„Es ist alles da, was man braucht“: Ein Bremer über die Wolgastadt Kostroma

Nicht jeden, der zu spät kommt, bestraft das Leben. Bei Reiner Gumz (73) war es eher umgekehrt. Hätte er in Moskau nicht einen Flug verpasst, wäre er auf dem Flughafen nicht seiner späteren Ehefrau Olga begegnet. Und nicht von Deutschland nach Russland umgezogen, in ihre Heimatstadt Kostroma an der Wolga. Er sei „der Liebe wegen hier“, sagt der pensionierte Justizvollzugsbeamte aus Bremen. Ist er auch mit Kostroma glücklich geworden?

Nicht nur Supermärkte: In Kostroma wurden auch die traditionellen Handelsreihen restauriert und werden gern zum Einkauf genutzt. (Foto: Tino Künzel)

Herr Gumz, wie erleben Sie als Deutscher die Stadt?

Der erste Eindruck vor fünf, sechs Jahren war katastrophal. Es gab teilweise keine Bürgersteige und so manche Straße war nur ein Feldweg. Aber das hat sich mittlerweile alles zum Positiven gewandelt. Wenn man weiß, dass die Region Kostroma zu den ärmeren in Russland gehört, ist es umso erstaun­licher, was hier gemacht wird. Die Stadt hat sich gut entwickelt und es tut sich auch weiterhin viel.

Was denn zum Beispiel?

Voriges Jahr hat sich die Verkehrsanbindung nach Moskau verbessert. Bis dahin gab es nur Nachtzüge, jetzt verkehrt tagsüber die „Schwalbe“ (Anm. d. Red.: auf Russisch „Lastotschka“, ein Regionalexpress auf Basis des Siemens Desiro). Mit ihr ist man binnen vier Stunden in Moskau. Ein hochmoderner Zug, der täglich fährt und auch sehr gut angenommen wird. Das ist schon ein enormer Fortschritt.

Der öffentliche Nahverkehr in Kostroma ist auch supergut. Nicht so organisiert wie in Deutschland, aber dafür muss man an der Haltestelle nie lange auf den nächsten Bus warten. Abgesehen davon sind die Preise sehr niedrig. Sie werden zwar immer mal angehoben, aber aus Sicht eines Euro-Europäers macht sich das kaum bemerkbar.

Viele Einheimische zieht es nach Moskau. Sie auch?

Als Großstädter würde ich ehrlich gesagt Moskau vorziehen. Wir haben auch einige Jahre dort gelebt, bevor es für uns nach Kostroma ging. Aber ich bin da immer etwas hin- und hergerissen. Wir haben hier zum Beispiel eine Datscha direkt am Ufer der Wolga. Das ist Natur pur und eine Freiheit, wie man sie in der Form in Deutschland nicht kennt. Im deutschen Kleingartenverein ist alles reglementiert. Hier nicht.

Solche Züge sind seit Juli 2020 zwischen Kostroma und Moskau unterwegs. (Foto: Tino Künzel)

Mussten Sie Ihr Leben im Vergleich zu Deutschland sehr umstellen?

Überhaupt nicht. Es ist alles da, was man braucht. Ich muss allerdings sagen, dass ich keinen Umgang mit den Behörden habe. Darum kümmert sich meine Frau. Ich war leider zu faul, richtig Russisch zu lernen. Unter uns sprechen wir Deutsch. Meine Frau ist Übersetzerin.

Wie reagieren die Ortsansässigen auf Sie?

Sehr freundlich. Ich habe ganz selten negative Erfahrungen gemacht. Manche lernen sogar Deutsch oder bemühen sich, ein paar Brocken aus der Schulzeit oder von ihrem Armeedienst in der DDR hervorzukramen.

Gibt es auch etwas, das Ihnen fehlt?

Eindeutig – die deutsche Kneipenkultur. Die vermisse ich wirklich. Mit Freunden, Bekannten oder Sportkollegen mal abends oder am Wochenende am Stammtisch zu sitzen, das gibt es hier nicht.

Eine Rückkehr nach Deutschland steht für Sie nicht zur Debatte?

Meine Frau möchte das gerne. Wir haben auch noch eine Wohnung in Bremen. Und meine Enkel nicht nur einmal im Jahr oder halben Jahr bei Besuchsreisen zu sehen, hätte schon viel für sich. Trotzdem sage ich im Moment Jein zu einer Rückkehr. Ich fühle mich auch hier wohl und kann den Rest meines Lebens auch hier verbringen.

Auch der Winter hat seine Reize in Kostroma: So sah die Uferpromenade an der Wolga im Dezember vorigen Jahres aus. (Foto: Tino Künzel)

Was sagen Sie zum Corona-Management in Kostroma und generell in Russland?

Wie man das hier gehandhabt hat, war genau richtig. Ein hammerharter Lockdown, dann aber auch so weit wie möglich wieder Öffnungen unter Einsatz von technischen Möglichkeiten zur Kontrolle. Das hätte ich mir in Deutschland auch gewünscht, statt dieses Hickhacks. Wenn man sich heute bei uns hier umschaut, dann ist auch in dieser Beziehung vieles etwas lockerer. Es gibt schon auch Corona, aber die Leute gehen entspannter damit um.

Haben Sie sich bereits impfen lassen?

Noch nicht. Aber das mache ich demnächst. Mit Sputnik. Ich halte den Impfstoff für genauso sicher wie das, was wir in Deutschland haben. Dass er bis heute innerhalb der EU nicht anerkannt ist – für mich auf jeden Fall eine politische Entscheidung.

Das Interview führte Tino Künzel.

Ein Verein vereint

Aachen ist von allen deutschen Städten so ziemlich am weitesten von Kostroma entfernt und steht ihm doch am nächsten. Beide Kommunen verbindet seit 2005 eine Städtepartnerschaft. Sogar noch ein paar Jahre länger existiert der Verein Aachen-Kostroma e.V. Seitdem wurden mit seiner Hilfe schon viele Kontakte auf persönlicher, aber auch wirtschaftlicher und kultureller Ebene geknüpft. Die Ehrenamtler setzen sich vor allem für gegenseitige Familienbesuche, Studien­aufenthalte und Informations­reisen ein. Die Städtepartnerschaft ist für sie nicht nur ein Wort, sondern eine Herzensangelegenheit. Als eine Aachener Delegation im Sommer 2019 den Bürgermeister von Kostroma traf, hielt die Vereinsvorsitzende Annelore Einmahl ihre Ansprache sogar auf Russisch. Und manchmal trägt die Arbeit ganz ungeahnte Früchte: Aus ihr gingen schon zwei deutsch-russische Ehen hervor.

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