Auf der anderen Seite der 112

Umstrukturierungen und Unterfinanzierung: Die russische Feuerwehr war lange in einem schlechten Zustand. Doch der Trend hat sich gedreht. Die Wachen wurden modernisiert und die Einsatzkräfte könne sich wieder für ihre Aufgaben gewappnet fühlen.

„Die Feuerwehr in der Hauptstadt ist im besten Zustand“, findet Iwan Podoprichin vom Moskauer Feuerwehrzentrum. (Foto: Moskauer Feuerwehrzentrum)

„Wenn es brennt, dann ruf die 112!“ – das ist in Deutschland wohl jedem Kind bekannt und gilt seit 1991 in der ganzen EU. Um die Bekanntheit der Nummer zu steigern, wurde der 11. Februar zum „Europäischen 112-Tag“ erklärt. Zwar ist Russland kein Teil der EU und hat mit dem „Tag des Retters“ auch einen anderen Feiertag für die Feuerwehr. Aber 2012 wurde die Initiative aus Brüssel übernommen. Seitdem sind auch in Russland alle Notfalldienste unter der berühmten Nummer zu erreichen. Daher ist der 11. Februar ein guter Anlass, um auf die Lage der Feuerwehr in Russland zu blicken.

Denn Russland zählt zu den gefährlichsten Ländern der Welt – zumindest was Feuer betrifft. Zwischen 2013 und 2017 kamen in Russland jährlich durchschnittlich 6,37 Menschen pro 100 000 Einwohnern durch Brände ums Leben. Damit belegt Russland hinter Belarus den zweiten Platz der 34 Länder, deren Daten die internationale Vereinigung der Feuerwehr- und Rettungsdienste CTIF ausgewertet hat. 

Viele Brandkatastrophen in der Vergangenheit

Noch dramatischer als die großflächigen Waldbrände der letzten Jahre sind in Russland Feuer in Gebäuden. Diese machen 76 Prozent aller Brände aus. Der Brand des Einkaufszentrums Simnjaja Wischnja in Kemerowo 2018 etwa kostete 41 Kinder das Leben und zwang den Gouverneur der Region zum Rücktritt. Denn Großbrände sind in Russland auch ein politisches Problem. Nach 1990 wurde aufgrund der Urbanisierung und plötzlich verfügbarer Investitionen eine Vielzahl von Gebäuden gebaut – häufig war Korruption im Spiel, wurden Bauvorschriften kaum kontrolliert.

Gleichzeitig hatte die Feuerwehr mit Umstrukturierungen und Unterfinanzierung zu kämpfen, die teilweise bis heute anhält. Erst im Oktober 2018 etwa traten 14 Mitglieder der Feuerwehr in der Republik Sacha-Jakutien in einen Hungerstreik, um gegen baufällige Unterkünfte zu protestieren. Intern wurde nach Recherchen der „Moscow Times“ lange der dramatische Verlust von Erfahrung beklagt, den die wirtschaftsschwachen 90er und die Zentralisierung der Kontrolle über die 278 000 Angestellten in den 2000ern verursacht hätten. 

Auch Hochhäuser können schnell evakuiert werden

Aber die vergangenen Jahre waren auch von Modernisierung geprägt, wie ein Besuch in der Feuerwehrwache im Finanzviertel Moskau City veranschaulicht: Neun Einsatzwagen stehen in der Garage, die meisten von Mercedes. Wichtiger noch, sie seien speziell ausgerüstet für die Herausforderungen in der Stadt, führt Iwan Podoprichin aus: 50 Meter lange Drehleitern, eigene Pumpen für die Sprinkleranlagen der Hochhäuser und Ventilatoren gegen den Rauch.

„Wenn es sein muss, brauchen wir maximal 20 Minuten, um eines der Hochhäuser hier zu evakuieren“, erläutert der Leiter des 2008 neu eröffneten Moskauer Feuerwehrzentrums zufrieden. Seit mehr als 25 Jahren ist er bei der Feuerwehr und zumindest in der Hauptstadt sei der Dienst im besten Zustand, den er bisher erlebt habe. Sechs Minuten brauche man im Durchschnitt, um im Stadtgebiet zum Einsatzort zu kommen. Das sei eine deutliche Verbesserung, fast um die Hälfte in den letzten fünf Jahren. 

Die statistischen Erfolge des Alltags zeigen Wirkung. 2017 kamen laut CTIF in Russland 7800 Menschen bei Bränden ums Leben. Das sind knapp 3000 weniger als noch vier Jahre zuvor. Auch wenn man sich in der Bevölkerung umhört, genießt die Feuerwehr einen guten Ruf. „Sie machen schwere Arbeit – und oft müssen sie geradezu heldenhaft arbeiten“, lobt etwa die Sprachlehrerin Anastasia aus Moskau. Dem stimmt auch die Moskauer Studentin Walentina zu. Eigentlich denke man nur selten an die Feuerwehr. Aber wenn mal etwas in den sozialen Netzen zu lesen sei, dann fast immer Positives, schmunzelt sie: „Manchmal sogar gleich als Superhelden in Memes, wenn sie mal wieder eine Katze retten.“ 

Lucian Bumeder

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