überblick zu verlieren und ohne verrückt zu werden.

Ich erinnere mich gut an den Tag Ende Mai, als ich mit meiner Mutter telefonierte. Ich sagte ihr, dass ich jetzt unsere Großeltern verstehe, die sich weigern, Kriegsfilme zu schauen und von ihren Erfahrungen an der Front zu erzählen. Ende Mai fanden viele Online-Gespräche und Zoom-Vorstellungen zur Pandemie statt. Ich wollte das alles aktiv nicht sehen. Ich war der Meinung, dass die erlebte Erfahrung zu intim ist, um daraus Klatsch und Tratsch für alle zu machen.

Am Tag nach dem Gespräch mit meiner Mutter kam mir das erste Bild über die Corona-Quarantäne in den Sinn. Und dann kamen immer mehr. Ich verstand, dass ich sie zeichnen und zeigen muss. Das siebte Bild entstand an dem Tag, an dem die Beschränkungen aufgehoben wurden. Und ich fuhr das erste Mal nach zwei Monaten wieder ins Zentrum. Das achte und letzte Bild entstand Ende August, nachdem Gerüchte über eine zweite Welle aufkamen.
Anastassija Stepanowa

Neugier

Ich kam einen Tag, bevor die Grenzen geschlossen wurden, nach Moskau und habe 14 Tage zu Hause verbracht, ohne vor die Tür zu gehen. Es schien so, als hätte sich die Stadt von meinem Haus losgelöst. Und ich konnte wie aus einem Zuschauersaal von meinem Balkon auf ein Leben schauen, das unerreichbar war, in einer Stadt, die ich kaum erkannte.

In diesen drei Monaten hat sich mein Sinn für den Raum geschärft: für das eigene Zimmer, die Wohnung, das Haus, von dem man sich nicht mehr als 100 Meter entfernen durfte. Zwangsläufig setzt man sich mit ihm auseinander, man geht nicht einfach mehr morgens und abends schnell durch. An einem Tag bin ich durch den gesamten vierzehngeschossigen Plattenbau gestreift, in dem ich lebe. Ich habe mir auf den Etagen die Treppenläufe und -absätze und die Türen meiner Nachbarn angeschaut.

Ich bin um das Haus gegangen und habe dabei auf die Details in der Fassade geachtet. Ich habe die Nachbarn beobachtet, wie sie aus den Fenstern schauen und die Katzen auf dem Fensterbrett. Und habe mich an den Blumen erfreut, die jemand mit Sorgfalt vor dem Haus gepflanzt hat.
Maria Sakirko

Sorge

Die Firma, in der ich früher gearbeitet habe, schickte zwei Wochen vor Beginn der allgemeinen Psychose alle Mitarbeiter ins Homeoffice. Dann wurden wir nach und nach entlassen. Sie spürten wohl, dass eine Krise hereinbrechen wird. Ich wurde als erste in einem Zoom-Gespräch entlassen. Die Kamera war dabei aus und ich war froh, dass sie mich nicht heulen sehen konnten. Als ich grade meine Eltern anrief, bekam ich eine Nachricht von einer weltbekannten Seite. Es war eine Einladung zum Bewerbungsgespräch.

Die Firma verstand, dass sich die Welt ändert und sie brauchten jemanden wie mich. Und ich war frei. Als ich dort anfing, begann die Selbstisolation. Anscheinend kann man mich weder normal feuern noch einstellen.
Ich war nur eine halbe Stunde arbeitslos – entlassen wegen der Pandemie und eingestellt wegen ihr.
Anonym

Glück

Es gab mehrere Phasen der Erkenntnis. Von Witzen über Klopapier und Buchweizen bis zum panischen Wunsch, zuhause zu sitzen und Lebensmittelverpackungen mit Seife abzuwaschen. Später habe ich mich mit der Situation abgefunden und fand Gefallen daran, nur mit der Familie zusammen zu sein. Kurz vor meinem Geburtstag am 27. März entschied ich, mit den beiden Kindern zu einer Freundin nach Krasnodar zu fahren. Doch nach fünf Tagen wollte ich wieder zurück, aus Angst, mit den Kindern festzusitzen. Schließlich wurden die Nachrichten immer schlimmer.

Zuhause habe ich erstmal ein Gedicht geschrieben, um diese Zeit nicht zu vergessen. Ich habe versucht, meinen Sohn aufzuheitern, während er nicht in den Kindergarten konnte, leider erfolglos. Ich habe die Erziehung in meine Hände genommen und dabei viel gelernt. Wir haben mit der ganzen Familie gekocht und uns an uns selbst erfreut. Dabei haben wir gemerkt, dass wir eigentlich niemand anderen brauchen, um glücklich zu sein.

Im Mai sind wir auf die Datscha gefahren und haben die Selbstisolation bis zum 31. August verlängert. Ich liebe es, wenn viele Menschen um mich herum sind und reise auch gerne. Aber die Selbstisolation hat mich heruntergebracht.
Jekaterina Jurina

Zusammengestellt und übersetzt von Daniel Säwert.

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Gegen die Entfremdung https://mdz-moskau.eu/gegen-die-entfremdung/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=gegen-die-entfremdung Tue, 12 Jan 2021 18:47:23 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17464 80 Prominente aus Kultur und Politik haben bereits unterschrieben: Der Redenschreiber von Ex-Kanzler Helmut Schmidt will dem Jugendaustausch mit Russland neue Impulse geben. Reaktionen aus Moskau und Berlin auf die Initiative bleiben bisher aus.

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Dialog trotz Krise: Deutsche und russische Jugendliche diskutieren. (Foto: ugra-tv.ru)

Hackerangriffe auf den deutschen Bundestag, der Fall Nawalny, der Mord an einem georgischen Journalisten im Berliner Tiergarten und die aufgeladene Debatte um die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2: Die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sind auf einem historischen Tiefstand angelangt. Die Zeichen stehen auf Sturm, die Zeit für Verständigungsgesten scheint vorerst vorbei.

