Entdeckungen auf der Ökofarm

Nahe Kolomna, etwa 90 Kilometer von Moskau entfernt, gründete Sergej Balajew vor acht Jahren die ökologische Farm „Ekoderewuschka“. Interessierten Touristen werden dort nicht nur Schnecken und Käse aus Eigenproduktion angeboten – sie können auch Schlangen streicheln und Krokodile füttern.

Ekoderewuschka
Die Krokodile sind der Besuchermagnet im Ökodorf. (Foto: vk.com/krockferma)

Auf den ersten Blick wirkt das „Ekoderewuschka“ wie eine ganz normale Farm für Tagesausflügler. Von Weitem sieht man Gehege mit Eseln, Pferden und Ziegen, Gänse und Hühner laufen frei auf dem Gelände herum. Die warme Sommerluft flirrt, man hört Kinderlachen, hin und wieder das Aufstöhnen eines erschöpften Vaters, der sich lieber mit einem kühlen Getränk unter einen der Sonnenschirme setzen würde. Eine ganz normale Szene auf einem touristischen Bauernhof eben.

Zu diesem Zeitpunkt hat man schon ein gutes Stück Weg hinter sich. Von Moskau aus geht es entweder direkt mit dem Auto zur Farm, oder aber etwa zwei Stunden mit der Elektritschka zuerst nach Kolomna, von wo aus man sich am besten ein Taxi ins Nachbardorf Parfentjewo nimmt – sofern man nicht den einstündigen Fußweg oder die unklare Busverbindung in Kauf nehmen möchte.

Ein wenig Berührungsangst bleibt dennoch. (Foto: Thomas Fritz Maier)

Biegt man dann aber ins Tor ein, wird schnell klar, dass das „Ekoderewuschka“ keineswegs eine normale Ökofarm ist, wie man sie aus Deutschland kennt. Sofort fällt der Blick auf ein Gehege, an dem Kinder Waschbären aus der Hand füttern. Und in der Ferne ist ein langes, gelbes Gebäude mit eindeutigem Schild auszumachen: Krokodilfarm steht darauf. Im „Ekoderewuschka“ wird nicht nur ökologischer Ziegenkäse hergestellt. Die Farm hat auch einen kompletten eigenen Privatzoo samt Krokodilen, Erdmännchen, Pythons und einem Waran.

Russlands erster und bester Schneckenzüchter

Wie das alles zustande gekommen ist, erklärt Betreiber Sergej im MDZ-Gespräch. Vor fast 20 Jahren hat er mit der Landwirtschaft begonnen, damals noch im kleinen Rahmen auf der familieneigenen Datscha. Als es ihm dort zu eng wurde, eröffnete er schließlich eine Farm etwa 300 Kilometer außerhalb von Moskau. Erst vor etwa acht Jahren folgte dann der Umzug nach Kolomna, wo er das heutige „Ekoderewuschka“ in katastrophalem Zustand übernahm. Das Dach war eingestürzt, die Gebäude mussten in Eigenregie renoviert werden. Nach diesem Kraftakt kaufte Sergej schließlich das Anwesen und richtete sich endlich auf seinem eigenen Hof ein. Zunächst mit einer kleinen Käserei.

Erst später kamen die beiden extravaganten Standbeine dazu: die Schneckenzucht und die Krokodilfarm. Mit den Schnecken begann Sergej, um seinen Besuchern einfach etwas Interessantes zu bieten. Und Schneckenzucht, betont er mehrmals, hatte es bis dahin in Russland überhaupt nicht gegeben. Die ersten Exemplare holte er sich von der Krim und baute damit eine international renommierte Produktion auf.
Dazu wandte er sich erfolgreich an die höchsten politischen Kreise.

Leckerbissen für Gourmets. Die Schnecken des „Ekoderewuschka“ sind auch bei der russischen Elite und Ausländern beliebt. (Foto: Thomas Fritz Maier)

Auch Ausländer lieben Sergejs Schnecken

„Putin und ich haben uns genauso gegenübergesessen, wie wir beide jetzt im Moment“, erinnert Sergej sich im Gespräch. „Zwei Monate später wurde die Schneckenzucht in den nationalen Landwirtschaftsplan aufgenommen“. Die Beliebtheit von Sergejs Schnecken bei der politischen Elite reißt bis heute nicht ab. Zwei Mal muss er das Interview kurz unterbrechen, um in der Sache einen Anruf eines ehemaligen Politikers anzunehmen. Der besitzt nämlich mittlerweile mehrere Edelrestaurants.

