Eine Geschichte – zwei Perspektiven

Kriegsende, Ostverträge , Mauerfall. Die Deutsch-Russische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist reich an großen Ereignissen. Ende Juni diskutierten Experten beim Moskauer Gespräch „1945, 1970, 1990 – Deutsch-Russische Erinnerungskulturen und die Halbwertszeit Geschichtlicher Erfahrungen“ über die unterschiedliche Wahrnehmung in beiden Ländern. Die MDZ sprach mit dem Historiker Andreas Hilger vom Deutschen Historischen Institut Moskau über die Verarbeitung von historischen Ereignissen in Deutschland und Russland.

Angeregte Diskussion beim Moskauer Gespräch © Ljudmila Kolina

Herr Hilger, die kleine Stadt Rschew westlich von Moskau war Schauplatz einer der blutigsten Schlachten im 2. Weltkrieg und als „Fleischwolf“ bekannt. Heute wissen jedoch die wenigsten, was damals geschah. Wie erklärt sich das verschwinden solcher Orte aus dem kollektiven Gedächtnis?

Aus deutscher Sicht waren das alles Räume im Osten, mit denen man sich nicht beschäftigt hat. Im Krieg wurden die Orte nur in den deutschen Vormärsche oder Rückzügen wahrgenommen. Selbst über die Belagerung von Leningrad beziehungsweise Sankt Petersburg weiß man in Deutschland kaum Bescheid. Diese Orte haben nie die Bedeutung erlangt, die sie in Russland haben. In Deutschland sind einzelne andere Gedächtnisorte, wie zum Beispiel Stalingrad, im kollektiven Gedächtnis verankert.

Die Ostverträge, einschließlich des berühmten Kniefalls von Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau 1970, waren eine Wegmarken der deutschen Aussöhnung mit Osteuropa und Russland. Wird diesen Ereignissen in Deutschland und Russland heute noch gedacht?

In der öffentlichen Erinnerung ist das auf beiden Seiten weitgehend unterbelichtet. In der Bundesrepublik hat man die Ostverträge im Kontext der Wiedervereinigung aus dem Blickfeld verloren. In Russland hat es die Ostverträge hingegen als großes Ereignis überhaupt nicht gegeben. Das waren eher punktuelle politische Unternehmungen im Rahmen der Entspannungspolitik. Daher konnte es hier auch keinen großen gesellschaftlichen Wiederhall geben. Wissenschaftlich aber, was Motive und Bedeutung anbelangt, kommen die Deutsche und Russische Perspektive gut zusammen.

Generell, wie unterschiedlich wird Geschichte in Deutschland und Russland wahrgenommen?

In Deutschland denke ich, wird das etwas Fremd empfunden, wie in Russland an den Zweiten Weltkrieg erinnert wird. Dabei ist natürlich die Frage, was offiziell gesteuert wird. Aber ich denke, es kommt in Russland wirklich den privaten Bedürfnissen entgegen und reicht bis in die Familien. In Russland ist die Erinnerung an den Krieg Teil der politischen und gesellschaftlichen Sinnstiftung. In Deutschland hingegen, konnte und wollte man sich nicht durch den Zweiten Weltkrieg definieren. Eher wurde eine Distanz dazu gesucht. Daher gab es auch keine Möglichkeit eine entsprechende Kultur zu entwickeln. Geschichten vom Verlust werden heute noch von einzelnen Gruppierungen wach gehalten, aber der fehlende Erfahrungshaushalt verhindert eine größere Beachtung. Vielleicht ist auch im deutschen Unterbewusstsein verankert, dass man sich an staatlichen Feiertagen nicht in Reih und Glied stellen will.

Wie wichtig ist Geschichte für die Schaffung eines staatlichen Zusammengehörigkeitsgefühls?

Hier ist die Frage: was will Geschichtspolitik? Es kann natürlich ein Mittel oder Instrument sein um die eigene Politik zu legitimieren, Erfolge ins Rampenlicht zu stellen und Anhängerschaften zu mobilisieren. Hierbei braucht man aber nicht nur auf Russland blicken. Über geschichtliche Ereignisse und ihre Interpretation können Zusammenhalt, ja ganze Staatsvölker geschaffen werden. Das kann gelingen wenn dahinter entsprechende Anstrengungen stehen und der Informationsfluss entsprechend gelenkt werden kann. Ob das auf Dauer zu politischem Erfolg führt ist jedoch fraglich.

Was können Schülerprojekte und Austausche zu einer internationalen Erinnerungskultur beitragen?

Ein gemeinschaftliche Arbeit am geschichtlichen Haushalt ist absolut wünschenswert. Besonders von Schülern und Jugendlichen. Wichtig ist hierbei das Bewusstsein, dass man sich mit diesen Dingen befassen muss, weil sie zur eigenen Vergangenheit dazugehören. Auch zu dem, was aus den Ländern geworden ist. Wenn das Interesse wach bleibt und in jeder Generation abgerufen werden kann, ist das hervorragend. Doch die Aufgabe wird aufgrund der zeitlichen Distanz immer schwieriger werden. Das sind sicherlich Projekte, die auch in der Zukunft von Bedeutung bleiben. Die Ausstrahlung ist jedoch ungewiss. Ob das dann jedoch zu Versöhnung führt, muss man abwarten. Grundsätzlich ist aber das persönliche Interesse der Individuen, die über ihre Familien und über ihr soziales Umfeld großen Einfluss ausüben können, sehr wichtig.

Das Gespräch führte Nikolaus Michelson.

Moskauer Gespräch zur Erinnerungskultur

Unter dem Titel „1945, 1970, 1990 – Deutsch-russische Erinnerungskulturen und die Halbwertszeit geschichtlicher Erfahrungen“ fanden am 19. Juni die Moskauer Gespräche in der Deutschen Schule Moskau statt. Moderiert vom ehemaligen ARD-Korrespondenten Herrmann Krause diskutierten die Historiker Nikolaj Pawlow (Moskauer Institut für Internationale Beziehungen), Tatjana Timofejewa (Lomonossow-Universität Moskau) und Andreas Hilger (Deutsches Historisches Institut Moskau).

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