Alles muss besser werden und nichts soll sich ändern

Die Bereitschaft der Russen, für ihre Belange auf die Straße zu gehen, wächst. In der Regel sind es lokale Themen, die den Trigger bilden, doch auch politische Forderungen bis hin zum Rücktritt von Gouverneuren oder auch von Präsident Putin schließen sich oft an. Gefährlich scheint das dem Kreml jedoch nicht zu werden. Der Soziologe Alexej Lewinson vom renommierten Lewada-Zentrum hat zuletzt in einem viel beachteten Interview mit „Radio Swoboda“ darüber gesprochen, warum seiner Meinung nach selbst erfolgreicher Protest die Machtverhältnisse nicht erschüttern wird. Auszüge.

Darüber, was in Russland zu Massenprotesten führen kann

Praktisch alle Massenproteste resultierten aus der Empörung über die Verletzung einer gewissen Norm, einer moralischen Norm – Betrug bei Wahlen etwa oder andere betrügerische Handlungen. Das sind keine wirtschaftlichen Ereignisse und keine politischen. In der Gesellschaft hat sich ein bestimmtes Verständnis von Moral und Ehrlichkeit erhalten. Das Verständnis von Menschenrechten, Freiheiten, von Recht und Gesetz ist in erheblichem Maße ausgehöhlt, doch es gibt ein diffuses, aber starkes Gefühl für moralische Sünden. Wenn man das mit Füßen tritt, dann drückt man offenkundig auf den Knopf der heftigsten Reaktion, zu der diese Gesellschaft fähig ist.

„Man hätte auch einfach im Fernsehen verkünden können, dass Putin bleibt.“ (Foto: Alexander Awilow/AGN Moskva)

Darüber, warum Präsident Putin bei aller Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen weiterhin große Unterstützung genießt

Putin gutzuheißen, bedeutet nicht, seine Politik oder Person gutzuheißen. Das ist eine Frage allgemeinen Charakters, im Sinne von „Bist du für oder gegen uns?“, der eigenen Verortung. Man zeigt sich einverstanden mit einer gewissen Ordnung der Dinge, nicht mit dem Zustand dieser Dinge, den Löhnen, den Preisen und so weiter.

Die Leute würden zustimmen, dass ihr Leben sich ändern sollte, dass man sie anders bezahlen sollte, die Miete eine andere sein sollte, die Medizin, die Bildung. Aber damit meinen sie nicht, dass Russland ein anderes Land werden sollte. Auc­h wenn man praktisch alles kritisch sieht, angefangen vom Fahrplan der Straßenbahn bis zum Verhalten der Minister, ist man insgesamt loyal gegenüber der existierenden Ordnung eingestellt.

Die Tätigkeit Putins zu befürworten, ist eine Demonstra­tion der Loyalität gegenüber dieser Ordnung. Der Unwillen, sich gegen die Verhältnisse zu stellen, gegen Putin, ist bisher noch sehr stark, das sehen wir in Umfragen. An lokalen Protesten teilzunehmen, ist psychologisch und sozial viel leichter.

Darüber, warum der Vergleich mit anderen Ländern nicht die Schlussfolgerung nach sich zieht, auch so leben zu wollen

Die russische Bevölkerung hat heutzutage eine absolut klare Vorstellung davon, dass das Lebensniveau in Polen und weiter westlich höher ist als in Russland, das ist kein Geheimnis. Wie es um die Meinungsfreiheit und die Menschenrechte in anderen Ländern und bei uns bestellt ist, auch nicht. Aber dann kommt die Loyalität zum eigenen Land ins Spiel. Die Leute treffen keine Wahl nach dem Motto: Wenn das so ist, dann lasst uns leben wie „sie“. Den Wunsch, dass bei uns am besten alles so sein sollte wie in Japan, England oder Holland, den gibt es nicht. Apotheken, Kindergärten, Straßen wie in Dänemark, Schweden, Finnland – ja, gern. Aber „leben wie im Westen“ will die Mehrheit nicht. Erst recht nicht seit 2014, als die scharfe Konfrontation mit dem Westen und der ganzen Welt anfing.

