Street Art: Wie Lenin zur Eremitage kam

Weil ihm die Graffiti-Partys zu bunt wurden, machte ein Fabrikbesitzer sein Werk in St. Petersburg zum Street Art Museum. Der Betrieb läuft unterdessen weiter. Die neue Ausstellung widmet sich nicht nur der russischen Revolution.

Mit Spraydosen haben russische Künstler die Fassade der Eremitage auf eine Fabrikwand gezaubert – und davor eine Statue von Lenin aufgestellt./Foto: Corinna Anton

Im Osten von St. Petersburg, gut zehn Kilometer von der Eremitage entfernt. Der öffentliche Raum sieht hier recht grau aus. Der Weg zum Street Art Museum führt an heruntergekommenen Wohnblöcken und einem Burger-King-Restaurant vorbei, an Industriebrachen und hohen Schornsteinen. Ein Ort, an den sich kaum Besucher verirren. An die Revolution erinnert zunächst nur der Straßenname „Chaussee der Revolution“. Ein solches historisches Ereignis hätte auch einer schöneren Straße den Namen geben können.

Dann taucht plötzlich ein  überlebensgroßer Lenin auf. Aschgrau steht er vor einer Eremitage-Fassade, die in Weiß und Türkis an eine Fabrik-wand gesprüht wurde.

Legal oder gar nicht

„Die Eremitage gehört uns“, heißt das Werk der russischen Künstlergruppe Kuril Tschto. Es ist der nach außen sichtbarste Teil der Ausstellung „Zeit zum Jubeln“, die sich mit dem Thema Revolution auseinandersetzt. Drum herum fertigen derweil die Mitarbeiter der Firma Sloplast Laminat- und Kunststofffolien.

Wie Kunst und Umsturz auf das Industriegelände kommen, erklärt eine Mitarbeiterin des Petersburger Street Art Museums. „Angefangen hat alles vor ein paar Jahren mit illegalen Graffiti-Partys.“ Eingeladen hatte Andrej Sajzew, Sohn des Eigentümers von Sloplast. Seinem Vater wurde es irgendwann zu bunt mit den Sprayern. Er wollte, dass die jungen Leute ihrer Kunst legal nachgehen oder gar nicht.

Graffiti willkommen

Andrej entschied sich für die erste Variante. „Ohne meinen Vater gäbe es das Museum heute nicht“, sagt er. Auch wenn es nicht immer einfach war, einen Kompromiss zu finden zwischen der an sich rebellischen Street Art und der Idee eines Museums. Gibt es doch auch Vertreter der Szene, die ihre Werke nicht an dafür bereitgestellten Wänden sehen möchten. Sondern dort, wo sie Anstoß erregen: an Brückenpfeilern, Hauswänden oder Eisenbahnwaggons. In der Petersburger Fabrik sind Graffiti und Co. nicht nur willkommen. Seit 2012 ist sie auch offiziell als Museum für diese Gattung registriert.

Street Art eignet sich auch im Museum gut fürs Fotoshooting./ Foto: Corinna Anton

Schlagzeilen machte das Projekt 2014, als es an der „Manifesta“, der Biennale für zeitgenössische Kunst in St. Petersburg, teilnahm. Seitdem steigen die Besucherzahlen. In der vergangenen Saison waren es 70 000, in dieser hoffen die Macher des Museums auf 100 000. Nicht mitgerechnet sind die Arbeiter, die täglich zwischen den Werken wirken. Denn der Betrieb läuft weiter. Gäste werden gewöhnlich an Wochenenden durch die Dauerausstellung in der Fabrik geführt. Zu sehen sind etwa zwei Dutzend Arbeiten – darunter auch welche von Künstlern wie Tima Radya, Kirill Kto und Nikita Nomerz, die sich in der Szene bereits einen Namen gemacht haben.

Direkt daneben gibt es noch einen öffentlichen Bereich mit Freifläche und einer großen Halle, der ganz der Kunst gewidmet ist. „Raum für Experimente“ nennen ihn die Mitarbeiter des Museums. Auf ein solches Experiment hat sich in diesem Jahr das Goethe-Institut in St. Petersburg eingelassen, das als Initiator hinter der Ausstellung „Zeit zum Jubeln“ steht.

