Der perfekte Bodyguard

American Football ist in Russland eine Randerscheinung. Dennoch fördert der Traditionsverein Spartak Moskau die Sportart. Und hat sich dafür Verstärkung aus Niedersachsen geholt.

Football
In Deutschland war Nikita Schönborn einer der besten Spieler, in Russland gehört er zu den besten Lehrern im American Football. © Lucian Bumeder

Nikita Schönborn ist eine beeindruckende Erscheinung. 135 Kilogramm bringt er auf die Waage. Er trägt ein T-Shirt in Größe 4XL – und das sitzt knapp. Die Kraft, die er ausstrahlt, braucht er auch. Denn für sein Team Spartak Moskau läuft der fast zwei Meter große gebürtige Oldenburger als sogenannter Right Tackle auf. Seine Aufgabe: den wichtigsten Spieler des Teams, den Quarterback, beschützen – oder noch besser, den angreifenden Gegenspieler aus dem Gleichgewicht bringen und auf den Rücken werfen. Im American Football heißt diese Praxis „pancaken“ und gilt als ultimative Dominanz. 

„In Deutschland gibt man dem Gegner da immer einen Spruch mit: Lass dich doch auswechseln! Mir ist langweilig!“, stellt Schönborn klar. Aber auf Russisch gebe es dafür gar keinen wirklichen Ausdruck. „Die sind viel zu nett hier“, beschreibt er das Problem. Das will er verändern, will seine Mannschaft zu noch mehr Biss antreiben. Dafür ist Schönborn in die American-Football-Abteilung des russischen Traditionsvereins gewechselt.

Viel Erfahrung trotz jungen Alters

Mit 23 Jahren ist Schönborn jung. Dennoch bringt er sportliche Erfahrung mit, die in Russland selten ist. Seit er 16 ist, spielt der Right Tackle in verschiedenen Stufen des deutschen Spitzenbereichs im American Football. Niedersächsische Jugendauswahl, Jugend- und später Herrenmannschaft des Erstligaklubs Düsseldorf Panthers hießen die ersten Stationen. „Nur zum Spaß war mir immer zu wenig. Ich wollte immer noch besser werden“, erklärt er seinen Anspruch.

Gerade von der Zeit in Düsseldorf ist er begeistert: „Dort spielen Legenden des europäischen Footballs. Wenn du gegen so gute Spieler trainierst, lernst du wie nirgendwo sonst.“ Mit 19 erkämpft er sich einen Startplatz bei den New Yorker Lions aus Braunschweig, einer der jährlichen Titelanwärter in der German Football League. Damit ist Schönborn einer der jüngsten und einer der besten Right Tackles in Europa.

Spartak ist ein Neuanfang

In den vier Jahren in Braunschweig gewinnt das Team sechs Titel. Aber eine Verletzung am linken Fuß unterbricht Schönborns Höhenflug im vergangenen Jahr. In dieser Zeit bekommt er die Anfrage von Spartak, ob er nicht in Moskau spielen und beim Aufbau eines Teams mithelfen wolle. Erst im Februar 2019 hatte der Verein entschieden, eine eigene Amateursparte im American Football aufzubauen.

Dafür ist jemand wie Schönborn, der über Erfahrung und die nötigen Sprachkenntnisse verfügt, der ideale Mann. Schönborn hat Familie in Moskau, vor allem aber reizt ihn die neue Herausforderung. In Deutschland hat er gewonnen, was er gewinnen konnte. Jetzt will er die Football-Szene eines ganzen Landes verbessern. Denn Football ist in Russland Amateur-Sport. Plätze, Ausrüstung, Schiedsrichter – all das wird über Vereinsbeiträge durch die Spieler selbst finanziert. Bei Spartak sind das circa 5 000 Rubel (70 Euro) im Monat.

Dafür sind die Spieler ehrgeizig. Das spürt Schönborn häufig am eigenen Leib. Denn jetzt ist er der gute Gegner, von dem die anderen lernen. Wenn es sein muss, wirft er seine Mitspieler auf den Rücken, „pancaked“ sie, aber er erklärt ihnen auch, was gerade passiert ist. Und das harte Training trägt Früchte: Anfang Oktober gewinnt Spartak gegen die Petrosawodsk Gunners als Krönung einer ungeschlagenen Saison seinen ersten Titel – den Schwarzerde-Pokal.

Gerade auf sportlicher Seite sieht Schönborn viel Potential in Russland. Alle seine Mannschaftskollegen haben Erfahrung aus anderen Sportarten. „Schwimmer sind super, die haben ein starkes Kreuz. Kampfsportler wissen, wie sie ihre Hände benutzen. Die Basketballer sind groß und können fangen“, beschreibt er seine Kollegen: „daraus lässt sich ein richtig starkes Team bauen, das auch in Europa mithalten kann.“ Gerade weil Football so kompliziert ist, ziehe es ambitionierte Sportler an. Sie seien fasziniert von der hohen Komplexität des Sportes, der ausgefeilten Taktik, der benötigten Körperbeherrschung, so der Right Tackle.

Football zieht nur wenige Menschen an

Problematischer ist jedoch die wirtschaftliche Seite. Für Amateursportarten ist es schwer, Sponsoren zu finden, da sie über eine sehr begrenzte Reichweite verfügen. Ein professioneller Verein wie Spartak im Rücken ist hier eine große Hilfe. Gerade vom Zusammenhalt der Fangemeinde schwärmt Schönborn. Zum Ligafinale kamen 500 Zuschauer, die meisten eigentlich Fans der Fußballmannschaft.

Ein großes Problem sei aber, dass während der Saison ein Event rund um die Spiele fehle. In Braunschweig gibt es Hüpfburgen, Bier und Essen. Sprichwörtlich ein Fest für die ganze Familie. Und etwas, das den Besuch der Spiele zu einer wahren Freizeitaktivität macht. In Moskau gibt es quasi nichts.

Noch zwei Jahre gilt Schönborns Visum in Russland. Die will er auch nutzen, um sich körperlich wieder auf Spitzenniveau zurückzuarbeiten. Schließlich ist spielerisch nicht der Osten das Ziel einer jeden Footballkarriere. Schönborns ultimativer Traum, der letzte Schritt geht Richtung Westen in die beste Liga der Welt, die National Football League in den USA. Nach seinem Aufenthalt in Russland will er das noch ein letztes Mal in Angriff nehmen.

Lucian Bumeder

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