In schlechten wie in guten Zeiten

Die deutsch-russischen Städtepartnerschaften haben auch dann Hochkonjunktur, wenn es auf politischer Ebene Probleme gibt.

1957 entstand die Partnerschaft zwischen Leningrad (heute St. Petersburg) an der Newa... / pixabay

1957 entstand die Partnerschaft zwischen Leningrad (heute St. Petersburg) an der Newa… / pixabay

Den deutsch-russischen Beziehungen geht es mies, das ist kein Geheimnis. Und wenn es „oben” schlecht läuft, muss man „unten” aktiv werden. Das steckt hinter dem Konzept der Städtepartnerschaften, dem nicht nur eine eigene bilaterale Konferenz, sondern bald auch ein Kreuzjahr gewidmet wird. Aber warum eigentlich kleine Brötchen backen, wenn es doch einen ganzen Brotlaib braucht?

Kontakte und Freundschaften zwischen Städten und Gemeinden verschiedener Länder gibt es seit Jahrhunderten. Die Idee der Städtepartnerschaft entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Briten offizielle Verbindungen zwischen Kommunen der Siegermächte untereinander sowie mit deutschen Orten initiierten, um „Wunden des Krieges zu heilen”, wie es hieß.

Hafenstädte als Vorreiter 

Als erste zwischen Russland und Deutschland entstand 1957 die Partnerschaft zwischen dem westdeutschen Hamburg und dem sowjetischen Leningrad (heute St. Petersburg). Damals wandte sich der Stadtsowjet Leningrads mit dem Vorschlag einer Städtefreundschaft und einer Einladung an die Newa an Hamburg. Hamburg und erst recht das Auswärtige Amt waren skeptisch, da gesellschaftliche Kontakte zu Russland gemäß der damaligen Bundespolitik eigentlich nicht gefördert werden sollten. Besuche in der Region waren gar komplett untersagt. Und trotzdem schickte die Elbestadt – ohne Billigung aus Bonn – letztlich eine Delegation an die Newa. Und die Kontaktaufnahme zwischen Russlands „Tor nach Europa“ und Deutschlands „Tor in die Welt“ gelang.

Heute gibt es nach Angaben des Deutsch-Russischen Forums (DRF), das diese Kontakte explizit fördert und alle zwei Jahre in Russland und Deutschland Städtepartnerkonferenzen organisiert, 98 Städtepartnerschaften zwischen den beiden Ländern sowie Dutzende Städtefreundschaften und Partnerschaften auf Bundesland- beziehungsweise Gebietsebene. Im Sinne dieser sogenannten „Volksdiplomatie” sollen Menschen direkt aufeinandertreffen: Besonders in Zeiten politischer Schwierigkeiten, wie es zwischen Europa, also auch Deutschland, und Russland wenigstens seit dem Maidan in Kiew und der Angliederung der Krim 2014 der Fall ist, sollen sich trotzdem die Bürger treffen, kennenlernen und austauschen können. „Der diplomatische Prozess der Deeskalation muss mit menschlichen Begegnungen begleitet werden”, sagte beispielsweise Jürgen Roters, ehemaliger Oberbürgermeister Kölns (Partnerstadt Wolgograd) und Schirmherr der DRF-Kommunalprogramme, im Vorjahr bei der Zwischen-Konferenz „Deutsch- Russische kommunale Partnerschaften – Auf dem Weg von Karlsruhe 2015 nach Krasnodar 2017” in Moskau. Darum gehören zu den Hauptaufgaben nicht nur Delegationsreisen, sondern vor allem Austauschprojekte für Schüler, Studenten und andere Berufsgruppen, Kulturveranstaltungen und eigene Einrichtungen vor Ort.

Alte Freundschaft rostet nicht

Freunde in Not

Das Beispiel Hamburg – St. Petersburg zeigt das: Obwohl nach der offiziellen Freundschaftserklärung damals zunächst zwanzig Jahre lang die meisten Pläne im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich vor allem gute Absichten blieben, konnten doch auch erste Vereinbarungen erreicht werden, die bis heute bestehen: zum Beispiel das Hanse-Office in St. Petersburg, ein gemeinsames Büro Hamburgs und Schleswig-Holsteins, sowie ein Außenwirtschaftsbüro von Petersburg in Hamburg. Ab 1977 folgten dann doch die ersten Schüleraustausche nach Russland, 1979 fanden die ersten „Leningrad-Tage“ in Hamburg statt, zwei Jahre später die „Hamburg-Tage“ in Leningrad. Und als dann die Sowjetunion Anfang der Neunziger zu zerfallen begann und die Versorgungslage kritisch wurde, waren die beiden Hafenstädte schon so gut befreundet, dass der Hamburger Senat glatt 4,5 Millionen Mark Soforthilfe bereitstellte und die Bevölkerung per „Paketbrücke“ des Arbeiter-Samariter-Bundes oder auf persönlichem Wege Sach- und Geldspenden an die Newa schickte.