Momente der Begegnung schaffen

„Soll man etwa warten bis der günstigste Augenblick kommt?“, widerspricht Thilo von Trotha entschieden. „Man muss versuchen, solche Momente selbst herbeizuführen“, erklärt der Mitbegründer des Potsdamer Vereins „Europä­ische Gesellschaft“, welcher Ende November die Regierungen beider Länder zur Gründung eines Deutsch-Rus­sischen Jugendwerkes aufrief.

„Die Jugend ist die Zukunft und diese muss in einer positiven Weise gesteuert werden“, begründet von Trotha den Appell des im Oktober 2020 gegründeten Vereins, der die politische Entspannung in Europa befördern will. Deutsche und russische Jugendliche müssten mehr miteinander in Kontakt kommen.

Vorbild Deutsch-Französisches Jugendwerk

„Wer den anderen kennt, hat einen ganz anderen Blick auf die Welt“, glaubt der frühere Redenschreiber von Bundeskanzler Helmut Schmidt und verweist auf das Vorbild des deutsch-französischen Jugendwerkes, das die Verständigung zwischen den früheren Erzfeinden seit 1963 vorantreibt. „Ohne Hass, Verachtung und ohne sich abzuwenden.“

Ein Deutsch-Russisches Jugendwerk solle nicht in Konkurrenz zu bereits bestehenden Organisation wie dem Petersburger Dialog, dem Deutsch-Russischem Forum und vor allem der Hamburger Stiftung „Deutsch-Russischer Jugendaustausch“ treten, betont der 80-Jährige. „Im Gegenteil“, sagt er. „Wir stellen uns das so vor, dass die Stiftung aufgewertet wird zu einem Jugendwerk.“

Mehr Geld vom Staat

Der zentrale Vorteil eines solchen Schrittes: mehr Geld für den Austausch! „Die Zahlen sprechen ja für sich“, erklärt von Trotha mit Blick auf die Statistik. So unterstütze die Bundesregierung die Arbeit der Hamburger Stiftung „Deutsch-Russischer Jugendaustausch“ bisher mit einer Summe von rund zwei Millionen Euro pro Jahr.

Dies stehe in starkem Kontrast zu den wesentlich höheren Zuwendungen für die staatlichen Jugendwerke. So erhalte beispielsweise das deutsch-französische Jugendwerk rund 30 Millionen Euro Unterstützung pro Jahr, das deutsch-polnische Äquivalent werde mit immerhin zehn Millionen Euro jährlich gefördert. „Da sieht man schon die Dimensionen. Offenbar sieht die Bundesregierung ein Jugendwerk als vollwertige Form der Zusammenarbeit an“, argumentiert von Trotha. „Es ist eine Selbstbindung der Verwaltung.“

Austausch auch mit Kaukasus

Die zusätzlichen Mittel würden eine ganzheitliche Ausrichtung des Jugendaustausches ermög­lichen, argumentiert von Trotha. „Das heißt die Förderung von schulischem, außerschulischem und Hochschulaustausch, Berufsausbildung, Freiwilligendienst und interkulturelle Aus- und Fortbildungen sowie Sonderprojekte.“

Außerdem könnte sich das Jugendwerk auch bislang vernachlässigten Arbeitsbereichen widmen. „Wir würden zum Beispiel auch ein Thema wie Inklusion mit einschließen“, erklärt er. „Das gibt es bisher überhaupt nicht.“ Zusätzlich könnte auch der Austausch mit den russischen Regionen in der Arbeit des Jugendwerkes verankert werden. „Wenn einer kaukasischen Gemeinde das Geld für ein solches Projekt fehlt, könnte man das künftig regeln.“ Die Finanzen für das deutsch-russische Jugendwerk müssten Berlin und Moskau paritätisch aufbringen.

Die Politik schweigt

Die Reaktionen auf die Initiative fallen bisher verhalten aus. Zwar setzten 80 prominente Erstunterzeichner wie der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, der Russlandkorrespondent Christian Neef und der frühere Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen ihren Namen unter den Aufruf. Aktive russische oder deutsche Politiker äußerten sich bisher aber nicht zu dem Aufruf.

Thilo von Trotha lässt sich davon allerdings nicht entmutigen. „Wenn alle dafür wären, müssten wir ja gar nicht tätig werden“, gibt er sich kämpferisch. „Die Zeit arbeitet für uns!“

Birger Schütz

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Russland war sein Gipfel https://mdz-moskau.eu/russland-war-sein-gipfel/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=russland-war-sein-gipfel Thu, 07 Jan 2021 07:33:40 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17462 Er kämpfte sich durch Krisen, trieb die Lokalisierung voran und glaubte an den russischen Markt: Eine Dekade lang lenkte Marcus Osegowitsch das Russlandgeschäft von Volkswagen. Nun beendet er seine Zeit in Moskau.

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Erfolgreich auf dem russischen Automarkt: Marcus Osegowitsch (Foto: privat)

Bevor er so richtig ins Erzählen kommt, springt er schon wieder auf. Nein, gehen will er nicht gleich. Er bringt nur schnell die Kamera seines Smartphones in Anschlag und schießt fasziniert eine Serie von Fotos. Das Motiv, das ihn fesselt – die Spiegelung der berühmten Kreml-Ansicht vor der winterlichen Morgensonne in einer Hinterglasmalerei gegenüber dem Frühstückstisch im mondänen Moskauer Lokal „Dr. Schiwago“. Noch eine Erinnerung.

