Ein neues Zuhause für den Glauben in Marx

Nach Jahrzehnten der Enteignung und Zerstörung, des Missbrauchs und jahrelanger Restaurierung wurde die evangelisch-lutherische Dreifaltigkeitskirche in Marx wieder eingeweiht.

Ein steinernes Symbol für die Geschichte der Wolgadeutschen © Alexander Deruegin

Der erste Oktober 2019. Ein Sonntag. Der Tag Gottes. Aber ein ganz besonderer. Die Wiederbelebung seines Hauses. Gleichzeitig die Weihung seines neuen geistlichen Statthalters, Pastor Jakob Rüb. Ein besonderer Tag auch für einen anderen im Mittelpunkt der so angemessen-festlichen wie erlösend-fröhlichen Feier, den engagierten Mäzen Viktor Schmidt mit seinem Sohn Alexander.

Alle drei Russlanddeutsche mit tiefen Wurzeln in der Region. Die Schmidts, 1941 nach Kasachstan deportiert und vor 47 Jahren von dort zurückgekehrt, haben ihr irdisches Glück mit ihrem Unternehmen „Kronwerk“ zu beachtlicher Größe aufgebaut – von der Rohstoffproduktion wie Sand, Zement und Kalk bis zu schlüsselfertigen Wohnungsangeboten in und um Saratow. Bis dato sind nicht weniger als 3.100.000 Quadratmeter „Kronwerk“-Fläche hochgezogen worden.

Mäzen Viktor Schmidt: „Es kommt alles aus dem Herzen.“ © Alexander Deruegin

Und nach drei Jahren behördlichem Papierkrieg und detailgetreuen Restaurierungsarbeiten aus eigener Kraft für stolze drei Millionen Euro nun die ursprünglich 1840 errichtete evangelisch-lutherische Dreifaltigkeitskirche zu Marx, der ehemaligen Hauptstadtder Wolgadeutschen: „Für uns nach so vielen Generationen auch ein Familiendenkmal, es kommt alles aus dem Herzen“, lächelt der 59-jährige Viktor Schmidt schlicht und zufrieden.

Und ein Denkmal für die bereits 1765 als Baronsk gegründete, später in Jekaterinenstadt (1768), dann in Marxstadt (1919) umbenannte Stadt im Siedlungsgebiet der von Katharina der Zweiten und Großen Mitte des 18. Jahrhunderts an die Wolga herbeigerufenen deutschen Landsleute.

Gotteshäuser wurden entheiligt

Mit der von ihr verbrieften Religionsfreiheit und dem Versprechen auf persönlichen Landbesitz war es schon ab 1917 Schritt für Schritt vorbei. Den Wolgadeutschen blieb 24 Jahre später rein gar nichts mehr, der heimatliche Boden wurde ihnen genommen, vielen schließlich gar das Leben. Sie wurden in die unwirtlichsten Weiten Sibiriens und die ödesten Landstriche Kasachstans vertrieben.

Aus allen Gotteshäusern, natürlich auch denen der schuldlosen deutschstämmigen Gläubigen, wurden provokativ Clubs, Kinotheater, Lagerhäuser und Produktionsbetriebe. Werte wie Altäre, geheiligte Skulpturen und Bilderschmuck wurden entweiht, alles, besonders gegen Ende der 1950er Jahre, respektlos entwendet und mutwillig zerstört.

Mit ihrem 70 Meter aufragenden, dreistufigen Turm, gekrönt von einem hohen, goldglänzenden Kreuz, mit ihrem ausladenden Eingangskapitel, getragen von vier mächtigen Säulen, und dem weitläufigen Kirchenschiff, groß genug für über 1000 Menschen, außen wie im Inneren ganz in strahlendem Weiß gehalten, ist sie ein weithin sichtbares, steingewordenes Mahnmal wieder aufgelebter Geschichte der Wolgadeutschen.

Pastor Jakob Rüb will Gläubigen ein Zuhause geben. © Alexander Deruegin

Gleich am Marktplatz, gleich neben der Stadtverwaltung, genau inmitten des 33.000-Einwohner-Ortes. Hat die protestantische Gemeinde aktuell und offiziell auch gerade einmal 29 Mitglieder, betet der engagierte Theologe Jakob Rüb, Ende der 50, 1987 noch vor Ende der Sowjetunion von hier nach Wetzlar ausgereist, gläubig-zuversichtlich, dass der Leuchtturmeffekt der neuen Dreifaltigkeitskirche und sein persönlicher, ehrlicher Ehrgeiz in seinen sieben vertraglich vereinbarten Seelsorger-Jahren für wieder weit mehr der 2400 Russlanddeutschen, die wieder zurückgefunden haben, ein Zuhause wird. Vor der Vertreibung, genau am 28. August 1941, hatten hier 21.000 Menschen, davon zu 97 Prozent Russlanddeutsche von angestammter Religiosität, ihre Heimat.

Offen für Kulturveranstaltungen

Genauso soll dieses klerikale Monument für die heute mehrheitlich russisch-orthodoxe, ebenso für die katholische Bevölkerung von Marx (so genannt ab 1942) und Umgebung, deren heilige Stätten in nächster Nachbarschaft der evangelisch-lutherischen liegen, anziehend wirken: In der alten und jetzt neuen Dreifaltigkeitskirche sollen auch Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen für rege öffentliche Nutzung sorgen.

Inständig hofft Jakob Rüb, dass in absehbarer Zeit auch wieder neue Glocken rufen können, eine neue Orgel für musikalische Begleitung sorgen wird und vor allem auf einen neuen, angemessen gestalteten Altar. Dazu haben all die Spendengelder aus nah und fern nun doch noch nicht gereicht.

Nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt, in Sorkino, der ehemaligen Wolgadeutschen-Kolonie Zürich, war schon vor vier Jahren die 1877 entstandene Jesus-Christus-Kirche aus leuchtend-rotem Ziegelwerk, noch bis 2009 bis auf die Grundmauern ruiniert, großherzig von einem anderen erfolgreichen Bauunternehmer mit hiesigen, tief verwurzelten Familienbanden, Karl Loor, zu neuem Leben erweckt worden.

Die evangelisch-lutherischen Kirchen im Kern des traditionellen Siedlungsgebiets der Deutschen an der Wolga sind kirchlich wie weltlich historische Zeugen mit symbolisch-magnetischer Strahlkraft – sie demonstrieren: Diktatorischer, ideologisch verbrämter Machtmissbrauch, menschenverachtende, hasserfüllte Gräueltaten sind endlich, Glaube und Hoffnung sind unendlich.

Frank Ebbecke

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