Wie Putin jetzt Merkel und Obama die Welt erklären könnte

Der Wahlsieg Donald Trumps dürftige einige Politiker in Europa und den USA auf den harten Boden der Realität zurückgeholt haben. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, über die eigene Wahrnehmung nachzudenken.

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Russland und die USA — kein Schachspiel / Foto: Samuel Thorne

Wladimir Putin zitiert gerne mal russische Denker. Wenn er in diesem Leben noch einmal auf Angela Merkel und Barack Obama treffen sollte, sei ihm ein Zitat des deutschen Philosophen Hegel empfohlen: „Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig“, schrieb der vor 200 Jahren. Nicht erst seit dem nächsten „Schock“ für westliche Politiker und Medien – also der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten – dürfte Putin Lust verspüren, mit seinen Kollegen aus Berlin und Washington ein wenig über die Wirklichkeit zu plaudern. Waren diese doch bei einem Telefonat miteinander Anfang März 2014 darüber einig geworden, dass Putin den Kontakt zur Wirklichkeit verloren habe.

Tatsächlich dürfte sich eher Wladimir Putin im Einklang mit der Realität wähnen als seine westlichen Kollegen. Vieles ist Wirklichkeit geworden, was ihnen zuvor ganz und gar nicht vernünftig erschienen war. Der Brexit oder jetzt Donald Trump konnten ja nicht sein, weil sie nicht sein durften. Für höchst vernünftig hingegen verkauften sie und ihre Medien den „arabischen Frühling“ und die deutsche „Willkommenskultur“, zwei Phänomene unserer Zeit, die den Test der Wirklichkeit nicht bestehen sollten. Putin könnte seinen Kollegen aus Berlin und Washington mit Hegel sagen: „Seht ihr, was Wirklichkeit geworden ist, kann nicht unvernünftig sein; und was nicht wirklich ist, das kann auch nicht vernünftig sein.“ Besser wäre es, das eigene Weltbild wieder zurechtzurücken, statt auf die Wirklichkeit zu schimpfen, weil man sie nicht versteht.

Doch auch Obama ist bekanntlich so belesen wie schlagfertig und könnte seine beiden Kollegen mit einer noch älteren Weisheit in Verlegenheit bringen: „Nichts ist so beständig wie der Wandel“, lehrte Heraklit im alten Griechenland. „Change“ ist das Einzige, worauf Verlass ist, würde man heute sagen. Millionen von Engländern und Amerikaner haben das jedenfalls in diesem Jahr mit ihren Stimmen zum Ausdruck gebracht, und auch Frau Merkel beginnt, die neue Lust der Menschen auf die Wirklichkeit zu spüren. Doch mehr als sie dürfte diese neue Wirklichkeit im Kreml für Unbehagen sorgen. Das de facto Ein-Parteien-Parlament, das er im September wählen ließ, erscheint vielen als irreal und wenig vernünftig. Und schon bald muss er selbst eine Präsidentenwahl veranstalten. „Change“ könnte dann zwar vernünftig sein, aber trotzdem vorerst nicht Wirklichkeit werden.

Bojan Krstulovic

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