Darüber, warum die Bevölkerung mehr oder weniger geräuschlos einer Verfassungsänderung zugestimmt hat, nach der sich Putin auch 2024 wieder zur Wahl stellen kann

Mir scheint, dass die Akzeptanz für eine Verlängerung von Putins Herrschaft auf unbestimmte Zeit schon lange da war. Das ist keine Frage der Demokratie, der Wahlen, der Liebe zu Putin, des Personenkults und dergleichen, sondern des Status quo. Ja, wir leben so, warum etwas anderes wollen, Hauptsache, es wird nicht schlechter. Das ist die Richtschnur im Massenbewusstsein. Man hätte auch einfach im Fernsehen verkünden können, dass Putin weiter an der Macht bleibt. Natürlich gibt es Leute, die empört, gekränkt und dagegen sind. Aber sie sind marginal im Verhältnis zum Mainstream, zum „Wer, wenn nicht Putin?“. Das Fehlen alternativer Kandidaten ist nicht nur das Ergebnis der Politik Putins, niemanden nach oben kommen zu lassen, der ihm das Wasser reichen könnte. Es ist auch Ausdruck des Massenbewusstseins und seiner Vorstellung von der Welt.

Darüber, ob der Rückhalt für Putin nicht zwangsläufig bröckeln muss, wenn die ältere Genera­tion, bei der er besonders populär ist, nach und nach als Wähler ausscheidet

Nein. Die heutige Generation 60+ war 40+, als Putin ins Amt kam, und hatte wenn nicht liberale, so doch zumindest nicht ultrakonservative Ansichten. Dann ist sie in die Jahre gekommen. Und es zeigt sich, wer in Russland altert, der wird zu einem Anhänger der KPRF (der Kommunistischen Partei – d. Red.) und einem Anhänger Putins – so seltsam das ist, weil es sich eigentlich ausschließt.

Im Westen gibt es eine Redewendung: Wer in seiner Jugend kein Linker war, der hat kein Herz, wer im Alter kein Rechter wird, keinen Verstand. Bei uns ist es umgekehrt. Die Leute werden mit zunehmendem Alter zu Linken. Dahinter steckt der Wunsch, dass sich nichts ändern möge, denn wenn sich etwas ändert, dann nur zum Schlechten. Dieser konservative Ansatz fällt mit der sozialen Lage der Rentner zusammen, die voll und ganz vom Staat abhängig sind und das mit ihrem ganzen Innern spüren. Sie fordern: Bloß nicht anrühren!

Darüber, ob ein Wandel vielleicht nur von oben und nicht von unten eingeleitet werden kann

In den letzten 50, 60 Jahren haben Vorgänge in Moskau – der Tod Stalins, der 20. Parteitag der KPdSU, die Perestroika und so weiter – wiederholt kräftige Vibrationen an der Peripherie des damals sowjetischen Teils der Welt ausgelöst und zu Massenrevolutionen in Ungarn, der Tschechoslowakei, in Polen, Deutschland und anderswo geführt. In Russland waren das immer Ereignisse auf, grob gesagt, Palastebene. Chruschtschow ist auf dem 20. Parteitag nicht deshalb aufgetreten, weil sich das Volk gegen Stalin gewandt hätte. Gorbatschow hat die Pere­stroika nicht auf Druck der Straße initiiert.

Wir sind ein Land, das einerseits in der Mitte eines gewissen Spinnennetzes sitzt und Impulse an alle möglichen Enden der Welt sendet, wo dann Dinge von phänomenalem Ausmaß passieren, bis hin zum Fall der Berliner Mauer, aber in Moskau waren das immer Palastrevolten.

Der Machtkampf von Gorbatschow und Jelzin wurde nicht auf der Straße entschieden, auch wenn es die Straße gab, ich habe selbst in der Menge gestanden. Eine halbe Million Menschen demonstrierte für Jelzin, aber nicht das war ausschlaggebend. Es ist nicht schön, sich das einzugestehen, zu wissen, dass du in einem Land lebst, wo sich nicht nur die Machthaber so verhalten, wie sie das tun, sondern auch die Gesellschaft so gepolt ist.

Darüber, ob es in der russischen Geschichte nicht auch Beispiele dafür gebe, dass das Volk sein Schicksal in die eigenen Hände genommen habe

Der Volksaufstand von Minin und Poscharskij ist ein lehrreiches und trauriges Kapitel. (Anm. d. Red.: Gemeint ist die Volkswehr aus der „Zeit der Wirren“, der es 1612 gelang, die polnischen Besatzer aus Moskau zu vertreiben.) Ein Beispiel für die klassenlose Zivilgesellschaft: Man schloss sich zusammen, zog los und befreite die Heimat. Was haben sie dann gemacht? Als Nächstes sind sie zum Thron marschiert und haben ihre Mission für beendet erklärt: Väterchen, unser Teil ist erledigt, führe und herrsche! Sie hätten eine Militärrepublik errichten, eine Verfassung erlassen können. Dann hätten wir es England und allen anderen gezeigt. Haben wir aber nicht.

Übersetzung: Tino Künzel

Das Interview im Original: https://www.svoboda.org/a/30883209.html

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