Vom Studium in die Leere

Russlands Hochschulen bereiten ihre Studenten oft nur unzureichend auf die Zukunft vor. Während die Zahl der offenen Stellen auf dem Arbeitsmarkt steigt, sind Zehntausende auf der Suche nach ihrem ersten Job oder arbeiten fachfremd. Das trifft jedoch nicht auf alle Studienrichtungen zu.


1164995 26.06.2012 Выпускница университета после церемонии вручения дипломов с отличием 2012 года у Главного здания МГУ имени М.В.Ломоносова. Рамиль Ситдиков/РИА Новости

Hopp oder Job? Absolventin mit rotem Top-Diplom vor der Moskauer Staatlichen Uni / RIA Nowosti.

Ihren Master in Internationale Beziehungen haben Ilja Solowjow und Naid Machmudow seit diesem Sommer in der Tasche, doch nun hängen die beiden Hochschulabsolventen in der Luft. Während Solow­jow in der Hoffnung auf eine Stelle im Auswärtigen Amt als Übersetzer jobbt, nahm Machmudow eine Doktorstelle an seiner ehemaligen Uni an, weil er keine Arbeit fand. Dabei haben die Jungs eigentlich beste Voraussetzungen: Masterabschluss, Auslandssemester und sehr gute Englischkenntnisse. Die Staatliche Universität St. Petersburg, an der sie bis Juni eingeschrieben waren, gehört nicht nur dank des guten Abschneidens im QS-Ranking zu den besten Hochschulen des Landes. Aber das heißt noch lange nicht, dass das Diplom alle Türen öffnet.

Laut Ministerium für Wissenschaft und Bildung blieb von den etwa 1,2 Millionen Absolventen des Jahres 2015 jeder Vierte mindestens ein Jahr ohne Beschäftigung. Vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler haben es schwer: Nur 20 bis 40 Prozent finden einen Job. Am schlechtesten sind die Aussichten für Pädagogen, Juristen und Volkswirte.

Bildschirmfoto 2016-10-26 um 23.41.11Ganz anders sieht es bei Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Programmierern und Fachärzten aus, die quasi eine Jobgarantie haben. „Noch vor einigen Jahren mussten die Studenten aus diesen Bereichen den Arbeitgebern hinterherlaufen“, sagt Olga Demakowa, Karriere-Trainerin beim Internetportal Superjob.ru. Das habe sich geändert. „Heute konkurrieren umgekehrt die Arbeitgeber um die besten Absolventen.“ Die Marktlage spiegelt sich auch beim Gehalt wider: So verdienen Programmiere und Ärzte beim Berufseinstieg mehr als doppelt so viel wie Pädagogen und Juristen (siehe Tabelle).

Währenddessen mangelt es der russischen Wirtschaft weiter an Fachkräften. Arbeitsminister Maxim Topilin sprach bei einem Regierungstreffen neulich von einem „anhaltenden Defizit“. Die Arbeits- und Beschäftigungsagentur Rostrud gibt an, dass das Angebot an Arbeitsplätzen von Anfang bis Mitte des Jahres um 15 Prozent gestiegen sei. Wie ist es also zu erklären, dass so viele Uniabsolventen nach dem Studium in ein Loch fallen? Das Hochschulystem sei „noch unzureichend an den Arbeitsmarkt angepasst“, meint Olga Demakowa. Passend dazu meldet der staatliche Statistikdienst Rosstat, dass über die Hälfte aller Absolventen in einem fachfremden Berufsfeld tätig sei.

Ein Mittel zur staatlichen Regulierung könnten die sogenannten Budgetplätze sein, die das Ministerium für Wissenschaft und Bildung jährlich für ausgewählte Hochschulen festlegt. Das bisherige Problem: zu viele subventionierte Studienplätze an der falschen Stelle, sprich Fachgruppe. So gibt es aktuell an neun von zehn betroffenen Jura-Fakultäten in Russland weniger davon als 2015. Doch durch die 95 neuen Plätze an der Moskauer Juristischen Universität Kutafin erhöhte sich die Gesamtanzahl um 20 Plätze. An vier Ökonomie­fakultäten wurden die Plätze in der Summe um 38  Stück aufgestockt, an fünf sind es dieses Jahr insgesamt 60  Plätze weniger. Unter den Informatik-Fakultäten hingegen gab es unterm Strich zwar über 300  neue Budgetplätze, gleichzeitig wurden an drei der Fakultäten  40 Plätze gestrichen.

Bei den Eintrittsexamen konkurrieren Schulabgänger jedes Jahr um die begehrtesten Uniplätze, die besten von ihnen studieren kostenlos. Im Durchschnitt stieg die Anzahl dieser Budgetplätze auf bis zu 16 Prozent. Den höchsten Anteil kostenfreier Studienplätze gibt es in diesem Jahr mit bis zu 45 Prozent an den Ingenieurs- und IT-Fakultäten. Jedoch kann man sich bei schlechtem Prüfungsergebnis auf einen der zahlungspflichtigen Plätze bewerben.

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Hochschulabsolventen auf der Karrieremesse „Profyrost“ im Gespräch mit Unternehmensvertretern / Christopher Braemer.

Die Unternehmen haben inzwischen größtenteils verstanden, dass es auf eine frühe Berufsvorbereitung der Studenten ankommt. „Mittlerweile bieten fast alle Praktika an – früher war dies nur bei großen internationalen Firmen der Fall“, so Swetlana Tschekwaskina von Karrierist.ru. Die Unis helfen ihrerseits bei der Arbeitssuche, indem sie Alumni-Zentren und Karrieremessen organisieren. Und was können die Absolventen selbst tun? „Sie sollten neben den Vorlesungen durch zielgerichtete Praktika und Trainings bereits spezifische Qualifikationen erwerben“, so Expertin Olga Demakowa.

Christopher Braemer

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