Berliner VR-Startup blickt nach Moskau: Russland ist keine dunkle Matrix

Die Chancen und Risiken eines jungen Berliner Startups, ausgerechnet den russischen Markt digital anzuvisieren, zeigen die Planspiele des aufstrebenden deutsch-russischen Unternehmers Boris Goldshteyn. Laut einem Experten kann der aktuelle russische „Netzpatriotismus“ ganz einfach umgangen werden.


Das Geschäft in Hand und Blick: Boris Goldshteyn, Sara Wach und Clemens Wagner gründeten es im Jahr 2016 / Foto: Maximilian von Lachner.

Eigentlich sind die russischen IT-Startups ja dafür bekannt, ins Ausland zu ziehen. Fibrum und Statsbot sind zwei der jüngsten Exempel. Der deutsch-russische Start-up-Gründer Boris Goldshteyn will den Spieß umdrehen. Doch geht das so leicht?

Mit ein bisschen Schummeln anscheinend schon. Denn der 25-Jährige Goldshteyn wurde in Russland geboren, 1997 zog er mit seiner Familie von St. Petersburg nach Berlin. Nun will er zurück in seine Heimat. Nicht allein, sondern mit seiner Firma: die AllVR GmbH.  „VR“ steht dabei für „virtual reality“ oder „virtuelle Realität“, jenem digitalen Raum, der durch das Tragen einer Hightech-Brille (siehe Foto) betreten werden kann. Per Controller kann man sich wie in einem Computerspiel bewegen. 

Cloud-Software als Basis: „Wie Dropbox und Skype zusammen“

Konzept und Kapital der Firma ist eine Cloud-basierte Softwareplattform. Diese könnte man sich vorstellen wie „Dropbox und Skype zusammen“. Zuvor bearbeitete 3D-Daten und 360-Grad-Videos werden in einer digitalen Plattform, der sogenannten Cloud, gespeichert. Das Resultat offenbart neue Möglichkeiten. Es ermöglicht die Kooperation von Maklern und Wohnungsinteressenten oder von Projektplanern und Bauarbeitern – und das von jedem beliebigen Ort weltweit. Mit Internetanschluss, versteht sich.

VR-Brille und Controller ermöglichen einem das Eintauchen in die virtuelle Realität / Foto: HWR

Russische Entwickler besser als indische – und billiger als europäische

„Ich vergleiche den russischen Markt mit dem amerikanischen“, erklärt der IT-Unternehmer weiter. Es würden sich große Märkte mit enormen Potential an Talenten bieten. „Wir arbeiten bereits mit zwei russischen Entwicklern zusammen. Sie liefern weitaus bessere Ergebnisse als beispielsweise indische. Die wiederum sprechen zwar besser Englisch, liefern jedoch  weniger Qualität. Europäische Entwickler sprechen fließend Englisch, sind aber teurer. Und sie sind nicht talentierter als russische, in manchen Bereichen sogar schlechter“. Die Bauunternehmen  erhielten jedoch den Großteil ihrer Aufträge vom Staat, was eine neue Strategie erfordere. Statt auf den Bau fokussiert sich AllVR auf Planungsbüros und Immobilienmarkt. Hier besteht großes Potential. „In Deutschland wird mehr vermietet, in Russland mehr verkauft“, so Goldshteyn.

Geschäftsgründung: Russische OOO vergleichbar mit britischer Limited

Der entscheidende Vorteil des russischen Marktes liege im geringen Startkapital. „Ich vergleiche die russische OOO mit der britischen Limited, da beide selbst bei geringem Startkapital grundlegende Rechtssicherheit bieten“, erklärt der Gründer der russischen Unternehmensberatung Smart Capital, Jewgenij Salutskij. Der Nachteil hingegen liege in der komplizierten Buchhaltung. Nach Geschäftsgründung sehe Goldshteyn Probleme bei der Finanzierung. „In Deutschland sind vom Gewinn abhängige Ratenzahlungen möglich, Russland bleibt für mich undurchschaubar“, so der 25-Jährige Deutschrusse.

Strenge Datengesetzgebung: Empfehlung einer eigenen Tochter

Problematisch sieht er auch die strenge Datengesetzgebung. Um die Daten russischer Kunden gesetzesgetreu auf russischen Servern sichern zu können, seien mehr Kapital und Hochleistungsserver für die speicherintensiven VR-Daten erforderlich. Dafür gibt es eine Lösung: „Mit russischem wie deutschem Pass lassen sich problemlos eine Tochterfirma oder eine Firma vor Ort gründen“, so Salutskij. Damit können „Netzpatriotismus“ wie digitale Importsubstitution umgangen und stattdessen Subventionen von Stiftungen wie der von Skolkowo erhalten werden.

Schwierig sei es hingegen  bei den Fremdsprachen: „Die Programmierer sprechen zumindest alle rudimentär Englisch. Doch viele russische Bauarbeiter, Designer und Projektleiter, welche die Firmensoftware nutzen müssen, eben nicht“, gibt Goldshteyn zu bedenken. Er selbst spreche zwar sehr gut Russisch, schwer falle ihm jedoch die Geschäftssprache. „Daran lässt sich aber arbeiten“, verrät er schmunzelnd.

Christopher Braemer

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