Die Patentochter

Die Hochzeit der TV-Moderatorin und Oppositionsaktivistin Xenija Sobtschak sorgte wegen prominenter Gäste aus dem Kreml für politisches Aufsehen. Der Politologe Dmitrij Gawra zu den politischen Überzeugungen und Karrierechancen der umstrittenen Politikerin.

Schillernd, liberal und weitgehend einflusslos: Die Moderatorin und Politikerin Xenija Sobtschak. /Foto: kremlin.ru

Wer am Freitag, dem 13., am Museum Moskaus vorbeikam, wurde Augenzeuge eines spannenden Events. Zahlreiche Kameras jagten nach Promi-Gesichtern, als die Frischvermählte und ihre Gäste vorfuhren. Zufrieden meldeten die Medien Kremlsprecher Dmitrij Peskow und „Putinismus“-Ideologe Wladislaw Surkow unter den Gästen auf der Hochzeit der 37-jährigen Xenija Sobtschak. Zur gleichen Zeit tauchte die Tochter des politischen „Lehrers“ Putins, Anatolij Sob­­­­tschak, in einer Sendung auf dem Ersten Kanal auf.

Teils liberal, teils kremlnah

Als Sobtschak bei den Präsidentschaftswahlen 2018 mit liberalen, aber nicht radikalen Vorschlägen kandidierte, warb sie „gegen alle“. Sie versammelte ein Team von „Influencern“, die die Stimmen der liberalen Intelligenz sichern sollten, hinter sich. Ihre Kampagne sponserte unter anderem der teils liberale, teils als kremlnah bekannte Oligarch Sergej Adonjew. Der in London lebende oppositionelle Oligarch Michail Chodorkowskij dagegen ging auf Distanz. Ihr weiterer Sponsor Wladimir Palichata, Ex-Präsident des Konzerns Ros­energomasch, bezeichnete sie als „die einzige Kandidatin mit politischer Zukunft“, der heute angeblich führende Oppositionelle Alexej Nawalny nannte sie dagegen ein „liberales Gespött“ – schließlich hatte Sob­tschak sich über mehrere Monate mit Putin höchstpersönlich getroffen.

Schwach – aber Putins Nachfolgerin?

Mit 1,66 Prozent der Stimmen erntete die vor allem als Moderatorin skandalöser TV-Shows bekannte Xenija alles andere als Zustimmung. Dass Putin ihr Pate sei, dementierte sie in einem Interview Ende 2017. Doch an den anhaltenden Spekulationen, dass sie später doch Putins Nachfolgerin werden könnte, änderte das wenig. In dem Maße, wie Kritiker des einstigen Kreml-Befürworters und nun oppositionellen Gennadij Gudkow diesen „konjunkturell und prinzipienlos“ nennen, scheint Sobtschak ebenfalls ein merkwürdiges Projekt. Ihre eigentliche Ideologie?

Laut dem St. Petersburger Politikwissenschaftler und Berater Dmitrij Gawra, der Anatolij Sob­tschak persönlich kannte, kann Xenija als Tochter ihres Vaters von Herkunft, Bildung und damit von politischen Werten her nicht illiberal sein, selbst wenn Augenzeugen meinen, sie sei im Umgang mit Menschen autoritär. Gerade ihre Generation sei historisch dazu aufgefordert, so Gawra, die Macht im neuen Russland zu übernehmen, wobei Xenija nicht hinten anstehen könne. Im Blick auf ihre Kontakte zum Kreml meint Gawra, dass sie sich offenbar als ihr eigenes Projekt verstehe. Sobtschak sehe dabei aber ein, dass sie für eine lange politische Zukunft in bestimmte Konstrukte passen müsse, die nicht ganz ohne den Kreml entschieden werden. Daher ist sich Gawra sicher, dass sie künftig keine Nachfolgerin Putins werden, jedoch ein wichtiges Amt antreten könnte.

Fünf Oligarchen auf einer Hochzeit

Mehreren Berichten zufolge tauchten mindestens fünf Oligarchen, darunter der Verleger und Buchhändler Alexander Mamut, auf der Hochzeit auf. Dass Sobt­schak zur Schachfigur im Machtspiel der Eliten werden könnte, bezweifelt Gawra. „Xenija zählt trotz ihrer Tricks doch zum familiären Kreis des ‚Lehrers’, den Putin beschützt. Dazu gehört, dass sie den möglichen Folgen ihrer Teilnahme an politischen Protesten auf dem Bolotnaja-Platz 2011 ungeschoren entkommen war“.

Jede neue Generation sei eine neue Nation, schrieb der französische Demokratietheoretiker Alexis de Tocqueville. Sollten die Neuen kommen, würden sich die Spielregeln ändern. In den 1990er Jahren wurden System-Komsomolzen wie Chodorkowskij plötzlich liberale Oligarchen. „Generationenwechsel funktioniert unabhängig vom Status der Familie“, sagt Gawra weiter und verweist auf den Sohn des Ex-FSB-Chefs Nikolai Patruschew Dmitrij. Dieser hat eine liberale kaufmännische Ausbildung und ist als Landwirtschaftsminister tätig. Bedeutet dies, dass eine Macht­übergabe in Russland künftig nur über die Eliten stattfinden kann?

Generationen- und Wertewechsel

„Die liberale Intelligenz innerhalb des Moskauer Gartenrings ist tatsächlich mit der Oligarchie sowie den Türmen des Kremls zusammengewachsen, aber im Großen und Ganzen müssen die Progressiven nicht unbedingt aus Moskau kommen. Boris Jelzin stammte aus Jekaterinburg, sein Helfer Gennadij Burbulis, Anatolij Sobtschak und dessen engster Mitarbeiter Anatolij Tschubais kamen aus Leningrad“, meint Gawra. Dem Generationenwechsel sowie den liberalen Werten sei nicht zu entkommen, am besten erfolge dieser über das System. Sollten die heutigen Mächtigen tatsächlich an Patriotismus glauben, können sie laut dem Politologen nicht ganz abstreiten, dass für eine Modernisierung des Landes eine energische „Jugend“ gebraucht wird. „Offen bleibt nur die Frage, inwieweit die liberalen Werte im Projekt Russland 2050 vorgesehen sind“, sagt der Experte abschließend.

Liudmila Kotlyarova

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