Während die Metropolen Moskau (Städtepartner von Berlin und Düsseldorf) und St. Petersburg (Hamburg und Dresden) neben gesellschaftlichen und künstlerischen Kontakten und Projekten heute vor allem Kooperationen im Business-Bereich fördern, trifft man in kleineren Städten oft buchstäblich auf der Straße auf Folgen der Städtepartnerschaft.

Städtepartner-Wegweise in Twer. / Peggy Lohse

Städtepartner-Wegweise in Twer / Peggy Lohse

Spaziert man durch das historische Stadtzentrum der Goldener-Ring-Stadt Jaroslawl, stößt man früher oder später auf das blaue Kassel-Haus in traditioneller Holzbauweise. In Twer ist das Hotel „Osnabrjuk” besonders beliebt bei Business-Vertretern. Und fragt man einen beliebigen Anwohner nach Deutschland, so kennt der doch sicher jemanden aus der Partnerstadt Osnabrück oder war gar selbst einmal da – ob zum Studium, Sprachkurs, Delegationsreise, Wirtschaftspartner-Besuche oder Ausstellungseröffnungen. Über Jahre hinweg sind deutsch-russische Familien und ein einzigartiger Posten entstanden: Jedes Jahr wird ein Städtepartner-Botschafter eingesetzt, der die Städtepartnerschaft dann bei Veranstaltungen, Presseterminen und sozialen Projekten vertritt, seien das regelmäßige Spenden aus der westdeutschen Provinzstadt an ein Twerer Kinderheim, Schülerbesuche oder Politiker-Delegationen.

Partner „von unten”

In der Kleinstadt Rschew dagegen ist die Städtepartnerschaft mit Gütersloh noch sehr jung: gerade einmal acht Jahre. Aber ihr voraus ging ein langer Entwicklungsprozess, initiiert durch das Engagement einzelner Personen: 1992 begann ein Veteranenverein das Gespräch mit den ehemaligen Gegnern zu suchen, um die entstandenen historischen Gräben zu überwinden. Die sowjetischen Soldaten sollten in gleicher Weise geehrt werden, wie es bei Gefallenen der Westalliierten selbstverständlich war. Dafür entstand das Kuratorium Rschew, das bis heute regelmäßig Delegationen in die Wolga-Stadt holt.

Ein Lied über den Gräbern

Im Erholungszentrum „Sarnitza“ werden Jugendaustausche unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern“ veranstaltet. Diese unterstützt und realisiert vor allem der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK), der – wie bereits von Kuratoriumschef Rhein gefordert – die Idee eines gemeinsamen deutsch-russischen Soldatenfriedhofs vorantrieb. 2002 wurde dieser dann eröffnet. Bis heute werden hier – dem neben Wolgograd einzigen Ort, wo sowjetische und deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges nebeneinander beerdigt werden – Gefallene identifiziert, Gräber beschriftet, Angehörige gesucht und informiert. Und erst 2009 wurden all diese Versöhnungsinitiativen offiziell „gekrönt”: Rschew und Gütersloh sind seitdem Partnerstädte.

Aber nicht überall läuft es auf „volksdiplomatischer” Ebene: Im März 2017 war Berlins Oberbürgermeister Michael Müller in Moskau, eigentlich um die erkalteten Beziehungen aufzuwärmen. Zuletzt war noch der Ausbau der Bahnstrecke Moskau-Berlin als Hochgeschwindigkeitsstrecke mit dem Schnellzug „Strizh“ erreicht worden. Dieser verkehrt seit Dezember 2016 zweimal wöchentlich. Seitdem aber ist es immer stiller geworden zwischen den Hauptstädten. Und nun fallen dieses Jahr auch noch die Russischen Festtage in Berlin-Karlshorst aus, weil erst Gazprom, dann die Stadt Berlin ihre Finanzierung eingestellt haben. Gesprächsstoff für weiteren Dialog gibt es also genug, auch für die bevorstehende Konferenz in Krasnodar.

Von Peggy Lohse

... und Hamburg an der Elbe. / flickr/nfuenf

… und Hamburg an der Elbe. / flickr/nfuenf

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