Wie ich zufällig Putin traf

Ein Termin mit dem russischen Präsidenten als Kollateraleffekt. Aus dem Leben einer MDZ-Praktikantin.

A. Bertels

Russlands Präsident Wladimir Putin im Schnappschuss unserer Praktikantin / Foto: Alina Bertels

Einer von uns Praktikanten soll also diese Geschichte in der Deutschen Schule Moskau übernehmen. Es geht um ein Schüleraustauschprojekt, das sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Geschichte ist nicht so mein Ding, aber vielleicht lerne ich ja was dazu. Ich mach’s. Später in der Metro schaue ich mir noch einmal die Projektbeschreibung an und stelle ernüchtert fest, dass ich um sechs Uhr aufstehen muss, wenn ich pünktlich da sein will. Ich ärgere mich ein bisschen.
Am Abend vor dem Termin bekomme ich dann die Nachricht: „Ruf mal schnell den Lehrer an. Die brauchen deine Passdaten, Putin kommt morgen auch!“ Scheint ein interessanteres Projekt zu sein, als ich anfangs dachte. Viel geschlafen habe ich nicht in der Nacht – zu aufgeregt. Ich fahre also zur Deutschen Schule und sehe schon aus der Ferne, wie ein russischer Nachrichtensender seinen Kamerawagen aufbaut. Vor dem Tor muss ich warten, bis die anderen Presseleute ankommen. Wir werden zusammen reingelassen und in ein Klassenzimmer geführt. Ich schaue mich um, ich bin die Jüngste im Raum. Während ich so meinen Kaffee schlürfe, erfahre ich zumindest von den deutschsprachigen Kollegen um mich herum, wo sie arbeiten: ZDF, WDR, FAZ, DPA, etc. Ich mache mich klein, will nicht auffallen. Einige Herren unterhalten sich über den spontan aufgekommenen Termin. Was hat das zu bedeuten? Was will uns Putin damit sagen? Sie alle wussten von dem Projekt, doch sind sich einig: Keiner von ihnen wäre hier, wenn Putin sich nicht angekündigt hätte. „Doch, ich“, sage ich leise, werde aber dennoch vernommen. Das Interesse ist geweckt: „Von wo kommst du denn?“ „Von der Moskauer Deutschen Zeitung, ich bin Praktikantin.“ Wohlwollend wird mir erklärt, dass die Herren für solche Schülerprojekte eben keine Zeit hätten. So sei das eben.
Die Veranstaltung beginnt und alles was dann passiert, nehme ich nur beiläufig wahr. Zu beschäftigt bin ich damit, einen guten Job zu machen, Fotos zu schießen, Notizen zu schreiben. Putin beendet seine Rede und verlässt die Bühne nach vorn, alle stürmen los. Ich stehe in vierter Reihe, mit ausgestrecktem Arm, immer noch erpicht auf den perfekten Schnappschuss, während der Präsident Schülerfragen beantwortet. Dann ist es auch schon vorbei. Es war aufregend, mein Arm tut weh. Die anderen Journalisten schnappen sich die Schüler, um in Erfahrung zu bringen, was da eben geredet wurde. Langsam wird es leerer in der Schulaula. Nun unterhalte auch ich mich mit einigen Schülern, sie sind völlig überwältigt von dem Ereignis. Ihre Augen leuchten und sie erzählen, wie nah sie dran waren am Präsidenten. Übereinstimmend stellen wir fest, dass Putin in Wirklichkeit viel kleiner ist, als wir ihn uns vorgestellt hatten. Im Fernsehen sieht er größer aus.
Auf dem Heimweg werde ich den Eindruck nicht los, dass meine Geschichte am Ende wahrscheinlich versöhnlicher ausgeht als die von den Herren. Sie werden höchstwahrscheinlich über die deutsch-russischen Beziehungen spekulieren, ich hingegen schreibe, wie deutsche und russische Schüler gemeinsam „Erinnern, Gedenken, Versöhnen“ praktizieren (mehr dazu hier).

AlinaAlina Bertels
Die studierte Medien- und Kultursoziologin ist Praktikantin bei der MDZ.

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