Die Krise nach dem Abschuss: Russland liefert S-300-Raketen an Syrien

15 tote russische Soldaten, scharfe Rhetorik und ein Streit um die Verlegung von Flugabwehr-Raketen: Der Abschuss eines russischen Aufklärungsflugzeuges hat zu einer Eiszeit zwischen Israel und Moskau geführt. Warum diese nicht von Dauer sein dürften, erläutern ein deutscher und ein russischer Experte.

Syrien

Sorgt derzeit für Aufregung: ein russisches S-300 Raketensystem. /Foto: wikicommons

Als Igor Konaschenkow am Donnerstag der ersten Oktoberwoche in Moskau vor die Mikrofone trat, war er sichtlich um Beschwichtigung bemüht. „Es ist nicht ganz verständlich, warum die Stationierung der S-300 bei unseren westlichen Kollegen zu so viel Aufregung geführt hat“, sagte der stellvertretende Verteidigungsminister in Richtung der versammelten Journalisten. „Ich erinnere daran“, unterstrich der Generalmajor, „die S-300 ist ein ausschließlich defensives System und stellt für niemanden eine Bedrohung dar!“

Flugzeug über Mittelmeer abgeschossen

Was war geschehen? Anfang der Woche hatte Moskau eine Ankündigung umgesetzt und moderne S-300-Raketenabwehrsysteme, inklusive vier Abschussvorrichtungen, an die syrische Armee übergeben. Die Reichweite der Raketen zur Flugabwehr beträgt 200 Kilometer und bedeutet eine Stärkung der syrischen Luftabwehr, waren sich Experten einig.

Der Westen reagierte mit Protesten. Das Pentagon nannte die Lieferung „verantwortungslos“. Israels Verteidigungsminister Avigdor Liebermann drückte sein Bedauern aus. Sein russischer Amtskollege Sergej Schoigu verteidigte die Übergabe indes gegenüber dem Fernsehsender „Rossija 24 TV“. Die Raketen sollten dem Schutz der russischen Truppen in Syrien dienen.

Doch was steht wirklich hinter der Übergabe? „Einerseits geht es darum, die russischen Militärbasen besser zu sichern“, erklärt Stefan Meister, der bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) über russische Außenpolitik forscht. „Das ist die Hauptintention.“ Gleichzeitig baue Russland mit dem Schritt aber auch ein mächtiges Druckmittel im Syrienkrieg auf. „Das heißt, dass sowohl die westliche Gemeinschaft, die Amerikaner, als auch die Israelis gezwungen werden, sich noch enger abzustimmen, wenn sie nicht abgeschossen werden wollen“, erläutert der Experte im Gespräch mit der MDZ.

Diese Einschätzung teilt auch Abbas Juma, Nahost-Experte der Tageszeitung „Komsomolskaja Prawda“. Die S-300 sei eine ernst zu nehmende Waffe und fähig, Jagdflugzeuge abzuschießen, erklärt der Moskauer Journalist mit syrischen Wurzeln.  „Und diesen Faktor muss Israel – und nicht nur Israel – in Betracht ziehen.“

Moskau sieht Abschuss als feindliche Handlung

Anlass für die Raketen-Lieferung war ein tragischer Vorfall, zu dem es in der zweiten Septemberhälfte über dem östlichen Mittelmeer gekommen war. Damals hatte die syrische Luftabwehr ein russisches Aufklärungsflugzeug beim Rückflug zur Luftwaffenbasis Hamaimim in Syrien abgeschossen. Beim Absturz der Maschine vom Typ Il-20 kamen alle 15 Soldaten an Bord ums Leben.

Moskau machte jedoch Israel für den Angriff verantwortlich. Vier israelische F-16-Kampfjets hätten sich bei einem Angriff auf syrische Ziele hinter der russischen Maschine versteckt und so den Abschuss provoziert, empörte sich Igor Konaschenkow. „Wir betrachten diese provokanten Handlungen als feindlich“, sagte er und kündigte an: „Wir behalten uns das Recht auf eine angemessene Reaktion vor.“ Israel wies die Vorwürfe zurück. Mehrere Tage lang hagelte es daraufhin harsche Kritik aus Moskau.

Doch wie gefährlich waren die Spannungen zwischen den beiden Staaten? Nach Ansicht von Abbas Juma barg die Krise nach dem Abschuss durchaus das Potential zu einer dramatischen Eskalation. „Das war natürlich sehr ernst“, sagt der Journalist. „Es war alles zu erwarten gewesen, weil das ein Kasus Belli ist (Anmerk. d. Red.: ein Kriegsgrund) ist.“ Dafür spreche auch die eher unübliche postwendende Verurteilung durch das russische Verteidigungsministerium. Eine tatsächliche Gefahr einer Auseinandersetzung sehe er aber nicht.

Auch Stefan Meister schätzt die Situation nach dem Abschuss als brenzlig ein – und hält einen bewaffneten Konflikt zwischen Russland und Israel ebenso für unwahrscheinlich. „Rhetorik ist das eine, die militärische Realität ist dann doch das andere“, sagt der Politikwissenschaftler aus Berlin. „Für die russische Führung war es wichtig zu zeigen, dass man stark auftritt und das man mit Konsequenzen droht, einfach weil konkret russische Soldaten ums Leben gekommen sind“, sagt er.

Iran zwingt zu Zusammenarbeit

Darüber hinaus seien beide Seiten in der gegenwärtigen Lage aber auf eine äußerst enge Koordination ihrer Operationen in Syrien angewiesen. Denn der Konflikt sei mittlerweile in die finale Phase getreten, bald stehe die Klärung der Nachkriegsordnung an. Damit sei auch die Frage verbunden, wie stark der Iran, der auf der Seite von Präsident Baschar al-Assad in dem Konflikt mitmischt, weiter in dem Land vertreten sein werde, erläutert Meister. Israel, das schon jetzt viele Angriffe auf iranische Stellungen in Syrien fliege, könnte die Zahl seiner Luftschläge in diesem Zeitraum sogar noch erhöhen, prognostiziert der Experte.

Um weitere Zwischenfälle wie den Abschuss der Il-20 zu vermeiden, seien beide Seiten daher weiterhin auf Kooperation angewiesen. „Und da muss eine neue Form von Abstimmung getroffen werden“, erkäutert Stefan Meister. „Deswegen die vielen Reisen von Netanjahu nach Moskau und die regelmäßigen Telefonate, die zwischen Israel und Moskau geführt werden.“ Er glaube nicht, dass die gegenwärtige Krise die langfristige Kooperation gefährde. „Weil niemand daran Interesse hat!“

Dem stimmt auch Abbas Juma zu. An einen Bruch zwischen Moskau und Tel Aviv glaube er nicht. „Dafür ist Russland ein zu wichtiger Verbündeter von Israel und ein zu bedeutsamer Partner!“

Lena-Marie Euba und Birger Schütz

 

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