Eintauchen in die russische Gutshaus-Kultur

Das Moskauer Umland war einst reich an Gutshäusern. Das Museum Neu-Jerusalem taucht in die Kultur und Geschichte der adligen Landsitze ein.

Viele Gutshaus-Bewohner ließen Porträts und Skulpturen von sich anfertigen. (Foto: Pressedienst Museum Neu-Jerusalem)

„Die Welt des russischen Gutshauses ist wundersam anziehend und geheimnisvoll“, schrieb der Historiker und Heimatkundler Alexej Gretsch 1932 in seinem Buch „Kranz für die Gutshäuser“ (Wenok usadbam). Erscheinen konnte das Werk erst in den 1990er Jahren, denn Gretsch schrieb seine Worte im Lager auf den Solowezki-Inseln, wo er auch starb.
Die Forschungen von Historikern wie Gretsch sind die Grundlage der Ausstellung „Rückkehr ins Gutshaus“, die noch bis zum 30. Mai im Museum Neu-Jerusalem in Istra zu sehen ist. Bis ins 20. Jahrhundert waren Moskau und sein Umland das Zentrum der russischen Gutshauskultur. Nirgendwo gab es mehr Herrenhäuser. Anfang des 20. Jahrhunderts sollen es 1200 gewesen sein. Um die 320 von ihnen haben die Sowjetunion und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Für die einen waren sie ein Symbol des alten Adels, für andere ein Zufluchtsort vor politischen Intrigen, für alle aber waren sie ein besonderer Mikrokosmos mit eigenem Geschmack und Selbstverständnis.

Kurze Blütezeit

Die Blütezeit der russischen Gutshäuser und ihrer Kultur war mit 100 Jahren relativ kurz. Das „goldene Jahrhundert“ begann 1762, als Zar Peter III. den Adel vom Staats- und Militärdienst befreite. Zu der Zeit zogen sich viele Aristokraten auf ihre Landsitze zurück und begannen diese auszubauen, große Parks anzulegen und Kunst, Skulpturen sowie Bücher zu sammeln. Erstmals in der russischen Geschichte gab es damals Menschen, die unabhängig waren sowie Zeit, Geld und den Drang besaßen, etwas Sinnvolles im Sinne der Aufklärung zu tun.

Neben den riesigen Bibliotheken waren es vor allem Porträts, mit denen die Gutsherren ihre Häuser schmückten. Die Ausstellung zeigt, wie sich Mitglieder berühmter Familien wie der Scheremetjews, Golyzins oder Romanows, Gontscharows für Gegenwart und Nachwelt in Öl festhalten ließen. Auch Waffen gehörten in großer Stückzahl zur Kultur der Häuser, wurde doch die Jagd als „sinnvollster Zeitvertreib“ angesehen. Auch Musik spielte eine große Rolle. Die Kuratoren zeigen die zwei Etappen der russischen Gutshaus-Musik. Orientierte man sich im 18. Jahrhundert an ausländischen Komponisten und ließ ganze Chöre auftreten, war das 19. Jahrhundert von Kammermusik und der Hinwendung zur russischen Musik gekennzeichnet.

Orte des Traditionsbewusstseins

Russlands Gutshäuser waren Orte des Traditionsbewusstseins. Auch wenn sich der Geschmack des „obersten Gutsherren des Imperiums“, also des Zaren, durchaus auf die Gestaltung auswirkte, große Veränderungen gab es kaum. „In allem wohnte Intimität und Gemütlichkeit, in den Zimmern, in denen jede Generation Gegenstände und Porträts als Andenken hinterließ“, schrieb Gretsch.

Mit der Bauernbefreiung 1861 begann der Verfall der russischen Gutshauskultur. Vielen Adligen fehlte nun das nötige Geld zum Unterhalt ihrer oft riesigen Anwesen. Zwangsweise musste viel von der Einrichtung verkauft werden. Das endgültige Ende kam ein halbes Jahrhundert später mit der Oktoberrevolution. „1917 begannen die letzten Zuckungen. In diesem Jahr kündigte sich die Resi-gnation an. Die Häuser leerten sich, die weißen Säulen stürzten ein. Die Parkwege wucherten mit Gras zu“, notierte Gretsch. Auf die Revolutionäre folgten Kunsthistoriker und Forscher

Großes Interesse in der frühen Sowjetunion

„Rückkehr ins Gutshaus“ zeigt, wie die Sowjets die Gutshäuser und deren Schätze systematisch erfassten. Denn es ging ihnen nicht um Zerstörung, sondern um Transformation in Volkseigentum. Während das Inventar in verschiedenen Museen landete, wurden aus den Gutshäusern unter anderem Sanatorien. Und Wissenschaftler wie Alexej Gretsch schlossen sich in der Gesellschaft zur Erforschung des russischen Gutshauses zusammen. Ihnen ist viel von unserem Wissen über die Blüte der Gutshaus-Kultur zu verdanken, wie die Ausstellung zeigt.

Allmählich kehrt auch in Moskau wieder das Interesse an den Herrenhäusern zurück. Seit 2013 gibt es etwa das Programm „Gutshäuser des Moskauer Umlands“. Wer mitmacht, kann sehr günstig ein Gutshaus mieten, muss es aber innerhalb von sieben Jahren restaurieren.

Daniel Säwert

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: