Die Gräben gehen auf

Wie viele Russen hat unsere Autorin Antonina Tschjertasch Angehörige auf beiden Seiten der russisch-ukrainischen Grenze. Was früher selbstverständlich und unproblematisch war, wurde nach 2014 zunehmend und nach dem Beginn der russischen „Spezialoperation“ endgültig zur Zerreißprobe.

Menschen auf der ukrainischen Seite warten auf den Grenzübertritt nach Russland.
Die russisch-ukrainische Grenze trennt mittlerweile viele Familien (Wiktor Tolotschko/ RIA Novosti)

Mein Großvater mütterlicherseits wurde im Dezember 1940 nahe Lwiw in der Westukraine geboren. Weniger als ein Jahr später begann der Krieg. Als Fünfjähriger sah er den Rückzug der deutschen Truppen mit an, der durch das Dorf seiner Familie führte. An diese Szenen erinnert er sich noch gut und erzählt, wenn er etwas getrunken hat, oft davon. Über die Deutschen erzählt er nur, dass sie das Vieh konfisziert haben.

Seine Geschichte kulminiert immer im Rückzug eines Bataillons der „Ukrainischen Aufständischen Armee“ – eine Partisaneneinheit, die mit der SS kollaborierte. Als deren Mitglieder schon in Richtung polnischer Grenze marschierten, lief ihnen plötzlich der Hund der Familie hinterher. Die Partisanen überlegten nicht lange und schossen auf ihn. Mein Ururgroßvater fluchte ihnen hinterher, dann begannen sie auch auf die Familie zu feuern. Mein Großvater flüchtete über die Felder und den Fluss und behielt für immer den Namen „Bandera“ im Kopf. So nennt man Kämpfer der Partisanen noch heute, nach dem nationalistischen Politiker Stepan Bandera.

Von Lwiw nach Omsk nach Nikolajew

Mit 18 Jahren trat mein Großvater der Armee bei. Er diente erst in Murmansk, später dann in Omsk. In der westsibirischen Metropole ließ er sich schließlich auch nieder. Er arbeitete als Busfahrer, lernte meine Großmutter kennen und heiratete. Meine Großmutter hatte drei Geschwister. Ihre ältere Schwester Irina wurde Anwältin. Sie wurde in den Fernen Osten des Landes entsandt und lernte dort ihren späteren Ehemann, den Militärpiloten Walerij, kennen. Sie bekamen drei Kinder, doch Irina starb tragischerweise jung. So lebten die Kinder teilweise bei ihrem Vater, teilweise bei meinen Großeltern in Omsk. Später wurde Walerij nach Nikolajew, nahe Odessa an der ukrainischen Schwarzmeerküste, versetzt. Er diente auf dem Militärflughafen Kulbakino, der am 24. Februar 2022 zerstört wurde. Dort in der Ukraine lebten von da an auch ihre drei Kinder, die Neffen meiner Großeltern.

Meine Großeltern bekamen selbst zwei Kinder, meine Mutter und ihren jüngeren Bruder. 1990 wurde ich geboren, 1991 zerfiel die Sowjetunion. Mein Onkel war damals gerade 13. 1995, in einer der chaotischsten Zeiten überhaupt, wurde er nicht nur wehrpflichtig, was in diesen Jahren wegen des Tschetschenienkrieges schlimm genug war. Er geriet auch in schlechte Gesellschaft. Meine Großeltern entschieden sich deshalb, ihn nach Nikolajew zu schicken, wo er auf der Hochschule Schiffsbau lernen und bei seinen Verwandten leben sollte. Obwohl die Ukraine damals schon ein eigenständiger Staat war, dachten sie kaum daran, dass sie ihren Sohn in ein anderes Land schickten, so nah waren sich beide Länder damals.

Grenzgänger seit früher Kindheit

Nach dem Umzug meines Onkels begannen wir, alle zwei Jahre nach Nikolajew zu fahren. Meine eindrücklichsten Kindheitserinnerungen stammen von diesen Besuchen: die Fahrt durch den schwülen Sommer, Pfirsiche auf dem Gehsteig, die Nachmittage am Fluss. Gemeinsam besuchten wir dort auch die Eltern meines Onkels oder fuhren auf die Krim, das letzte Mal 2010 zu seiner Hochzeit. Damals interessierte sich niemand von uns dafür, zu welchem Staat die Halbinsel denn nun gehörte. Für uns waren die Ukraine und Russland zwei Teile eines gemeinsamen Raumes. Das hatte nichts mit einer politischen Idee zu tun, es war einfach unsere Lebensrealität. Bei der Vielzahl an Verbindungen schienen uns die Grenzen unwichtig.