Ein Jahrzehnt an der Spitze der Volkswagengruppe

Denn Marcus Osegowitsch, hochgewachsen und durchtrainiert, energiegeladen und spontan, bodenständig und lebenslustig, verlässt dieser Tage Russland. Nach vollen zehn Jahren Verantwortung für die Geschicke der VW Group RUS – VGR, und dann auch in der GUS. Ein außergewöhnlich langjähriger Einsatz für Manager in seiner Position, als oberster Lenker für nicht weniger als sieben Konzernmarken: VW, Audi, Skoda, Bentley, Lamborghini, Ducati-Motorräder und VW-Nutzfahrzeuge.

Wer sich eine vertrauenerweckende Leadership-Rolle ans Revers heften will, sollte ja neben seiner vielschichtigen professionellen Qualifikation nicht nur eine offen-empathische, human-umsorgende Grundeinstellung, sondern am besten auch einen gesunden Sinn für Humor um sich herum versprühen. Und, weiß Gott, den legt er auch ganz offensichtlich an den Tag.

Auf den Charts seiner Schlusspräsentation während seiner Abschiedstournee in den letzten Wochen des Jahres 2020 für den weiten Kreis seiner geschäftlichen Partner und Freunde, seiner engsten Mitarbeiter von den Sekretärinnen bis zu den Vorreitern der verschiedenen Marken- und Geschäftsbereiche der VGR gestand er auch seine persönliche Körpergewichtsentwicklung über die Jahre: zum Start 2010 95 kg, mittendrin 106 kg – wohl zum Teil der „Kummerspeck“, heute am Ende fitte 93 kg.

Manager mit einem Lauf für Erfolge

Dazu haben vermutlich zwischendurch auch die so gut wie allabendlichen Diner-Verpflichtungen und seine sonstigen zahlreichen Restaurantbesuche als in den letzten fünf Jahren „Lokal-Single“ beigetragen – vorzugsweise die lecker-variantenreiche georgische Küche oder die im „Ruski“ auf 354 Metern Höhe. Von der gastlichen Stätte im Vorzeigeviertel „Moscow City“, die höchste in ganz Europa, lässt sich mit entsprechendem Weitblick beinahe die VW-Zentrale in Wolfsburg ausmachen.

Marcus Osegowitsch ist, wie Fakten und Zahlen aus seiner VGR-Verantwortungsdekade beachtenswert beweisen, ein offenbar gewieft-erfahrener Manager mit einem Lauf für Erfolge. Aber genauso ein respektierter, gar allseits beliebter Lenker, ein Anführer, der sich hierzulande nicht nur bereitwillige Follower herangezogen hat, sondern vielmehr andere Leader – und dazu Freunde gewinnen konnte.

Wobei für Letzteres hier der gegenseitige Vertrauensgewinn ohnehin seine Zeit brauche, aber wenn, dann für immer sei. Dabei kam ihm, so vermutet er, sein genetisches Familienerbe, getreu dem Namen Osegowitsch, durchaus zugute – im Sinne eines besseren Verständnisses slawischer Mentalitätseigenheiten. Denn seine Wurzeln liegen im Kroatischen, bis seine Vorfahren nach Österreich umzogen und seine Eltern schließlich nach München. Damit erklärt er auch weitere seiner hilfreichen Wesenszüge: „Deutsche Korrektheit gepaart mit österreichischem Charme“, eine günstige Kombination, die ihm durchaus auch im Umgang mit Russen dienlich gewesen sei.

Aus Bayern in die Welt

In der bayerischen Hauptstadt wurde er 1967 geboren, wuchs dort auf, machte sein Abitur und schloss danach die Technische Universität München als diplomierter Elektro­ingenieur ab. Erste Praxiserfahrungen erwarb er sich bei Agfa vor Ort. Wenig später setzte er aber noch ein zweites Studium drauf und machte seinen MBA an der London Business School.

Zweiseitig gut gerüstet entschied er sich für einen Anfang im strategischen Beratungsgeschäft. Als da nach einiger Zeit schließlich ein Auftragsprojekt aus der Automobilbranche hereinkam, entwickelte sich das für ihn dahingehend, dass er die Fronten wechselte – zu Volkswagen.

Marcus Osegowitsch, der auch im Präsidialrat der Deutsch-Russischen Handelskammer AHK in Moskau war, hinterlässt in seinem östlichen Riesensprengel nach zehn Jahren ein wohl bestelltes Feld – mehr zu Wohl als zu Wehe eines traditionellen, automobilen Weltkonzerns, der zentral seit Jahren eher von so einigen ernsthaft-gefährdenden, hausgemachten Krisen heimgesucht wird. Da müssen die rund 3000 Kilometer geografischer Distanz bisweilen einige beruhigende Wirkung gezeitigt haben. Hier im sich entwickelnden, östlichen Großmarkt konnte er sein Ding machen.

Faszinierender Markt mit unerschöpflicher Dynamik

Einige Kostproben seiner Erfolgsbilanz in einer gesamtwirtschaftlich und -gesellschaftlich sowie im eigenen Industriebereich immer wieder krisengeschüttelten Umgebung: Als besonders spannend, herausfordernd und letztendlich positiv, zumindest für ihn und Volkswagen, habe er selbst während des massiven Crashs genau in der Mitte seiner Amtszeit 2015 und der nicht enden wollenden Sanktionsspirale die unerschöpfliche Dynamik des Marktumfelds empfunden – ob rauf oder runter.

Von einem automobilen Marktvolumen von 1,3 Millionen Fahrzeugen hoch auf mehr als das Doppelte und heute wieder auf das Anfangsniveau seiner Amtszeit. Analog die VW-Gruppenverkäufe wie eine Achterbahnfahrt: von rund 130 000 2010 auf 316 000  zwei Jahre später, 2015  abgesackt auf 157 000 im letzten Jahr wieder rauf auf rund 219 000. Reine Nervensache.

