Russland einig Vaterland?

Anfang November feierte Russland den „Tag der Einheit des Volkes“. Vom beschworenen Wir-Gefühl ist in der Gesellschaft aber oft nur wenig zu spüren. Dazu tragen auch die Medien bei.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Russen und Kaukasiern ist oft nur Folklore. (Foto: Sergej Kiseljow/ AGN Moskwa)

Die große Feier zum „Tag der Einheit des Volkes“ fiel in diesem Jahr coronabedingt aus. Wie viele seiner Landsleute zog es auch Präsident Wladimir Putin vor, dem nasskalten Moskau gen Süden zu entfliehen. Mit dem Besuch der Hafenstadt Sewastopol auf der Halbinsel Krim (offiziell ein Arbeitsbesuch) präsentierte das Staatsoberhaupt sein Verständnis von der Einheit der Russen. Vor der Abreise Putins ans Schwarze Meer versprach dessen Sprecher Dmitrij Peskow noch, dass trotz der Pandemie der Feiertag „nicht unbemerkt bleiben wird“.

Peskow sollte recht behalten, wenn auch anders als gedacht. Am Abend des 4. November kam es in Neu-Moskau zu einer Schlägerei, die zeigt, wie weit die russische Gesellschaft von einer „Einheit des Volkes“ entfernt ist. Vier Männer prügelten dort vor den Augen eines Kindes auf einen Mann ein. Noch bevor die Einzelheiten der Auseinandersetzung untersucht werden konnten, sprachen russische Medien von „kaukasischen“ Angreifern und schwenkten kurz darauf auf „Kasachen aus Orenburg“ um. Später stellte sich heraus, dass die Verdächtigen gebürtige Aserbaidschaner sind und seit frühester Kindheit russische Pässe besitzen. Doch auch diese Wendung schien ein Beleg für den ungehaltenen Kaukasier zu sein.

Knall am Feiertag

Viele Nachrichtenportale tappten mit ihrer Berichterstattung und der Fokussierung auf die Herkunft der Schläger in die Rassismusfalle. Und sorgten für einen öffentlich ausgetragenen Disput zwischen RT-Chefin Margarita Simonjan und dem tschetschenischen Oberhaupt Ramsan Kadyrow. In ihrem Telegram-Kanal schrieb Simonjan, dass „all diese ‚Zugereisten‘ und ‚Personen kaukasischer Nationalität‘ wieder für mehr Überwachung und Kontrollen in Moskau sorgen würden“.

Eine Anschuldigung, die Kadyrow in Rage brachte. „In Russland benimmt man sich, als gäbe es nur zwei Kategorien von Bürgern: den Kaukasier und den Menschen ohne Nationalität“, entgegnete er Simonjan bei Telegram. Die Menschen im Nordkaukasus seien russische Staatsbürger und keine Zugereisten. „Wir leben bei uns zuhause, ob ihr das wollt oder nicht, aber so wird es für immer sein“, legte der oberste Tschetschene nach. Wer in solchen Kategorien denke, verhindere die staatliche Einheit und erschaffe eine ganze Generation, die denke, der Kaukasus sei ein anderer Staat. Schon länger kritisieren Experten und Aktivisten die von Kadyrow angesprochene Stigmatisierung von Menschen aus dem Kaukasus durch Politik und Medien. Geändert hat sich bisher jedoch nichts.

So wurde der Vorschlag des Dumaabgeordneten Bijsultan Chamsajew, die Nennung der Nationalität per Gesetz zu verbieten, als Populismus abgetan. Dabei ist die Vorstellung, der Kaukasus sei kein Teil Russlands, weit verbreitet. Bei einer WZIOM-Umfrage gab 2014 über die Hälfte der Befragten an, dass Tschetschenien und Dagestan nicht dazugehören. Im vergangenen Jahr fand das Lewada-Zentrum* heraus, dass jeder vierte Russe Tschetschenen nicht ins Land lassen würde.

Es kriselt nicht nur an der Kaukasusfront

Auch abseits der Kaukasusfront kämpft die Idee der nationalen Einheit mit Problemen. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Argumenty i fakty“ erklärte der Philosoph und Publizist Rustem Wachitow, dass der 4. November trotz aller Folklorisierung in der Republik Baschkirien für die Menschen kein Feiertag ist. Daran trage auch die immer weiter auseinander gehende soziale Schere im Land bei, so Wachitow. In dieselbe Kerbe schlug auch Politikwissenschaftler und ehemalige Redenschreiber des Kreml, Abbas Galljamow, bei Telegram. Er warnte davor, dass die Einheit zwischen Regierung und Regierten zunehmend erschüttert wird, genauso wie das Verhältnis zwischen den Metropolen und der Provinz. Dass Russland weit davon entfernt ist, die „Einheit des Volkes“ feiern zu können, zeigt auch eine WZIOM-Umfrage von 2019. Nur jeder Dritte (37 Prozent) verspürte damals ein Gefühl der nationalen Einheit. Das waren 17 Prozent weniger als zwei Jahre zuvor.

Daniel Säwert

*Das Meinungsforschungsinstitut gilt in Russland als ausländischer Agent.

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