Eine Ikone mit Fähnchen

Im Frühjahr 1945 knipste der legendäre Fotokorrespondent Jewgeni Chaldej eine junge Militärpolizistin vor dem Brandenburger Tor. Die Aufnahme ist in Russland eine Ikone. Die MDZ hat die Abgebildete besucht und mit ihr über den Krieg, ihre Erinnerungen an die deutsche Hauptstadt und das berühmte Foto gesprochen.

Eine Ikone: Das Foto der sowjetischen Militärpolizistin Maria Limanskaja vor dem Brandenburger Tor im Mai 1945 ist in Russland legendär. /Foto: Jewgeni Chaldej / Ria Novosti

Wie es zu der Aufnahme kam, die sie berühmt machte, weiß Maria Limanskaja nicht mehr so genau. „Wann und zu welchem Zeitpunkt Jewgeni Chaldej das Foto gemacht hat, ist mir unbekannt“, erzählt die 95-Jährige, die heute in der Siedlung Swonarekwa im Saratower Gebiet lebt. „Zum ersten Mal habe ich meine Aufnahme in der Zeitschrift „Arbeiterin“ zu Beginn der 60er Jahre gesehen.“ Eine Bekannte habe sie auf das Bild aufmerksam gemacht. „Darauf bin ich vor dem Brandenburger Tor zu sehen. Ich glaube, die Aufnahme ist vom 2.  Mai 1945.“

Ein falscher Name und ein Fotograf

Allerdings habe unter dem Bild der Name einer anderen Frau gestanden. „Da habe ich einen Brief an die Zeitschrift geschrieben – und Jewgenij Chaldej hat selbst geantwortet und sich für den Fehler entschuldigt.“ Der berühmte Kriegsfotograf habe zudem mehrere Abzüge der Aufnahme geschickt. Auch andere Momente aus dem Frühjahr 1945 sind Maria Limanskaja deutlich im Gedächtnis geblieben. So erinnert sie sich an ihre Unterkunft im Keller eines zerstörten Hauses in der Nähe des Brandenburger Tors. Anschließend habe sie mit ihren Kameradinnen in Autos übernachten müssen. Erst später bekamen sie Plätze in einem vom Krieg unversehrten Wohnheim.

Im Zentrum der deutschen Hauptstadt sei der Widerstand lange ziemlich stark gewesen, erzählt die Veteranin. Noch am 9. Mai, dem Tag des Sieges, sei während ihrer Arbeit das Geschoss einer Kanone neben dem Brandenburger Tor eingeschlagen. Dutzende Soldaten wurden dabei verletzt. Mit der Potsdamer Konferenz, bei der die Siegermächte im Sommer 1945 über die Neuordnung Europas und die Zukunft Deutschlands berieten, verbindet Maria Limanskaja eine besondere Erinnerung.

Winston Churchill sorgt sich um Polizistin

Mit Fähnchen in den Händen regelte sie den Verkehr auf der Zufahrt zu Schloss Cecilienhof, wo die Vertreter Großbritanniens, der UdSSR und der USA tagten. Schon am ersten Tag habe ein Regierungskonvoi aus drei Motorrädern und einem großen Pkw neben ihrem Standplatz gehalten. „Wir durften eigentlich niemand anhalten und überprüfen“, erinnert sie sich. Deshalb sei ihr fast das Herz stehen geblieben.

„Ich habe salutiert, bin zum Auto gegangen, und habe Churchill mit einer Zigarre zwischen den Zähnen erblickt!“ Dieser fragte: „Behandeln unsere Soldaten Sie gut?“ In der Nähe waren amerikanische und britische Soldaten stationiert – und zwar ausschließlich Männer. „Da hab ich ihm gesagt, dass sie´s nur mal versuchen sollen“, lacht Maria Limanskaja, „ich hatte ja eine Pistole am Koppel!“

Mittlerweile ist Maria Limanskaja 95 Jahre alt und lebt als Rentnerin bei Saratow. /Foto: Oleg Wins

Erinnerungsfotos in Einheitskleidung

Noch eine andere Fotografie erinnert sie an diese Zeit. Das Bild wurde im Sommer 1945 gemacht und überdauerte wie durch ein Wunder in einem Fotoladen am Rande Berlins. Auf ihm ist Maria Limanskaja in Zivilkleidung zu sehen, um den Kopf hat sie ein schwarzes Tuch gewickelt. „Normale Kleidung für Frauen hatten wir nicht, sondern nur die Uniform. Ein älterer deutscher Fotograf hat uns ein Kleid und das Tuch gegeben. Die haben wir dann der Reihe nach angezogen, um Erinnerungsfotos zu machen. Wir mussten sehr lachen, als wir die Aufnahmen letztendlich bekamen. Alle Mädels hatten das Gleiche an!“

Nie wieder in Deutschland

Nach der Demobilisierung Ende 1945 kehrte Maria Limanskaja in ihr Heimatdorf Staraja Poltawa zurück, wo sie ihr gesamtes Arbeitsleben verbrachte. Wegen des Krieges hatte sie nur sieben Klassen abschließen können – und war auf einfache Tätigkeiten angewiesen. So schuftete sie in der örtlichen Bibliothek, im Krankenhaus und als Pflegerin auf der Entbindungsstation. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie im Rentenalter zu ihrer Tochter nach Swonarewka. Im Mai soll die legendäre Militärpolizistin, die nach dem Krieg nie wieder in Deutschland war, mit einem Denkmal in der Wolgastadt Marx geehrt werden.

Oleg Wins

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