Bayern in Russland: Repräsentantin Claudia Schleicher im Interview

Claudia Schleicher ist seit Mitte November Repräsentantin des Freistaats Bayern in Moskau. Im Interview mit der MDZ spricht sie über ihre neuen Aufgaben, die Entwicklung des bayerisch-russischen Verhältnisses und ihre Beziehung zu den Ländern des postsowjetischen Raumes.

Die bayerische Repräsentantin in Moskau, Claudia Schleicher, in ihrem Büro.
Münchens Frau in Moskau: Repräsentantin Claudia Schleicher (Bayerische Repräsentanz)


Frau Schleicher, herzlichen Glückwunsch zu der Berufung als bayerische Repräsentantin in Russland. Vielen Lesern ist die Arbeit der Auslandsrepräsentanzen vielleicht nicht bekannt. Könnten Sie kurz erklären, worin Ihre Aufgaben genau bestehen?

Danke, ich freue mich sehr, nun in Moskau arbeiten zu können! In erster Linie ist unsere Repräsentanz für die bayerische Wirtschaft da: Wir informieren über Geschäftsmöglichkeiten in Russland, vermitteln Kontakte, organisieren Veranstaltungen. Alles mit dem Ziel, die bayerisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen weiter voranzubringen, sei es beim Export oder beim Import. Außerdem sind wir Ansprechpartner für russische Unternehmen, die in Bayern Fuß fassen und investieren möchten. Ein weiterer wichtiger Teil unserer Arbeit ist die bereits seit Langem bestehende Partnerschaft zwischen der Stadt Moskau und dem Freistaat Bayern. Auch hier versuchen wir, die Kontakte zu pflegen und immer wieder gemeinsame Veranstaltungen auf den Weg zu bringen.

Sie beschäftigen sich bereits lange mit den Wirtschaftsbeziehungen zu
Russland. Wie blicken Sie auf die bayerisch-russische Zusammenarbeit in den letzten Jahren?

Es hat immer Höhen und Tiefen gegeben. Dass der russische Markt nicht ganz leicht zu bearbeiten ist, dürfte auch kein Geheimnis sein. Bayerische Unternehmen, die diese Herausforderungen nicht scheuen, die passenden Produkte oder Dienstleistungen anbieten und auf verlässliche Partner bauen können, machen mit Russland gute Geschäfte. Richtig ist aber auch, dass mit den veränderten politischen Rahmenbedingungen Vertrauen auf beiden Seiten verloren gegangen ist. Mit Abschottung und Reglementierung auf der einen sowie dem Wunsch nach offenen Märkten auf der anderen Seite bleibt es ein Balanceakt, das richtige Maß zu finden und das passende Umfeld zu schaffen, das eine zukunftsfähige wirtschaftliche Entwicklung erlaubt. Umso wichtiger erscheint es mir, gerade jetzt noch mehr aufeinander zuzugehen. Der Wirtschaft gelingt das recht gut. Das beiderseitige Interesse an einer Zusammenarbeit ist vorhanden. Das belegen die Rückmeldungen der Unternehmen, aber auch die Statistiken.

Welche Rolle spielt Bayern ihrer Meinung nach innerhalb der deutsch-russischen Beziehungen im Allgemeinen?

Wir schreiben uns als Bayern schon ein gewisses Selbstbewusstsein zu und wollen eigene Akzente setzen. Deshalb hat der Freistaat auch im Jahr 1995 sein Moskauer Büro eröffnet. Bereits zu Zeiten der Sowjetunion unterhielten wir enge Beziehungen zu Russland, die wir seither durch regelmäßige politische Besuche und persönliche Begegnungen pflegen. Die Zusammenarbeit hat also eine längere Geschichte, was auch an der wirtschaftlichen Stärke unseres Bundeslandes liegt. Sowohl international bekannte Konzerne als auch hochinnovative kleinere und mittlere Firmen zeigen, was sie können. Marken ‚Made in Bavaria‘ genießen in Russland einen guten Ruf und erfreuen sich großer Beliebtheit. Daran hat sich in der
Vergangenheit kaum etwas geändert. Und dann trifft Innovation auf Tradition: Das bayerische Lebensgefühl, die attraktiven touristischen
Ziele und unsere kulinarischen Spezialitäten helfen dabei, auch die Herzen der Menschen zu gewinnen. Bayern prägt so das Deutschlandbild im Ausland wesentlich mit.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie selbst in Ihre Zeit in Moskau?

Ich habe schon ein wenig das Gefühl, dass wir seit der Pandemie im Außenwirtschaftsgeschäft mit angezogener Handbremse fahren. Das bremst leider auch etwas meinen Enthusiasmus, was große Ziele und Aktivitäten betrifft. Wir müssen sicher noch eine Weile mit der Unsicherheit leben, doch wir tun das, was geht und bleiben flexibel. Mein Wunsch wäre, recht bald zur Normalität zurückzukehren: Dass die Messen ihre wichtige Rolle als Branchentreffpunkt und Marktplatz wieder erfüllen können, wir auf Delegationsreisen weitere interessante Regionen erkunden und dass der persönliche Austausch die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg wieder lebendig macht. Wenn es mir zudem gelänge, für das
gegenseitige Verständnis zu werben, mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede zu sehen und auch ein wenig vom bayerischen Lebensgefühl zu vermitteln, so würde mich das sehr freuen.

Wie kamen Sie selbst dazu, sich spezifisch um die bayerisch-russischen
Beziehungen zu bemühen?

Nach einem Umweg über Entwicklungsökonomiencin Afrika entdeckte
ich die Transformationsländer im Osten als neues Betätigungsfeld,
insbesondere den postsowjetischen Raum. Wie dabei Wirtschaft, Politik
und Gesellschaft zusammenwirken, finde ich immer noch sehr spannend. Deshalb lässt mich die Region seit meinem ersten Russlandaufenthalt 2004 nicht mehr los. Ich bin privat und beruflich viel herumgereist, habe eine Weile in Zentralasien gearbeitet und von München aus viele Jahre die wirtschaftlichen Beziehungen Richtung Osten begleitet. Obwohl ich sehr gerne in Bayern lebe, zieht es mich immer wieder hinaus in die Welt. Jetzt ist fast schon als logischer nächster Schritt Moskau an der Reihe.

Die Fragen stellte Thomas Fritz Maier.

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