Sie sehen was, was ich nicht seh‘

Ich wollte auf mein „Erstes Mal“ als Reiseführerin gut vorbereitet sein. Und am Ende lernte ich – sozusagen durch die Augen „meiner“ Touristen – viel mehr über Moskau, als ich mir hätte träumen lassen.

Touristen sehen mehr als Moskauer, besonders in der Metro. Hier: Station Komsomolskaja / RIA Novosti

Touristen sehen mehr als Moskauer, besonders in der Metro. Hier: Station Komsomolskaja / RIA Novosti

Ich habe mich tagelang auf meine ersten „eigenen“ Moskau-Touristen aus Deutschland vorbereitet. Die Wettervorhersage versprach Sonne. Alles hätte so gut werden sollen. Aber: Als meine Gruppe dann in Moskau ankam, änderte sich alles. Starkregen und Kälte waren nicht die beste Kulisse, weder für ihre erste Russland-Reise, noch für mein Reiseführerin-Debüt.

In einer Woche wollten die vier den Kreml, den Roten Platz, Basilius- und Christi-Erlöser-Kathedrale, Sperlingsberge mit Lomonossow-Universität, WDNCh-Gelände und mehrere Museen besichtigen. Im Auftrag der deutschen Reiseageagentur habe ich vor Ort die Tickets und Exkursionen gebucht. Und einige Führungen selbst vorbereitet, vor allem die für den ersten Tag: Twerskaja-Straße, Bolschoj-Theater und GUM. Dass Erstere just einen Tag zuvor mit den jüngsten Oppositionsprotesten in den Medien war, ließ mich auf Interesse am Tagesaktuellen bei meinen Gästen hoffen.

Ein Moskauer Touri-Klassiker: die Basilius-Kathedrale am Roten Platz / Peggy Lohse

Ein Moskauer Touri-Klassiker: die Basilius-Kathedrale am Roten Platz / Peggy Lohse

Aber ihre Fragen lauteten dann anders: „Und was ist das für eine Kirche da?“, fragte man mich an einem McDonalds. Ich habe mir hier zwar oft Kaffee gekauft, aber nie den Gotteshäusern in der Gazetny-Gasse Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Glück kann eine Frau im Kirchenladen helfen. Wie sie dann erzählte, stammte die Kirche aus dem 17. Jahrhundert und beherbergt sogar noch einen Saal im Untergeschoss – als Andenken an eine zerstörte Kirche aus der Nachbarschaft.

Auf dem Weg zum Bolschoj entdeckten wir ein weiteres Denkmal, dessen Herkunft ich nicht hätte erklären können, hätten mich nicht meine Freunde noch einen Tag zuvor darauf aufmerksam gemacht. Oder wussten Sie, dass direkt gegenüber vom Bolschoj Karl Marx steht? Ich nicht. Lenin wollte Anfang der 1920er Jahre den Vater des Kommunismus damit ehren. Eingeweiht wurde das Denkmal jedoch erst unter Chruschtschjow.

Marx. Zwischen Kreml und Bolschoi-Theater / Peggy Lohse

Marx. Zwischen Kreml und Bolschoi-Theater / Peggy Lohse

Und dann führte uns, also meine Vierergruppe und mich, die Reise auch unter die Erde – in die Moskauer U-Bahn. Erst in den entgeisterten Gesichtern meiner Gäste erkannte ich, wie lang und steil doch unsere Rolltreppen zur U-Bahn sind. Unsere Führung endete dann an der Komsomolskaja-Station – von da aus war es leichter, ein Museum zu erreichen. Und meine Touristen waren waren begeistert: „Das Schönste sehen wir ja erst jetzt am Ende!“ Ich steige an dieser Station häufig zum Kasaner-Bahnhof um und habe diesen Palast nie so richtig unter die Lupe genommen.

Keine Zeit für Schönes – wohl ein Moskauer Problem. Rüstkammer und Basilius-Kathedrale besuchte ich mit meinen Gästen zum ersten Mal, sah erstmals das ungewöhnliche, georgische Holzhaus-Restaurant auf dem Arbat. Ich aß noch nie so viele russische Gerichte… Ich komme aus einer Kleinstadt im Moskauer Gebiet und wohne seit elf Jahren in der Hauptstadt. Bevor ich dieses Angebot der Reiseagentur bekommen habe, sah ich keinen Unterschied zwischen mir und „Eingeborenen“. Aber nach dieser, meiner ersten Fremdenführung durch Moskau bekam ich dieses fast vergessene Gefühl des Fremdseins zurück. Ein Labyrinth von Fragen, die ich nicht beantworten konnte, das war nun für mich Moskau. Ein sehr spannendes Spiel.

Von Julia Schewjolkina

Visafreiheit für Russland – in diesen Zeiten!?

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