Das Ende eines Statussymbols

Prestigeobjekt aus weichem Lammfell: Mit einer Papacha demonstrieren russische Generäle und Admiräle traditionell Einfluss und Macht. Doch nun soll die traditionsreiche Kopfbedeckung Sparzwängen zum Opfer fallen.

Prominenter Papacha-Träger: Präsident Wladimir Putin zeigte sich bereits mehrmals mit der traditionellen Kopfbedeckung hochrangiger russischer Militärs. (Foto: turkrus.com)

Sie hält auch bei schärfstem Frost mollig warm, ist etwas unbequem – und gilt als stolzes Symbol einer steilen Karriere: Die Papacha ist die traditionelle Wintermütze hochrangiger russischer Offiziere. Nur Generäle, Admirale, Oberste und Kapitäne dürfen die Kopfbedeckung tragen. Papacha-Besitzern war stets Prestige und Achtung sicher.

Schapka als Ersatz

Doch nun soll das altgediente Statussymbol aus den Streitkräften verschwinden. Dies sieht ein Erlass von Präsident Wladimir Putin vor. Das Dokument von Anfang März untersagt hochrangigen Militärs das Tragen der traditionsreichen Fellmützen. Stattdessen sollen sie künftig mit klassischen Schapkas vorlieb nehmen. Nur beim Sicherheitsdienst des Präsidenten (FSO) und der Nationalgarde bleibt die Papacha weiterhin Bestandteil der Winteruniform. Die Vorschrift soll im Juli 2020 in Kraft treten. Eine offizielle Begründung für die Abschaffung des Statussymbols gibt es nicht. Entsprechende Anfragen des russischsprachigen Dienstes der BBC an Kreml und Verteidigungsministerium blieben bisher unbeantwortet. Kommentatoren verbinden den Beschluss allerdings mit Sparzwängen im Militär. Denn die Herstellung einer Papacha ist aufwendig und teuer. Im Durchschnitt kostet die Kopfbedeckung etwa 150 Euro – das Doppelte einer üblichen Pelzmütze.

Grausame Tradition

Traditionell werden Papachas aus dem Fell neugeborener Karakul-Schafe gefertigt. Dafür werden die Lämmer der ursprünglich aus Zentralasien stammenden Rasse spätestens drei Tage nach der Geburt geschlachtet. Zum Teil wird sogar die Haut von Fehl- oder Frühgeburten verarbeitet. Nur in diesem jungen Alter bewahrt das abgezogene Lammfell seine typische gelockte Zeichnung. Die grausam anmutende Herstellungsweise ist mehrere Jahrtausende alt. In Schriften aus dem Mittleren Osten wird bereits 2000 Jahre vor Christus erstmals eine Karakul-Mütze erwähnt. Die Karriere der Papacha in der russischen Armee erscheint angesichts solcher zeitlichen Horizonte vergleichsweise kurz – ist jedoch auch schon mehr als 200 Jahre alt. So tauchten die Vorläufer der heutigen Karakul-Mütze erstmals 1817 bei Wehrdienstleistenden im Kaukasus und Zentralasien auf. Zum vorgeschriebenen Militärdress gehörten sie damit jedoch noch nicht. Erst im Jahr 1855 wurde die Papacha in den Kosakenregimentern Teil der offiziellen Winteruniform. Nach einer Anordnung trug ab 1913 die ganze Armee in der kalten Jahreszeit Papacha.

Die Mütze der Elite: In der Sowjetunion durfte die Papacha nur von Generälen, Admirälen und anderen hohen Militärs getragen werden. (mpozr.ru)

Symbol der Vergangenheit

Mit der Oktoberrevolu­tion 1917 kam der Siegeszug der Papacha dann aber ins Stocken: Den Kommandierenden der neu gegründeten Roten Armee galt die Fellmütze als Überbleibsel der kaiserlichen Armee und Symbol der verhassten zaristischen Ordnung. Sie verboten sie daher kurzerhand – und ersetzten sie durch die sogenannte Budjonny-Mütze (russisch Budjonowka), benannt nach dem sowjetischen Heerführer Semjon Budjonny. Allerdings verschwand die Papacha nie völlig. Vor allem bei Soldaten, die in besonders kalten Landesteilen ihren Dienst leisten mussten, blieb die Papacha als zuverlässiger Schutz vor Kälte und Frost in Gebrauch. Im russischen Bürgerkrieg wurde die Karakul-Mütze auf beiden Seiten der Front getragen. Im Jahr 1940 kehrte die lange verfemte Kopfbedeckung wieder zurück. Und zwar als Statussymbol: Fortan durfte die Mützen ausschließlich von Admirälen und Generälen getragen werden. Einige Jahre später wurde dieses Recht auch Obersten und anderen hochrangigen Uniformträgern zugestanden. Bis zum Ende der Sowjetära blieb das Tragen der Karakul-Mützen das Vorrecht hochrangiger Militärführer.

Offiziere trauern

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien auch die Papacha ausgedient zu haben. Russlands erster Präsident Boris Jelzin schaffte das traditionsreiche Statussymbol im Jahr 1994 kurzerhand ab und schrieb der Armeespitze einfache Schapkas vor. Eine größere Beleidigung hätte er sich für das Offizierskorps schwer ausdenken können, befand damals die Tageszeitung „Kommersant“ . Jedoch war der Rückschlag von vergleichsweise kurzer Dauer. Präsident Wladimir Putin, der sich als Oberkommandierender der Armee bereits mehrmals mit Papacha zeigte, holte die Mütze 2005 zurück. Wie in vergangenen Jahren galt die Papacha in der Armee wieder als Statussymbol. Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow unterstrichen mit der Mütze bei öffentlichen Auftritten ihre Rolle. Bis jetzt.

Birger Schütz

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