Und auch im Ausland stieg das Interesse nach Berichten zum Beispiel in der Fachzeitschrift „National Geographic“ enorm: Europäische Touristen kamen bis vor der Pandemie in immer größeren Zahlen, um die Köstlichkeit zu probieren. „Eine Französin hat danach sogar den Teller abgeleckt“, meint Sergej mit erkennbarem Stolz. Außerdem interessieren sich Gastronomen und Züchter in Europa so stark für die Qualität von Sergejs Schnecken, dass sie zu Workshops sogar aus Spanien anreisen. Im Moment komme das wegen Reisebeschränkungen natürlich deutlich seltener vor. Wegen des gleichzeitig boomenden Inlandstourismus habe die Farm aber trotzdem keinen Einbruch verzeichnen müssen.

Schließlich geht es – endlich – zu den Krokodilen. Beim Betreten des Hauses schlägt einem sofort ein einschlägiger Geruch entgegen. Ob der von den Reptilien kommt – schwer zu sagen, denn im Gebäude steht eine ganze Reihe Käfige voll mit Schlangen, kleinen Affen, Mangusten und einem Stachelschwein. Der Blickfang ist aber ganz klar das knapp vier Meter lange Nilkrokodil Walerij, das ruhig in der Mitte seines Beckens sitzt.

Die Krokodile kommen häufig von Privatpersonen

Ob das Gehege wirklich ausbruchsicher ist – ganz sicher bin ich mir in diesem Moment nicht, doch ich vertraue auf Sergejs Kollegen. Der ist Zoologe und beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit den Tieren. Und auch gebissen wurde er nur zwei Mal, aber das sei noch vor der Farm gewesen. Außer Walerij betreut er hier noch eine ganze Palette an Kaimanen, Siamkrokodilen und Alligatoren. Die dürfen Touristen sogar mit an einer Angel befestigtem Fleisch füttern. Das etwa sechsjährige Mädchen vor mir sieht dabei deutlich entspannter aus als ich.

Sergej klärt auch auf, wie man überhaupt an solche Tiere kommt: über eine Zeitungsannonce. „Moskau ist voll mit Krokodilen in privaten Häusern“, klärt er auf. „Die meisten davon sind Kaimane, aber teilweise halten die Leute auch richtig große Tiere.“ Er selbst habe seine Tiere aber von einer Echsenausstellung, die ausgewachsene Exemplare schließlich abgeben muss. Mit diesem Partner arbeitet er auch bis heute zusammen. In der Haltung setzt Sergej auf Expansion. Gerade wird ein Anbau für ein Brutgehege fertiggestellt, damit hoffentlich schon im nächsten Jahr auch die Eier aufgezogen werden können.

Nachwuchssorgen trotz Erfolg

Auf dem Gelände wohnen auch „gewöhnliche“ Tiere. (Foto: Thomas Fritz Maier)

Sergejs Geschichte ist im Großen und Ganzen ein Erfolg. Schneckenzucht und Zoo ziehen genug Leute an, damit das „Ekoderewuschka“ profitabel bewirtschaftet werden kann. Aber zum Ende des Gespräches spricht er auch Probleme an. So sei es schwer, Personal für die Farm zu finden oder jungen Leuten die Landwirtschaft nahe zu bringen, wie das in Bildungsprogrammen auf deutschen Höfen der Fall ist.

Seiner Ansicht nach liegt das vor allem am Umbruch der 90er Jahre, der dafür gesorgt habe, dass die Menschen die Verbindung zur Arbeit in der Natur und zur Herkunft ihrer Konsumgüter verloren hätten. Jetzt kommen laut Sergej höchstens noch Studenten des Technikums, um ihr Praktikum zu absolvieren. Aber auch die halten es oft nicht bis zum Ende durch. Und noch eine Folge dieser Geringschätzung macht Sergej aus: Trotz der guten Entwicklung seines Betriebs bekommt er für den Umbau seines Schneckenhauses keinen Kredit von der Bank. So gehe das allen Landwirten, meint er.

Geöffnet hat das „Ekoderewuschka“ täglich zwischen 10 und 20 Uhr. Der Eintritt kostet 400 Rubel (4,60 Euro). Wer zusätzlich eine Führung möchte, muss 900 Rubel bezahlen. Mehr Informationen gibt es unter krocoferma.ru

Thomas Fritz Maier

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