Der mühsame Weg zum Vertrauen

Vorwürfe, Drohungen, nationale Alleingänge: Im Verhältnis zwischen Russland und dem Westen geht es momentan äußerst ruppig zu. Doch wie gelingt die Rückkehr zu einer vertrauensvollen Politik auf Augenhöhe? Um diese Frage ging es beim jüngsten Moskauer Gespräch.

Auf der Suche nach Verständigung: Die Expertenrunde diskutiert im Deutsch-Russischen Haus über die belasteten Beziehungen zwischen Russland und dem Westen.   /Foto: Igor Beresin

Nach den ersten zehn Minuten platzt Fritz Pleitgen der Kragen. „So verheerend schlecht, wie es gegenwärtig aussieht, war es selten“, poltert der 81-jährige Journalist, der in den 70er Jahren als ARD-Korrespondent in der Sowjetunion arbeitete. Der Krieg in der Ukraine, das zerrüttete Verhältnis zur Atommacht Russland – niemanden kümmere es. „Diese Gleichgültigkeit macht mich rasend. Wir müssen doch irgendwo mal anfangen! Auch wenn es schwierig ist.“

Auf der Suche nach Vertrauen

Mit dem Wunsch nach Verständigung war die Reporterlegende beim jüngsten Moskauer Gespräch genau richtig. Denn das Thema der Diskussionsveranstaltung lautete diesmal: „Vertrauen – Die wichtigste Währung in der internationalen Zusammenarbeit“.

Auf dem Podium im Deutsch-Russischen Haus saßen neben Fritz Pleitgen der Russland-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Friedrich Schmidt, sowie Alexej Gromyko, Direktor des Europainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften und Enkel des langjährigen sowjetischen Außenministers Andrej Gromyko. Moderiert wurde die Debatte von Hermann Krause, Leiter der Repräsentanz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Moskau.

Russland ist kein Thema – trotz Europawahl

In der Beurteilung des schlechten Zustandes der Ost-West-Beziehungen stimmten die Diskutanten weitgehend überein. Nuancen wurden erst in Detailfragen deutlich. So beklagte Fritz Pleitgen das Fehlen angemessener Russlandprogramme bei deutschen Parteien. „Trotz anstehender Europawahl!“

Friedrich Schmidt verwies auf die weiter funktionierenden Kontakte im privaten Bereich. Es gebe zwischen beiden Seiten einen lebendigen Austausch, befeuert auch durch die Fußball-WM im vergangenen Jahr. Auf staatlicher Ebene sehe dies aber gänzlich anders aus. „Da herrscht die Ideologie der Farbrevolution, mit der Angst vor dem Westen geschürt wird.“

Widerspruch wegen Krim

Alexej Gromyko verwies auf die wenig effektiven Sanktionen des Westens. „Russland ist nicht isoliert“, so der Wissenschaftler. „Zeigen sie mir doch die Länder, die sich den Maßnahmen angeschlossen haben!“ Mehr als rund 20 Staatenwürden da nicht zusammenkommen. Welche tiefen Gräben beide Seiten trennen, wurde deutlich, als das Gespräch die Vorgänge auf der Krim 2014 berührte.

„Jeder beliebige Völkerrechtler wird ihnen bestätigen, dass das keine Annexion war“, behauptete Alexej Gromyko. „Diese ist immer mit Gewalt oder Kriegshandlungen verbunden.“ Das sah Friedrich Schmidt vollständig anders. „Es hat sehr wohl Tote gegeben“, erregte sich der FAZ-Korrespondent. Zudem sei die Position vieler Wissenschaftler nicht so eindeutig, wie behauptet. Auch bei Fragen wie der Russland-Berichterstattung deutscher Medien klangen tiefe Meinungsverschiedenheiten auf beiden Seiten an.

Politik der kleinen Schritte

Doch wie stehen die Chancen, um zu mehr Vertrauen zurückzufinden? Eigentlich nicht schlecht, befand Alexej Gromyko. Im Gegensatz zum Kalten Krieg sei das Verhältnis zwischen den einfachen Bürgern in Russland und im Westen nur wenig belastet. Hier lasse sich ansetzen. Friedrich Schmidt empfahl eine pragmatische Politik der kleinen Schritte. „Wenn es Möglichkeiten zu einer konkreten Zusammenarbeit in bestimmten Feldern gibt, sollte man diese nutzen.“ Dies sah auch Fritz Pleitgen so. Beide Seiten hätten in der Vergangenheit beispielsweise erfolgreich in der Krebsforschung kooperiert. „Ich wünsche mir aber auch mehr geisteswissenschaftlichen Austausch.

Birger Schütz

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