Elwira Nabiullina: Die Rubel-Retterin

Die Leiterin von Russlands Zentralbank Elwira Nabiullina ist Russlands Frau der Stunde. Seit Jahren bewahrt sie mit ihrer Politik die Wirtschaft vor dem Zusammenbruch. In der womöglich schwersten Krise seit 1998 tritt sie ihre dritte Amtszeit an.

Nabiullina
Elwira Nabiullina bei der Präsentation neuer Rubel-Scheine 2017 (Alexander Awilow / AGN Moskwa)

Russland muss sich auf die neue Situation einstellen und seine Politik ändern, um den Lebensstandard der Menschen im Land zu erhöhen, erklärte Elwira Nabiullina Ende April vor der Staatsduma. Angst sollen die Russen dennoch nicht haben. „Russland hat Ressourcen, Russland hat alle notwendigen Ressourcen. Es droht kein Zahlungsausfall“, betonte die Chefin der russischen Zentralbank vor den Parlamentariern und versuchte dabei, die Befürchtungen vor einem Szenario wie 1998 zu zerstreuen. Damals konnte Russland seine Auslandsschulden nicht mehr begleichen und stürzte in eine schwere Krise, durch die viele Menschen verarmten.

Die 58-jährige Nabiullina ist innenpolitisch aktuell die wichtigste Person und die Frau der Stunde. Von ihrem Geschick hängt ab, wie gut Russland die neuen Sanktionen überstehen wird. Präsident Wladimir Putin zumindest traut der Zentralbankchefin zu, diese Aufgabe zu meistern. Nachdem Nabiullina nach Angaben der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ im März ihren Job quittieren wollte, soll Putin sie überredet haben, weiterzumachen und schlug am 18. März ihre dritte Amtszeit vor. „Der Staatschef hat die Arbeit Nabiullinas und der Zentralbank mehrfach gelobt und als logische Konsequenz ihre Kandidatur für eine dritte Amtszeit eingebracht“, erläuterte Kremlsprecher Dmitrij Peskow den Schritt damals. Am 21. April stimmte schließlich die Staatsduma dem Vorschlag des Präsidenten zu.

Aus einfachen Verhältnissen an die Spitze

Der Aufstieg zu einer der wichtigsten Finanzpolitikerinnen der Welt war für Nabiullina keineswegs vorgezeichnet. Die ethnische Tatarin entstammt einer Arbeiterfamilie aus der baschkirischen Hauptstadt Ufa. Der Vater Berufskraftfahrer, die Mutter Anlagenfahrerin im Gerätebau, mehr Proletariat geht kaum. 1986 beendete sie ihr Wirtschaftsstudium an der Moskauer Lomonossow-Universität. Eine begonnene Promotion hat sie beendet. „Ich kann nicht sagen, dass es mich zur Wirtschaft hingezogen hat. Ich habe vielmehr nicht gewusst, was Wirtschaft ist. Mich hat das Unbekannte angezogen“, sagte Nabiullina 2014 in einem Interview mit dem Journalisten Wladimir Posner.

Kurz zuvor wurde sie überraschend zur Zentralbankchefin ernannt. Gesellschaft und Presse nahmen die Wahl Putins 2013 sehr positiv auf. Und Putin wusste, dass er sich auf Nabiullina verlassen kann. Die Anhängerin wirtschaftsliberaler Ansätze war zuvor bereits Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung und Beraterin des Präsidenten gewesen. Und wurde schließlich zur ersten Frau an der Spitze einer Zentralbank in den G-8-Staaten.

Putin wollte mit Nabiullina hoch hinaus. Ihr wurde zugetraut, die nötigen Reformen anzustoßen, um Moskau in ein internationales Finanzzentrum zu verwandeln. Nach der Angliederung der Krim 2014 war die Zentralbankchefin aber als Krisenmanagerin gefragt. Durch die damaligen Sanktionen verlor der Rubel die Hälfte seines Wertes. Nabiullina steuerte orthodox dagegen, verbrannte 70 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven und schraubte den Leitzins auf 17 Prozent hoch. Und hatte damit Erfolg. Die Inflation sank, die Wirtschaft erholte sich wieder und der Rubel gewann ohne Intervention der Zentralbank an Stärke. Gleichzeitig legte sie mit 643 Milliarden US-Dollar einen der größten Devisenvorräte der Welt an. Die prall gefüllte Kasse sollte die Wirtschaft vor möglichen neuen Sanktionen schützen.

Bereinigung vieler Finanzsektoren

Nabiullinas Fähigkeiten fanden auch im Ausland Beachtung. EZB-Präsidentin Christine Lagarde verglich sie mit einem „großen Dirigenten“ und das Branchenmagazin „Euromoney“ kürte sie 2015 zur besten Zentralbankchefin. Regelmäßig tauchte Nabiullina in der Forbes-Liste der einflussreichsten Frauen der Welt auf, zuletzt 2021 auf Rang 60.
In Russland wird Nabiullina auch als Person in die Geschichte eingehen, die den Bankensektor bereinigt hat, glaubt das Fachportal „Delowoj Peterburg“. Seit 2013 sind 526 Banken vom Markt verschwunden. Den meisten davon wurde die Lizenz entzogen. Dabei habe Nabiullina viel mehr erreicht, glaubt Jelena Stratjewa, Direktorin der berufsständischen Körperschaft „Mikrofinanzierung und Entwicklung“. Die Zentralbank habe in den vergangenen Jahren viele Marktsegmente wie Versicherungen, Mikrofinanzierung, Rente und Investitionen reguliert. Aus einem Graubereich seien offene und durchsichtige Sektoren entstanden, so Stratjewa.

Abkehr vom Westen

Zu Nabiullinas großen Projekten gehören auch die Entdollalirisierung und die Einführung des Bezahlsystems „Mir“, mit denen Russland sich vom Westen unabhängiger machen will. Zwischen 2013 und 2021 sank der Anteil der Dollarreserven auf ein Viertel, gleichzeitig legte die Zentralbank in Gold und Yuan an. Bereits 2014 unternahm die Zentralbank die ersten Schritte in Richtung einer autonomen Infrastruktur. Der drohende Ausschluss vom SWIFT-System 2017 trieb die Planungen voran. Im März verkündete Nabiullina bei einem Treffen mit Putin, dass über 90 Prozent der Bankautomaten und Kassensysteme in Russland „Mir“ akzeptieren. Damit ist der Zahlungsverkehr im Inland zwar gesichert, auf Reisen haben Russen aber wenig davon. Nur in wenigen Ländern kann man mit einer „Mir“-Karte zahlen. Und selbst dort nur bei wenigen Banken.

Nabiullina hat eine Vorliebe für Broschen. Im Corona-Jahr 2020 wurden ihre Accessoires zu einem Orakel, an dem man die Politik der Zentralbank ablesen konnte. Wie etwa eine stilisierte Pause-Taste, mit der sie gleichbleibende Zinsen signalisierte. „Ich trage immer Broschen. In diesem Jahr habe ich wohl versucht, unser Verständnis der Situation zu übermitteln“, erklärte sie damals in einem TV-Interview.

Auf wegweisende Broschen werden Journalisten wohl vorläufig verzichten müssen. Niemand hatte vorhergesehen, dass die russische Zentralbank sanktioniert werden wird und auf die Hälfte ihrer Reserven keinen Zugriff mehr hat. Nabiullinas neue und letzte Amtszeit läuft bis 2027. Es wird ihre schwerste sein.

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