Zehn Jahre KHL: Eishockey für Fortgeschrittene

Die Eishockeyliga KHL ist eines der ambitioniertesten Projekte der jüngeren russischen Sportgeschichte. Inzwischen ist sie zehn Jahre alt. Die MDZ schaut auf ihre Stärken und Schwächen und erklärt, warum es sich lohnt, in Moskau ein Eishockeyspiel zu besuchen.

Hier macht man blau: ein Heimspiel von Dynamo Moskau und Fans in den Vereinsfarben. / Tino Künzel

Es ist Drittelpause im WTB-Eispalast, wo die Eishockeyklubs Dynamo Moskau und Spartak Moskau ihre Heimspiele bestreiten. Heute treffen sie im Stadt­derby aufeinander. Spartak, nominell die Auswärtsmannschaft, führt 1:0, der Videowürfel in der modernen Multifunktionsarena zeigt es an. Aber dann wird schon wieder etwas anderes eingeblendet, denn das Pausenprogramm ist straff. Zunächst performen Cheerleader­innen, dann hat das Maskottchen seinen Auftritt und schließlich ist die Kamera auf einen Fan gerichtet, der sich besonders in Schale geworfen zu haben scheint.

Er ist mit so vielen blau-weißen Dynamo-Utensilien ausgestattet, dass man sich fragt, ob im Fanshop noch etwas übriggeblieben ist. Nun erwartet die Kamera von ihm, seine Mannschaft so laut anzufeuern, bis ein Messgerät die erforderliche Anzahl an Dezibel verzeichnet.

Auch seine Mannschaft scheint der Fan damit aufgeweckt zu haben. Im letzten Drittel macht Dynamo mächtig Dampf und erzielt kurz vor Ende der regulären Spielzeit den Ausgleich. Block 205, der für die Stimmung in der Halle verantwortlich ist, macht sich mit „Wperiod“-(Vorwärts)-Sprechchören und Fahnenschwenken für die Verlängerung bereit, in der die Entscheidung fallen muss.

Die Eishalle, eine der größten in Russland, ist gut gefüllt. Von den oberen Rängen hat man eine grandiose Sicht und unten ist man nah an den Spielern. Der Sport wird vor allem als Event aufgezogen: familienfreundlich, facettenreich und amerikanisiert. Sonderlich überraschend ist das nicht, denn die Kontinentale Eishockeyliga (KHL), zu deren 27 Mannschaften auch Dynamo und Spartak gehören, hat sich von Beginn an am amerikanischen Vorbild NHL orientiert. Sie will ein europäisches Gegenstück dazu sein: sportlich, finan­ziell und auch atmosphärisch. Das ist gelungen.

Russische Klubs, aber nicht nur

In der KHL läuft seit August und noch bis zum April 2018 die zehnte Saison. Zu ihrem ersten runden Jubiläum kann die Liga durchaus auf Erfolge zurückblicken. Das Konzept, eine Meisterschaft auf dem gesamten eurasischen Kontinent zu etablieren, ist aufgegangen. Die KHL wird von russischen Teams geprägt und durch ausländische Topklubs ergänzt: Derzeit kommen sie aus Lettland, Weißrussland, Finnland, Kasachstan, der Slowakei und China. Das jüngste Mitglied ist der Pekinger Klub Kunlun Red Star.

Nicht immer war das Werben um attraktive neue Ligateilnehmer allerdings von Erfolg gekrönt. So gaben etwa die Eisbären Berlin der KHL einen Korb. Andere Klubs haben sich aus  unterschiedlichen Gründen wieder zurückgezogen. Einen Titel gewinnen konnte noch keines der ausländischen Teams. Der sogenannte Gagarin-Pokal ging bisher immer an einen russischen Verein.

Ordentlicher Besuch, aber nicht Spitze

Eishockey gehört sportlich so zu Russland wie kulinarisch die Pelmeni. Neben dem Fußball gilt es als eine der beliebtesten Mannschaftssportarten. 770.000 Russen spielen selbst. Beim Publikumszuspruch ist indes noch Luft nach oben, nicht nur im Vergleich zur NHL. Selbst in Europa belegt die KHL mit ihrem Besucherschnitt von 6100 Zuschauern aktuell nur Platz drei hinter der Schweizer National League (6882) und der deutschen DEL (6198).

Am Fassungsvermögen der Eishallen in Russland kann das nicht liegen. Die Liga schreibt eine Kapazität von mindestens 5000  Zuschauern vor. Die meisten Hallen bewegen sich knapp über dieser Grenze. In Deutschland stehen etwa in Iserlohn, Wolfsburg oder Bremerhaven kleinere Eishallen. Das Problem in Russland ist eher, die Stadien auch zu füllen. Immerhin: Wenn der WTB-Eis­palast bei einem Vorrundenspiel zwischen Dynamo und Spartak Moskau fast ausverkauft ist, obwohl beide Teams nicht oben mitspielen, ist das ein echtes Qualitätsmerkmal. Andere Zuschauersportarten haben in Russland bei weitem nicht so viel Zulauf.

