Zum 150. Geburtstag: ein Berliner Philosoph über das Erbe Kandinskys

Am 16. Dezember jährt sich der Geburtstag von Wassily Kandinsky zum 150. Mal. Die MDZ sprach mit dem Kandinsky-Experten Alexander Graeff über den in Moskau geborenen Künstler, der einer der bedeutendsten Maler der Moderne und Wegbereiter der abstrakten Kunst ist.

Moscow

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs kehrte Kandinsky jedoch nach Moskau zurück. 1916 fasste er seine Eindrücke von der Stadt im gleichnamigen Gemälde zusammen

Herr Graeff, stimmt es, dass Kandinsky das erste abstrakte Bild gemalt hat?

Er würde das bejahen. Nach eigenen Angaben hat er 1910 einen Vorentwurf zur Komposition VII gemalt. Vermutlich hat er das Bild aber vordatiert und malte es erst 1913. Die genaue Datierung ist umstritten. Nicht umstritten ist, dass Frantisek Kupka bereits 1911 abstrakte Bilder malte. Die erste Malerin, die rein abstrakte Bilder schuf, war aber wohl Hilma af Klint – schon vor 1910. Wassily Kandinskys berühmte spiritualistische Theorieschrift „Über das Geistige in der Kunst“, 1910 verfasst und 1912 im Piper Verlag München veröffentlicht, kann aber als Pionierschrift der abstrakten Kunst gelten.

Was zeichnet Kandinskys Malerei ästhetisch aus?

Kandinsky ermöglicht mit seiner abstrakten Malerei und Grafik dem Betrachter einen unfassbar breiten Interpretationsspielraum. Nicht nur damals, auch heute noch. Das ist möglicherweise sein größtes Verdienst als Maler und Grafiker.

Kandinsky schrieb auch einflussreiche Bücher und Gedichte. Er soll den Dadaismus vorweggenommen haben.

Das kann man nicht unbedingt sagen, denn er war ja selbst auch von Autoren wie Hugo Ball stark beeinflusst und pflegte den Kontakt zu den Zürcher Dadaisten. Seine Prosagedichte, die er zwischen 1908 und 1913 verfasste, enthalten bestimmte Elemente, die man dem Dadaismus zuordnen könnte. Das geschah also zeitgleich.

Wassily_kandinsky

Kandinsky zog im Alter von 30 Jahren nach München, wo er zu einer wichtigen Figur des deutschen Expressionismus wurde.

Welche Bedeutung hat Kandinsky auf die Entwicklung der modernen Kunst aus heutiger Perspektive?

Man kann ihn als „Klassiker der Moderne“ kaum überschätzen. Was so einen „Klassiker“ allerdings ausmacht, hat sich im Verlauf der Jahre geändert. Früher hat ihn die bürgerliche Rezeption nicht mit okkulten Weltbildern und esoterischem Gedankengut in Verbindung gebracht, ebenso untersuchte man ihn nur sehr selten als Pädagogen oder Schriftsteller. Diesen fehlenden Teil der Rezeption arbeiten wir heute nach.

Kandinsky wird oft mit Schönberg verglichen. Beide hätten auf ihre Art in die Malerei und die Musik die Dissonanz gebracht.

Kandinsky selbst hat immer betont, dass ihn Musik zwar inspirierte, aber gleichzeitig hat er sich dagegen ausgesprochen, seine Malerei sei die bildliche Darstellung von Musik. Kandinsky und Schönberg waren in einer bestimmten Zeit einfach Freunde. Dissonanz fällt mir eher in Bezug auf Kandinskys kunstpolitisches Engagement ein.

Kandinsky als Poet

Kandinsky schrieb wichtige kunsttheoretische Bücher, aber auch Lyrik. Bekannt ist vor allem sein Gedichtband „Klänge“ von 1912. Einige der Texte aus dem kürzlich von Alexander Graeff edierten Band „Vergessenes Oval“ entstammen demselben Manuskript, aus dem Kandinsky auch für „Klänge“ Texte auswählte. Die auf Deutsch und Russisch verfassten Prosagedichte zeigen Kandinsky als Wegbereiter der Moderne auch auf literarischer Ebene, der die Sprache an sich in den Mittelpunkt stellte, anstatt nur ihre beschreibende Funktion zu nutzen. „Motivische Gegensätze, Wiederholung bestimmter Wörter sowie Verknappungen und Reduzierungen im Satz sind Stilmerkmale der konkreten Poesie, die Kandinsky vorweggenommen hat“, schreibt im Nachwort Graeff, der Kandinskys Werk einem breiten Publikum zugänglich machen will.

Wie sehr hat Kandinsky das Bauhaus geprägt und wie sehr prägte das Bauhaus umgekehrt ihn?

