Bunkern in Moskau

Lange Zeit waren die Moskauer Bunkeranlagen in Vergessenheit geraten. Doch in Zeiten neuer Bedrohungen besinnen sich manche auf alte Lösungen zurück. Die momentan angespannte weltpolitische Situation lässt das Interesse an sowjetischem Zivilschutz wieder aufleben.

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Ein etwas verwahrloster Bunkereingang im Taganka-Viertel / Foto: Simon Barthelmess

„Beeilen Sie sich, die Plätze sind begrenzt!“ Mit diesen Worten richtete sich ein scheinbar behördliches Schreiben an die Mieter eines Wohnhauses im Südosten Moskaus. Sie sollten den mutmaßlichen Neubau eines Atomschutzbunkers in der Nachbarschaft mitfinanzieren und dafür eine Zugangsberechtigung im Krisenfall erhalten. Auch wenn die Mitteilung schnell als Fälschung enttarnt wurde, schlug der Streich hohe Wellen. Screenshots des Zettels machten im Internet die Runde und zahlreiche besorgte Anrufe gingen bei den Behörden ein. Grund zur Sorge soll aber angeblich niemand haben. Erst im September gab das Ministerium für Katastrophenschutz bekannt, dass in Moskau alle Schutzanlagen einsatzbereit seien und im Krisenfall Platz für 100 Prozent der Bevölkerung böten – also rund zwölf Millionen Menschen. Das erscheint vielen jedoch unrealistisch. Gegenüber der Nowaja Gaseta erklärte Danila Andrejew, Generaldirektor des Unternehmens Spezgeoprojekt, dass die städtischen Bunker Platz für maximal 100 000 Menschen böten; das sind 0,8 Prozent der Einwohner.

Vom Bunker zum Parkhaus

Wie es nun wirklich um die Infra­struktur des Zivilschutzes in der Hauptstadt steht, ist schwer zu sagen. Offizielle Zahlen bleiben weiterhin geheim, doch Experten gehen davon aus, dass zu Zeiten der Sowjetunion in der Hauptstadt mindestens 5000 Bunker gebaut wurden. Nach dem Ende des Kalten Krieges war die Instandhaltung der Anlagen weder politisch notwendig noch finanziell möglich. Viele wurden ganz offiziell vermietet und dienen heute als Waschanlagen, Werkstätten, Parkhäuser oder Schlaflager für die unzähligen Gastarbeiter in der Stadt. Andere verfielen im Laufe der Zeit. Im Internet sind Karten online, auf denen die mutmaßlichen Standorte der alten Anlagen verzeichnet sind. Alte Eingänge in die sichere Unterwelt findet man heute versteckt im Gebüsch, in Hinterhöfen oder sogar auf dem Bürgersteig. Anwohner und Passanten sind sich zuweilen auch gar nicht bewusst, dass in ihrer unmittelbaren Umgebung eine alte Schutzeinrichtung bestehen soll.

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Passanten vor einem Bunkereingang an der Awiamotornaja-Straße / Foto: Simon Barthelmess

Aber sind Luftschutzbunker heutzutage überhaupt noch nötig? In der Tat kommt es nicht von ungefähr, dass der eingangs erwähnte Streich eine mittelschwere Hysterie unter den Anwohnern auslösen konnte. Denn in der russischen Bevölkerung macht sich ein Gefühl der Bedrohung breit. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum ergab, dass 48 Prozent der Russen befürchten, dass der Syrienkonflikt zu einem Dritten Weltkrieg führen könnte. Dabei könnte man glauben, dass es in Moskau eigentlich keinen Grund gäbe, sich viele Gedanken über sichere Unterkünfte im militärischen Ernstfall zu machen. Schließlich wird die Hauptstadt von einer riesigen Bunkeranlage durchzogen: der Moskauer Metro. Schon im Zweiten Weltkrieg wurden die Tunnel und Stationen als Bunker genutzt. Während der Schlacht um Moskau im Winter 1941 standen die unterirdischen Anlagen den Einwohnern als Nachtlager zur Verfügung. Bis zu 500 000 Menschen täglich nutzten die Möglichkeit, sich vor den deutschen Bombenangriffen in Sicherheit zu bringen.

Für Notfall gewappnet

Anatolij Zyganok vom Institut für Politik- und Militäranalyse wies auf der Nachrichtenseite Moslenta.ru darauf hin, dass die Metro freilich keinen Schutz vor atomaren Angriffen biete. Nur wenige Stationen, beispielsweise die Koschuchowskaja im Südwesten der Stadt, seien darauf ausgelegt. Aber auch für den nuklearen Notfall kann der besorgte Moskauer vorbeugen: Im Internet finden sich für Heimwerker zahlreiche russischsprachige Artikel und Anleitungen zum Bunkerbau auf der Datscha. Aber auch spezialisierte Firmen bieten ihre Dienste an. Wer glaubt, dass ein bewaffneter Konflikt naht, sollte sich beeilen: Die Bauzeit für einen Atombunker beträgt mindestens vier Monate.

Simon Barthelmess

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