Von der Hand in den Mund

Zum Beispiel Syktywkar: So leben Durchschnittsrussen von ihren Einkommen – und ohne Ersparnisse

Wie machen die das bloß, die Russen? Verdienen vergleichsweise kleines Geld und führen trotzdem ein relativ „europäisches“ Leben. Vielleicht haben Sie sich das ja auch schon gefragt. Die MDZ macht die Probe aufs Exempel. Wir haben Russen in Syktywkar, einer typischen russischen Provinzstadt, gebeten, ihre Finanzen offen zu legen.

 

Das Moskauer Meinungsforschungsinstitut Romir hat Ende März gemeldet, 61 Prozent der Russen hätten keinerlei Ersparnisse. Das sei der höchste Wert seit mehr als zehn Jahren. Weitere zwölf Prozent gaben an, gerade ihre letzten Rücklagen aufgebraucht zu haben.

Mit anderen Worten: Eine große Mehrheit der Russen lebt von der Hand in den Mund. Wie meistert man damit den Alltag? In Syktyw­kar, einer Stadt mit knapp 250.000  Einwohnern rund 1000 Kilometer nordöstlich von Moskau, Hauptstadt der Komi-Republik am Ural, hat die MDZ darüber mit Ortsansässigen gesprochen, sie nach ihren Einnahmen und Ausgaben gefragt. Ein finanzielles Porträt von Russland, heruntergebrochen auf private Lebensverhältnisse.

 

Eine Filiale der Sberbank: Kleinsparer sind hier eher die Ausnahme. / RIA Novosti

 

 

Am Meer war nur der Sohn: Elisaweta Popowitschenko, 31, Angestellte in einer Stomatologie

In Syktywkar sind die Verdienstmöglichkeiten sehr überschaubar, vor allem in der Privatwirtschaft wie bei mir. Der Staat zahlt besser, aber um da einen Job zu bekommen, muss man Beziehungen haben. Die habe ich nicht.

Überhaupt sieht es mit der Arbeit nicht rosig aus. Hier ist ja wenig Industrie übriggeblieben, die Arbeitslosigkeit greift immer weiter um sich. Ich hole gerade die Hochschulbildung nach, danach finde ich hoffentlich eine lukrativere Stelle.

Mit unserem Familienbudget kommen wir über die Runden, schauen nicht besonders aufs Geld, wenn wir Lebensmittel einkaufen, und sparen uns nichts vom Mund ab. Aber wir haben auch riesengroßes Glück, wohnen in einer geerbten Drei-Zimmer-Wohnung. Ich wüsste nicht, was sonst werden sollte. Eine Hypothek aufzunehmen, könnten wir uns gar nicht leisten, ebenso wenig wie Mietkosten, denn da müssten wir bei vergleichbarer Wohnungsgröße mit 15.000 bis 20.000 Rubel rechnen. Dafür, dass wir den Vater meines Mannes pflegen, zahlt er uns einen Haushaltszuschuss. Auch das ist eine große Hilfe.

Manchmal gehen wir ins Kino, spielen Bowling oder fahren Ski, das ist für uns schon drin. Ein Auto haben wir nicht, den Urlaub verbringen wir auf dem Dorf bei den Eltern. Am Meer war ich noch nie! Natürlich würde ich dazu nicht Nein sagen, aber ich sehe das nüchtern. Es gibt Wichtigeres. Und wenn wir Geld übrig haben, dann soll davon lieber unser Sohn profitieren, damit der mit seiner Fußballmannschaft verreisen kann. Letzten Sommer war zumindest er am Schwarzen Meer.

Ersparnisse haben wir keine. Und wenn ich mich so umschaue und nach meinen Bekannten urteile, dann leben 80 Prozent der Leute hier ungefähr so wie wir.

 

Aus Steuergeldern durch Europa: Jaroslaw Popow, 27, Trainer in einer Fußballschule für Kinder

Zum Sparen bin ich nie gekommen. Das Geld reicht ja kaum bis zum Monatsende. Ich halte mich nur dank der Kredite und der Kreditkarte über Wasser. Und mich finanziell groß zu verbessern, kann ich mir abschminken.

Letztes Jahr habe ich mir eine semiprofessionelle Spiegelreflexkamera im Wert von 100.000 Rubel zugelegt.  Das ging allerdings nur, weil ich vorher meinen Anteil an einer Eigentumswohnung verkauft hatte. Von dem Erlös konnte ich außerdem die Hypothekenrate um mehr als die Hälfte drücken.

