Wunsch vs. Wirklichkeit

Die Abrechnung: Vier Familien erzählen, was das Leben in Russland kostet. Und nennen ihr Wunschbudget, mit dem sie keinerlei Abstriche mehr machen müssten.

Familie ist immer auch ein teures Glück. / TheVirtualDenise/pixabay

Familie ist immer auch ein teures Glück. / TheVirtualDenise/pixabay

Hand aufs Herz und auf den Bauch und jetzt einmal ganz ehrlich: Wie viel Geld brauchen Sie für ein gutes Leben? Unabhängig von Ihrem aktuellen Einkommen. Wie viel kostet ein Leben ohne Abstriche? Rechnen Sie sich das kurz aus. Und nun vergleichen Sie mal mit den Vorstellungen russischer Familien:

„Ich denke, für ein erfülltes Leben zu zweit mit einem Kind in unserer Stadt braucht man im Monat 90-100 000 Rubel. Die teuersten Punkte sind Wohnen und Ernährung. An zweiter Stelle stehen Mobilität und Unterhaltung“, meint Tatjana Iwanowa, die vor Kurzem zu ihrem Mann nach St. Petersburg gezogen ist. „Ich bin im Großen und Ganzen einverstanden mit Tanja“, pflichtet Ilja Iwanow bei. „Viel hängt natürlich davon ab, ob man eine Wohnung hat. Das ist für Zugezogene der teuerste Punkt. An zweiter Stelle steht das Essen, da sollte man nicht sparen. Viel Geld braucht man auch für den Stadtverkehr und Reisen. Apropos: Manchmal ist ein Kind schon recht teuer. Es kann zwar kostenfrei in die Eremitage, zahlt in der ‚Lastotschka‘ nach Welikij Nowgorod aber den vollen Preis.“

Die russische Meinungsforschungsholding Romir hat russlandweit nach diesen Wunscheinkommen gefragt. Dabei kam heraus, dass eine durchschnittliche russische Familie – Mutter, Vater, ein Kind – gern 83 600 Rubel monatlich ausgeben können würde. Umgerechnet sind das knapp 1200 Euro für alle drei. Jede sechste Familie würde demnach auch mit 45 000 Rubel (643 Euro) im Monat auskommen, 63 Prozent wünscht sich aber bis zu 120 000 Rubel (1716 Euro) und jede fünfte Familie noch mehr.

Rosstat: Der Durchschnittslohn für Juli 2017 lag bei 39 355 Rubel.

„Ich denke, das Wunschbudget hängt auch von dem Kind ab“, meint Alexej Schemelew, junger Vater und Abteilungsleiter in der Möbelfabrik „Costa Bella“ im sibirischen Krasnojarsk. „Unsere Tochter ist jetzt sieben Monate alt und momentan würden uns auch etwa 100 000 Rubel reichen. 10 000 für die Kleine, 20 000 zum Wohnen, 15 000 für Kleidung und andere nötige Dinge. 10 000 Rubel für Benzin, allerdings auch nur, wenn man so viel fährt wie man nur kann. 20 000 Rubel für Lebensmittel, wenn man beispielsweise gutes Fleisch und Nudeln kauft. 10 000 Rubel könnte man dann noch zu Unterhaltungszwecken ausgeben: Kino, Café und anderes. 20 000 Rubel kann man dann noch zurücklegen und sparen. Dabei ist natürlich alles maximal berechnet. Die Wohnung kann günstiger sein, das Benzin im benachbarten Gebiet Irkutsk aber schon wieder teurer. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ändert sich einer für uns, dann ändern sich auch die Zahlen.“ „Momentan haben wir etwas mehr als die Hälfte unseres Wunscheinkommens“, sagt seine Frau Nina. Sie arbeitet eigentlich in der Presseabteilung eines Musicaltheaters, ist aber momentan im Mutterschaftsurlaub.

Von der Hand in den Mund

Je nach Region unterscheiden sich die Wunschbeträge natürlich. Dies aber ändert nichts daran, dass sich selbst diesen Durchschnittswunschwert bei Weitem nicht jede Familie erfüllen kann. Nach Angaben des russischen Statistikamtes Rosstat lag der russlandweite Durchschnittslohn pro Person im Juli 2017 bei 39 355 Rubel (562 Euro) brutto und ist damit im Vergleich zum Juli 2016 sogar um 4,6 Prozent gestiegen. Das entspricht nach Angaben der russischen Zentralbank auch etwa dem Anstieg der Inflation (im Vergleich zum Vorjahr plus 4,2 Prozent). Aber: Da auch Steuern und Sozialangaben – oft im Gegensatz zu den Löhnen – der Inflation angepasst wurden, sanken die realen Nettolöhne im ersten Halbjahr 2017 letztlich. Eine bereits vier Jahre andauernde Tendenz. Zum Vergleich: Laut dem Datenreport 2016 für die BRD lag der bundesdeutsche durchschnittliche Bruttolohn bei 2635 Euro.