Vom Hoffen auf Veränderung

Hundert Jahre nach der russischen Revolution wollte es, so Institutsleiterin Angelika Eder, junge Menschen ermutigen, „über Geschichte, utopische Ideen und Gesellschaftsmodelle nachzudenken“. Das Street Art Museum wurde Partner des Projekts. Einer der beiden Kuratoren wurde Sajzew, mittlerweile 27 Jahre alt und vom Partyorganisator zum Museumsleiter aufgestiegen.

Mit dem Titel der Schau (die englische Version lautet „Brighter days are coming“) verbindet er „eine gewisse Hoffnung auf Veränderung zum Besseren“, sagt Andrej. Aber auch die Gefahr, dass die ersehnten „neuen Zeiten“ letztlich anders aussehen als erhofft. So sei es einigen nach der Oktoberrevolution gegangen, sagt er. Sie glaubten irgendwann nicht mehr an die Ideen, weil nicht das herauskam, was sie erwartet hatten.

Kuratorin aus Berlin

Für Yasha Young bedeutet der Begriff Revolution „große Emotionen, aber auch kleine, kaum merkbare Veränderungen, die Großes anstoßen“. Sie ist Direktorin des „Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art“ in Berlin und ebenfalls Kuratorin der Ausstellung in St. Petersburg. Die russische Revolution habe für das Projekt  eine große Rolle gespielt, erklärt sie, doch sie ist nicht das einzige Thema.

Die Künstler suchten nach Parallelen und Unterschieden – sowohl in ihren Herkunftsländern als auch in anderen Bereichen. Sie beschäftigten sich mit Politik und Wirtschaft, aber auch mit Umwelt, Gesundheit und gesellschaftlichen Entwicklungen. Mehr als 50 Teilnehmer aus zwölf Ländern stellen aus. Und jeder bringt seine eigene Interpretation des Begriffs mit. So hat zum Beispiel „Bordalo II“ aus Portugal einen „Schneeleoparden“ aus Schrott geschaffen, den er in der Umgebung des Museums fand, also aus Trümmern ein Wesen erstehen lassen, von dem man nicht weiß, ob es schön oder gefährlich ist.

Raum für Interpretation

„Dima Rebus“ aus Russland nennt sein Werk „Life goes on“: Er bemalte 340 Fässer, die auf dem Gelände lagerten, mit je einem Gesicht – keines ist wie das andere und doch sehen alle dem Künstler ähnlich.

Raum für Interpretation lassen die Iraner, die sich „Icy & Sot“ nennen. Sie haben unter dem Titel „Tragische Revolution“ eine mit Ziegelsteinen ummauerte Badewanne aufgestellt. Das Wasser läuft, eine Flasche Shampoo steht bereit. Doch wie überwindet man die Mauer?

Die iranischen Künstler „Icy & Sot“ gestalteten diese Badewanne./Foto: Corinna Anton

Andere Künstler schufen große Wandgemälde oder multimediale Installationen in kleineren Räumen der Fabrik – darunter ein hoch unter dem Dach gelegenes, ganz in Schwarz gehaltenes Zimmer mit einer einzigen Attraktion: ein kleines Fenster, das den Blick nach draußen freigibt.

Man kann sich auf dem Gelände lange aufhalten, über Revolutionen und Utopien nachdenken oder – wie viele der jungen Besucher bei der Eröffnung – gute Selfies aufnehmen. Man kann aber auch weiter über den Titel der Ausstellung grübeln: Ist wirklich „Zeit zum Jubeln“? Für wen und worüber?

„Die ganze russische Revolution“

„Die Möglichkeiten sind vielfältig“, sagt Young. Man könne die Revolution feiern oder deren Ende. Der Titel könne der Realität entsprechen oder eine Satire darauf sein.

Ein paar Stunden später, zurück im Stadtzentrum. Reiseführer lotsen ihre Gruppen durch die Eremitage, steuern gezielt die bekanntesten Werke und Räume an. „Und nun befinden wir uns im Malachitsaal“, verschafft sich einer von ihnen Gehör. „Hier können Sie die ganze russische Revolution miterleben.“ Er erzählt davon, was sich 1917 im Winterpalast ereignete, und lässt die deutschen Reisenden über die Säulen und Pilaster aus dem grünen Schmuckstein staunen. Welche Augen sie erst draußen zwischen den Werkhallen von Sloplast machen würden.

Von Corinna Anton

Street Art Museum St. Petersburg

„Zeit zum Jubeln“ läuft bis  30. September 2017

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