Der erste Kriegstag im Protokoll

1418 Tage dauerte der deutsch-sowjetische Krieg von 1941 bis 1945. Der erste – Sonntag, der 22. Juni 1941 – ist heute 80 Jahre her. Die Ereignisse dieses Tages im Protokoll.

Wehrmachtssoldaten überqueren am 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze. (Foto: Wikimedia Commons/Autor unbekannt)

0:30

Die „Direktive Nummer 1“ des Volkskommissariats für Verteidigung wird an die westlichen Militärbezirke der Sowjetunion ausgesandt. Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden deutschen Angriff hat es zur Genüge gegeben. Doch Stalin hält das noch immer für eine Falle und will auf keinen Fall einen Vorwand für einen Bruch des Nichtangriffspakts zwischen Deutschland und der Sowjetunion vom 23. August 1939 liefern. Noch am 14. Juni hatte TASS gemeldet: „Nach sowjetischen Informationen hält sich Deutschland genauso strikt an den Nichtangriffspakt wie die Sowjetunion, weshalb nach Meinung sowjetischer Kreise Gerüchte über die Absicht Deutschlands, den Pakt aufzugeben und die Sowjetunion anzugreifen, jeglicher Grundlage entbehren.“ In der „Direktive Nummer 1“ wird betont, man solle sich nicht provozieren lassen.

1:21

Über die sogenannte Curzon-Linie, die nach dem Ersten Weltkrieg als polnisch-russische Grenze im Gespräch war und nun, da Polen von den Deutschen besetzt ist, faktisch die deutsch-russische Grenze bildet, rollt vertragsgemäß ein Güterzug mit Weizen aus der Sowjetunion. Es wird der letzte sein.

Dies ist ein Beitrag aus unserer Reihe „Ein Tag im Leben von …“.

3:05

14 deutsche Bomber vom Typ Ju-88 werfen nach zweistündigem Flug aus Königsberg ihre Fracht über den Hafengewässern vor Kronstadt nahe Leningrad ab.

3:07

Deutsche Flugzeuge nähern sich Sewastopol auf der Krim.

3:30

Der Stabsleiter des westlichen Militärbezirks berichtet über feindliche Luftangriffe auf Brest, Grodno und andere Städte im äußersten Westen der Sowjetunion. Ähnliche Meldungen treffen fast im Minutentakt aus anderen Bezirken ein und betreffen Angriffe auf Großstädte wie Kiew, Riga, Vilnius und Kaunas.

4:15

Der Beschuss der Festung Brest beginnt vom gegenüberliegenden Ufer des Bug aus. Die Festung war von 1836 bis 1842 unter Zar Nikolaus I gebaut worden, wofür die komplette Altstadt weichen musste und Brest zwei Kilometer nach Osten verlegt wurde. Seitdem hatte die riesige Anlage mehrfach die Seiten gewechselt, war in deutscher, danach in polnischer Hand gewesen. Bereits in den ersten Wochen des Zweiten Weltkriegs war sie ein weiteres Mal von den Deutschen eingenommen worden, die sie aber am 23. September 1939 an Sowjettruppen übergaben, wie es dem Geiste des geheimen Zusatzprotokolls zum Nichtangriffspakt entsprach.

4:25

Die 45. Infanteriedivision der Wehrmacht unter dem Kommando von Fritz Schlieper stürmt die Festung. Dort befinden sich zu diesem Zeitpunkt 9000 Menschen, die nichts dergleichen erwartet haben. Pjotr Kotelnikow, der im Jugendorchester spielt, erinnert sich viele Jahre später: „Ich habe Tote und Verletzte gesehen, da war mir klar, das kann keine Übung sein, das ist Krieg. Die meisten Soldaten in der Kaserne sind in den ersten Sekunden ums Leben gekommen.“

4:30

Im Kreml trifft sich das Politbüro. Stalin zweifelt noch immer: „Und wenn das eine Provokation ist?“, fragt er in die Runde. Generalstabschef Georgij Schukow schreibt in seinen Erinnerungen, der Herrscher habe blass hinter seinem Tisch gesessen und sogar vergessen, sich seine geliebte Pfeife anzuzünden.

5:00

Der deutsche Botschafter in Moskau, Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, überreicht dem sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow eine Note, die das Wort „Kriegserklärung“ zwar tunlichst vermeidet, aber genau das bedeutet. Molotow antwortet: „Das haben wir nicht verdient.“

5:30

Propagandaminister Joseph Goebbels verliest im deutschen Rundfunk eine Erklärung Adolf Hitlers an das deutsche Volk. Darin wird der Überfall als präventive Abwehr einer militärischen Aggression und einer „jüdisch-angelsächsischen Verschwörung“ dargestellt. „In diesem Augenblick vollzieht sich ein Aufmarsch, der in Ausdehnung und Umfang der größte ist, den die Welt bisher gesehen hat“, heißt es..

9:00

Die Festung Brest ist eingeschlossen. Der erbitterte Widerstand geht trotzdem noch eine Woche weiter. Laut deutschen Archiven gerieten 6000 Sowjetsoldaten in Kriegsgefangenschaft, als einer der letzten am 23. Juli Major Pjotr Gawrilow. Er hatte Ultimaten, sich zu ergeben, abgelehnt.

11:00

Im Moskauer Park Sokolniki findet ein Pioniertreffen statt. Die sowjetische Hauptstadt mit ihren 4,6 Millionen Einwohnern ahnt bis zur Mittagszeit nichts davon, dass schon seit Stunden Krieg herrscht und deutsche Truppen an der weit über 2000 Kilometer langen Front teils bereits 15 bis 20 Kilometer ins Landesinnere vorgestoßen sind.

12:15

Außenminister Molotow spricht vom Zentralen Telegrafenamt aus zur Bevölkerung, die der Rede vielerorts unter Lautsprechern lauscht. Molotow sagt, Deutschland habe die Sowjetunion angegriffen, ohne irgendwelche Forderungen zu erheben und ohne ihr den Krieg zu erklären. Die Rede endet mit den Worten: „Unsere Sache ist die richtige! Der Feind wird zerschlagen! Der Sieg wird unser sein!“ Der berühmte Radiosprecher Jurij Lewitan verliest die Rede im Verlaufe des Tages noch viermal.

14:05

Italien erklärt der Sowjetunion den Krieg.

20:00

Das Volkskommissariat für Verteidigung gibt die „Direktive Nummer 3“ heraus. Die Sowjetarmee solle zum Gegenangriff übergehen und den Feind vernichten. Bis zum Abend hat die sowjetische Seite 1200 Flugzeuge verloren, die meisten davon am Boden. Immerhin: Es wird gemeldet, man habe im Luftkampf auch 200 deutsche Flugzeuge abgeschossen.

23:00

Der britische Premierminister Winston Churchill wendet sich an die Nation. Er sagt, niemand sei in den vergangenen 25 Jahren ein so unnachgiebiger Gegner des Kommunismus gewesen wie er. Davon nehme er, so Churchill, kein einziges Wort zurück. Doch all das verblasse vor den Geschehnissen im Osten. „Wir müssen Russland und dem russischen Volk jede erdenkliche Hilfe erweisen.“

24:00

Nach der kürzesten Nacht des Jahres geht der längste Tag zu Ende, den die Menschen in der Sowjetunion je erleben. Bis zum Kriegsende sind es noch 1417 Tage.

Zusammengestellt von Tino Künzel

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