Vier Jahre nach Sotschi

Übermorgen beginnen die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang. Heute vor vier Jahren, am 7. Februar 2014, war Auftakt für die vorigen Spiele in Sotschi. Das Narrativ dazu ist für viele schon längst fertig. Von Anfang an eine Schnapsidee, stehen die „Putin-Spiele“ heute für Gigantismus und Doping. Ein Negativbeispiel. Oder? Oder!

Februar 2014, Olympiapark. So sah das russische Frühlingserwachsen im Winter aus. / Tino Künzel

Das erste Mal war ich 2008 in Sotschi. Die Stadt kam mir damals vor wie eine Kreuzung aus dem Sowjetgrau der 70er Jahre und dem Ramschkommerz der 90er Jahre. Was sie außer der vorteilhaften Lage und den alternden Sanatorien zum Urlaubsparadies der Russen machte, war mir schleierhaft. In jenen Tagen lief gerade die Fußball-Europameisterschaft und Russland traf im Viertelfinale auf Holland. Was einer der größten Momente in der jüngeren russischen Sportgeschichte werden sollte, wollte ich gern zusammen mit vielen anderen Urlaubern sehen. Public Viewing. Ich bin also in die Innenstadt gefahren und habe gesucht. Lange und vergeblich. Zwei Polizisten, befragt, wo man denn hier das Spiel schaut, antworteten ehrlich verblüfft; „Zu Hause, vor dem Fernseher.“

Dann wurde Sotschi ein paar Jahre kräftig durchgeschüttelt und für Olympia 2014 in Form gebracht, aber nicht nur. Die Spiele waren vor allem ein guter Anlass, nachzuholen, was man zuvor jahrzehntelang an Investitionen und Infrastrukturmaßnahmen versäumt hatte. Gefühlt würde ich sagen, dass 25 Prozent des Geldes in die Sportanlagen geflossen sind, 50 Prozent in die Stadtentwicklung und 25 Prozent eine Art Mentaltraining für die angeknackste russische Seele waren. Sotschi hat den Blick der Russen auf ihr Land verändert. Zumindest derer, die damals dabei waren und die ich sagen hören habe, sie kämen sich vor „wie im Ausland“, aber auch der Gäste, die seitdem dort Urlaub gemacht haben.

Von null auf hundert

Gewiss, viele Russen haben seinerzeit geschimpft: Was das wieder kostet! Irgendwie hat ja auch das ganze Land mitgebaut unter südlicher Sonne, das Projekt genoss höchste Priorität, was im Übrigen, Hand aufs Herz, einer der Hauptgründe für das Internationale Olympische Komitee gewesen war, die Spiele nach Russland zu vergeben: die Überzeugung, dass dieser Kraftakt, einen Ort ohne nennenswerte Wintersporttradition und ohne eine einzige wettkampftaugliche Sportanlage binnen weniger Jahre zu einer Gastgeberstadt für Olympia zu machen, von null auf hundert sozusagen, gelingen wird, weil von oben alle Weichen gestellt werden und keine Widerstände zu erwarten sind. Das heißt die politische Konstellation, die Machtkonzentration, das Wort von Wladimir Putin galten dem IOC damals als Faustpfand für Verlässlichkeit, als Plus.

Der Olympiapark von Sotschi mit dem Fish-Stadion und der Eishalle „Eisberg“ 2014. Das Stadion wurde inzwischen zur Fußballarena umgerüstet. / Tino Künzel

In Russland blieben währenddessen viele Dinge liegen, weil Sotschi wichtiger war und Kapazitäten band. Zahlreiche Unternehmen engagierten sich nicht eben aus freien Stücken und machten dabei Verluste. Dann fingen die Spiele an und von den ausländischen Journalisten schien jeder der Erste sein zu wollen, der es ja gleich gesagt hatte: Eine Winterolympiade von Kremls Gnaden, in den Subtropen dazu, das musste einfach schiefgehen, schaut her, nichts ist so richtig fertig. Dabei hatten die Veranstalter ihre Hausaufgaben mit kleineren Schönheitsfehlern gemacht. Das meiste funktionierte bestens, alle lächelten, auch die Athleten zeigten sich größtenteils sehr angetan. Eintrittskarteninhaber durften Bus und Bahn kostenlos nutzen, aber kontrolliert wurde das nicht und so fuhren am Ende alle umsonst. Geld schien keine Rolle zu spielen. Das mag unvernünftig klingen, aber es trug zum Gefühl einer großzügigen Willkommenskultur bei. Da wollte man dann auch nicht mäkeln. Und wer aus den verschneiten Bergen die 40 Kilometer ans Meer hinunter fuhr, wo ein laues Lüftchen wehte und man bei 15 oder gar 20 Grad am Strand spazierenging, der freute sich ohnehin des Lebens.

