Die Hilfssheriffs: Russlands Druschiny

Druschiny sollen auf Russlands Straßen für Ordnung sorgen. Die Idee freiwilliger Bürgerwehren stammt aus der Sowjetunion und ist auch heute noch aktuell.

Auf zur Razzia: Mitglieder einer Druschina bereiten sich darauf vor, Migranten über ihre Pflichten „aufzuklären“. (Alexej Nitschukin/ RIA Novosti)

So richtig schien sie nicht dazuzugehören, die Gruppe älterer Männer, die am 23. Januar auf dem Puschkin-Platz im Moskauer Zentrum stand. Tatsächlich waren sie nicht gekommen, um wie die vielen Tausend Menschen um sie herum für die Freilassung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny zu demonstrieren. Die Männer sollten quasi als Hilfssheriffs für Ordnung sorgen. Dazu berechtigte sie die rote Binde am linken Arm, auf der in gelben Lettern „Druschina“ stand.

Eingegriffen hat die Bürgerwehr (so die etwas ungenaue Übersetzung) an diesem Tag indes nicht. Aber sie hat Präsenz gezeigt. Wie auch am folgenden Wochenende, an dem Druschinniki, wie die Mitglieder genannt werden, in den Gassen und Höfen rund um die Metrostation Tschistyje Prudy patrouillierten. Reporter der „Nowaja Gaseta“ merkten hinterher an, dass die Masse der Druschinniki an sowjetische Maidemonstrationen erinnerte.

Erbe aus Sowjetzeiten

Der Vergleich mit der Sowjetunion kommt nicht von ungefähr. Schließlich entstanden die Druschiny in ihrer heutigen Form 1959. Die Idee lautete damals Bürger im Kampf gegen kleinere Gesetzesverstöße einzusetzen. Bis 1982 wurden in der Sowjetunion 282 000 Druschiny mit mehr als 13 Millionen Mitgliedern gezählt. Ob diese immer freiwillig an den Patrouillen teilnahmen, sei dahingestellt. Mit dem Niedergang des sozialistischen Staates lösten sich auch die meisten Bürgerwehren wieder auf.

Im Jahr 2009 sorgte der damalige Staatssekretär im Innenministerium Nikolaj Owtschinnikow für Aufregung, als er in einem Interview mit der „Rossijskaja Gaseta“ die Wiedereinführung der Druschiny forderte. Die Polizei könne nicht an jeder Ecke stehen, sagte Owtschinnikow und regte an, dass die Bürger die Sicherheit in ihren Vierteln sicherstellen sollten. Warum ein Land, in dem es so viele Polizisten wie sonst fast nirgendwo gibt (2019 kam ein Polizist auf 240 Einwohner) weitere Ordnungskräfte braucht, konnte Owtschinnikow nicht so richtig klären.

Oft arbeiten Druschiny und Polizei Hand in Hand, wie hier in Welikij Nowgorod. (Foto: 53.mwd.rf)

Zumal die Straßenkriminalität zu dieser Zeit zurückging. Seine Forderung begründete er deshalb mit Bürgernähe und pädagogischen Effekten. Und er versprach, die Druschiny nicht auf Demonstrationen einzusetzen.
So wurde bereits vor der offiziellen Wiedereinführung die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Druschiny verstärkt. Etwa bei den sogenannten „Migrantenrazzien“ 2013, als beide Gruppen gemeinsam an Moskauer Bahnhöfen Menschen aus Zentralasien aufgriffen, um ihnen zu erklären, wie sie sich in Russland zu verhalten haben. Die Polizei zeigte sich mit der Kooperation zufrieden. Die Effektivität der Maßnahmen sei um ein Drittel gestiegen, hieß es.

Liebe zum Gesetz ist ausschlaggebend

Die Attraktivität der Druschiny hingegen sank. Zwischen 2014 und 2016 halbierte sich die Mitgliederzahl auf 200 000 landesweit. Ein Behördenvertreter nannte als Hauptgrund für den Rückgang, dass viele Gruppen bei der Überprüfung durch die Polizei durchgefallen waren. Warum, wurde nicht gesagt.

Dabei gilt für die Druschiny und ihre Mitglieder, dass sie fest zum russischen Gesetz stehen. Mitglieder betonen immer wieder, dass sie einzig an der öffentlichen Ordnung interessiert sind. Und das freiwillig. Denn außer kostenlosen Nahverkehr-Tickets wie etwa in Moskau gibt es vom Staat keine weitere Unterstützung.

Auch wenn die Aufgaben einer Druschina von außen betrachtet ein wenig merkwürdig erscheinen, ist der überwiegende Teil der Mitglieder harmlos. Ein Blick in verschiedene Vkontakte-Gruppen zeigt jedoch auch eine andere Welt. Eine Druschina aus St. Petersburg schreibt ihren Mitgliedern etwa vor, auf den Patrouillen „angemessen“ auszusehen. Dazu gehört auch eine entsprechende Frisur (Vorschläge werden aber nicht gemacht).

Teilweise befremdliche Selbstdarstellung im Netz

In den Bildergalerien präsentieren sich die Männer als Wohltäter, die Sommerlager für bedürftige Kinder besuchen und dort mit den Kids spielen und Sport treiben. Allerdings zeigen sich dieselben Mitglieder auch selbst beim Kampfsport und posieren mit Maschinengewehren im Wald. Das weckt Erinnerungen an die deutsche Kameradschaftsszene. In den Foren geben sich die Mitglieder aber bewusst staatstreu und weisen jeden zurecht, der außerhalb der legalen Grenzen aktiv sein will.

Der russische Staat scheint von den Druschiny überzeugt zu sein und möchte die Aufgabenbereiche der Hilfssheriffs erweitern. Im September 2020 schlug die russische Generalstaatsanwaltschaft vor, auch Jugendliche einzubinden. Diese sollen „bürgernah“ Verbrechen unter Minderjährigen vorbeugen. Und nach den Januarprotesten kündigte der Vorsitzende des St. Petersburger Elternkomitees Michail Bogdanow an, Eltern-Druschiny einzuführen. Diese sollen Kinder von nicht genehmigten Demos nach Hause bringen und vor Provokationen schützen. Die Umstände fordern solche Maßnahmen, erklärte Bogdanow und fügte hinzu, dass Väter die Ereignisse nicht einfach so hinnehmen könnten.

Daniel Säwert

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