WZIOM: Sinkende Gehälter machen vielen Russen die größten Sorgen.

„Als erstes macht man natürlich Abstriche bei der Freizeit, da sind wir keine Ausnahme“, sagen die Iwanows. „Wir gehen jetzt seltener in Bars. Aber das hat eigentlich nur Vorteile!“ Tatjana ist Dozentin an einer Hochschule und unterrichtet abends noch an privaten Bildungseinrichtungen. „Wenn ich noch mehr Geld bräuchte, würde ich mehr Gruppen annehmen.“ „Ich habe momentan eine feste Arbeitsstelle und schreibe manchmal noch für andere Medien. Aber das ist ja ein und derselbe Bereich“, sagt der Journalist Ilja. „Im Monat habe ich immer 30 000 Rubel sicher. Dazu kommen noch Honorare. Um mehr zu verdienen, müsste ich wohl die Branche wechseln.“

Selbst wenn also beide Erwachsenen der durchschnittlichen Beispielfamilie arbeiten gehen, ist das noch lange keine Garantie, ohne Abstriche leben zu können. Dies bestätigt auch das monatliche „Problem-Monitoring“ des Meinungsforschungsinstituts WZIOM. Im Juli wurden sinkende Gehälter und das niedrige Lebensniveau den dritten Monat in Folge als größte Sorgen genannt. Mit 24 Prozent äußerte sich so bereits knapp ein Viertel aller Befragten.

„Man muss schon 300 000 Rubel oder auch mehr verdienen, wenn man einmal eine größere Wohnung oder auch ein Häuschen kaufen will. Am teuersten sind die Hypothek, der Kredit fürs Auto, Kleidung, besonders für Kinder, und auch die Hobbys für Kinder wie Englisch oder Tanzen“, sagt Elena Grigorjewa, Mutter einer kleinen Tochter, aus Moskau. „Momentan haben wir um die 190 000 Rubel. Ich habe einen Job als Journalistin. Mein Mann arbeitet im Agrartechnik-Bereich. Bislang verzichten wir auf eine größere Wohnung – eine Zweiraumwohnung ist eigentlich zu klein –, teure Klamotten und überflüssige Reisen. Um mehr Geld zu verdienen, müsste man sein eigenes Business aufmachen. Aber das ist ohne Startkapital nicht so einfach.“

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Und mit mehr Kindern wachsen die Bedürfnisse: „Mein Wunschbudget darf nicht unter 200 000 Rubel liegen. Für das Essen brauchen wir 20-30 000 Rubel“, sagt Valeria Kusnetzowa, Mutter dreier Kinder in Krasnojarsk. „Aber die größten Summen fressen oft unerwartete Probleme. Die Steuern für mein Auto betrugen 270 000 Rubel letztes Jahr, bevor ich es meiner Mutter, einer Rentnerin auf dem Dorf, geschenkt habe, wo sie nur zehn Prozent bezahlen muss. Benzin kostet im Monat 5000 Rubel. 46 000 Rubel habe ich für Betriebskosten seit November gezahlt.“ Die zwei Töchter der Kusnetzows gehen in die Musikschule, machen Gymnastik, reisen in Sommerlager. „Zusammen waren wir jetzt in China im Urlaub, für ungefähr 270 000 Rubel. Reisen mit Kindern ist nicht billig. Aber ich denke, den Rest des Jahres schalten wir auf Sparprogramm, um für den nächsten Sommer zu sparen.“

Die Geldsorgen der Russen schlugen sich auch in der Romir-Studie nieder, und zwar konkret in der Differenz des gewünschten und tatsächlichen Einkommens. Während im Fernen Osten statistisch gerade einmal 600 Rubel zwischen den beiden Werten lagen, betrug diese Differenz bis zu über 40 Prozent im Südwesten Russlands und im Ural. In Zentralrussland – inklusive den Großstädten Moskau und St. Petersburg – wünschen sich die Menschen immerhin 35 Prozent mehr Geld zum Leben, als sie real haben.

Peggy Lohse

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