Der Iran und Russland: Eine vorläufige Freundschaft

Nach außen hin treten beide Länder im Moment als Verbündete auf. Dabei ist ihr Verhältnis im Grunde ein problematisches. Tiefe Risse kennzeichnen die gemeinsame Geschichte.

Blumen für den General: Vor der Moskauer Botschaft des Iran wird Qasem Soleimanis Tod betrauert. (Foto: Lucian Bumeder)

Die erste russische Reaktion auf die Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani durch die USA war voller Entrüstung: „Einen offiziellen Regierungsvertreter zu töten, […] entbehrt jeder rechtlichen Grundlage“, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa dem Fernsehsender Rossija24. Trotz starker Kritik zog Moskau bisher jedoch keine sichtbaren Konsequenzen. Die vergleichsweise zurückhaltende Reaktion als Partner des Iran ist bezeichnend für die momentanen Beziehungen beider Länder: Ihre Zusammenarbeit ist so eng wie selten zuvor. Geprägt wird sie jedoch nicht von einer lang gewachsenen Freundschaft, sondern allein von überlappenden Interessen.

Der gemeinsame Feind

Geopolitisch sind beide Staaten bemüht, die Präsenz der USA im Mittleren Osten zu verringern. Dafür bekämpfte man gemeinsam den Islamischen Staat und andere Rebellengruppierungen in Syrien. Nur so konnte man den verbündeten syrischen Präsidenten Baschar al-Assad an der Macht halten und eine vorteilhafte Nachkriegsordnung sicherstellen. Aber die Beziehung zwischen beiden Ländern ist unausgewogen – zugunsten Moskaus. Zwar ist Russland in Syrien auf iranische Bodentruppen angewiesen und erhofft sich wirtschaftliche Erfolge auf dem iranischen Markt, der sich nach dem Abschluss des Atomabkommens 2015 geöffnet hat. Jedoch gehen Bestrebungen, die sicherheitspolitischen und diplomatischen Beziehungen zu vertiefen vor allem von der Regierung in Teheran aus. Die fortgeschrittene Militär- und Nukleartechnologie Russlands und sein Vetorecht im UN-Sicherheitsrat sind von großer Bedeutung für den Konflikt des Iran mit den USA.

Russland dagegen ist bemüht, sich im Nahen Osten nicht an einen einzelnen Staat zu binden. Stattdessen hat es sich als Vermittler positioniert, der zu allen relevanten regionalen Staaten gute Beziehungen pflegt. Entsprechend gilt es unter russischen und westlichen Experten auch als extrem unwahrscheinlich, dass Russland sich durch den Iran in einen direkten militärischen Konflikt mit den USA hineinziehen lässt.

Konflikt zweier Imperien

Die neuere Geschichte beider Länder ist geprägt von Spannungen und militärischer Auseinandersetzung. Im Laufe verschiedener Kriege, insbesondere um 1800, verlor das Persische Reich große Teile seines Territoriums an die Russen. Gerade der endgültige Verlust vom heutigen Georgien, Dagestan und Armenien nach dem Frieden von Turkmantschai im Jahr 1828 wurde in der iranischen Gesellschaft als Erniedrigung wahrgenommen. Die Wut war damals so groß, dass Demonstranten die russische Botschaft in Teheran stürmten und den Botschafter Alexander Gribojedow ermordeten.

Auch die Sowjetunion stand im Konflikt mit dem Nachbarstaat Iran. In den 1920ern unterstützte sie etwa aserbaidschanische Separatistenbewegungen, später die im Iran verbotene kommunistische Tudeh-Partei. Im Rahmen des Zweiten Weltkriegs besetzten sowjetische Truppen den nördlichen Teil des Iran und die Hauptstadt Teheran, um Ölfelder und Versorgungsrouten zu sichern. Obwohl 1979 die Islamische Revolution mit dem Schah einen der wichtigsten Verbündeten der USA im Nahen Osten zu Fall brachte, führte dies nicht automatisch zu guten Beziehungen mit der Sowjetunion. Die islamistische Ideologie der Revolution stand in starkem Kontrast zum kommunistischen Atheismus. Noch belastender war die sowjetische Invasion in Afghanistan, die Ende der 70er begann und wegen der eine hohe Zahl an Flüchtlingen in den Iran floh. Zur selben Zeit unterstützte die UdSSR das säkulare irakische Regime Saddam Husseins im Krieg gegen den Iran.

Wandel nach der Wende

Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Iran-Irak-Kriegs 1988 entspannten sich die Beziehungen vorläufig und näherten sich den heutigen Verhältnissen an. Angetrieben von der gemeinsamen Ablehnung der hohen amerikanischen Truppenpräsenz am Persischen Golf wurde Russland zum wichtigsten Waffenlieferanten des Iran. Gute russische Beziehungen zum Westen um die 2000er Jahre und die russische Beteiligung an UN-Sanktionen gegen das iranische Atomprogramm verhinderten jedoch jede engere Kooperation. Nach der Annexion der Krim 2014 und der Wahl des radikalen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad 2005 verschlechterten sich die Beziehungen beider Länder zu den USA massiv. Erst dies schuf die Grundlage für die momentane pragmatische Kooperation.

Lucian Bumeder

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