Die unerträgliche Leichtigkeit des Fliegens

In Europa gibt es schon seit Jahren die Light-Tarife in der Economy-Klasse. Auch in Russland praktizieren manche Airlines diese Politik. Nun hat der Gesetzgeber kostenloses Aufgabegepäck abgeschafft. Passagiere sollen so künftig günstiger fliegen.

Fliegen ohne Aufgabegepäck: Passagiere haben die Wahl. / Foto: Jorge Díaz/Flickr.

Fliegen war noch nie so einfach und so billig wie heute. Möglich machen es sogenannte Billigfluggesellschaften, die auf zusätzlichen Service verzichten. Sie sind keine neue Erfindung. Den Anfang machte 1971 die Southwest Airlines in den USA. 1991 kopierte Ryanair das Modell für Europa. Im Kampf gegen die Billigflieger-Konkurrenz folgten große Airlines wie British Airways oder Lufthansa, die eigene Low-Cost-Gesellschaften gründeten und sogenannte „Light-Tarife“, Fliegen ohne Aufgabegepäck, einführten.

Der Vormarsch ging auch an Russland nicht spurlos vorbei. Mit SkyExpress und AviaNova gab es Versuche, Analoge zu europäischen Billigflugairlines zu etablieren. Doch nach zwei Jahren gingen sie Bankrott. Zuletzt schuf die staatliche Fluggesellschaft Aeroflot 2014 die Billigfluglinie Pobeda. Nun wägen russische Finanzinvestoren die Möglichkeit ab, eine neue Billigfluglinie mit ausländischer Beteiligung ins Leben zu rufen. Dafür sollen sie Beratungsgespräche mit Wizz Air, Air Asia und Pegasus durchgeführt haben, berichtet „Kommersant“.

Die jüngste Deregulierung des Luftverkehrsgesetzes unterstreicht das Vorhaben, den Wettbewerb mit Low-Costern anzukurbeln.

Was sich ändert

Wladimir Putin hat ein Gesetz unterschrieben, das kostenloses Gepäck bei nicht-erstattungsfähigen Tickets abschafft. Es soll Airlines die Freiheit geben, Basis-Tarife, die kein Aufgabegepäck von bis zu 23 Kilogramm vorsehen, anbieten zu können. Die Airlines sind darüber hinaus verpflichtet, Kunden beim Kauf des Tickets genau über die Beförderung des Gepäcks zu informieren. Für erstattungsfähige Tickets bleibt alles beim Alten. Verbraucher werden nur bei Übergepäck zur Kasse gebeten. Das Gesetz tritt in den kommenden Monaten in Kraft.

Wie die Regelung bisher aussah

Zwar gab es in Russland schon de facto „gepäcklose» Tarife, dennoch sah das föderale Flugrecht vor, dass Airlines zehn Kilogramm Freigepäck anbieten müssen. Den Airlines war es selbst überlassen, zu entscheiden, ob sie das Freigepäck an Bord oder als Aufgabegepäck befördern.

Wer profitiert

Laut „Kommersant“ stecke die Lobby-Arbeit von Pobeda hinter dem Gesetzesentwurf. Auch Airlines wie S7, UTair und Ural Airlines begrüßten die Gesetzesänderung. Sie argumentieren, dass von der Deregulierung vor allem Verbraucher profitieren werden, die ohne Aufgabegepäck fliegen wollen. So versprach Pobeda, seine Basis-Tarife um 20 Prozent zu senken. Für Aeroflot-Kunden wird sich so schnell nichts ändern. Die Airline verzichtet im Zuge der Gesetzesänderung auf die Einführung der gepäckfreien Tarife, heißt es in einer Pressemitteilung.

Was kritisiert wird

Passagiere haben nun die Qual der Wahl. Doch die Flexibilität bringt nicht nur Vorteile mit sich. Andrej Klischas, Leiter des Komitees für Gesetzgebung im Föderationsrat, sieht in der Gesetzesänderung eine Einschränkung der Verbraucherrechte. Er befürchtet, dass die Preise steigen werden, anstatt zu fallen. Denn wer gewohnt ist, mit 23 Kilogramm zu fliegen, wird auch in Zukunft darauf nicht verzichten wollen. Bedeutet im Umkehrschluss, die Passagiere müssen draufzahlen.

Die Tickets könnten noch aus einem anderen Grund teurer werden. Denn auch das Verkehrsministerium hat sich eingeschaltet. Es möchte einige Punkte im Luftverkehrsgesetz korrigieren, die das Handgepäck betreffen. So soll Letzteres auf fünf Kilogramm begrenzt werden und die Mitnahme von persönlichen Gegenständen wie Regenschirmen, Jacken, Smartphones, Digitalkameras, Computern und Blumen kostenpflichtig machen.

Zwar bezeichnete Valentina Matwijenko, Vorsitzende des Föderationsrates, das Vorhaben als „kollektive Verantwortungslosigkeit“ und „Unsinn“. Im Papierkorb ist der Entwurf aber nicht gelandet. Sollte es dem Verkehrsministerium gelingen, auch das Handgepäck zu deregulieren, dann wäre die begrüßte „Leichtigkeit“ des Fliegens eine versteckte Mehrkostenfalle.

Katharina Lindt 

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