In seinen zehn Jahren am Schalthebel kann Marcus Osegowitsch auf viele andere Leistungsparameter stolz sein, die er entscheidend beeinflussen konnte, so zählt er gerne auf: „1,8 Millionen Autos in Russland gebaut, von 2 Milliarden Euro Jahresumsatz auf 6 Milliarden hochgeschraubt, 1,3 Milliarden Euro investiert, von anfänglich drei auf 65 lokale Lieferanten aufgestockt und so sind jetzt über 60 000 Mitarbeiter „indirekt“ bei uns beschäftigt.“ Applaus verdient. Da hat die Zeit zum proper Russischlernen leider nicht gereicht, bedauert er.

Tiefe Zuneigung und ein russischer Roadtrip

Es sei früher einfach nie der richtige Zeitpunkt gewesen, sich von Russland zu verabschieden, erinnert er. Wenn es da mal Überlegungen gab, sei hier schon wieder etwas beruflich dazwischengekommen. Seiner Familie, Ehefrau Claudia, sie hatten sich durch das sportliche Hobby Handball schon als Studenten kennengelernt, und den beiden Kindern, Katharina, 19, und Alexander, 17, – „nomen est omen“ wirft er lachend ein – war das schon nach fünf Jahren gelungen.

Obwohl alle zusammen sich hier ausnehmend wohlfühlten und sogar an den Kauf eines eigenen Heimes in Moskau gedacht hätten. Sie alle liebten Stadt, Land und Leute und haben sich gemeinsam ihre tiefe Zuneigung sogar auch auf einer Tausende Kilometer langen Autotour von Wladiwostok im Fernen Osten bis in die sibirische Metropole Nowosibirsk erfahren.

Trotz seiner slawischen Gene und langen Lebenszeit in Russland bildet er sich keinesfalls ein, dieses Land und seine Leute gänzlich durchschauen und verstehen zu können. Nun ja, wer schon – viele Einheimische doch selber nicht. Da nimmt er Anleihe bei den geflügelten Worten des Literaten Fjodor Tjutschew, der schon im vorletzten Jahrhundert so etwas gesagt hat wie „Versuche nicht, Russland zu verstehen, Du musst es fühlen“.

Der russische Mount Everest

Er sei mit dem, was und wie er es tut, immer glücklich gewesen und habe beruflich mehr erreicht, als er je gedacht hätte, gesteht er mit einiger Dankbarkeit. Die Jahre in Russland hätten ihn, den passionierten Bergsteiger und alpinen Skiläufer, bildhaft gesprochen auf den beruflichen Mount Everest geführt. Ab jetzt und hier ginge es wohl an den Abstieg von den beruflichen Höhen, aber noch lange nicht bis ins Tal.

Wohin könnte nun der Weg nach 124 Monaten im Russischen weiter führen, für einen erst 53-Jährigen so erfolgsverwöhnten Lenker? Da lehnt er sich ganz entspannt zurück, sein freundlich-offenes Lächeln wird breiter. Natürlich weiß er das schon. Natürlich bei Volkswagen. Natürlich in einen anderen Markt. In Südfrankreich winkt zum Beispiel ein eigenes Ferienhaus. Nein, aber Frankreich ist es nicht, schmunzelt er, aber die Richtung stimmt wohl.

Jetzt geht es zu Weihnachten erstmal nach Hause, in den Kreis der geliebten Familie, in die geliebte Heimat München. Und dort zu einem guten Vierteljahr tief Luftholen. Dann wird die in Russland er- und überlebte, auch ihm eigene Dynamik ihn wieder einholen: Frank Sinatras „I did it my way“ heißt sein Lieblingssong. Und das wird er auch weiter tun, wo immer – auf jeden Fall das nötige Fortune dazu, Marcus Osegowitsch.

Frank Ebbecke

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In der Sackgasse: Wie die Russen zu ihrer Führung stehen https://mdz-moskau.eu/in-der-sackgasse-wie-die-russen-zu-ihrer-fuehrung-stehen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=in-der-sackgasse-wie-die-russen-zu-ihrer-fuehrung-stehen Tue, 05 Jan 2021 08:29:00 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17460 Zwei renommierte russische Forschungsinstitute haben genau nachgeschaut, was die Russen von ihrem politischen System und seinen Anführern halten. Positiv sind die Ergebnisse für Russlands Mächtige nicht - aber sie passen auch nicht in das Schwarz-Weiß-Schema der westlichen Russlandberichterstattung.

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In Russland wächst die Unzufriedenheit mit der Regierung. (Foto: culturavrn.ru)

Nicht nur für die russische Führung, sondern auch für die Weltpolitik ist es wichtig, wie die Russen über ihre Politik und Verwaltung denken. Welche Trends gibt es, wie wandelt sich das Bild? Der Kreml unterhält zur Beantwortung dieser Themen sogar eine Unterabteilung des Präsidentengeheimdienstes FSO, dem russischen Gegenstück zum „Secret Service“, deren Erkenntnisse streng geheim sind. Nur unzureichend bilden übliche Umfragen die Stimmungen ab. Ist ihr Ergebnis doch immer nur ein stark verkürzt dargestellter Ist-Zustand, der das „Warum“ mangelhaft beantwortet und kaum Perspektiven und Überzeugungen zeigt. Hierzu braucht es längere Gespräche mit den Leuten.

Zwei Untersuchungen mit Tiefgang

2020 wurden in Russland zwei solcher tiefer gehenden Studien von renommierten Fachleuten durchgeführt, deren Ergebnisse den geheimen Kreml-Dossiers sicher näher kommen, als die übliche Meinungsforschung. Zum einen führte die Forschungsgruppe Belanowskij im Frühjahr mit zahlreichen Russen lange Telefoninterviews, um die politische Stimmung im Land einzufangen. Zum anderen interviewte im Herbst eine Kooperation aus dem Carnegie- und dem Lewada-Zentrum weitere Russen, um herauszufinden, wie sich Leute mit ganz unterschiedlichen Überzeugungen die Zukunft des Landes vorstellen. Beide Einrichtungen achteten darauf, ihre Interviewpartner aus möglichst unterschiedlichen Milieus, Altersgruppen und Regionen zu wählen.