Vorigen Sommer haben meine Frau und ich eine Busreise durch Europa unternommen. Das konnten wir durch Steuerrückzahlungen finanzieren, die uns als Käufern einer Eigentumswohnung zustehen. Den Rest mussten wir uns zusammenborgen.

Weder reich noch arm: Tamara Schujskaja, 65, Rentnerin

Mein Mann ist früh gestorben, schon seit zwölf Jahren bin ich allein. Unsere vier Kinder sind natürlich längst aus dem Haus, besuchen mich aber häufig. Die Eltern haben uns einst eine Wohnung mit 78 Quadratmetern vermacht, die ich jetzt ganz für mich habe. Oft bleibe ich aber auch für länger auf unserer Datscha 20  Kilometer außerhalb der Stadt. Dort bauen wir Kartoffeln, Mohrrüben und anderes Gemüse an, so dass ich praktisch nicht davon im Laden kaufen muss. Ich halte auch eine Ziege, für Milch ist damit ebenfalls gesorgt.

Die 22.000 Rubel, die mir monatlich überwiesen werden, gelten bei uns als gute Rente. Ich war früher im Staatsdienst tätig, habe im Regio­nalministerium für Soziales gearbeitet. Von Beruf bin ich Lehrerin. Außer den Nebenkosten für unsere Eigentumswohnung habe ich praktisch keine monatlich fixen Ausgaben, wobei ich als Rentnerin für 18 Quadratmeter der Wohnung die Hälfte bezahlen muss. Auch wenn ich den Kindern finanziell unter die Arme greife, bleiben am Monatsende im Durchschnitt um die 6000 Rubel übrig, die ich für den Fall des Falles zurücklege.

Wir leben nicht auf großem Fuße, aber auch nicht in Armut, alles ganz normal. Kredite nehme ich aus Prinzip keine auf, von Delikatessen ernähre ich mich nicht, das Internet lässt mich kalt. Ab und zu verwöhne ich mich, indem ich besonderes Obst kaufe. Ich gehe auch gern ins Theater. Dafür habe ich etwas Schönes zum Anziehen, das reicht mir.

Auf Arzneimittel bin ich – toi, toi, toi – bisher nicht angewiesen. Mit meinen Wehwehchen habe ich umzugehen gelernt. Wenn die sich melden, brauche ich vor allem Ruhe. Ansonsten geht es mir gut. Ich weiß, dass Medizin für die meisten Rentner eine große finanzielle Belastung ist, viele geben dafür die Hälfte ihrer Rente aus. Früher bekamen wir die Medikamente umsonst. Heute muss man für alles zahlen.

Aufgeschrieben von Tino Künzel

 

 

Monatliche fixe Summen in unseren drei Beispielfällen (ohne variable Kosten wie Lebensmittel)

 

Familie Popowitschenko: Konstantin, Sawelij, Elisaweta

 

Einnahmen:

46.000 Rubel Gehalt (ca. 615 Euro) – je 23.000 Rubel pro Ehepartner

5000 Rubel Pflegegeld vom Vater des Mannes (ca. 65 Euro)

Gesamt: 51.000 Rubel (ca. 680 Euro)

 

Ausgaben:

8000 Rubel Nebenkosten (ca. 105 Euro)

8000 Rubel Kredite für Haushaltstechnik (ca. 105 Euro)

4000 Rubel Öffentlicher Nahverkehr (ca. 55 Euro)

400 Rubel Telefon und Internet (ca. 5 Euro)

Gesamt: 20.400 Rubel (ca. 272 Euro)

 

 

Familie Popow: Nastja, Jaroslaw

 

Einnahmen:

52.900 Rubel Gehalt (ca. 705 Euro) – 22.000 Rubel (Nastja) + 30.900 Rubel (Jaroslaw)

 

Ausgaben:

13.884 Rubel Hypothek (ca. 185 Euro)

3000 Rubel Nebenkosten (ca. 40 Euro)

7721 Rubel Autokredit (ca. 103 Euro)

2000 Rubel Benzin (ca. 27 Euro)

2000 Rubel Telefonkredit (ca. 27 Euro)

5000 Rubel berufliche Weiterbildung (ca. 65 Euro)

2100 Rubel Englischunterricht (ca. 28 Euro)

1800 Rubel Fitnessstudio (ca. 24 Euro)

1100 Rubel Telefon und Internet (ca. 15 Euro)

Gesamt: 38.605 Rubel (ca. 515 Euro)

 

 

Tamara Schujskaja (3.v.l.)

 

Einnahmen:

22.000 Rubel Rente (ca. 295 Euro)

 

Ausgaben:

4500 Rubel Nebenkosten (ca. 60 Euro)

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