Er lehrte insgesamt elf Jahre am Bauhaus und blieb der Reformschule bis zur Schließung durch die Nazis treu. Er hat vor allem in der Walter-Gropius-Phase das Bauhaus stark geprägt. Seine Schriften von vor dem Ersten Weltkrieg wurden ab 1922 von Kollegen und Studierenden eifrig gelesen. Sicher haben ihn selbst aber auch Walter Gropius‘ Ideen und insbesondere Johannes Ittens Pädagogik beeinflusst. Das änderte sich allerdings, als Hannes Meyer 1928 Direktor wurde; dann wurde Kandinsky ein konsequenter Gegenpart zu den utilitaristischen, materialistischen und marxistischen Anschauungen Meyers. Kandinsky war aufgrund seines spiritualistischen Weltbildes ein Gegner des Funktionalismus.

Zwischen dem Bauhausstil und dem monotonen Funktionalismus unserer modernen Städte gibt es sicherlich eine Verbindung. Trägt Kandinsky dafür eine gewisse Verantwortung?

Überhaupt nicht. Kandinsky hat mit dem Funktionalismus im Grunde nicht viel zu tun. Er musste seine anti-materialistischen Anschauungen gegen die funktionalistischen Positionen seiner Kollegen im Bauhaus immer verteidigen. Ohne Kandinskys Gegenwehr hätte man die Mal- und Zeichnungskurse sowie andere künstlerische Seminare kurzerhand gestrichen. Dass das Bauhaus mit dem Funktionalismus eine einheitliche Linie vertreten hätte, ist ein Klischee.

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Alexander Graeff (40) ist Schriftsteller und Philosoph und lebt in Berlin. Seine erste Publikation zu Kandinsky war „Kandinsky als Pädagoge“ (2013, Shaker Verlag) / Foto: Privat.

1909 wurde Kandinsky Präsident der Neuen Künstlervereinigung München, ein Geburtsort des deutschen Expressionismus. Wie stark war dort der Einfluss der „Russen“?

Ich schätze mal, relativ stark. Nicht nur Kandinsky war ja Mitglied. Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Wladimir von Bechtejeff und Thomas von Hartmann gehörten neben Kandinsky zur Gründungsriege von 1909. Später wurde dann noch der Tänzer Alexander Sacharoff Mitglied. Kandinsky, Sacharoff und Hartmann planten in der Zeit ein Gesamtkunstwerk, das Musik sowie bildende und darstellende Künste zu vereinen suchte. Leider wurde das Vorhaben nicht in die Praxis umgesetzt.

Wie hat sich Kandinsky im Ersten Weltkrieg und gegenüber der russischen Revolution verhalten?

Als 1914 der Krieg ausbrach, verließ Kandinsky München, reiste eine Zeit lang durch Europa, und kam dann im selben Jahr nach Moskau, wo er sich niederließ und wieder die russische Staatsbürgerschaft annahm. Er hatte einige Jahre zuvor die deutsche angenommen. Trotz seines kunstpolitischen und pädagogischen Engagements ab 1918, hatte er es nach der Revolution nicht leicht. Immer noch hielt er an seinen anti-materialistischen und anti-marxistischen Vorstellungen fest. Als bürgerlicher Künstler mit adliger Herkunft konnte er dann ab 1921 seine Ämter nicht mehr bekleiden. Zusammen mit seiner 25 Jahre jüngeren Frau Nina, die er 1917 geheiratet hatte, floh er zunächst nach Berlin und wurde dann 1922 von Walter Gropius ans Bauhaus berufen.

Esoterik und Okkultismus haben eine überraschend große Bedeutung für Kandinsky, seinen Freund Franz Marc und andere Avantgardisten. Woran liegt das?

Das lag im Trend der Zeit. Es gab kaum Künstler, Philosophen oder Intellektuelle, die sich damals nicht für derartige Dinge interessiert hätten. Woran das lag, wird in der Geschichtswissenschaft unterschiedlich beantwortet. Die sogenannte Kompensationsthese beschreibt diese Entwicklung als Reaktion auf Industrialisierung und Säkularisierung, aber auch auf das Erstarken der Naturwissenschaft und des Materialismus. Eine andere These geht von einer Verschiebung religiöser Anschauungen aus; Religion gestalte sich von nun an nicht mehr nur institutionalisiert, sondern auch privatistisch und synkretistisch. Die vielen Religionsneugründungen der Zeit, die Einflüsse östlicher Kulturen und Religionen, die Theosophie und später Anthroposophie, das Neuheidentum und ähnliche Phänomene bestärken diese These. Die Zeit war insgesamt eine Zeit der Reformen, alle Gesellschafts-­Praxen pluralisierten sich.

Was fasziniert Sie persönlich an Kandinsky?

Ich befasse mich schon sehr lange mit ihm. Seine Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ hat mich sehr fasziniert. Anfangs kannte ich Kandinsky auch nur als Maler, dessen Bilder in Arztpraxen und Uni-Mensen hängen, als Schriftsteller war er mir damals noch völlig unbekannt. Kandinsky hat allgemein über Struktur und Form gesprochen, zum Beispiel auch in der Literatur – nicht nur in der Malerei. Er eröffnete mir den Blick auf eine systematische Betrachtung des Okkulten in der Kunst. Das war damals neu für mich, da ich immer von einer inhaltlichen, also weltanschaulichen Betrachtung des Themas angegangen war.

Das Interview führte Irina Kilimnik.

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