Spiel des Lebens

Im nordrussischen Workuta ist ein Kohlestollen eingestürzt – ein Bergmann berichtet, dass in der Grube Sicherheit Glückssache sei


Drei Jahre nach einem schweren Grubenunglück in Workuta werden in der Stadt am Polarkreis wieder Bergleute zu Grabe getragen. Bei mehreren Explosionen in der Kohlegrube „Nord“ (Sewernaja) starben in 750 Metern Tiefe insgesamt 36  Menschen, darunter auch fünf Mitarbeiter der Rettungskräfte. 26 davon konnten nicht geborgen werden, sie wurden jedoch für tot erklärt. Die MDZ hat mit einem Kumpel aus der Unglücksgrube gesprochen. Er hat darum gebeten, seinen Namen nicht zu veröffentlichen.

Wie haben Sie von der Katastrophe erfahren?
Meine Schicht war gerade zu Ende, ich saß im Bus nach Hause. Da sind mir die Autos der Chefs und des Katastrophenschutzes entgegengekommen. Mir war klar, dass etwas passiert sein musste.

Es hätte auch Sie treffen können?
Es hätte jeden treffen können. Mein Arbeitsplatz war zwei bis drei Kilometer vom Unglücksort entfernt.

Hier bebte Ende Februar die Erde: die Einfahrt zur Grube „Nord“ in Workuta. / Tino Künzel

Hier bebte Ende Februar die Erde: die Einfahrt zur Grube „Nord“ in Workuta. / Tino Künzel

Der Grubenbetrieb „Workuta­Ugol“, eine Tochter von Sewerstal, spricht von einem sogenannten „Gebirgsschlag“ als Ursache der Explosionen, also nicht von einem menschlichen, sondern einem natürlichen Faktor. Doch in Foren und Sozialnetzwerken berichten Arbeiter und Angehörige von einer stark erhöhten Methangaskonzentration, was dazu hätte führen müssen, die Produktion aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres einzustellen. Wer hat Recht?
Das Wahrscheinlichste ist, dass man bei einer gefährlichen Konzentration von Methangas gearbeitet hat.

Wie ist Ihre eigene Erfahrung im Umgang mit solchen Risiken?
Beim Kohleabbau wird Methangas freigesetzt, in Workuta besonders viel. Das gilt für alle Gruben hier. Wir sitzen auf einem Pulverfass. Die Arbeiter gehen dieses Risiko ein, um gutes Geld zu verdienen. Die Grubenleitung spielt die Gefahren herunter und tut nichts. Wenn eine Kontrolle ansteht, wird im Stollen die Arbeit für einen Tag unterbrochen und „durchgelüftet“. Die reinste Augenwischerei!

Nach früheren Unfällen war viel die Rede von Sensoren, die den Methangasgehalt messen. Ab einem bestimmten Wert muss der Strom abgeschaltet werden. Wie oft haben Sie solche Situationen erlebt?
Das ist alles graue Theorie! Wenn die Methangaskonzentration steigt, werden die Sensoren einfach dorthin verbracht, wo sie geringer ist. Alle wissen das, keiner macht etwas dagegen.

Das Management behauptet, die Geräte seien befestigt und könnten gar nicht bewegt werden.
Die können viel erzählen. Es war tägliche Praxis, dass man die Sensoren umgeräumt hat.  Das hat sich doch vor meinen Augen abgespielt. Wissen Sie, unsere Chefetage ist groß darin, kleine Verstöße zu ahnden, etwa bei der Arbeitskleidung. Drei solche Strafen, und du wirst entlassen. Aber die wirklich gravierenden Verstöße gehen von den Verantwortlichen selbst aus.

Im Internet kursieren Fotos, auf denen mobile Sensoren zu sehen sind, die eine Methangaskonzentration von deutlich über zwei Prozent am 11. Februar zeigen, zwei Wochen vor dem Unglück.
Diese Sensoren tragen wir bei uns. Die erlaubte Obergrenze liegt bei einem Prozent. Wird sie überschritten, fangen die Geräte an zu fiepen. Meins hält höchstens bis zur Mitte der Schicht durch, weil es die ganze Zeit fiept.

Was müssten Sie denn bei so einem Warnsignal laut Instruk­tion tun?
Soweit ich mich erinnere: für eine halbe Stunde die Arbeit ruhen lassen. Wenn die Konzentration bis dahin durch die Belüftung nicht sinkt, ist Evakuierung angesagt.

Aber die Realität sieht offenbar anders aus.
Es wird einfach weitergearbeitet. Jeder Stillstand kostet Geld.

Und das lassen Sie sich einfach gefallen?
Für Außenstehende ist das wahrscheinlich schwer zu verstehen. Sowohl oben als auch unten versucht man, nicht an die möglichen Konsequenzen zu denken. Und dann haben natürlich alle Kredite abzuzahlen, Familien zu ernähren. Deshalb schaut man weg und redet sich ein, dass einem schon nichts passieren wird.

Macht sich Ihre Familie denn keine Sorgen um Sie?
Doch, natürlich. Meine Frau drängt mich schon lange, mir einen anderen Job zu suchen, Freunde und Bekannte reden auch auf mich ein. Aber es ist nicht so einfach, hier im hohen Norden eine vernünftige Arbeit zu finden. Und ehrlich gesagt bin ich gern im Schacht. Das Kollektiv ist toll, wir haben immer viel Spaß zusammen.

Das Geld spielt auch eine Rolle?
Ganz klar. Wir Bergleute verdienen zwischen 60 000 und 100 000  Rubel im Monat (umgerechnet 750 bis 1250 Euro), das ist in unseren Breitengraden schon eine Ansage.

Kann das Unglück jetzt aber zu einem Umdenken führen?
Viele wollen weg, ja. Und ich habe beschlossen, zur russischen Eisenbahn zu gehen, Loks zu fahren. Aber drei Jahre will ich noch durchhalten und Geld sparen. Die Ausbildung ist zwar kostenlos, aber ich habe eine Familie zu ernähren. Und der soll es in dieser Zeit an nichts fehlen.

Das Interview führte Tino Künzel.

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