Bei einigen Themen stimmen nahezu alle befragten Russen überein. Sie sehen Inflation und niedrige Löhne als massives Problem ebenso wie die ungleiche Verteilung des Reichtums und mangelnden Umweltschutz, stellte das Carnegie-Zentrum fest. Die Bürokratie höre zu wenig auf die Menschen, meinten auch die, welche das System stützen. Die wirtschaftliche Situation sei schlecht – hier machen sich mehrere Jahre sinkender Reallöhne in Russland bemerkbar. An ernsthafte Erschütterungen der Macht in den nächsten Jahren glauben sie jedoch unabhängig von ihren Wünschen nicht.

Überraschende Gemeinsamkeiten und schwindende Unterstützung

Interessant ist, dass beide Studien bei den politisch denkenden Russen drei fast identisch große Gruppen ausmachten, die sich relativ scharf gegeneinander abgrenzen: Befürworter Putins, beim Carnegie-Zentrum Loyalisten genannt, linkspatriotische Traditionalisten, die sich laut beiden Untersuchungen in den letzten Jahren von der Regierung abgewandt haben, und Oppositionelle. Die erste Gemeinsamkeit zwischen den Untersuchungen ist, dass sie eine sinkende Unterstützung der Regierung in den letzten Jahren diagnostizieren – die linken Patrioten, die nun in Opposition stehen, werden bei Belanowskij sogar gleich als enttäuschte Putinanhänger bezeichnet.

Putin selbst steht dabei für die Russen – trotz seiner als Neuerungen vermarkteten Großprojekte wie der Verfassungsreform – als Bewahrer der bestehenden Zustände. In der Untersuchung des Carnegie-Zentrums glaubt keine Gruppe daran, dass es unter seiner Herrschaft große Veränderungen geben wird. Er ist der Garant der Fortsetzung – Stabilität oder Stagnation, je nach Ansicht und eine personelle Alternative sieht aktuell kaum jemand. Auch deswegen habe es gegen seine jüngste Amtszeitverlängerung laut Carnegie-Zentrum kaum aktiven Protest gegeben.

Guter Zar mit fehlendem Überblick?

Unterschiede bestehen darin, dass die Loyalisten nicht ihn, sondern sein Gefolge für Missstände verantwortlich machen. Für sie ist er ein guter Zar, der nicht alles im Auge haben kann, und weiter die beste Alternative. Das ist ein bedeutender Unterschied zu den sogenannten Traditionalisten, die den „guten Willen“ bei ihrem Präsidenten nicht (mehr) sehen oder ihn laut Belanowskij inzwischen als führungsschwach empfinden. Diese Gruppe der enttäuschten Anhänger taucht in beiden Studien auf, findet aber in der deutschsprachigen Medienberichterstattung kaum ein Echo – da sie nicht in die Schubladen „systemtreu“ oder „prowestlich“ passt.

Die Traditionalisten sind mit dem System zwar ähnlich unzufrieden wie Liberale, empfinden es als korrupt und morsch. Sie verbinden jedoch radikal linke und rechte Einstellungen zu einem eigenen Weltbild, das strikt antiwestlich und antiliberal ist. Sie wünschen sich weiter eine starke Hand in Russland, nur eben eine neue. Unter ihnen sind Sowjetnostalgiker ebenso wie vereinzelte Monarchisten. Viele befürworten Verstaatlichungen, um Oligarchen zu entmachten.

Sogar die Antiliberalen verlieren die Begeisterung

Belanowskij hält es für einen wichtigen gesellschaftlichen Vorgang, dass dem System diese an sich antiliberalen Anhänger verloren gegangen sind. Sie sind nicht die einzigen, denn im Gegensatz zum Carnegie-Zentrum hat er auch unpolitische Russen in seine Interviews mit einbezogen. Neben wirklich politisch Desinteressierten macht er bei diesen ebenfalls Gruppen mit oberflächlichem Politikinteresse aus, denen – im Gegensatz zur Phase nach der Angliederung der Krim – jede Regierungsbegeisterung abhanden gekommen ist.

Warum ist angesichts solcher Ergebnisse die Stimmung oberflächlich so ruhig, sind Proteste nur selten Massenphänomen? Großen Anteil daran haben die, die den Kampf gegen das System anführen müssten: die Oppositionellen. Sie eint der Wunsch nach mehr persönlicher Freiheit, einer entwickelten Zivilgesellschaft, einem Rechtsstaat und einem besseren Verhältnis zum Westen.

Uneinige und pessimistische Opposition

Doch da hören die Gemeinsamkeiten auf. Belanowskij sieht in ihren Reihen zahlreiche unterschiedliche Überzeugungen vom Sozialismus bis zum Liberalismus. Dies deckt sich mit einer Umfrage des Instituts WZIOM über die Anhänger der Opposition. Diese unterstützen in den Metropolen und unter Jüngeren liberale Parteien, auf dem Land und unter Älteren linke Bewegungen. Unter den Liberalen gibt es wiederum zahlreiche Gruppierungen von Marktradikalen bis zu Sozialliberalen. Auch sind nicht alle Oppositionelle aktiv. Viele sind pessimistisch, sehen Aktionen gegen das System als Kampf gegen Windmühlen.

Was bedeuten diese Studien für Russland? Die gesunkene Zustimmung zur Regierung, die beide in der Bevölkerung feststellen, steigert die Wahrscheinlichkeit unvorhersehbarer, regionaler Proteste. Die Unzufriedenheit fällt vielerorts auf fruchtbaren Boden, wie Chabarowsk zeigte. Die Regierung befindet sich, wie es das Carnegie-Zentrum ausdrückt, in einer Sackgasse, ein eindeutiges Zukunftsbild – abseits von der Führungsfigur im Kreml – fehle. Hier sollten die Mächtigen sich gegen die Stagnation stemmen, bevor ihr unbeweg­licher Apparat für eine Reform von innen zu morsch wird.

