Am Ende bleibt die Liebe

Während Dreharbeiten für eine Reportage über das Volk der Ewenken verliebte sich die Journalistin Britta Wulf in einen Einheimischen. Aus der Liebesgeschichte entstand ein Buch über den Sehnsuchtsort Sibirien.

Auf Tuchfühlung mit Rentieren in Sibirien. /Foto: Britta Wulf.

Nicht jeder Schritt im Leben lässt sich rational begründen. Wie wertvoll Mut und Vertrauen sein können, zeigt die Geschichte von Britta Wulf. „Mein Leben besteht aus warten, genießen, dass ich verliebt bin, mich wundern, dass mich jemand liebt und Angst“, so fasst es die Autorin bei ihrer Lesung in der Staatlichen Linguistischen Universität Moskau zusammen. Dort stellte sie ihr Buch „Das Rentier in der Küche. Eine deutsch-sibirische Liebe“ vor.

Darin erzählt sie bewegend, wie ihre Geschäftsreise nach Sibirien zur Reise ihres Lebens wurde. Im April 2014 hatte sich die Regisseurin aus Potsdam ins ferne Russland begeben, um für den RBB eine Dokumentation über die Ewenken, eine am Nordbaikal ansässige Minderheit, zu drehen. Protagonist des Films ist Anatolij, der in der ewenkischen Tradition aufgewachsen ist. Erst nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde ihr klar: Das ist noch nicht das Ende, sondern gerade erst der Anfang. Der Anfang einer Liebesbeziehung zu einem Land, seinen Bewohnern und natürlich zu Anatolij. Die beiden erhielten den Kontakt aufrecht und näherten sich über digitale Medien an. „Aber bin ich denn verknallt, verliebt oder was auch immer? Es sind doch nur Mails, Telefonate, kleine Symbole im Internet und auf dem Handy“, schreibt Wulf.

Die Protagonisten der Liebesgeschichte: Britta Wulf und Anatolij. /Foto: Britta Wulf.

Nach sehnsüchtigen Monaten der Distanz kehrte sie zurück, lernte Anatolijs Leben und das seiner Familie – und sicherlich ein Stück auch sich selbst – näher kennen. Und sie begriff sofort, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, als sie nach Sibirien zurückkehrte: „Irgendwann wird jemand kommen, der dich so fest in den Arm nimmt, dass all deine zerbrochenen Teile wieder ganz sind.“

So herzlich, wie sie von jenen Menschen aufgenommen wurde, begleitet Wulf auch den Leser auf seiner kleinen Reise durch die Taiga. Ihr Buch holt ihn ahnungslos ab und bringt ihn, innerlich gewärmt, erst nach dem Auslesen wieder in die Realität zurück. Geschichten von schamanischen Traditionen, die die ewenkischen Stämme pflegen, vom Baden in heißen Quellen bei Temperaturen im zweistelligen Minusbereich bis hin zu undenkbar nahen Begegnungen mit Rentieren inmitten der Natur, wohin der Weg nur noch zu Fuß führt, lassen den Leser immer wieder lachen, schmunzeln und grübeln.

Das Kamerateam auf dem Eis des Baikalsees. /Foto: Tatjana Sermjagina.

Doch Britta Wulf sieht ihr Abenteuer keinesfalls durch eine romantisierende Brille. Eine Entfernung von etwa 8000 Kilometern, sprachliche Differenzen und finanzielle Probleme gilt es zu überwinden. Auch die Ungewissheit, ob die Verbundenheit der beiden ein Zuhause finden wird, bleibt. Der Autorin gelingt ein überaus ehrlicher und sympathischer Reisebericht, in einem Genre, in dem jährlich neue Sehnsuchtserzählungen über Sibirien in die Buchhandlungen kommen.

Der Dokumentarfilm ist unter dem Namen „Die Ewenken am nördlichen Baikal“ noch bis zum 6. März in der Mediathek des RBB abrufbar und veranschaulicht das Gelesene mit eindrucksvollem Bild- und Tonmaterial.

Das Buch

Britta Wulf

Das Rentier in der Küche. Eine deutsch-sibirische Liebe

Solibro Verlag

Münster 2017

18,- €

 

 

 

Lara Maschke

Kommentare

Kommentare

Newsletter

Wir bitten um Ihre E-Mail: