Seitensprung von Moskau nach Kiew

Erst lieben sie Russland, dann einander und nun die Ukraine: Ein Politiker-Ehepaar aus Regierungspartei und Opposition stürzt sich von der russischen Staatsduma in ein provokantes Abenteuer.

С наступающим!!

Опубликовано Марией Максаковой 19 декабря 2015 г.

 

Es hatte alles so romantisch begonnen: Die international berühmte Opernsängerin Maria Maksakowa (Foto: Mitte) und der Vollblutpolitiker Denis Woronenkow (Foto: links) lernen sich in der russischen Staatsduma kennen, als Abgeordnete. Sie für die Regierungspartei Einiges Russland (ER). Er für die oppositionelle Kommunistische Partei (KPRF). Der damalige Chef der Präsidialverwaltung, Sergej Naryschkin (Foto oben: rechts, Video unten), befürwortete diese in der russischen Geschichte offiziell bislang einzigartige Liebe. Und als das Paar im März 2015 heiratet, freuen sich die Medien über die erste „fraktionsübergreifende Ehe”, etwas später auch über das erste „Zwischen-Fraktionen-Kind” Iwan.

Zu diesem Anlass versorgte die Duma-Mensa einen Tag lang sogar sämtliche Gäste kostenlos: „Anlässlich der Geburt von Iwan Denisowitsch, dem ersten Zwischen-Fraktionen-Kind”.

Im Herbst 2016 dann stehen Wahlen an. Beide stellen sich wieder zur Wahl: Maksakowa für ER in St. Petersburg, Woronenkow für die Kommunisten in Nischnij Nowgorod. Sie sagt später: „Die Situation in meinem Wahlbezirk hatte Kriegscharakter”. Er urteilt: „Derart grenzenlose, freche und brutale Wahlen habe ich noch nie gesehen.” Ihm wird Korruption vorgeworfen: Zu viele Immobilien und Autos für einen Staatsdiener? Laut Woronenkow selbst stammt dieser Besitz aus „völlig legalen Geschäften” in den 90ern. Mehrere Offshore-Firmen werden mit ihm in Verbindung gebracht. Er streitet ab. Einen Prozess gibt es nicht.

Am Ende des Wahlkampfs verlieren beide.

Und ziehen noch als Duma-Abgeordnete um, ausgerechnet nach Kiew. Jeder Mensch könne selbst wählen, wo er leben möchte, sagt Woronenkow. Und er wolle nicht mehr in „Lüge und Arroganz” leben. Kaum ausgereist, macht Woronenkow schon erste schicksalhafte Aussagen: Er sagte bei der ukrainischen Generalanwaltschaft gegen den ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch aus, der Anfang 2014 vor der Maidan-Bewegung nach Russland geflohen war. Möglicherweise nach ebenjener Aus- sage wurde Janukowitsch in Kiew Staatsverrat vorgeworfen. Mitte Februar dann noch ein besonders folgenschweres „Geplauder”: Dem Portal Censor.net.ua sagte er im Interview:

a) er habe nicht für den Anschluss der Krim an Russland gestimmt, das hätten Andere „per Kärtchen” getan, „ein grober Fehler”. Vergessen das Lob vom August 2014, als Woronenkow noch die Schönheit der russischen Krim pries: „Fotos vom Ausflug auf die Krim: Ich war überwältigt von ihrer Schönheit. Ich unterstütze voll ihre Angliederung an Russland!”

Und b): „Die Situation in Russland heute ist wie im Nazi-Deutschland Hitlers.” Das Land werde vom Inlandsgeheimdienst „FSB regiert”, so Woronenkow.

Noch am selben Tag steht er im russischen Fahndungsregister, aber wegen alter Ermittlungen, unter anderem wegen Betrugs. Beide fliegen aus den Parteien.

Einen Neustart hat das Paar gewagt, einen echt theaterreifen Abgang.

 

Peggy Lohse

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