Roland Bathon

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Protagonisten von MDZ-Artikeln des Jahres 2020: So geht es ihnen heute https://mdz-moskau.eu/so-geht-es-den-protagonisten-von-mdz-artikeln-des-jahres-2020-heute/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=so-geht-es-den-protagonisten-von-mdz-artikeln-des-jahres-2020-heute Sun, 03 Jan 2021 19:38:10 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17451 Ein Schloss und seine guten Geister. Ein Schnitzelladen-Inhaber, der sich nicht weichklopfen lassen will. Ein Deutscher, der in Moskau an Covid erkrankte. Auch 2020 hat die MDZ wieder über Menschen und ihre Schicksale, ihre Sorgen und Leistungen geschrieben. Wie ist es einigen der Protagonisten im Weiteren ergangen?

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„Für uns ist jeder Tag ein Festtag“  

Die Sorokins sind eine fünfköpfige Familie, allein das ist selten genug. Aber geradezu einmalig an ihnen ist, dass sie sich in der Nähe von Kaliningrad um ein halbverfallenes Schloss aus deutscher Vorzeit der Region kümmern, damit es wieder in alter Schönheit erstrahlt. Dafür sind sie extra aus Belgorod südlich von Moskau in Russlands westlichste Region gezogen.

So sah Schloss Waldau im vergangenen Sommer aus. (Foto: Julia Lenkowa)

Wie kommt man wohl auf die Idee, in Eigeninitiative ein Schloss zu restaurieren? Nadeschda Sorokina überlegt einen Moment und sagt dann, das wisse sie eigentlich auch nicht so genau. „Vielleicht ist es so: Wir haben ein interessantes Leben. Wissen Sie, ich bin 41 Jahre alt und lerne jeden Tag etwas dazu.“ Bei einer Dienstreise in die Region Kaliningrad mit deren deutscher Vergangenheit als Teil von Ostpreußen wurden die Sorokins 2012 auf das rund 750 Jahre alte Schloss aufmerksam, das sich in einem bedauernswerten Zustand befand – und beschlossen, es auf Vordermann zu bringen. „Andere kaufen sich von ihrem Geld einen Cadillac oder machen Urlaub in Ägypten. Für uns ist hier jeder Tag ein Festtag“, sagt Nadeschda. Mit ihrem Mann Sergej Sorokin und den Kindern Sawelij, Pawel und Jelena lebt sie auf der Anlage in Nisowje (ehemals Waldau), einem Vorort von Kaliningrad – dem früheren Königsberg – zur Miete.

Ausgabe 1/2020 (Januar)

Den Bau hat die Familie schon mal aus seinem Dornröschenschlaf erweckt. Außen wie innen macht Schloss Waldau einen viel freundlicheren Eindruck als noch vor ein oder zwei Jahren. Er zieht Künstler und allerlei neugierige Besucher an. In manchen Räumen wird bereits musiziert, eine 3D-Ausstellung ist im Gange. Gegen einen kleinen Obolus können Gäste für eine Stunde in die Rolle des Schlossherren oder der Schlossherrin schlüpfen. Dafür bekommen sie einen Schlüssel, einen Mantel und Kerzen ausgehändigt.

In diesem Jahr wurde auf Schloss Waldau eine Folge der beliebten russischen TV-Serie „Nach den Gesetzen der Kriegszeit“ gedreht. Auch zwei gastronomische Fernsehsendungen wählten den Ort für ihre Drehs. Agro- und Gastrotourismus ist auch die Zukunft, die sich die Sorokins für ihr Schloss wünschen. Sie selbst bauen Waldau-Spargel an und hätten schon 2020 ein erstes internationales Spargel-Festival veranstaltet, wenn nicht die Pandemie ihnen in die Suppe gespuckt hätte. Nun soll es in diesem Jahr stattfinden.

Eine Ausstellung in alten Gemäuern (Foto: Andrej Anochin)

Ihre Erfahrungen teilen die Sorokins gern mit anderen. Im November begann ein Kurs, bei dem Sergej Sorokin zwölf Interessenten beibrachte, wie man historische Eingangstüren restauriert. Veranstalter war ein regionaler Fonds, der für die Sanierung alter Gebäude zuständig ist. Bisher wurden die Türen der Einfachheit halber meist ausgetauscht, Fachleute für die Arbeit mit ihnen gab es ohnehin nicht. Doch immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Region mit ihrer Vielzahl an Bauten aus deutscher Vorzeit einen Schatz besitzt, den es zu erhalten gilt. So original wie möglich.

Sohnemann Pawel versteht sich auf die Zubereitung des eigenen Waldau-Spargels. (Foto: Swetlana Slepenok)

Das Beispiel der Familie Sorokin macht dabei gerade Schule. Zuletzt hat die Region Kaliningrad ein Kreditprogramm für den Erhalt und Wiederaufbau historischer Bauten aufgelegt. Die Laufzeit liegt bei bis zu 15 Jahren, der Zinssatz bei null. Werden alle Bedingungen eingehalten, kann nach Entscheidung einer Kommission sogar die Hälfte der Kreditsumme erlassen werden. Nadeschda Sorokina hält das für einen richtigen und wichtigen Schritt. Schließlich gebe es der Gegend so viele Schlösser „wie Metrostationen in Moskau“.


„Wir haben gelernt, zu überleben“

Die Gastronomie gehört zu den Branchen, die am meisten unter der Pandemie leiden. Ausgerechnet jetzt muss sich Michael Reichel mit seinem Schnitzelstand behaupten, den er am 31. Dezember 2019 in Moskau eröffnete. Den Lockdown im Frühjahr überstand der Sachse, in Chemnitz geboren und seit seinem zweiten Lebensjahr in Russland, dank Lieferservice. Heute ist er für die Zukunft vorsichtig optimistisch.