Anlagen weiter in Betrieb

Und heute? Sotschi hat sich zu einem Ferienort gemausert, der sich sowohl im Sommer als auch im Winter großer Beliebtheit erfreut und sich sogar international sehen lassen kann. 2017 fühlte sich hier zum Beispiel die deutsche Fußballnationalmannschaft sichtlich wohl, die für den Confed Cup ein Jahr vor der WM die Stadt zu ihrem Basislager auserkoren hatte. Anders als an vielen Olympiastandorten in der Welt, wo die teuren Sportobjekte nach dem Großereignis nicht mehr gebraucht werden und verfallen („Weiße Elefanten“), werden alle Stadien im Olympiapark am Schwarzen Meer weitergenutzt. Die gesamte Anlage nebst benachbartem Vergnügungspark ist ein Besuchermagnet für Touristen und eingebettet in einen neuen Stadtteil mit Wohn- und Hotelbebauung, der vor den Spielen entstand. In ein Vier-Sterne-Hotel zog 2015 ein von Putin höchstpersönlich eröffnetes Kinder- und Jugendzentrum namens „Sirius“ ein, wo sich monatlich 600 begabte Schüler aus ganz Russland bei kostenlosem Aufenthalt auf verschiedenen Gebieten verwirklichen können. Ihnen stehen dabei auch die olympischen Eishallen „Schajba“ und „Eisberg“ sowie das damalige Pressezentrum zur Verfügung.

Der kleine Bergort Esto-Sadok war vor Olympia jahrelang eine einzige Baustelle und ist heute ein bedeutendes Wintersportzentrum. / Tino Künzel

In Sotschi, wo früher kaum ein Winter ohne Ausfälle der Strom- und Wärmeversorgung verging, wurde in dieser Beziehung kräftig aufgerüstet. 480 Kilometer neue Gasleitung erlaubten es zudem, selbst Randbezirke ans Gasnetz anzuschließen. Auch das Gesundheits- und Bildungswesen profitierte von der generellen Modernisierung, ganz zu schweigen von der Infrastruktur für Menschen mit Behinderungen: Bei der Behindertenfreundlichkeit hat Sotschi seit 2014, als dort ja auch die Paralympischen Spiele stattfanden, nach Aussagen von Betroffenen einen großen Schritt nach vorn gemacht. Zumindest entspannt hat sich die Verkehrslage: In den fünf Jahren vor Olympia wurden mehr als 360 Kilometer Straße gebaut, was bei den notorischen Staus für erhebliche Entlastung sorgte. Auch in die Berge nach Krasnaja Poljana führt nun nicht mehr eine enge und kurvenreiche Landstraße, sondern eine Art Autobahn, während nebenan eine Bahnlinie verläuft, auf der „Lastotschka“-Züge verkehren, wie man sie vom Moskauer Zentralen Eisenbahnring kennt. Bei Olympia hatten sie ihre Premiere.

Größtes Skigebiet Russlands

Die Wettbewerbe in den alpinen Sportarten wurden 2014 in dem einst von griechischen Siedlern gegründeten Städtchen Krasnaja Poljana beziehungsweise den angrenzenden neu aus der Taufe gehobenen Skiressorts Rosa Chutor, Gorki Gorod und Laura ausgetragen. Rosa Chutor beherbergte das Olympische Dorf sowie die Wettkämpfe in Ski Alpin, Snowboard und Freestyle-Skiing. Das olympische Erbe kommt heute Urlaubern zugute. Rosa Chutor kann sich 102 Pistenkilometern rühmen (zum Vergleich: im österreichischen Kitzbühel als einem der führenden Wintersportorte sind es 179, im deutschen Garmisch-Partenkirchen 48). Davon sind 13 FIS-zertifiziert, also vom Internationalen Skiverband für internationale Wettbewerbe zugelassen. Rosa Chutor, erbaut vom Milliardär Wladimir Potanin und seiner Holding Interros, ist Russlands größtes Skigebiet und wurde seit 2013 jedes Jahr mit einem World Ski Award als bestes russisches Skiressort ausgezeichnet. Hier ein Hotelzimmer zu buchen, ist seit ein paar Jahren auch über renommierte Reiseveranstalter wie TUI Russland möglich.

Auch in Rosa Chutor wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. / Tino Künzel

In wenigen Monaten wird Sotschi nun auch zu den elf Austragungsorten der Fußball-WM gehören. Im Fisht-Stadion, das bei Olympia Schauplatz der Eröffnungs— und der Schlussfeier war, werden insgesamt sechs Spiele über die Bühne gehen: vier Gruppenspiele (darunter Deutschland gegen Schweden am 23. Juni) sowie je ein Achtel- und ein Viertelfinale. Die Weltmeisterschaft ist nach den Olympischen Winterspielen auch eine weitere ausgestreckte Hand der Russen an das Ausland. Man sollte sie nicht leichtfertig ausschlagen.

Tino Künzel

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