Einmal Wladiwostok und zurück

Doppelt hält besser: Extremsportler Pierre Bischoff kämpfte sich auf seinem Rennrad einmal quer durch Russland bis zum Pazifik - und drehte dann einfach wieder um. Was er bei seiner Gewalttour erlebte und wie er mit den Menschen unterwegs ins Gespräch kam.

Immer lächelnd, auch nach Tausenden Kilometern: Pierre Bischoff bei seiner Ankunft in Moskau. /Foto: Pierre Bischoff

9.000 Kilometer auf oft dürftigen Straßen, acht Zeitzonen, Hitze, Kälte, Stürme und insgesamt 25 Tage unterwegs: Das „Red Bull Trans-Siberian Extreme – 2018“ von Moskau nach Wladiwostok ist das längste und härteste Ultralangstrecken-Radrennen der Welt. Eine ungeheuerliche Gewalttour von sechs Extrem-Radlern aus sechs Nationen. Überhaupt anzukommen und dann noch als Erster, das sollte doch eigentlich reichen.

Doch nicht für Pierre Bischoff. Nach nur ziemlich kurzem Luftholen machte sich der Extremsportler wieder auf die Strecke – zurück nach Moskau. „Bei Wettbewerben guckt man doch nur auf die Straße, behält die Konkurrenten vor, neben, hinter sich im Auge“, erzählt der Rennradler, der viel und gerne lächelt. Er wolle Russland und die Russen einfach mal richtig sehen und erleben. Ganz allein.

Seine grundsätzlich positive Einstellung habe ihm auf der Strecke Türen und Herzen geöffnet, sagt der 33-Jährige, der kaum aufhören kann zu erzählen, die unvergesslichen Erinnerungen rauschen vorbei wie in einem Film.

Fesselnder Baikalsee

Besonders der abwechslungsreiche Streckenabschnitt im östlichen Sibirien zwischen Chabarowsk und Irkutsk, entlang einem der schönsten Stücke Natur am Baikalsee, dem größten Süsswasserreservoir der Erde, wird ihn so schnell nicht mehr loslassen. Genau wie so viele auf- und anregende Erlebnisse und Begegnungen. Als zum Beispiel nach nur rund 80 Kilometern auf einer Gefällestrecke sein einrädriger Gepäckanhänger heftig schlingernd zum Überholen ansetzte und ihn schmerzhaft zu Fall brachte, war sofort ein Autofahrer zur Stelle.

Pierre wurde samt Rad und reichlich Gepäck von dem Feuerwehrmann und Familienvater mit nach Hause genommen, seine Schürfwunden versorgt. Er wurde bestens beköstigt und hatte für die Nacht ein gepflegtes Dach über dem Kopf. Solch großzügige Gastlichkeit sollte sich wiederholen: Als Pierre einmal gegen Geld um eine Bleibe in einer leerstehenden Garage bat, war die dann wie selbstverständlich umsonst, es wurde gemeinsam gegessen und getrunken. Er lernte, wie der Hausherr seinen eigenen Wodka brennt und blieb gleich noch zwei Tage länger.

Sonst war oft nur sein irgendwo wild aufgeschlagenes Einfachzelt sein nächtliches Zuhause. Angst habe er dabei in russischen Breiten nie empfunden. In einer kleinen Stadt im jüdisch-autonomen Gebiet hatte er sogar eine Verabredung. Die 16-jährige Julia ist schon seit drei Jahren im Netz sein Fan. Schon 20 Kilometer vor dem Ziel wurde er empfangen, zehn weitere Familienmitglieder warteten schon zuhause. „Es war, als würden wir uns schon ewig kennen“, erinnert er sich dankbar.

Vortrag in Perm

Er hielt Vorträge in Deutsch und Englisch in der Schule Nr. 59 in Perm im Uralvorland. Sein Lohn: allgemeine Bewunderung und Begeisterung für seine große Leistung und seine optimistische Grundhaltung.“ Ich bin nur Freundlichkeit, ja Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnet“, erzählt er von weiteren Treffen an der Strecke. „Ganz anders als eigentlich zu erwarten gewesen wäre“.

Trotzdem gab es so einige Phasen, da hätten die meisten anderen wohl hingeschmissen. Momente der totalen Erschöpfung von Körper und Kopf. Da flossen auch schon mal Tränen, da wurde auch mal ein gellender Urschrei in die Weite und Einsamkeit der sibirischen Unendlichkeit losgelassen. „Wenn du Emotionen nicht rauslässt, fressen sie dich auf“, erklärt er seine Selbstmotivationstherapie.

Den nicht endenwollenden, kreisenden Bewegungen der hartgeprüften Beine und der schmerzenden Pein durch die enorme Körperbelastung setzte er dann ablenkende Kopfarbeit entgegen. Vorfreude und Erwartungen an das nächste Etappenziel, die Lösung kniffliger Mathematikaufgaben. Bisweilen wurde auch mal ein munteres Liedchen in den Himmel geschmettert. Pierre ist eben eine unkomplizierte, erfolgsgewohnte Frohnatur.

Am 10. Oktober waren nach seiner unglaublichen Rundreise durch Russland erstmal ein paar Tage Pause in Moskau angesagt. Dann ging es per Flugzeug mit Sack und Pack weiter ins südspanische Malaga. „Ich muss mal wieder richtig unter die Sonne und in die Wärme“, gesteht Pierre Bischoff.

Frank Ebbecke

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