Michael Reichel will sich mit „Karl Schnitzel“ durchbeißen. (Foto: Tino Künzel)

Es gab eine Zeit, da hätte man meinen können, das Gaststättengewerbe sei über den Berg. „Bis August“, sagt Michael Reichel, sei es nach dem Ende des Lockdowns immer weiter bergauf gegangen. Nicht, dass Normalität eingekehrt wäre, das nun nicht. Schließlich fehlten die ausländischen Touristen, fehlte auch der reguläre Messebetrieb. Doch die Lage entspannte sich so weit, dass Reichel mit seinem Schnitzelladen „Karl Schnitzel“ – Karl wegen Karl-Marx-Stadt, seinem Geburtsort – das erste Mal einen Gewinn erwirtschaftete. Es blieb in mittlerweile fast einem Jahr Betrieb der einzige Monat.

Bereits kurze Zeit später türmten sich neue Berge vor den Gastronomen auf und sie waren höher als die vorherigen. Schon bald nach Ende der Urlaubssaison wurden die Arbeitgeber in Moskau verpflichtet, ein Drittel ihrer Mitarbeiter ins Homeoffice zu versetzen. Auf der Bagration-Brücke zwischen Kutusow-Prospekt und Moskau-City, wo „Karl Schnitzel“ seine Gäste bedient, war das sofort zu spüren. Der November sei dann quer durch die Branche „ganz traurig“ gewesen, sagt Reichel. Da hätten alle Anti-Rekorde bei den Einnahmen aufgestellt. Auf der Fußgängerbrücke, die pro Tag im Schnitt von 13.000 Menschen passiert werde, sei zuletzt vielleicht noch halb so viel Betrieb gewesen. Und die nächsten Monate bis zum Frühjahr oder sogar Sommer würden noch mal hart. Während bei der Ausgangssperre von März bis Juni 2020 zumindest klare Verhältnisse geherrscht hätten und man sich vor diesem Hintergrund mit dem Vermieter auf günstigere Konditionen einigen konnte, sei die Situation nun ohne Ausgangssperre, aber auch fern der Normalität unübersichtlicher und schwieriger vorherzusagen, wie die Geschäfte laufen.

Ausgabe 9/2020 (Mai)

Dennoch ist der Kleinunternehmer nicht unzufrieden. Der gute Sommer habe gezeigt, dass das Geschäftsmodell funktioniere und man „am Markt angekommen“ sei. Beim Lieferservice – der teils für 70 bis 80 Prozent der Umsätze verantwortlich zeichnet – profitiere „Karl Schnitzel“ davon, bisher ein praktisch exklusives Produkt anzubieten. Es zahle sich auch aus, im Lockdown nicht auf die auf staatliche Hilfsmaßnahmen wie Miet- und Steuerstundungen zurückgegriffen zu haben. Denn diese Gelder würden nun Anfang des Jahres fällig. „Da werden wohl viele auf der Strecke bleiben“, meint Reichel.

Er denkt dagegen schon an den „nächsten Schritt“. Ohne Corona hätte man inzwischen vermutlich bereits den zweiten und dritten Stand eröffnet. So aber spielt Reichel mit dem Gedanken, Lebensmittelläden mit Tiefkühlschnitzeln zu beliefern. Einstweilen kommt man auch mit der „Schnitzelnaja“ auf der Bagration-Brücke über die Runden, am Monatsende steht eine Null in der Bilanz. Reichels Jahresfazit könnte sicher für viele gelten: „Wir haben gelernt, zu überleben.“


„Ich kann wieder 25 Meter tauchen“

Kai-Uwe Gundermann arbeitet für eine deutsche Unternehmensberatung, lebt aber mit Frau und Tochter in Moskau. Im April lag er hier mit Covid-19 zweieinhalb Wochen im Krankenhaus – erst in einem staatlichen, wo es ihm von Tag zu Tag schlechter ging, dann in der privaten russischen Medsi-Klinik. Dort kam er relativ schnell auf die Beine.

„Ich kann inzwischen wieder 25 Meter tauchen“, lacht Kai-Uwe Gundermann. Von seiner Covid-19-Erkrankung im Frühjahr hat er sich vollständig erholt. Dass er sich damals zunächst in ein staatliches Krankenhaus einweisen ließ, bezeichnet er heute als „Fehler“. In der privaten Medsi-Klinik habe er sich dann sogar besser aufgehoben gefühlt als in einer vergleichbaren deutschen Einrichtung. „Wie man sich dort gekümmert hat, das habe ich als Privatpatient in Deutschland so noch nicht erlebt.“ Sehr früh habe die Rehabilitation begonnen, auch Propolis zum Neuaufbau von Lungengewebe habe sehr geholfen. Und die Weiterbetreuung nach der Entlassung sei erstklassig gewesen.

Ausgabe 8/2020 (April)

Heute versucht Gundermann, Vernunft und Umsicht walten zu lassen. „Im Vergleich zu Deutschland sind wir hier ja gar nicht eingeschränkt. Aber ich gehe zum Beispiel nicht tagsüber ins Fitnessstudio, sondern morgens, nachdem ich meine Tochter, die die Deutsche Schule besucht, zum Schulbus gebracht habe.“ Man vermeide Einkäufe zu Stoßzeiten und bestelle sogar Lebensmittel bevorzugt online, auch auf die Datscha, die sich mehr als 20 Kilometer jenseits der Moskauer Ringautobahn in einer ländlichen Gegend befinde. „Das darf man in Deutschland, wo das bestenfalls in der Großstadt funktioniert, gar keinem erzählen. Hier wird man auch im Umland genauso tadellos beliefert wie in der Stadt, hat die große Auswahl und preiswert ist es auch noch.“

Tino Künzel

Запись Protagonisten von MDZ-Artikeln des Jahres 2020: So geht es ihnen heute впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.

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Frohe Botschaft (trotz allem): Was wir Positives aus diesem Seuchenjahr mitnehmen https://mdz-moskau.eu/frohe-botschaft-trotz-allem-was-wir-positives-aus-diesem-seuchenjahr-mitnehmen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=frohe-botschaft-trotz-allem-was-wir-positives-aus-diesem-seuchenjahr-mitnehmen Thu, 31 Dec 2020 15:27:12 +0000 https://mdz-moskau.eu/?p=17445 Ein denkwürdiges Jahr geht zu Ende. Mit einem alles beherrschenden Thema. Viel wird über das Leid, die Zwänge und Schäden gesprochen, die es mit sich gebracht hat. Gibt es auch etwas auf der Habenseite? Das wollten wir von Moskauer Deutschen in verantwortlichen Positionen wissen.

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2020 hinterließ auch in der Metro Spuren. (Foto: Sergej Kisseljow/AGN Moskwa)

Heike Uhlig, Direktorin des Goethe-Instituts Moskau

Heike Uhlig (Foto: Goethe-Institut)

Positiv ist, dass wir 2020 alle professioneller darin geworden sind, Begegnungen und Veranstaltungen im digitalen Raum zu organisieren. Es hat in vielen Bereichen einen wahren Digitalisierungsschub gegeben, der die Vorzüge der beiden Welten – digital und analog – sehr viel deutlicher werden lässt. Wir erreichen mit digitalen Formaten neue Zielgruppen und experimentieren mit neuen Formaten. Gleichzeitig wissen wir den Wert eines Austausches von Angesicht zu Angesicht umso mehr zu schätzen.
Aus diesem Jahr mit der Gewissheit zu gehen, in einem starken Team von Mitarbeiterinnen und Partnern zu arbeiten, das gibt mir Zuversicht für das neue Jahr, in dem das Deutschlandjahr in Russland in die Verlängerung geht, im wortwörtlichen Sinne.

Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland

Matthias Schepp (Foto: AHK)

In der Corona-Krise haben wir uns unsere Mitglieder und die deutschen Firmen in Russland zum Vorbild genommen. Nicht jammern, sondern Ärmel hochkrempeln war dort die Devise. Die Digitalisierung der AHK und der Delegation der Deutschen Wirtschaft haben wir noch einmal beschleunigt, alle Veranstaltungen auf online oder hybrid umgestellt und dadurch unsere Reichweite so vergrößert, dass die Zahl der Kammermitglieder von 900 auf 1000 stark anstieg. Krisenzeiten sind Kammerzeiten. Wenn es stürmt, stehen wir fester zusammen. Im Verbund mit der Deutschen Botschaft und der Lufthansa konnten wir seit dem Frühsommer über 750 Manager, Techniker und Familienmitglieder die Wiedereinreise oder Einreise nach Russland ermöglichen, nachdem die Grenzen als Teil der Anti-Corona-Maßnahmen geschlossen wurden.

Anne Hofinga, Vorstandsvorsitzende des „Centr Perspektiva“, Initiatorin und Verantwortliche Sekretärin des Deutsch-Russischen Sozialforums im Petersburger Dialog

Anne Hofinga (Foto: Petersburger Dialog)

Ich bin sehr stolz auf die Mitarbeiter meiner Wohltätigkeitsorganisation „Centr Perspektiva“ in Moskau. Sie haben im Lockdown große Kreativität entwickelt. In den Erfordernissen der Situation erkannten sie Chancen für die Zukunft. Auch künftig wird es russlandweit Online-Kursangebote für Senioren, Vorlesen via Internet von Senioren für Heimkinder und Online-Feste geben. Trotz Distanz gewannen wir neue Freiwillige. Der Radius unserer Tätigkeit hat sich stark erweitert. 

Mich beschäftigt, wie Kinder in einer Atmosphäre existenzieller Angst seelisch gesund bleiben können. Ihr Leben ist seit einem Jahr geprägt von immer neuen Schreckensmeldungen und allgegenwärtigen Monsterbildern des Virus vor angsterregenden Hintergründen. Jüngere Kinder werden von Masken zutiefst verunsichert. Wir wissen heute, dass sie an der Mimik ihrer Betreuer ablesen, ob sie sich sicher fühlen können. Bereits jetzt zeigen Kinder weltweit deutliche Verhaltensstörungen, die von einer immer tiefgreifenderen Traumatisierung sprechen. Auch nach der Pandemie werden wir noch jahrelang mit Traumafolgestörungen zu tun haben. 

Persönlich erlebte ich bei diesen Fragen, dass die Quelle aller Angst – diejenige um den Fortbestand des eigenen Selbst – versiegt, wenn man sich daran erinnert, dass der Tod nicht das Ende der Existenz bedeutet. Er ist der Übergang in meine eigentliche Heimat in der geistigen Welt, in der ich vor der Geburt schon war. Diese Gewissheit schenkt Ruhe und innere Freiheit.

Uwe Beck, Schulleiter an der Deutschen Schule Moskau

Uwe Beck (Foto: Tino Künzel)

Wir haben Dinge, die wir ohnehin stärken wollten, wie die Digitalisierung und das selbstständige Lernen, nach vorn gerückt. Am Anfang waren wir alle nicht zufrieden, wie das lief, aber letztlich hat uns diese nie dagewesene Extremsituation unheimlich gepusht. Es macht mich stolz, dass wir uns davon nicht unterkriegen lassen haben. Unsere Schule ist ein lebendiger Organismus, der gezeigt hat, wie widerstandsfähig er ist. Mir blutet zwar das Herz, dass es in diesem Jahr kein Willkommensfest und keinen Weihnachtsbasar in der gewohnten Form geben konnte. Aber dafür haben wir andere Sachen gemacht. Und unser Sicherheitskonzept greift. Von über 400 Schülern sind nur acht an Covid erkrankt.

Zusammengestellt von Tino Künzel

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