Wellness auf Russisch: Ein Hoch auf den Regen

Im Mai und Juni gab es in Moskau mehr Regen als Sonnenschein. Das hat auch Vorteile.

Ein häufiges Bild in diesen Tagen: Regen und Sturm in Moskau /Foto: Pixabay

Pack die Pelzmütze ein, hatte mir eine Freundin geraten. Und ich habe noch gelacht, als ich meinen Koffer für den Moskauer Frühsommer packte. Mai, Juni, Juli. Röcke, T-Shirts, Sandalen. Zugegeben: Es gab Momente, in denen ich mich nach einer Mütze sehnte. Aber dafür erlebte ich den ersten 9. Mai mit, den die Russen in 98. Februar umbenannten. Und ich hatte die Gelegenheit, alle meine Jacken gleichzeitig zu tragen. Sah nicht so schick aus. Dafür half es, mit der Stadt warm zu werden.

Mittlerweile haben sie hier aufgehört, die gefühlten Februartage zu zählen. Wurde wohl langweilig. Denn auf den kalten Mai folgte ein ebenso unterkühlter Juni. So niedrig waren die Temperaturen seit dem Revolutionsjahr 1917 nicht, sagen manche und sehen darin ein Zeichen. Andere meinen, es habe seit Menschengedenken keinen so kalten Frühsommer gegeben.

Momente mit Mondschein

Ich freue mich, diesem historischen Moment beizuwohnen. Zumal mich täglich Horror-Nachrichten aus Deutschland erreichen: Schon wieder 36 Grad. Kaum auszuhalten dieser Hochsommer zu Pfingsten. Fotos vom Picknick im Park, von der Sonne verbrannte Gesichter. „Moskau, Regen, 9 Grad“, schreibe ich cool zurück. Und staune, wie schnell aus den Pfützen auf den Straßen kleine Seenlandschaften werden, in denen sich nachts der Mondschein spiegelt.

Es gab auch schon ein paar Tage, an denen man mit offenen Schuhen spazieren gehen konnte. Oder hätte gehen können. Wenn nicht mit den ersten sanften Sonnenstrahlen die Baustellen aus dem Boden geschossen wären wie anderswo die Grashalme. Bevorzugt dort, wo gestern noch 1A-Fuß- und Radwege verliefen.

Smarter Alarm bei Sonnenschein

Für mich als Laie sieht es aus, als hätte jemand Asphalt und Steine übrig gehabt, die dringend weg mussten. Und ganze Armeen von Bauarbeitern mit Spezialgebiet Presslufthammer.

Die lieblichen Laute letzterer hört man überwiegend bei Sonnenschein. Ich vermute, dass es sich um ein besonders smartes Alarmsystem handelt. Fenster zu, damit sich der Sommer nicht in der Wohnung breitmacht! Nicht zu lange draußen flanieren! Ist schlecht für die Haut. Ich bin dankbar für diesen kostenlosen Service. Offenbar achtet man hier auf meine Gesundheit. Inzwischen regnet es aber zum Glück wieder und ich kann auf dem Heimweg mit meinen offenen Schuhen Wassertreten. Wellness pur, muss ich sagen.

Corinna Anton

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