Aus dem Schatten heraus: Banksy und Russland

Der Streetart-Künstler Banksy sorgte kürzlich mit dem Schreddern eines Bildes weltweit für Aufsehen. In Russland dient er bereits seit dem Sommer als Gesprächsstoff für Diskussionen und Vorbild für Aktionen.

Banksy

Banksy-Graffito „If Grafitti changed anything“ in Moskau /Foto: Lena-Marie Euba

1,2 Millionen Euro – das war der Preis für das Bild „Girl with Balloon“ des Streetart-Künstlers Banksy im Londoner Auktionshaus Sotheby’s. Doch als der Hammer fiel, fing das Bild an, sich selbst zu zerstören. Spätestens mit dieser Aktion hat sich Banksy wieder in das Gedächtnis der Weltöffentlichkeit gerufen.

In Russland ist der britische Streetart-Künstler bereits seit dem Sommer Gegenstand von Diskussionen. Denn von Juni bis September lief im Zentralen Künstlerhaus die erste russische Banksy-Ausstellung unter dem Titel „Banksy – Genie oder Vandale? Du entscheidest!“. Mit über 300 000 Besuchern war es die bisher meistbesuchte Banksy-Ausstellung der Welt. Es sei ein unerwarteter Erfolg gewesen, sagt der Organisator Alexander Natschkebia.

Kaum zwei Wochen nach dem Ende der Ausstellung, die inzwischen nach St. Petersburg weitergezogen ist, eröffnete eine zweite, kleinere im Ausstellungsraum Lumiere Hall. Woher kommt dieses Interesse an einem Künstler, dessen Kunst auf weitaus weniger Verständnis stößt, als die klassische Kunst, mit der die Russen aufgewachsen sind? Wie lässt sich dieser Erfolg erklären, wo Banksy bis jetzt kein einziges Graffito an einer russischen Mauer hinterlassen hat?

Das Interesse an Streetart ist groß

„Banksy ist einer der wichtigsten Vertreter und Grundpfeiler der Streetart-Szene“, meint Catherine Borissoff, Kuratorin der auf Urban Art spezialisierten Galerie „RuArts“. Das Interesse an dieser Form der Kunst sei in den letzten fünf Jahren in Russland stark angestiegen, vor allem bei jungen Menschen. Borissoff sieht den Grund dafür vor allem im zunehmenden Druck auf die Redefreiheit in den sozialen Medien. Streetart sei das Ventil, über das die Leute ihre Meinung zum Ausdruck bringen könnten. „Diese Bewegung lässt sich nicht mehr aufhalten, die Leute lassen sich nicht zum Schweigen bringen, das ist klar.“

Ein Beweis der Aussage konnte am 10. Oktober am Senatsplatz in St. Petersburg beobachtet werden. Als Protestaktion gegen geplante Änderungen in der Verfassung hängten Aktivisten der Bewegung „Wremja!“ einen Bilderrahmen mit einer zerschnittenen Verfassung an die Mauer des Verfassungsgerichtes. „Die Idee dazu kam uns sofort nach dem Ereignis mit der Auktion“, sagt Timur Rasulow, Koordinator der Gruppe. Sie hätten auf ästhetische Weise so viel Aufmerksamkeit wie möglich erregen wollen und sich dabei die Technik vom „Genie unserer Zeit“ abgesehen.

Mit seinen gesellschaftskritischen Botschaften und medienwirksamen Aktionen spricht Banksy den Menschen aus der Seele. Selbst wenn er keinen direkten künstlerischen Einfluss auf seine russischen Kollegen haben mag, so inspiriere sein Erfolg Menschen in Russland zumindest, sind sich Borissoff, Natschkebia und Rasulow einig. „Banksy ist nicht nur irgendein Protestler, sondern eine Verkörperung dessen, wie einfach die Leute mit Streetart etwas Eigenes erschaffen und ausdrücken können, alles mithilfe einer Spraydose und einer Mauer“, erklärt Natschkebia.

Die Ausstellungen waren ein voller Erfolg

Die Ausstellung in Moskau hat gezeigt, dass es in Russland mehr Banksy-Fans gibt, als es der Organisator erwartet hatte. Für die hohen Besucherzahlen sorgten nicht nur die wachsende Beliebtheit der Streetart und die Fangemeinschaft. Neben seiner internationalen Berühmtheit seien vor allem die groß angelegte Werbekampagne und die Fußballweltmeisterschaft verantwortlich, vermutet Natschkebia.

Ironischerweise hat auch der Künstler selbst zum Erfolg beigetragen, als er die Veranstalter öffentlich dafür verurteilte, mit seinen Werken Geld zu verdienen. Die Reaktion des Künstlers schlug hohe Wellen in Russland und ließ die Anzahl der verkauften Tickets nochmals nach oben schnellen.

Die große Ausstellung im Zentralen Künstlerhaus dürfte den geheimnisvollen Graffiti-Künstler jetzt mit einem noch größeren russischen Publikum bekannt gemacht haben. Ob sein Genie in nächster Zeit nach all dem Trubel Russland die Ehre gibt? Catherine Borissoff würde es sehr begrüßen und versichert: „Wir würden ihm auf alle Fälle dabei helfen.“

Lena-Marie Euba

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