Ausgeglichenheit, aber wie lange noch?

Ein großes Plus der KHL war bisher die Ausgeglichenheit der Liga. Kein Klub ist mehr als zwei Mal Meister geworden. Es gab noch nie die gleiche Begegnung im Finale. Kurioserweise hat es das punktbeste Team der Vorrunde auch noch nie geschafft, die Play-offs und so die Gesamtmeisterschaft zu gewinnen. Das allerdings könnte sich bald ändern.

Die Meisterschaft droht nämlich zu einem Zweikampf zwischen ZSKA Moskau und SKA St. Petersburg zu werden. Zwar werden alle Vereine mit staatlichen Geldern finanziert, ZSKA und SKA haben mit Rosneft und Gasprom aber zwei echte Schwergewichte im Rücken, die ihre jeweiligen Klubs mit Millionenzahlungen unterstützen. Das macht sich auf dem Eis bereits jetzt bemerkbar. SKA St. Petersburg ist amtierender Meister und dieses Jahr erneut auf Titelkurs.

Internationalität, aber regionale Divisionen

Damit eine Liga wie die KHL funktionieren kann, braucht es einen gut durchdachten Spiel­modus. Dieser hat sich in den vergangenen zehn Jahren bewährt: In der Vorrunde wird in vier sogenannten geographischen Divisionen gespielt, die nach ehemaligen russischen Eishockeygrößen benannt sind. Gegen die Vereine aus der eigenen Division spielt man öfter als gegen andere Teams. So werden sinnvollerweise Spiele zwischen weit voneinander entfernten Vereinen minimiert. Die drei Moskauer Klubs Dynamo, ZSKA und Spartak sind den beiden westlichen Divisionen zugeteilt.

Nach der Vorrunde geht es für 16 Teams in die Play-offs. Dort gibt es direkte Duelle im Modus „Best of seven“ bis zum Finale. Wer die Finalserie gewinnt, darf den begehrten Gagarin-Pokal in die Höhe stemmen. Jeweils zweimal gelungen ist das den Klubs aus Kasan, St. Petersburg, Magnitogorsk und – in den Jahren 2012 und 2013 – Dynamo Moskau.

Derzeit können die Dynamos von solchen Lorbeeren nur träumen und müssen darum kämpfen, überhaupt die Play-offs zu erreichen. Im Duell gegen Spartak – einem von insgesamt 756 Saisonspielen – verlieren sie am Ende das Penaltyschießen, das in etwa vergleichbar ist mit dem Elfmeterschießen im Fußball. Überall im Stadion springen rotgekleidete Fans von Spartak auf und bejubeln den Sieg ihrer Mannschaft. In Block 205 ist es still geworden, aber nur kurz, denn die Mannschaft soll für ihren Auftritt belohnt und wieder aufgebaut werden.

Toller Sport, aber kleine Preise

Fans von Spartak Moskau im Gute-Laune-Modus. / spartak.ru

Ein Spiel in Moskau anzuschauen, lohnt sich nicht nur wegen des sportlich hohen Niveaus. Die Stimmung ist friedlich: Wer sich in den Farben der Gast- unter die Anhänger der Heimmannschaft mischt, erntet keine bösen Blicke. Ähnlich wie in den USA und im restlichen Europa bekommt der Zuschauer ein Rundumpaket an Entertainment. Was die KHL wirklich von anderen europäischen Ligen unterscheidet und reizvoll macht, ist die Zugehörigkeit von Teams aus anderen Ländern.

Sollten praktische Überlegungen für den Besuch eine Rolle spielen, an dieser Stelle noch ein paar Informationen. Tickets sind online und an den Stadionkassen erhältlich. Die Preise hängen vom gewählten Block ab und kosten in Moskau bei Dynamo oder Spartak ab 300 Rubel.

Die beiden Moskauer KHL-Arenen sind bequem mit der Metro zu erreichen, einen kurzen Fußweg inklusive. Verfehlen kann man sie nicht, denn unterwegs trifft man immer einen Fan in voller Montur, dem man sich anschließen kann.

Nico Tielke

 


Hier spielen die drei Moskauer KHL-Klubs

WTB-Eispalast: Spielstätte von Dynamo Moskau und Spartak Moskau
Internet: dynamo.ru, spartak.ru
Baujahr: 2015
Kapazität beim Eishockey: 12.100
Adresse: Awtosawodskaja 23
Metrostation: Awtosawodskaja

ZSKA-Eisarena: Spielstätte von ZSKA Moskau
Internet: www.cska-hockey.ru
Kapazität beim Eishockey: 5600
Baujahr: 1991. Die Halle wurde 2006 erweitert.
Adresse: Leningradskij Prospekt 39
Metrostation: Aeroport

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