Ein Ort mit besonderer Geschichte

Das Metropol ist eines der bekanntesten und schönsten Hotels Moskaus. Die langjährige Hotelmanagerin Jekaterina Jegorowa hat darüber ein Buch geschrieben, das vor Kurzem neu aufgelegt wurde. Mit der MDZ sprach sie über die besondere Geschichte des Hotels und die Legenden, die sich rund um das Gebäude ranken.

Üppiger Schmuck im Stil des Neoklassizismus: der Saal Metropol © Hotel Metropol

Vor über 20 Jahren kamen Sie ins Metropol, um ein wenig Geld dazuzuverdienen. Und Sie sind immer noch hier.

Das war 1994. Damals war ich Lehrerin und das Metropol ein Job für den Sommer. Ich habe sofort verstanden, dass ich hier eine ganz andere Welt betrete. Als Geschichtslehrerin war das unheimlich spannend für mich.

Brauchten Sie damals keinerlei Erfahrung, um im Hotel zu arbeiten?

Damals waren in erster Linie Fremdsprachenkenntnisse wichtig. Vor allem für mich an der Rezeption. Als das Metropol nach der Sanierung 1991 neu eröffnet wurde, wurden viele Ingenieure und ein paar Lehrer eingestellt. In der Umbruchsphase des Landes brauchten sie einen sicheren Job. Gleichzeitig entstand ein neues Servicekonzept in Russland.  Da wurde darauf geachtet, niemanden zu nehmen, der die sowjetische Serviceschule durchlaufen hat.

Das Metropol bietet öffentliche Führungen an.Das ist recht ungewöhnlich für ein Hotel. Wie kam es dazu?

Zunächst gab es die Führungen nur für neue Angestellte oder auf Anfrage. Im Jahr 2001 übernahm ich die Öffentlichkeitsarbeit des Hotels. Als studierte Historikerin habe ich begonnen, Fakten über das Hotel zu sammeln und sie in Archiven zu prüfen. Dabei habe ich viele Legenden widerlegt. Damals habe ich angefangen, Rundgänge für ein breites Publikum anzubieten. Im Jahr 2012 wurde das Hotel privatisiert und die neuen Besitzer beschlossen, aus den Führungen ein Geschäft zu machen. Ich glaube, dass wir in der Außendarstellung das offenste Hotel Russlands sind. Jede Woche nehmen bis zu 250 Menschen an den Führungen teil.

Woher kommt der Andrang?

Das liegt in erster Linie an der „Biografie“ des Hotels. Als es Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, setzte es viele Maßstäbe, die dann beim Bau von anderen Hotels wie dem National und dem Savoy übernommen wurden. Schon damals gab es für die Bewohner Cafés und Restaurants. Dazu ein großzügiges Foyer mit gemütlichen Sesseln, eine Bibliothek und das erste Kino Moskaus mit zwei Sälen. Bei der Eröffnung gab es hier 400 Zimmer, die alle einzigartig waren. Und sie waren alle mit Kühlschränken, Telefonen und Warmwasser ausgestattet. Das war damals selten.

Nach dem Umzug der bolschewistischen Regierung aus Petrograd wurde das Hotel zum Zweiten Haus der Räte. Die Zimmer wurden in Wohnungen für die Abgeordneten umgewandelt. Es gab sogar einen Kindergarten. In dieser Zeit haben  berühmte Personen wie Bertolt Brecht, Mao Zedong und Marlene Dietrich hier übernachtet. Die letzten Gemeinschaftswohnungen wurden erst in den 1960ern wieder umgebaut.

Metropol

Das Hotel zu Beginn der 1920er Jahre © Hotel Metropol

Zu Sowjetzeiten war das Metropol lange Zeit nur für Ausländer zugänglich. Wie ging man mit ihnen um?

Jeder Gast bekam einen Übersetzer zur Seite gestellt, der gleichzeitig Guide war. Dafür gab es spezielle Ausbildungen. Ein sowjetischer Guide musste nicht nur alles über die Sehenswürdigkeiten, sondern auch über das kulturelle und politische Leben bei uns und im Ausland wissen. Man sollte unsere Errungenschaften hervorheben.

So wurden die Übersetzer politisch geschult. Es gab eine Liste „richtiger Antworten“ auf die am häufigsten gestellten Fragen. Diejenigen, die mit Ausländern arbeiteten, mussten darüber Bericht erstatten, was die Ausländer machten und mit wem sie sich trafen. Viele Details aus dem Leben des berühmten Hotels erfahren wir gerade aus diesen Berichten.

Und da haben Sie sich entschieden, ein Buch über das Hotel zu schreiben?

Mit „Metropol – die Hauptstadt Moskaus“ wollte ich mir selbst und denjenigen etwas zurückgeben, die in den 1920ern bis 1950ern hier gewohnt haben. Es ist für die Menschen, die hier geboren wurden, auf den Fluren spielten und von hier aus an die Front mussten. Das Buch ist ein Versuch, viele Seiten der Geschichte dieses legendären Ortes zu zeigen.

Was macht das Hotel noch so besonders?

Es hat seine Philosophie und noch viele Geheimnisse, die bisher nicht gelüftet wurden. So kann man über dem Haupteingang ein paar Wörter wie „Etwas“ entdecken. Es gehört zu einem Zitat aus Friedrich Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“: „Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus fertig gebaut hat, merkt man, unversehens Etwas dabei gelernt zu haben, das man schlechterdings haette wissen muessen, bevor man zu bauen  anfieng. Das ewige leidige ‚Zu spaet!‘“.

An einigen Stellen wird das Zitat von Gesichtern unterbrochen, unter anderem von Nietzsche selbst. Man kann aber nicht alles erkennen, weil es sich auf der vierten Etage befindet. Dafür muss man aus einer bestimmten Richtung um das Haus gehen. Es ist unklar, ob die Architekten das so beabsichtigt hatten. In der Sowjetunion wurde an der Fassade noch ein Zitat Lenins angebracht. Ich finde es sehr symbolisch, dass Zitate zweier so unterschiedlicher Personen bis heute die Fassade schmücken.

Das Gespräch führte Anna Braschnikowa 

Hotel Metropol

Im Jahr 1905 öffnete das im Auftrag des Kaufmanns Sawwa Mamontow gebaute Hotel Metropol seine Türen für Gäste. Damals galt es als eines der prunkvollsten Gebäude der Stadt. Nach der politischen Wende 1991 erhielt es als eines der ersten Hotels fünf Sterne. Seit 2012 gehört das Haus dem Besitzer der Azimut-Hotelgruppe. Das Buch „Metropol –  Die Hauptstadt Moskaus“ von Jekaterina Jegorowa erschien 2018 in zweiter Auflage.

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