Astrologie in Rosarot

Rosa Rüssel, Bäuchlein und Ringelschwänzchen: Um den Jahreswechsel herum fielen unserer Autorin immer mehr Glücksschweine in den Moskauer Geschäften auf. Was das mit dem chinesischem Horoskop zu tun hat und warum 2019 in Russland im Zeichen des Schweines steht.

Nichts als Schweine: Die Händler sind auf die Nachfrage nach den rosa Glücksbringern vorbereitet. /Foto: Lena-Marie Euba

Ich bin ein Schwein. Mein Bruder ist ein Drache und mein Vater ein Tiger. Und was sind Sie? Normal, werden Sie jetzt vielleicht antworten und irritiert die Stirn runzeln. Russen hingegen verstehen sofort, was mit der Frage gemeint ist. Denn diese Tierbezeichnungen habe ich mir keineswegs ausgedacht. Sie sind Teil des chinesischen Horoskops, das insgesamt aus zwölf verschiedenen Tierkreiszeichen besteht. Ihr Geburtsjahr bestimmt dabei, welchem Zeichen Sie angehören. Das Jahr 2019 wird das Jahr des Schweines. In Russland dürfte es nur wenige Menschen geben, denen das entgangen ist. Hier ist das tierische Zwölfergespann nämlich voll im Trend.

Ein cooles Schweinchen mit Lederjacke

Ob Süßigkeiten, Puzzles, Kalender oder Christbaumkugeln – in der Moskauer Innenstadt gab es kurz vor der Jahreswende fast nichts, das nicht irgendwie rosarot und mit Rüssel und Ringelschwänzchen verziert war. Ein besonders cooles Schweinchen mit Lederjacke grinste mich sogar erst neulich noch von einem Werbeplakat einer Punkband an. Auch im Internet sah ich in der Woche nach Neujahr regelmäßig Schweinebildchen, mit denen sich meine russischen Bekannten im sozialen Netzwerk Vkontakte ein „Frohes Schweinejahr“ wünschten. Außerdem bin ich seit Kurzem stolze Besitzerin eines kleinen Bildes aus Holz, das mir eine Freundin zu Silvester geschenkt hat. Das Motiv darauf können Sie sich wahrscheinlich schon denken.

Doch damit nicht genug. Als ich kürzlich begann, mich näher mit der Schweinethematik zu beschäftigen, stieß ich auf unzählige Nachrichten über die stark gestiegene Nachfrage nach sogenannten Minischweinen. Vor Silvester hätten sich die Preise für die kleinwüchsigen Haustiere deshalb mehr als verdoppelt, berichtete der Fernsehsender Moskwa24 Ende des vergangenen Jahres. Bis zu 45 000 Rubel (586 Euro) verlangten manche Händler für die Miniatur-Hausschweine. Schließlich sind die süßen Wonneproppen das Neujahrsgeschenk schlechthin für das Schweinejahr 2019.

Waagen, Fische und Löwenbabys

Diese Sache mit dem Horoskop scheint in Russland ein größeres Thema zu sein als in Deutschland. Zumindest in meinem deutschen Umfeld. Das westliche Horoskop ist im Gegensatz zu seiner östlichen Ausprägung zwar allen ein Begriff. Trotzdem ist mir kein Fall bekannt, in dem man sich bei uns zu irgendeinem Feiertag Waagen, Fische oder Löwenbabys schenken würde. „Warum steht ihr alle so auf diese chinesischen Tierchen?“, fragte ich meine russischen Freunde deshalb neugierig. Die Reaktion war immer die gleiche. „Hmm, gute Frage. Keine Ahnung!“ Selbst das Internet schweigt sich zu diesem Thema aus. Ein Bekannter kratzte sich nur am Hinterkopf und meinte unsicher: „Naja, ist halt einfach Mode.“

Das Interessante an dem Trend ist, dass gleichzeitig noch ein slawischer Kalender existiert, welcher der russischen Kultur näher ist. Über diesen wird allerdings kaum gesprochen. Als ich meiner Mitbewohnerin Anja erzählte, dass wir laut slawischen Tierzeichen jetzt das Jahr des gleitenden Adlers hätten, musste sie erst mal googeln, was das für ein Kalender sein soll. Da mir niemand erklären konnte, was es denn nun mit diesem China-Horoskop-Trend auf sich hat, wandte ich mich an die Astrologieexpertin Miroslawa Busch. „Dieser slawische Kalender ist kompletter Unsinn“, verteidigte Frau Busch die Unwissenheit von Anja. Denn den hätte man sich ihren Worten zufolge erst vor etwa zehn Jahren ausgedacht.

Fernöstliches Horoskop hilft bei Sinnsuche

Für die Beliebtheit des chinesischen Horoskops sieht die Esoterikerin mehrere Gründe. Die Russen seien ein „sehr wissbegieriges Lesevolk“ und insbesondere Märchen und Mystik stünden hoch im Kurs. Außerdem sei den Russen spirituelles Wachstum sehr wichtig, sie liebten es, „tief in ihrer Seele zu graben“ und sich zu fragen, wer sie wirklich seien. Horoskope lieferten da mögliche Antworten. Seinen Anfang nahm der Silvestertrend wohl in den 90er Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion. Aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage hätten die Leute sich auf der Suche nach Halt vermehrt Themen wie Astrologie und Esoterik zugewandt, erinnert sich Miroslawa Busch.

Im Zuge der neu gewonnenen Reisefreiheit blühte zudem der Handel mit Waren aus asiatischen Ländern wie China und Südkorea auf. Sogenannte Tschelnoki, einfache Kleinhändler mit großen Taschen, pendelten regelmäßig in diese Länder, um die vor Ort billig erstandene Marktware in Russland weiterzuverkaufen. Neben unverzollten Hosen und Schuhen hatten die Tschelnoki aber auch oft spannende Geschichten und Souvenirs aus Fernost im Gepäck. Dadurch kamen die bis dahin von der Außenwelt isolierten Russen mit der asiatischen Welt vermutlich näher in Kontakt.

Mix aus russischen und chinesischen Traditionen

Seitdem haben sich die zwölf chinesischen Tierkreiszeichen irgendwie mit den russischen Silvestertraditionen vermischt. Dass das neue Jahr, und damit auch das Jahr des jeweiligen Tieres, laut chinesischem Kalender immer erst nach dem 31. Dezember in einem Zeitraum zwischen Januar und Februar stattfindet, ist deshalb nicht so wichtig. Denn wenn die Farbe der Kleidung am Silvesterabend richtig auf den Tierpatron abgestimmt ist, bringt das trotzdem Glück fürs neue Jahr. Übrigens: Falls Sie wie ich im Zeichen des rosa Paarhufers geboren wurden, so wird es Sie laut Frau Busch im Jahr 2019 besonders gut treffen. Schwein gehabt, würde ich sagen.

Lena-Marie Euba

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