Nach langer und schwerer Krankheit starb 2019 meine Großmutter. Aus Trauer zog mein Großvater zu seinem Sohn in die Ukraine und kümmerte sich um die Erziehung seiner Enkel. 2020 und 2021 feierten wir Neujahr gemeinsam dort, obwohl wegen der Corona-Pandemie eigentlich Einschränkungen galten und wir es nur schwer über die Grenze schafften. Wir fuhren die knapp 1200 Kilometer von Moskau bis zu unseren Verwandten mit dem Auto.

Konflikte setzen ein

Bei uns in der Familie murrte man ein wenig, als Ukrainisch zur einzigen Landessprache erklärt wurde. Mein Onkel musste sein Studium auf Ukrainisch abschließen, obwohl Nikolajew immer zum größten Teil russischsprachig gewesen war. Wir murrten auch bei der Maidan-Revolution 2013, besonders mein Großvater regte sich darüber auf. 2014 begannen wir dann, richtiggehend zu streiten. 2014 wurde es verboten, Russisch in ukrainischen Schulen zu unterrichten, der Konflikt im Donbass begann, Russland gliederte die Krim in sein Staatsgebiet ein. Trotz seiner russischen Staatsbürgerschaft war mein Onkel in dem Konflikt gegen die russische Seite, während mein Großvater, selbst Ukrainer, die diametral entgegengesetzte Position einnahm.

Nach 2014 wurde der Ton rauer

Die Krim wurde für Ukrainer unzugänglich, 2014 wurde der Flugverkehr zwischen Russland und der Ukraine eingestellt, mittlerweile ist Russen die Einreise in die Ukraine untersagt. Mein Großvater verfluchte die Rückkehr zur nationalistischen Rhetorik in der Ukraine und die Abwendung von Russland zu Gunsten des Westens. Mein Onkel verfluchte seinerseits die Korruption in Russland und die Expansionswünsche des Landes. Er hatte auf der Krim mit Metallhandel Geld verdient, diese Zeiten waren nun vorbei.

Der Siegestag am 9. Mai 2017 verlief in Nikolajew, wie überall in der Ukraine, unruhig. Die Prozession des „Unsterblichen Regiments“ (ein Umzug, der im Zweiten Weltkrieg gefallenen russischen Soldaten gedenkt, Anm. d. Red.) wurde von Anhängern des ultranationalistischen „Rechten Sektors“ (wurde in Russland zur extremistischen Organisation erklärt) und ähnlichen Bewegungen gestört. Den alten Veteranen rissen sie die Schärpen heruntergerissen, ließen die Leute nicht zu ihren Gedenkstätten. In Kiew finden mittlerweile jährlich am 1. Januar Fackelzüge zu Ehren von Stepan Banderas Geburtstag statt. Die Losung seiner Partisanen „Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!“ ist seit der Maidan-Revolution in den allgemeinen Diskurs eingegangen. In meiner Familie waren alle Urgroßeltern im Krieg und nicht alle kehrten auch zurück.

Die „Spezialoperation“ beginnt

Am 24. Februar 2022 weckten die Luftschläge auf den Militärflughafen Kulbakino auch meine Verwandten, die wegen dessen Existenz überhaupt erst in die Ukraine umgesiedelt waren. Die Geschichte nahm eine schwindelerregende Wendung. Mein Großvater, der während des Krieges geboren wurde und dessen früheste Erinnerungen den Beschuss vonseiten seiner eigenen Landsmänner beinhalten, lebt nun unter dem Feuer des russischen Militärs und wartet auf dessen Ankunft in der Stadt. Und mein Onkel, der in Russland geboren und aufgewachsen ist, spricht mit uns über nichts anderes mehr, als über die Hinterlist der russischen Streitkräfte.

Durch Nikolajew fahren Panzer, auf Nikolajew fallen Bomben, in Nikolajew gibt es Explosionen. Die Geschichte ist voll von grausamer Ironie. Mit einem schweren Schlag werden jahrelang gewachsene Familienbande auf beiden Seiten der Grenze zersetzt, Kindheitserinnerungen in undurchsichtigen Nebel gehüllt und die altbekannte Realität in eine böse Grimasse verwandelt.

Von Antonina Tschjertasch

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail:

    8 Responses to “Die Gräben gehen auf”
    1. Ihr bombt die Städte der Ukraine kaput und nennt das wie ? Nein , die Russen wollen keinen Krieg, Sie bringen Blumen in die Ukraine .
      Bei der Anfahrt haben sich 6 Generäle verabschiedet ! Wohin ? Unbekannt !
      Wer bezahlt das ganze ? Richtig IHR ! Mit Euren Steuern ! Die Schäden in der Ukraine ? Richtig, auch Ihe und einige Oligarchen wie Abramowitsch.
      Was ist der Effekt ? Der Westen erhöht seinen Verteidigungshaushalt auf 3% des Staatshaushaltes und schließt sich eng zusammen und Ihr träumt von Großrussland 🙂 Glaubt Ihr das Ihr mit Atombomben drohen könnt ?
      Ihr könnt die Welt 4,5 mal vernichten, der Amerikaner 3 mal und Frankreich 1 mal. Aber auch dort seit Ihr nur zweiter Sieger, denn Ihr lebt genU eine Stunde länger wie wir ! Sorry Putin 180 Tage im Bunker .
      „ Da strastwujet nieruszimaja Druszba…Die Ukrainer lieben Euch bestimmt , wenn einer überleben sollte.

