Was Russlands Fußball-Debakel mit der Wirtschaftskrise zu tun hat

Die MDZ-Kolumne der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer


Matthias Schepp, Vorstands­vorsitzender

Matthias Schepp, Vorstands­vorsitzender

In den Sportteilen von New York Times, El Pais oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind immer mal wieder Betrachtungen über den Zusammenhang von Fußball und Politik zu lesen. In Deutschland ist dann die Rede davon, dass die Nationalmannschaft so etwas wie ein Spiegel der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung ist. In den Siebziger Jahren entsprach die erfrischend-revolutionäre Spielweise des langhaarigen Spielmachers Günther Netzer und die eines mit maoistischen Ideen sympathisierenden Außenverteidigers namens Paul Breitner dem „Mehr-Demokratie-Wagen“ eines Willy Brandt und seiner mutigen Ostpolitik. Im Dezember 1971 erhielt Bundeskanzler Brandt den Friedensnobelpreis, sieben Monate später wurde die Nationalmannschaft Europa- und 1974 Weltmeister. Im Jahr der Wiedervereinigung, die Helmut Kohl entschlossen vorangetrieben hatte, errang das größere und stärker werdende Deutschland ein drittes Mal den WM Titel. Dass im Weltmeister-Kader von 2014, der Brasilien 7 zu 1 deklassierte, Deutsche iranischer, türkischer, ghanaischer und polnischer Herkunft standen, wird gern als Argument für Angela Merkels „Willkommenskultur“ gegenüber Flüchtlingen angeführt.

Wenig geschrieben wird über den Zusammenhang zwischen Fußball und Volkswirtschaft. Auf den ersten Blick scheint es dafür keine Belege zu geben. Das reiche Deutschland ist viermal Weltmeister geworden, das arme, sich nur unter Schmerzen entwickelnde Brasilien aber fünfmal. Amerika, das mächtigste Land der Erde, hat es mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 18 000 Milliarden Dollar nur ein einziges Mal in ein WM-Halbfinale geschafft und das vor 86 Jahren. Das kleine Island mit einem 1200-mal kleineren BIP war die Überraschungsmannschaft der diesjährigen Europameisterschaft. Island besiegte England, das Mutterland des Kapitalismus, ehe es gegen den Gastgeber Frankreich rausflog.

Für Russland aber lohnt es, über den Zusammenhang zwischen Fußball und Volkswirtschaft nachzudenken. Zwei Lehren kann der größte Flächenstaat der Erde aus dem katastrophalen wie Abschneiden der „Sbornaja“ ziehen.

1. Wer sich international isoliert, wird abgehängt. Jede der 24 Nationalmannschaften konnte zur EM ein Aufgebot von 23 Spielern schicken. Russland konnte bis auf den kurzfristig eingebürgerten Roman Neustädter keinen einzigen Legionär aufbieten, also einen Spieler, der im Ausland sein Geld verdient. Auch talentierten russischen Fußballern fehlt die internationale Erfahrung. Die spanische Primera División, die Bundesliga, die englische Premier League kennen sie nur aus dem Fernsehen. Mentalität, Spielphilosophie, innovative Trainingsmethoden und taktische Neuerungen erleben sie allenfalls aus der Distanz.

Portugal und Wales, die eines der beiden Halbfinale bestritten, hatten jeweils 15 Legionäre in ihren Reihen, Belgien, das bis zu seinem überraschenden Ausscheiden einen sehr ansehnlichen Fußball spielte, sogar 20 Legionäre. Deutschland trat mit neun Legionären an. Toni Kroos spielt bei Real Madrid, Bastian Schweinsteiger bei Manchester United, Mesut Özil bei Arsenal London und Sami Khedira bei Juventus Turin.

Wer sich dagegen, wie der russische Fußball, international isoliert, kann nicht mehr mithalten. So ist es auch in der Wirtschaft. Modernisierung ohne Globalisierung ist eine Sackgasse.

2. Wilder Kapitalismus als Irrweg. Russische Fußballclubs haben in den vergangenen Jahren versucht, Anschluss an ausländische Spitzenclubs zu finden, indem sie, angestachelt durch Sponsoren wie Gazprom, gewaltige Summen für ausländische Spieler ausgaben. Kein europäischer Spitzenclub kommt ohne Legionäre aus, russische Clubs aber vernachlässigten die eigene Nachwuchsarbeit. Sie nehmen russischen Talenten die Spielpraxis, weil nach den Verbandsregeln sieben Legionäre auf dem Feld stehen dürfen. Vor einiger Zeit waren es sogar neun. Den gleichen Fehler haben nicht wenige russische Unternehmen und die Wirtschaftspolitik lange gemacht: Für sub­stanzielle Fortschritte reicht es nicht aus, sich im Ausland die besten Maschinen zu kaufen. Es ist besser, Bedingungen zu schaffen, in denen eigene Ingenieure sie entwickeln. Importe sind gut. Wichtiger aber ist, sich auf die eigenen Kräfte zu verlassen und das eigene Potenzial auszuschöpfen.

In der Mischung zwischen eigener Stärke und Internationalisierung liegt das Erfolgsgeheimnis. Das gilt für Russlands Fußball wie für Russlands Wirtschaft.

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