      • ein vom echten Karl Marx Lernender Antworten

        Wenn Du wirklich wissen willst, warum es in der Ukraine Konflikte gibt, dann lies mal das 1997 erschiene Buch vom langjährigen US Präsidentenberater Zbigniew Brzeziński „Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft (The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives“.
        Die Idee von Brzeziński ist jedoch nicht ganz so neu. Schon 1949 formulierte der erste NATO-Generalsekretär, der Brite Hastings Ismay, als Credo des Paktes: »Die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen unten halten.

        Übrigens das Wörtchen ‚als‘ wird verwendet, wenn beim Vergleichen etwas unterschiedlich ist. Das Wort ‚wie‘ beschreibt dagegen, wenn etwas gleich ist.

    2. PS. Empfehle mal den Russischen Genossen das Kapital Band 1 zu studieren .
      In einen halben Jahr werdet Ihr in Eurem Täglichen Leben spüren wie Kapitalismus und Imperialismus in der PrXis funktionieren….

      Wir haben per heute 2.7 Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine in Westeuroba….Eine gute Idee uns Frauen mit Kindern zu schicken!,
      Die lernen es jetzt ,wie Freiheit und Frieden gelebt wird . Und sie verdienen 1.500 bis 5.000. € pro monat

      Und Ihr ? Was kostet eine Kalaschnikof ? Ein Panzer ? Ein Hubschrauber ?ein Jagdflugzeug ?
      Und was kosten so 14-15.000 tote Soldaten ?

    3. Hallo,
      ich habe den Artikel aufmerksam gelesen und kann mir vorstellen, wie sich Frau Tschjertasch fühlt. Auch in der Familie meiner Frau gibt es ukrainische Verwandte, die ich gut kenne. Es ist furchtbar und der Krieg muß aufhören!

    4. Wie fühlt man sich als Journalist wenn wann einen Krieg nicht Krieg nennen darf.

    5. Absolut traurig, wenn Abermillionen Menschen Angst haben auf der Erde vor einem dritten Weltkrieg, nur weil hochrangige Politiker nicht in der Lage sind, sich zu verstaendigen. Die Voelker muessen leiden, damit Egoisten ihre Berufungen ausleben koennen. Und alles geschieht im Namen des Volkes, das Sterben der Ukrainer, das Sterben der Russen. Am Ende bleibt nichts als die boese Erinnerung an ein sinnloses Blutvergiessen. Muss man so unruehmlich in die Annalen der Geschichte eingehen?

    6. Krieg in Europa, einem dritten Weltkrieg nahe, wie schon lange nicht mehr.
      Einer träumt von alter Weltmacht und stürzt Millionen ins Unglück.
      10 Millionen, überwiegend Frauen und Kinder, auf der Flucht, innerhalb der Ukraine oder in Nachbarländer. Zurück bleiben Alte. Ohne Versorgung, Wasser, Essen, Medizin. Schutzsuchende werden in Theatern, Schulen oder Krankenhäusern bombardiert. Zivilisten sind Angriffsziele.
      Und das ist die spezielle militärische Operation?
      Russische Soldaten, die nicht wissen, warum sie in die Ukraine geschickt wurden.

      Warum dieses sinnlose Blutvergießen?
      Tausende getötete Soldaten…
      Tausende getötete Zivilisten…
      Städte dem Erdboden gleichgemacht…

      Wovor hat Putin so viel Angst, dass er zu solchen Mitteln greift?
      Vor Freiheit, freie Meinungsäußerung, Demokratie?

      Ein Ende ist nicht in Sicht.
      Der Krieg ist leider noch lange nicht vorbei.
      Das wird weitere tiefe Gräben zwischen Völkern ziehen.
      Die Auswirkungen, auch danach, werden noch lange zu spüren sein.

      Aus der Geschichte nichts gelernt…

    7. Den Bericht habe ich sehr interessiert gelesen und meine Spannung wuchs dabei, weil ich hoffte, auch ein paar aufschlussreiche Sätze über den Donbass lesen zu können, der sich dem Umsturz – man könnte auch Putsch sagen – von Februar 2014 entzogen hat durch Bildung eigenständiger Verwaltung. Immerhin hatte das einen Krieg zur Folge mit etwa 14.000 toten Menschen. Warum kein Wort dazu?

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.